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„Nicht nur Häresie“

Bild: CNA/Daniel IbanezIm Interview mit Riccardo Cascioli von NBQ hat Gerhard Kardinal Müller den stärksten denkbaren Vorwurf gegen das Vorbereitungspapier zur Amazonassynode und seine Verfasser ausgesprochen: Einige Aussagen seien „nicht nur“ Häresie, weil sie den Abfall vom Christentum überhaupt implizierten. „Der Häretiker kennt die katholische Glaubenslehre und widerspricht ihr. Hier aber macht man nur eine große Verwirrung, und das Zentrum von allem ist nicht Jesus Christus, sondern sind sie selbst und ihre menschlichen Ideen zur Rettung der Welt.“

Dementsprechend scharf geht der Kardinal vor allem mit den Passagen des Dokuments ins Gericht, die eine angeblich besondere oder gar vollkommenere Offenbarung in den Naturreligionen des Amazonas beschwören:

Die „Kosmovision“ ist eine pan-naturalistische oder – im modernen, europäischen Kontext – eine materialistische Konzeption, die jener des Marxismus ähnelt: Am Ende können wir tun, was wir wollen. Gott ist nicht die Natur, wie es Baruch de Spinoza (1632–1677) formulierte. Wir aber glauben an Gott, den Schöpfer des Universums.“

Zum modischen Mythos vom Leben in Harmonie mit der Natur und der Achtung vor „Mutter Erde“ merkt er an:

Seit der Ursünde gibt es keine Harmonie mehr mit der Natur. Oft ist sie der Feind des Menschen, in jedem Fall aber ist sie ambivalent. Denken wir an die vier Elemente: Erde, Feuer, Wasser und Luft. Erdbeben, Brände, Überschwemmungen, Stürme sind alles Ausdrucksformen der Natur und Gefahren für den Menschen. Der Mensch seinerseits ist zum Feind seines Bruders geworden anstatt sein Freund zu sein (Ehebruch, Raub, Lüge, Mord, Krieg). (…) Unsere Mutter ist eine Person und nicht die Erde. Und unsere Mutter im Glauben ist Maria. Auch die Kirche ist als Mutter beschrieben, da sie Braut Jesu Christi ist. Diese Worte dürfen nicht inflationär gebraucht werden. Eine Sache ist es, Respekt für alle Elemente dieser Welt zu haben, ein ganz andere, sie zu idealisieren und zu vergöttern.“ 

An anderer Stelle spricht er sich – nachvollziehbar, wie wir meinen – für einen recht verstandenen Anthropozentrismus als Gegenentwurf zur pantheistischen Naturverherrlichung aus:

Es ist eine absurde Idee, behaupten zu wollen, daß Gott nicht anthropozentrisch sei. Der Mensch ist der Mittelpunkt der Schöpfung, und Jesus ist Mensch geworden. Er ist nicht eine Pflanze geworden. Das ist eine Häresie gegen die Menschenwürde. Die Kirche muß vielmehr den Anthropozentrismus betonen. Das Leben des Menschen ist unendlich würdiger als das Leben egal welchen Tieres. Heute gibt es bereits einen Umsturz dieses Prinzips: Wenn ein Löwe in Afrika getötet wird, ist das ein weltweites Drama, wenn aber hier die Kinder im Mutterleib getötet werden, ist das in Ordnung. Auch Stalin behauptete, daß diese Zentralität der Menschenwürde zu beseitigen sei; so konnte er viele Menschen rufen, um einen Kanal zu graben und sie zum Wohl der künftigen Generationen sterben zu lassen.“

Weitere Abschnitte des langen Gesprächs beschäftigen sich mit dem Thema der „Inkulturation“, dem Verhältnis von sozialem und geistigem „Fortschritt“ und den offen eingestandenen Absichten der Synodenbefürworter, die Kirche „grundlegend verändern“ zu wollen. Alles in hohem Maße lesenswert – eine vollständige deutsche Übersetzung bietet katholisches.info.

Besonders ärgern dürfte es die Propheten der neuen Amazonasoffenbarung, daß Kardinal Müller ihnen an mehreren Stellen nachweist, die Dokumente des 2. vatikanischen Konzils nicht oder falsch verstanden zu haben – und daß er quasi zum Ausweis der Kontinuität in einem besonders wichtigen Kontext auch das Konzil von Trient zitiert:

Die „Substanz der Sakramente“ ist wichtiger als die sekundären Riten und kann nicht durch die kirchliche Autorität geändert werden (Konzil von Trient, 21. Sess., 1562, DH 1728).

Der Kardinal beschließt seine Ausführungen mit den starken Worten:

Man spricht voll Respekt von der Weisheit der Ahnen, verachtet aber die lange Tradition der Kirche. Die Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. werden wie etwas Überholtes behandelt. Man will sich der Welt anpassen: unauflösliche Ehe, Zölibat, Priesterinnen, die apostolische Autorität, sie werden behandelt, als handle es sich um ein politisches Problem. Alles muß in der Überzeugung geändert werden, daß es dadurch zu einem neuen Frühling der Kirche, zu einem neuen Pfingsten kommt. Auch das ist eine bizarre Idee, da die Ausgießung des Heiligen Geistes ein einmaliges, eschatologisches Ereignis ist, das für immer gilt. Als würde das Beispiel der Protestanten nicht genügen, um diese Illusion zu widerlegen. Sie sehen nicht, daß sie die Kirche zerstören. Sie sind wie Blinde, die in die Grube fallen. Die Kirche hat sich gemäß den Grundsätzen der katholischen Theologie und nicht der Soziologie oder des Naturalismus und Positivismus zu entfalten, (vgl. Dei Verbum, 8-10). „Die heilige Theologie ruht auf dem geschriebenen Wort Gottes, zusammen mit der Heiligen Überlieferung, wie auf einem bleibenden Fundament“ (Dei Verbum, 24).

Es ist unbegreiflich, daß sich bis jetzt nicht mehr Bischöfe, Nachfolger der Apostel als Verkünder und Wahrer der Lehre Christi, in so eindeutiger Weise den weitgehend übereinstimmenden Feststellungen der Kardinäle Müller und Brandmüller oder von Laien wie William Kilpatrick angeschlossen haben. Rundum nur Wölfe statt der Hirten? Schweigen und „Aussitzen“ führt hier stracks in die Apostasie.

„Christopher Street Day“

Bild: Wikimedia CommonsAm heutigen Sonntag werden in Köln Hunderttausende, vielleicht sogar eine Million von Teilnehmern zur großen „Pride-Parade“ am Christopher Street Day erwartet. Mit wohlwollender Unterstützung staatlicher Stellen, unter dem Jubel einer sich als Avantgarde des gesellschaftlichen Fortschritts verstehenden Medienwelt und mit opulenter Förderung durch die Wirtschaft feiern sie den Lebensstil der LGBTQIAXXXX-Community – die kämpferische Absage an jedes göttliche und natürliche Gesetz und allen menschlichen Anstand. Es ist ein großer Feiertag der Säkularreligion des Westens. Doch der Weg, den sie dort feiern, wird viele, die mitlaufen, in Krankheit, Elend und Verzweiflung in diesem und ewiges Verderben im nächsten Leben führen.

Zwei Fehlstellen sind aus unserer Sicht anzumerken: Weder auf der Website des Kölner Erzbistums (vor dessen Kathedrale die Parade ihren Abschluß findet) noch bei den vorgeblich der Pastoral in der Welt gewidmeten Seiten des Kölner Domradio oder von Kirche+Leben aus Münster findet sich in den vorderen Bereichen auch nur der kleinste Hinweis auf ein Wort der Kirche zu diesem Treiben. Und auch das im benachbarten Bonn situierte Portal der deutschen Bischöfe (Episkopoi, Aufseher) stellt sich tot – was ihm freilich nicht schwerfallen dürfte.

Die zweite Fehlstelle betrifft die Teilnehmerzahl, die unserer Vermutung nach stets viel zu niedrig angegeben ist. Denn weder Ordnungsbehörden noch Veranstalter haben die Dämonen und bösen Geister im Blick, die mit im Zug sind, ihn lenken und anstacheln. Gut, einige der menschlichen Teilnehmer sind nach Kräften bemüht, die Teilnehmer aus der unsichtbaren Welt in Aufmachung und Handlungen glaubhaft zu verkörpern (die Direktübertragung im Internet hat schon vorsorgend angekündigt, daß sie manche Szenen ausblenden werden) – aber was ist schon eine Replik gegenüber dem Original.

Heiliger Erzengel Michael, verteidige uns im Kampfe!
Gegen die Bosheit und die Nachstellungen des Teufels
sei unser Schutz.
»Gott gebiete ihm!«, so bitten wir flehentlich.
Du aber, Fürst der himmlischen Heerscharen,
stoße den Satan und die anderen bösen Geister,
die in der Welt umhergehen, um die Seelen zu verderben,
durch die Kraft Gottes in die Hölle. Amen. 

„Psycho-Sozio-Öko-Dummschwatz“

Bild aus 'Crisis',ALBERTO PIZZOLI/AFP/Getty ImagesWilliam Kilpatrick zum Arbeitspapier der Amazonas-Synode

Bei den amerikanischen Katholiken gärt es. Im Mainstream ist vor allem der unentschiedene Umgang mit Mißbrauchs-Tätern und -Vertuschern ein Ärgernis. Bei den Konservativen kommen zusätzlich noch Fassungslosigkeit und Enttäuschung über die anscheinend systematisch betriebene Aufweichung der Lehre dazu. Eine Bewegung zum Boykott des Peters-Pfennigs breitet sich aus und könnte dazu führen, daß die USA ihre Stellung als führender (noch vor Deutschland) Finanzier des Vatikans aufgeben. Auf das jüngste Arbeitspapier“ zur Amazonas-Synode reagieren beide Gruppen mit Unverständnis. OnePeterFive ein satirisches Arbeitspapier (deutsch beim Beiboot Petri)zu einer Synode für die eingeborenen Völker Britanias“ veröffentlicht, die das Ziel hat, das urweltliche Wissen der Elfen, Gnome und Feen der Region in die Kirche einzuführen. Der katholische Engländer John Zmirak publiziert als Mitarbeiter eines der führenden konservativen amerikanischen Magazine eine bitterböse Abrechnung mit dem Arbeitspapier. Dabei stellt er die tatsächlichen Lebensweisen und -umstände eingeborener Völker Amazoniens ins Zentrum, die – wie er schreibt – nach wie vor blutige Stammesfehden, gewohnheitsmäßigen Kindermord und Elemente von rituellem Kannibalismus kennt. Und er zitiert einen dialogversessenen „Missionar“, dessen Organisation stolz darauf ist, in über 50 Jahren keinen einzigen Amazonier getauft zu haben – haben die doch ihren eigenen Weg zu Gott.

Das hoch renommierte und weit verbreitete Crisis Magazine, das sich als „A Voice for the Faithful Catholic Laity“ versteht, hat am 3. Juli eine ironiedurchtränkte Auseinandersetzung des Hochschullehrers und Publizisten William Kirkpatrick mit dem Arbeitspapier veröffentlicht, die das geistesgeschichtliche und ideologische Umfeld des Phantoms vom „Edlen Wilden“ hervorhebt und stellenweise dessen Wirken in Film und Trivialliteratur nachzeichnet. Offenbar das passende Umfeld für das Elaborat vatikanischer Theologie im bergoglianischen Pontifikat – dennoch haben wir gerade in diesen Passagen Kürzungen vorgenommen.

Nach einer Einführung, die den Rousseauschen Gedanken des „Edlen Wilden“ und seine bisherige Wirkungsgeschichte skizziert, kommt der Autor zur eigentlichen Auseinandersetzung mit dem Arbeitspapier, die wir im folgenden wiedergeben:

Es beginnt ein langes ZitatDie Ironie bei dieser neuesten Reise ins Primitive liegt darin, daß einige ihrer Hauptakteure die Führer der katholischen Kirche sind. Das Arbeitsdokument macht einige zutreffende Beobachtungen hinsichtlich der biologischen und klimatologischen Bedeutung des Amazonas Beckens und über die Ausbeutung der Amazonischen Völker. Doch bei der Beschreibung dieser Völker klingt die Stimme des Amazonas erstaunlicherweise gerade so wie die Stimme Rousseaus. Oder genauer: Wie die Stimme Rousseaus im Chor mit der Stimme von Pierrre Teilhard de Chardin, und das auf eine kosmische Ebene gehoben. Etwa so:

  • Ein wesentlicher Aspekt der Wurzel der Sünde des Menschen besteht in der Abwendung von der Natur (99)
  • In den Familien wirkt eine kosmische Dimension (sosmovivencia) von Erfahrung (75)
  • Es ist notwendig, zu erfassen, was der Geist des Herrn diese Völker im Lauf der Jahrhunderte gelehrt hat: Den Glauben an den Vater-Mutter Schöpfergott, Gemeinschaft und Harmonie mit der Erde, Solidarität mit den Kameraden... die lebende Gemeinschaf mit der Natur und „Mutter Erde“. (121)

In seinem Lob auf den Regenwald, die weisen Ältesten und die amazonische Weltsicht (Cosmovision) liest sich das Dokument wie eine Kreuzung (des Romans) Green Mansions (‚Das Vogelmädchen‘ von William Henry Hudson, 1909), The Divine Milieu (,Der Mensch im Kosmos‘ von Teilhard de Chardin, 1940) und Carlos Castanedas: ‚Die Lehren des Don Juan – Ein Yaqui-Weg des Wissens (von 1968). Das Werk weckt auch die Erinnerung an einige Motive des Romans „Die Meuterei auf der Bounty“ - und zwar insoweit, als die Autoren anscheinend eine Meuterei gegen die herkömmlichen Praktiken und Lehren der Kirche empfehlen, die der Entwicklung eines amazonischen Typs von Katholizismus entgegen stehen könnten. Wenn wir klug sind, so scheinen sie zu sagen, springen wir vom Schiff (Der Barke Petri) und schließen uns dem Leben mit den gastfreundlichen Eingeborenen auf der Tropeninsel (Amazonien) an.

Und so meint das Dokument, welches oft und viel von „Inkulturation“ spricht, damit, daß wir unsere eigene Kultur aufgeben und die der Amazonier übernehmen sollten. Warum? Weil sie uns viel lehren können über Spiritualitätt, Öko-Theologie, „Lebenswirklichkeit“ und Kommunikation mit den Bäumen, den Tieren und „den Geistern“. Wie beim Arbeitspapier der Jugendsynode vom vergangenen Herbst geht es auch hier immer wieder ums „Zuhören“. Das damalige Dokument betonte, daß die Kirche auf die Jugend hören müsse, weil die Jugend in Fühlung mit dem sei, was gegenwärtig geschehe. Das jetzige Dokument meint, die Kirche müsse auf die weisen Stammesältesten hören, weil sie in Fühlung mit der alten Weisheit der Ahnen seien. Gibt es da einen Widerspruch zwischen beiden Papieren? Nicht im geringsten – das anzunehmen wäre lineares Denken. Wie Walt Whitman, einer der früheren Vertreter des „kosmischen Bewußtsein“ meinte: „Widerspreche ich mir? Nun gut, dann widerspreche ich mir. Ich bin weit, ich umfasse vieles.“ Also keine Widerrede und auf die Ältesten hören!

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Auf Schleichwegen zum Frauenpriestertum

Screenshot 'katholisch.de' vom 4. 7. 2019Während das offiziell inofizielle Sprachrohr der deutschen Bischofskonferenz noch unverdrossen für die Priesterinnenweihe trommelt (s. Hervorhebung auf dem nebenstehenden Screenshot), hat Kardinal Kasper – er ist halt näher an der Stimmungslage im Palast von S. Marta – bereits einen Gang zurückgeschaltet. Zumindest für den Augenblick. Im Interview mit LifeSite-News verwies der Kardinal darauf, daß die Kirche – vermutlich meint er die entstehende deutsche Nationalkirche – frei darin sei, Frauen im Rahmen einer liturgisch hervorgehobenen nicht sakramentalen Zeremonie zu segnen und zu beauftragen, ohne damit in den Bereich der gegenwärtig nicht durchsetzbaren Erteilung des Weihesakramentes vorzustoßen.

Der „liturgische Rahmen“ ist dem Kardinal besonders wichtig – er denkt daran, diese „Segnung“ im Rahmen einer heiligen Messe im Kontext mit den allgemeinen Fürbitten vorzunehmen. Tatsächlich werden solche Entsendungsfeier für Lektor*innen und Kommunionhelfer*innen in einigen Diözesen bereits praktiziert und sind dem Vernehmen nach an einigen Orten formal weitestgehend dem Ritus des Weihesakramentes angeglichen, etwa durch Absingen der Allerheiligenlitanei angesichts der in Albe auf dem Boden ausgestreckten Kandidat*innen mit anschließender Verleihung einer besonderen Schärpe oder eines Umhängekreuzes.

Von der Sakramententheologie her gesehen erscheint ein derartiges Vorgehen durchaus möglich. Es würde die „Beauftragung“ als eine Art Sakramentalie konstituieren – so wie es sich bei den früher gesamtkirchlich üblichen „niederen Weihen“ (mit Ausnahme des Sonderfalls „Subdiakonat“), aber auch bei der oder Auflegung von Skapulieren oder der Segnungen von Rosenkränzen um Sakramentalien handelt. Die formale Annäherung an die Erteilung des Weihesakramentes muß freilich ernste Bedenken „pastoraler“ Art hervorrufen. Sie würde zumindest in den Augen theologisch weniger gebildeter Gottesdienstbesucher den Unterschied zwischen der Erteilung des Ordo-Sakraments und der Beauftragung zu Laiendiensten unzulässig verwischen – schon heute fällt es vielen schwer, den Unterschied zwischen einer Meßfeier und einer „Wort Gottes-Feier“ zu erfassen. Auf mittlere Sicht würde die „liturgische Beauftragung“ von Frauen den Drang zur Erteilung der „richtigen“ Weihen nur verstärken. Denn über eines sollte man sich keine Illusionen machen: Die um ihre „Gleichberechtigung“ kämpfenden Frauenrechtlerinnen der Zeitgeist-Kirche würden das Täuschungsmanöver durchschauen und sich keinesfalls mit der als Surrogat empfundenen Beauftragung abspeisen lassen. Für sie ist „Nein“ keine Antwort - nie niemals nicht.

Niemand dürfte das besser wissen als der ebenso listenreiche wie skrupellose Walter Kasper.

Alarmstufe Rot

Bild: Catolicismo.comIn einer heute in deutscher und englischer Sprache veröffentlichten Erklärung wirft Walter Kardinal Brandmüller dem Instrumentum Laboris zur „Amazonas-Synode“ vor, in zentralen Fragen des katholischen Glaubens häretische Positionen zu vertreten und in anderen Apostasie, d.h. den bewußten Abfall vom Christlichen Glauben überhaupt, zu propagieren. Außerdem übt der Kardinal scharfe Kritik an dem Umstand, daß auf einer Bischofsversammlung, die der veröffentlichten Zielsetzung nach gerade einmal 4 Millionen Menschen betreffe, fast ausschließlich weltkirchliche und weltpolitische Fragen behandelt werden - und das von einem Gremium, das dazu weder nach seiner Qualifikation noch nach seiner Rechtsstellung in irgendeiner Weise befugt ist.

Den Vorwurf des Glaubensabfalls begründet der Kardinal mit dem schon mehrfach kritisierten Versuch der Verfasser des Papiers, die Lebenswelt der Amazonier zu einem locus theologicus, zu einer besonderen Quelle der göttlichen Offenbarung, hochzustilisieren. "Das Ergebnis ist Naturreligion in christlicher Maskerade".

Als häretisch betrachtet der Kardinal das Vorhaben, "neue Dienstämter für Frauen zu schaffen", die irgendwie die Unmöglichkeit der Erteilung des Weihesakramentes an Frauen umgehen, ihnen jedoch volle kirchliche Jurisdiktionsbefugnis zuweisen. Das enthülle einen rein soziologischen Begriff von „Kirche“, der den sakramental-hierarchischen Charakter der Stiftung Christi leugne.

Ebenso als häretisch betrachtet Brandmüller die im Instrumentum angedeutete Möglichkeit, aufgrund des von den Amazonasvölkern in die Kirche einzubringenden neuen Offenbarungswissens „neue Bilder, Symbole, Traditionen, Riten und andere Sakramente (!!)“ zu schaffen. Aus dieser und anderen Eststellungen zieht der Kardinal das Fazit:

Das Instrumentum laboris mutet der Bischofssynode und schließlich dem Papst einen schwerwiegenden Bruch mit dem „Depositum fidei“ zu, was in der Konsequenz Selbstzerstörung der Kirche bzw. deren Verwandlung vom „Corpus Christi mysticum“ in eine säkulare NGO mit öko-sozio-psychologischem Auftrag bedeutet.

Nach diesen Beobachtungen stellen sich natürlich Fragen: ist vor allem in Bezug auf die sakramental-hierarchische Struktur der Kirche ein entschiedener Bruch mit der für die Kirche konstitutiven Apostolischen Tradition beabsichtigt, oder gehen die Autoren eher von einem Begriff von Dogmenentwicklung aus, der die genannten Brüche theologisch rechtfertigen soll?

Dies scheint in der Tat der Fall zu sein. Wir erleben eine Neuauflage des klassischen Modernismus des beginnenden 20. Jahrhunderts. Von einem dezidiert evolutionistischen Ansatz aus vertrat man damals die Auffassung, dass im Zuge der beständigen Höherentwicklung des Menschen sich auch Schritte zu einer jeweils höheren Bewusstseins- bzw. Kulturstufe ergeben, wobei es sich herausstellen kann, dass heute wahr ist, was gestern noch falsch war. Dieser evolutiven Dynamik unterliege natürlich auch die Religion bzw. das religiöse Bewusstsein mit seinen Ausformungen in Lehre und Kult – natürlich auch der Moral.

Damit wäre allerdings ein Begriff von Dogmenentwicklung vorausgesetzt, der dem genuin katholischen Verständnis schroff entgegengesetzt ist. (...)

Es ist mit Nachdruck festzuhalten, dass das „Instrumentum laboris“ in entscheidenden Punkten der verbindlichen Lehre der Kirche widerspricht, und darum als häretisch zu qualifizieren ist. Sofern sogar die Tatsache der Göttlichen Offenbarung in Frage gestellt bzw. missverstanden wird, ist darüber hinaus von Apostasie zu sprechen.“

Es ist davon auszugehen, daß die Verfasser des Instrumentum, zumal sie nicht ohne Absprache mit dem Papst gehandelt haben dürften, nach bewährtem Muster versuchen werden, auch diese Kritik schweigend auszusitzen. Die von LifeSite aufgelegt Petitionsliste, mit der Katholiken ihre Unterstützung für den Kardinal zu Protokoll geben können, kann dem nur wenig entgegensetzen - gerade wegen des sakramental-hierarchischen Charakters der Kirche sind Mechanismen der säkularen Demokratier hier nur begrenzt einsetzbar. Worauf es nun ankommt, ist, daß Träger sakramentaler Vollmachten und Lehrgewalt, insbesondere Bischöfe, die bisherige Strategie des "Wegduckens und Überwinterns" überprüfen und zu neuen und wirkungsvollen Formen der Verteidigung des Glaubensgutes finden. 

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