„Lex orandi - lex credendi“ - Nach Prosper von Aquitanien († 455) formulierter Kernsatz zur gegenseitigen Abhängigkeit von Glaube und Liturgie.

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Rorate caeli desuper

Wie im Beitrag zur Winterquatember bereits vermerkt, hatte der vierte Adventssonntag im Rom der frühen Zeit keine eigene Messe, da die nächtliche Liturgie des Quatembersamstags mit ihren vielen Lesungen und den dazwischengeschobenen Weihen bis weit in den Sonntagmorgen hinein andauerte. Als später die samstägliche Feier auf den Vormittag verlegt wurde, stellte man für den Sonntag eine eigene Messe zusammen, die größtenteils aus Orationen und Lesungen der vorhergehenden Tage besteht. Das verleiht dieser Messe – zumindest in der zur Zeit von Trient vorgefundenen und festgeschriebenen Form - ein stärkere inhaltliche Geschlossenheit. Sämtliche Gebete sind von der bevorstehenden Ankunft des Herrn „im Fleisch“ geprägt. Nur die aus dem 1. Brief des hl. Paulus an die Korinther entnommene Epistel fasst explizit die zweite Wiederkunft des Herrn am Ende der Zeiten ins Auge.

Rupert von Deutz weiß zwar noch um die alte Kennzeichnung dieses Sonntags als „dominica vacat“, aber zu seiner Zeit hatte der 4. Adventssonntag längst sein eigenes Messformular, das allerdings in vielen Deteils vom „tridentinischen“ abweicht. Doch auch von diesem kann Rupert sagen: „Oration, Epistel, Graduale, Alleluja stimmen alle in glöeicher Weise darin überein, daß in Anbetracht des schwangeren jungfräulichen Schoßes der Herr nahe ist.“. Der Introitus war jedoch noch nicht das Isajas entnommene „Rorate caeli“, sondern eine weniger poetische Formulierung der Messiaserwartung aus Ps. 105: „Gedenke unser, o Herr, im Wohlgefallen an deinem Volke, such uns heim mit deinem Heil, daß ich schaue die Wohlfahrt deiner Auserwählten“. Nur das Offertorium stimmt bereits vollständig mit dem noch in der heute üblichen Form der überlieferten Liturgie gebräuchlichen „Ave Maria“ nach Lukas 1 überein.

Wie es scheint, war die erst später zusammengestellte Liturgie dieses Sonntags im 11. Jahrhundert noch nicht in der ganzen Kirche des Westens einheitlich und verfestigt. Darauf deutet auch der Umstand, daß der 4. Adventssontag bei Rupert noch keine Stationskirche hat – heute wird Zu den 12 Aposteln (Santi Apostoli in Trevi) als Statio genannt. Rupert gibt sich einige Mühe, das Fehlen einer Stationskirchenzuweisung zu erklären. Einen Ansatzpunkt findet er in dem (heute auf den 3. Advent vorgezogenen) Evangelium von der Befragung des Johannes durch die Pharisäer (Joh. 1, 19-28), wo es gegen Schluss heißt: Mitten unter euch steht Einer , den Ihr nicht kennt. Dieser ist es, der nach mir kommen wird, obgleich Er vor mir gewesen ist; ich bin nicht würdig, ihm die Schuhriemen zu lösen.“ Daraus und in Verbindung mit der Bezeichnung des Johannes als des „größten von einer Frau geborenen“ (Mt 11,11) leitet er ab:

Wer nämlich vermag zu erforschen, wie das Wort einen Leib annimmt, wie der höchste, das Leben spendende Geist im Innern des Schoßes der jungfräulichen Mutter Leben erhält, wie der, der keinen Anfang hat, in das irdische Leben tritt und empfangen wird? Keinem der Heiligen also ist dieses Geheimnis in der Weise anvertraut worden, daß seiner Stationskirche die Feier dieses Offiziums zugewiesen werden durfte.“

Mit dieser Art zu denken lag Ruppert anscheinend nicht weit neben der Vorstellungswelt der liturgischen Sachverständigen in Rom, die auch diesem Sonntag später eine Statio zuteilten: Sie wollten dem 4. Advent jedenfalls nicht die Kirche eines einzigen Heiligen, und sei er noch so ehrwürdig, zuweisen, sondern nahmen gleich das ganze Apostelkollegium zum Patronat.

So funktioniert „organische Entwicklung“ der Liturgie, wenn man sie sich denn entwickeln läßt und sich nicht zu ihrem Herrn aufschwingt.

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