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Tradition? Welche Tradition?

Paulus übergibt dem Timotheus einen BriefZu den vielen Begriffen, die in den nachkonziliaren Wirren des letzten Jahrhunderts nahezu inhaltslos gemacht worden sind, gehört auch der der „Tradition“. Ist „Tradition“ die Summe der Lehren und Bräuche der Kirche von den Zeiten der Väter bis - ja bis wann eigentlich? Bis zum Stichjahr 1900? Oder doch besser bis 1960? Oder gibt es gar kein Stichjahr? Und wenn nicht: Wie verteilen sich die Gewichte? Ist „lebendige Tradition“ schon alles, was heute jemandem als wünschenswert erscheint und von dem er behauptet, daß es „dem Geist der Tradition“ mehr entspreche als - sagen wir mal - ein Beschluss des Konzils von Trient, oder einer des Vatikanums I, oder einer des Vatikanums II? Und was ist, wenn solche Beschlüsse oder Erklärungen sich dem Anschein nach oder tatsächlich widersprechen? Konnten die „Traditionen“ eines Jahrtausends nach „dem Konzil“ als überlebt beiseite gtan werden, während die seitdem eingeführten Neuerungen eine neue „Tradition“ von 50 Jahren bilden, die für Zeit und Ewigkeit unwiderruflich bleibt, getreu dem Motto Erich Honeckers „Vorwärts immer, rückwärts nimmer“?

Einem guten Teil der hier aufgeworfenen Fagen widmet sich eine  zweiteilige Betrachtung von Clemens Victor Oldendorf „Zum Begriff der Tradition“, und „Ein Entwicklungsgang zum Mantra der Kontinuität?“, die wir im folgenden hier übernehmen. Der Autor warnt dabei vor der Gefahr einer positivistischen Konzeption von Offenbarung und Lehramt, in die eine Überhöhung des „isolierten Glaubenssinns der gegenwärtigen Kirche“ führen kann - und diese Gefahr sieht er nicht erst in der Entwicklung der vergangenen 50 Jahre. Im zweiten Teil untersucht er die Möglichkeiten und Grenzen einer Weiterentwicklung bzw. Vertiefung der Lehre und versucht - auch im Blick auf die von Erbischof Müller jüngst eingeführte Begrifflichkeit „Dogmatischer Implikationen“ eine Bestimmung des Grades an Verbindlichkeit der verschiedenen Konzilsdokumente.

Zu den Beiträgen von Clemens Victor Oldendorf

Wieviel Pluralismus verträgt die Wahrheit?

Porträtphoto des Erzbischofs im DominikanerhabitDer neue Vizepräsident von Ecclesia Dei, Erzbischof Augustin DiNoia, hat dem National Catholic Reporter ein langes Interview gegeben und sich dabei in einer für die Verhältnisse an der Kurie ganz ungewöhnlich offenen Weise geäußert. Einige seine Positionen sind recht ermutigend – andere lassen schmerzhaft deutlich werden, daß der Vatikan immer noch keinen überzeugenden Weg gefunden hat, die postulierte Kontinuität von Leben und Lehre der Kirche vor und nach dem Konzil gegenüber dem in großem Maßstab behaupteten und gelebten Bruch zu verteidigen. Wieder andere erscheinen durchaus bedenklich und lassen befürchten, daß in Zukunft in der Kirche fast jede Lehre und jede Überzeugung möglich sein kann - sofern sich ihre Vertreter nur der Mühe unterziehen, ihre Ansichten irgendwie auf das Wirken des Heiligen Geistes auf dem und um das letzte Konzil zurückzuführen. Wer dagegen daran zweifelt, daß dieses Konzil von jedem Irrtum frei gewesen sei: Anathema sit!

Die offene Redeweise des Erzbischofs hat den Nebeneffekt, daß einige Sätze unvollständig geblieben oder von der Redaktion unzureichend redigiert worden sind - einiges bleibt unverständlich. Ergänzungen der Redaktion oder des Übersetzers stehen in eckigen Klammern, Anmerkungen sind eingerückt. Die Übersetzung ist ungekürzt. Hier finden Sie den Originaltext.

Zur vollständigen Übersetzung

„Das Konzil anerkennen“ – was heißt das?

Blick in die Konzilsaula des PetersdomsDie „Anerkennung des Zweiten Vatikanischen Konzils“ ist offensichtlich seit Jahrzehnten der Knackpunkt aller Diskussionen in der Kirche - wobei der Inhalt dieser „Anerkennung“ freilich notwendigerweise ebenso unklar bleibt wie der Inhalt und die Interpretation vieler Aussagen in den Dokumenten dieses Konzils. Wie soll man etwas anerkennen, von dem man nicht endeutig sagen kann, was es bedeutet?

Die Redaktion von kathhews.de hat nun unter der ÜberschriftLazarus, komm heraus eine Stellungnahme dazu vorgelegt, die einen neuen Ansatz vorschlägt: Dieses Konzil habe einen neuartigen, zusätzlichen Lehrtypus begründet, der einerseits verbindlich sein wolle, andererseits aber im Grad und Umfang seiner Verbindlichkeit noch näher in das bisherige Gefüge von Lehraussagen eingeordnet werden müsse.

Das Konzil anzuerkennen, ist auch keine Frage, die nur die Piusbruderschaft betrifft. Wir verdanken dem Konzil einen neuen, den konziliar-pastoralen, Lehrtypus, und auch innerhalb dieses Lehrtypus sind noch weitere Abstufungen möglich. Gerade wenn wir diese neue Leistung des Konzils ernstnehmen und wertschätzen wollen, müssen wir klären, welchen Rang dieser Lehrtypus hat. Ihm entsprechen nämlich die, nochmals gestuften, Zustimmungsarten – man beachte die „Hierarchie“ innerhalb der Konzilsdokumente  – mit denen nicht nur die Piusbruderschaft und ihre Gläubigen, sondern alle Katholiken (konziliar-)pastoral vorgetragene Lehren annehmen und anerkennen müssen. Sie anders anzuerkennen, beispielsweise so wie klassische Dogmen, würde gerade heißen, die eigentliche Errungenschaft konziliar-pastoralen Lehrens zu verkennen oder zu ignorieren. Möglicherweise wurde diese Errungenschaft trotz aller Konzilseuphorie noch gar nicht wirklich erkannt oder jedenfalls noch nicht ausreichend reflektiert. Es ist erstaunlich und sogar durchaus bedenklich, dass solch eine Klärung bis jetzt nicht wirklich problematisiert und erst recht nicht erbracht worden ist. Ohne sie ist strenggenommen auch eine Hermeneutik der Reform in Kontinuität gar nicht möglich.

Das enthält zwar ganz vatikanumsgemäß noch einige Unklarheiten, zeigt aber doch unübersehbar auf den zentralen Misstand, unter dessen Einfluss die Rezeption und Implementierung der Dokumente des Konzils bisher viel Chaos und wenig Klarheit gebracht hat. Wir erwarten gespannt, ob die in dieser Stellungnahme aufgeworfenen Fragen endlich ernstgenommen werden, oder ob die seit 50 Jahren praktizierte „Stückwerk-Theologie“ weiterhin das (Nicht-)Maß aller Dinge bleibt.

Reform und Kontinuität gehören zusammen!

Der Papst auf seinem thron sitzendImmer wieder konnte man hören oder lesen, der Papst verlange für die Interpretation des 2. Vatikanischen Konzils nicht eine „Hermeneutik der Kontinuität“, sondern eine „Hermeneutik der Reform“ – und das sei wohl doch etwas anderes. Zwar haben wir und andere immer wieder darauf hingewiesen, daß der Papst ausweislich seiner eigenen Schriften beide Ausdrücke benutze und offenbar auch gleich verstehe – aber die Gegenüberstellung von „Reform“ und „Kontinuität“ wurde immer wieder von den verschiedensten Seiten vorgetragen.

Nun hat der Papst dem selbst ein Ende gemacht. In seiner Grußadresse an die Vollversammlung der italienischen Bischofskonferenz hat er das Thema eigens behandelt und Klarheit darüber geschaffen, daß Reform und Kontinuität für ihn untrennbar zusammen gehören.

Die Aussagen des Papstes

„Wir sind Kirche“ - aber wer sind „Wir“?

PorträtphotoDie seit Tagen jeweils für die nächsten Stunden angekündigte Sensation einer Rückkehr der Piusbruderschaft in die Einheit mit dem Papst ist bislang ausgeblieben. Aber ihr Eintreffen wird wahrscheinlicher. Im Rahmen unserer lockeren Folge von Überlegungen zu Zielsetzungen und Auswirkungen des 2. Vatikanischen Konzils hat sich Franz Norbert Otterbeck anhand einiger Gegenstände aus dem liturgischen Bereich mit der Frage befasst, wie denn nun die deutsche Kirche, die ein sehr eigenwilliges Verständnis dieses Konzils entwickelt hat, mit der von Papst Benedikt vorgelegten in der Tradition gegründeten Leseweise der Konzilstexte zurechtkommt.

Das „Wir“ der deutschen Kirche ist demnach alles andere als deckungsgleich mit dem „Wir“ der amtlichen Äußerungen des Papstes. Wir stehen vor spannenden Entwicklungen.

Hier zu Franz Norbert Otterbecks „Vom heiligen Römischen Konzil, deutscher Nation“

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