„Lex orandi - lex credendi“ - Nach Prosper von Aquitanien († 455) formulierter Kernsatz zur gegenseitigen Abhängigkeit von Glaube und Liturgie.

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Von menschlicher und göttlicher Weisheit

Bild: Fresco des 14. Jh. in Modena, WikimediaZu Recht gibt es derzeit viel Kritik am Motu Proprio „Principium maximum“, weil dieses den Weg zu einer weiteren Zersplitterung und – je nach lokalen Machtverhältnissen – Glaubensverdünnung in den liturgischen Texten führen wird. Dabei sollte jedoch nicht übersehen werden, daß beide Übel in der Praxis des Novus Ordo bereits in erheblichem Umfang eingetreten sind. Und das, obwohl die liturgischen Texte nach geltender Rechtslage römischer Oberaufsicht unterliegen. Allzuoft wurde diese Aufsicht vernachlässigt – teils, weil die römischen Stellen mit den auf Abschwächung der Lehre gerichteten Absichten der regionalen Übersetzer sympathisierten, teils weil regionale Bischofskonferenzen sich offen und auf Dauer römischen Korrekturvorgaben widersetzten. Das immer noch im deutschen Messbuch stehende „für Alle“ ist nur das bekannteste, aber bei weitem nicht das einzige Beispiel.

Ein gutes Beispiel für die „Entkernung“ der Messtexte bereits im Novus Ordo bietet der heutige 15. November – ehedem das Fest des hl. Albertus Magnus von Köln, heute in allen deutschen Diözesen außer Köln, Regensburg und Augsburg „Mittwoch der 32. Woche im Jahreskreis“.

Die Oration des überlieferten Missale Romanum zum Fest lautet in der Übersetzung des Schott von 1953:

O Gott, Du hast Deinen hl. Bischof und Kirchenlehrer Albert darin groß gemacht, daß er die menschliche Weisheit dem göttlichen Glauben unterwürfig machte; wir bitten Dich nun: laß uns den Weisungen seiner Lehre so folgen, daß wir einst im Himmel das Vollkommene Licht (der Weisheit) genießen dürfen.

Peter Kwasniewski kontrastiert diese Fassung in einem aufschlußreichen Artikel zu den Tagesgebeten des NO mit der des modernen Missale Romanum zum Festtag, in der es (eigene Übersetzung) heißt:

O Gott, Du hast Deinen hl. Bischof und Kirchenlehrer Albert darin groß gemacht, daß er die menschliche Weisheit mit dem göttlichen Glauben vereinte; wir bitten Dich nun: laß uns den Weisungen seiner Lehre so folgen, damit wir durch das Fortschreiten der Wissenschaft zu tieferer Erkenntnis gelangen und dich lieben.

Der Unterschied ist frappierend. Wo die überlieferte Form ein klares Unterordnungsverhältnis von menschlicher und göttlicher Weisheit feststellt, beansprucht die moderne Form Gleichrangigkeit von menschlicher Weisheit und göttlichem Glauben. Sie verkehrt quasi „auf Augenhöhe“ mit Gott und schreibt dem „Fortschreiten der Wissenschaft“ ohne weitere Qualifikation (etwa durch Gnadengaben) die Potenz zum Erkenntnisgewinn zu. Das „und dich lieben“ ist dabei nicht mehr als ein beziehungslos nachgeschobener fromm klingender Nachsatz.

Die deutsche Praxis des Novus Ordo ist aber noch einmal niederschmetternder als der Befund in der lateinischen „Originalform“ des Paulinischen Messbuchs. Wir haben nicht recherchiert, welche Oration heute in Köln vorgesehen ist; die des Schott-Online vom Mittwoch der 32. Woche, die also in der überwiegenden Zahl heute stattfindender „deutscher Messen“ gebraucht werden dürfte, lautet:

Gott, unser Vater. Du hast uns für die Freude erschaffen. Dennoch begleiten Enttäuschung und Leid unser Leben. Hilf, dass wir dir glauben und auch in Stunden der Not dir vertrauen. Mach uns durch die Schmerzen reifer und hellhörig für die Not der anderen.

Das im ersten Satz angeschlagene Thema der Freude würde im katholischen Geist nach einer abschließenden Hinführung auf die himmlische Freude verlangen – so wie in der alten Albert-Oration die Brücke von der irdischen zur überirdischen Weisheit geschlagen wird. Die Oration des „Deutschen Messbuchs“ begnügt sich mit der Hinführung auf die „Not der anderen“. Säkularisierung, wie sie im Bilderbuch steht.

Und damit ist die Frage, warum dieses Messbuch das Fest eines so bedeutenden Heiligen und Kirchenlehrers ausgerechnet in seinem Heimatland „abgeschafft“ hat, noch gar nicht gestellt. Um dennoch eine Antwort zu versuchen: Könnte es sein, daß ein Heiliger, der gelobt wird, weil er „die menschliche Weisheit dem göttlichen Glauben unterwürfig machte“, von deutschen Theologen nicht wirklich geliebt wird?

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