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Konzilsgeist im zweiten Frühling

Pünktlich zum 50. Jubeltag von Sacrosanctum Concilium erreicht uns Post aus Österreich: Wie in den vergangenen Jahren wollte auch in diesem Jahr die Fatima-Initiative zum Abschluss ihrer Wallfahrt zur Kirche Maria Schnee in Maria Lugga die überlieferte Messe feiern, Zelebrant wäre Militärdekan Siegfried Lochner gewesen. Doch in diesem Jahr sah sich Prior Andreas Baur (Weihejahrgang 1973) aufgerufen, die Zelebration zu untersagen, denn: „Ich stehe der tridentinischen Messe kritisch gegenüber. Sie entspricht nicht dem Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils.“

Aha. Was bedeuten schon Gesetze wie Summorum Pontificum und Universæ Ecclesiæ, wenn Herr Prior zu meinen belieben, der Geist des Konzils habe ihm etwas anderes eingegeben. Zumal er sich von der Ordinariokratie der Diözese Kärnten gestützt sehen kann: „Der Prior hat das Hausrecht. Wenn er nicht will, dass solche Messen in seiner Kirche gefeiert werden, ist das legitim“, läßt sich Ordinariatskanzler Jakob Ibounig zitieren - Hausrecht geht vor Kirchenrecht.

Der Konzilsgeist startet in seinen zweiten Frühling. Das verspricht, kalt zu werden.

Sacrosanctum Concilium

Blick in die vol besetzte KonzilsaulaAm 29. September 1963, auf den Tag genau vor 50 Jahren, begann in Rom die zweite Sitzungsperiode des 2. Vatikanischen Konzils. Sie verdient auch insoweit besonderes Interesse, als zu ihrem Abschluss am 4. Dezember als erstes größeres Konzilsdokument überhaupt die Liturgiekonstitution „Sacrosanctum Concilium“ verabschiedet wurde – also jenes Dokument, das seither die Gestalt der Kirche am einschneidendsten und auch am verhängnissvollsten verändert hat. Mit dem Zustandekommen und dem Inhalt dieses Dokumentes und seiner Wirkungsgeschichte wird sich summorum-pontificum.de in den kommenden Wochen mehrfach beschäftigen.

Dabei muß man freilich berücksichtigen, daß die Diskussionen in der Konzilsaula über die Liturgie bereits in der ersten Sitzungsperiode ziemlich genau ein Jahr vorher stattgefunden hatten. Diese erste Periode war in der öffentlichen Wahrnehmung hauptsächlich von den Machtkämpfen der eher traditionsorientierten vatikanischen Vorbereitungskommissionen und den progressiv gestimmten Fraktionen des Weltepiskopats geprägt. Das Thema Liturgie fand außerhalb der Kirche eher begrenzte Aufmerksamkeit. Mit Ausnahme einer bezeichnenden Episode freilich. Die einzige unter „progressiver“ Federführung vobereitete Abstimmungsvorlage (in der Konzilssprache nannte man diese „Schemata“) war die zur Liturgie, bei deren Zustandekommen der Sekretär der Vorbereitungskommission Annibale Bugnini eine entscheidende Rolle gespielt hatte. So waren es hier also in erster Linie traditionsorientierte Kuriale, die Widerspruch anmeldeten, und in diesem Zusammenhang ereignete sich jener denkwürdige Vorfall, bei dem dem Präfekten des hl. Offiziums das Mikrofon abgedreht wurde. Ralph M. Wiltgen beschreibt das in seiner Geschichte des 2. Vatikanums „Der Rhein fließt in den Tiber“ auf beklemmende Weise:

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Anfragen an Kardinal Kasper

Zu unserem Hinweis auf die Ausführungen von Kardinal Kasper zu den Gründen für die - bisher zumindest - gescheiterte Umsetzung des II. Vatikanischen Konzils hat uns Franz Norbert Otterbeck einige Anmerkungen geschickt, die wir hier im vollen Umfang weitergeben wollen.

Hier einige Punkte, über die Walter Kasper noch nachdenken könnte: Er trifft - wie viele andere auch - nicht ganz exakt das Problem, wenn er den „Kompromisscharakter“ der Konzilstexte anspricht. Das Problem ist weniger der Text - als die strikte Weigerung der „Mehrheit“, die Sätze, die der Minderheit „zugebilligt“ wurden, überhaupt für verbindlich zu erachten. Damit bereits begann die nur-politische (kirchenpolitische) Interpretation; m.E. verkrüppelter Hegelianismus: „Fortschrittliche“ Sätze sind verbindlich, „traditionelle“ nicht, sondern ein politisches Zugeständnis (wie die SED sich eine Blockpartei „CDU“ leistete, als faires Angebot an Christen im Sozialismus usw.).

Paul VI. wollte aber nicht nur die Minderheit einbinden, um sie „mitzunehmen“ auf die Reise in die Morgenröte der Neuen Zeit. Er hat dafür gesorgt, dass kein Dekret von Trient umgestürzt wurde (Rahner wollte das hinsichtlich des „Presbyters“ als Spender der Krankensalbung durchdrücken, exemplarisch). Er hat dafür gesorgt, dass die Doktrin des Vatikanum I komplett bekräftigt wurde (hinsichtlich der Unfehlbarkeit des „ordentlichen“ Lehramts sogar verschärft, wie Hans Küng in „Unfehlbar?“ richtig bemerkte). Er hat beim Reizwort „Kollegialität“ brutal verfügt, dass diese dem Papst nichts zu nehmen fähig ist, sondern durch ihn erst ermöglicht wird („qui mange du Pape en meurt“, so schon Pius VI. u.v.a.m.); vgl. Nota explicativa zu Lumen gentium.

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Betretenes Schweigen...

Porträtphoto des Kardinals... war die Reaktion auf Ausführungen von Kardinal Walter Kasper zum 2. Vatikanischen Konzil, mit denen der Prälat bereits im April auf den Seiten des Osservatore Romano aus dem allgemeinen Jubelchor über die große Kirchenversammlung des vergangenen Jahrhunderts ausbrach. Deshalb haben wir auch jetzt erst davon erfahren - und deshalb halten wir es auch jetzt noch für aktuell, darüber zu berichten, selbst wenn wir noch keine Übersetzung in eine Sprache gefunden haben, die uns näher liegt als die italienische Fassung des OR.

In seinem unter dem Titel: „Ein Konzil, das immer noch auf dem Weg ist“ erschienen Artikel geht Kardinal Kasper zunächst vom Zukunftsoptimismus der 60er Jahre aus, um dann die persönliche Einschätzung hinzuzufügen:

Was ich wahrnehme, ist nicht der erwartete große Neuanfang und nicht der neue Frühling, sondern eine Kirche in winterlichem Anblick, die deutliche Krisensymptome zeigt.“

Der Kardinal weiß auch einen Grund dafür zu bennen: Den Kompromisscharakter der Konzilsdokumente, die so formuliert worden seien, daß sowohl die Vertreter eines „Aggiornamento“ als auch die Anhänger der Tradition ihnen zustimmen konnten.

Der Nachfolger Johannes XXIII., Papst Paul VI., war grundsätzlich auf der Seite der (dem Aggiornamento zugeneigten) Mehrheit, aber er versuchte auch, die Minderheit einzubinden, und entsprechend der alten Konzilstradition, so weit wie möglich einen Konsens für eine möglichst breite Zustimmung zu erreichen. Das gelang ihm auch, aber zu einem Preis: An vielen Stellen mussten Kompromissformeln gefunden werden, bei denen manchmal die Mehrheitspositionen unmittelbar neben denen der Minderheit stehen, die erstere eingrenzen sollten. Von daher enthalten die Texte des Konzils ein enormes Konfliktpotential, weil sie die Tür zu einer selektiven Rezeption in der einen oder der anderen Richtung öffnen. Welche sollte den Kurs des Konzils und seiner Wegbestimmung für die Katholische Kirche des immer noch jungen 20. Jahrhunderts werden? Das gutgläubige Vertrauen  Johannes XXIII. oder ein Weg zurück in eine sterile Haltung der Verteidigung?“

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Papst Benedikt erklärt das Konzil

Papst Benedikt XVI.Und wieder hat Joseph Ratzinger vor einem Konklave eine Rede gehalten, von der noch lange zu reden und zu schreiben sein wird. Vor dem Konklave, das ihn zum Nachfolger Petri wählte, geißelte er die seitdem noch weiter um sich greifende Diktatur des Relativismus in einer Weise, die bei den Getroffen die Nerven blank legte. Dieses mal hat er vor dem Konklave, das seinen Nachfolger wählen wird, eine Einschätzung der Absichten und der Wirkungen des 2. Vatikanischen Konzils vorgetragen, wie sie so im Vatikan noch nicht zu hören war. Anlass des Vortrags war das Treffen mit den Klerikern seiner Diözese Rom am 14. Februar.

Papst Benedikt unterscheidet dabei zwischen einem „Konzil der Väter“, das das „wahre Konzil“ gewesen sei, und dem „Konzil der Medien“. Es sei dieses außerhalb der Welt des Glaubens  stehende „Konzil der Medien“ gewesen, das die weltweite Wahrnehmung bestimmt habe. Dieses „Konzil der Medien“ habe die Wahrnehmung des Konzils insgesamt auf politische Kategorien und die Wahrnehmung der Liturgie auf ein profanes Gemeinschaftserlebnis reduziert - und so sei vieles dann auch innerhalb der Kirche aufgefasst und umgesetzt worden. Erst jetzt, 50 Jahre nach dem Abschluß, komme das wahre Konzil allmählich hinter dessen virtuellem Abbild zum Vorschein.

Wir haben die das Konzil betreffenden Passagen aus dieser Rede nach einer auf Rorate Caeli veröffentlichten englischen Fassung übersetzt.

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