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Der Fels wird weich

Bild: Corriere della SeraVittorio Messori, Interview-Partner des damaligen Kardinals Ratzinger bei der Erstellung des sog. „Ratzinger Reports“ von 1987, hat sich in dem italienischen Magazin Il Timore zum Stand des aktuellen Pontifikats geäußert. Dieser Text ist im Original nicht im Netz verfügbar, LifeSite-News hat jedoch eine Zusammenfassung davon veröffentlicht, die wir hier aus dem Englischen übersetzen:

Es beginnt ein langes ZitatIn seinem Artikel beruft sich Messori auf die Arbeiten des jüdisch-polnischen Philosophen Zygmunt Bauman (1925-2017), der den Begriff der „Flüssigen Moderne“ in die Soziologie eingeführt hat. Darunter versteht Bauman eine Weiterentwicklung dessen, was er als die „Feste Moderne“ bezeichnet. Nach Baumann schreibt der Mensch der flüssigen Moderne dem Individulaismus höheren Wert zu als gesellschaftlichen Bindungen. Er „fließt durch sein Leben wie ein Tourist und wechselt Orte, Berufe, Lebenspartner, Werte und sogar die sexuelle Orientierung und Gender.“

Bauman beobachtet, daß dieser Mensch sich aus den Zusammenhalt herkömmlicher Netzwerke löst und sich von all deren Anforderungen und Einschränkungen frei macht. Dieser extreme Individualismus hat Gesellschaften hervorgebracht, in denen – so Messori – „alles instabil und veränderlich ist“. Heute sei es möglich, anzunhemen, daß der Wandel „das einzig Beständige“ und Ungewissheit „die einzige Gewissheit“ sei.

Messori ist beunruhigt, daß diese Vorstellungen sich auch im religiösen Bereich auszuwirken beginnen. Er schreibt, daß gläubige Menschen „darüber irritiert sind, daß selbst die katholische Kirche – seit unvordenklichen Zeiten Verkörperung von Beständigkeit – anscheinend ebenfalls bestrebt ist, sich zu „verflüssigen“.

Zum Beleg zitiert Messori ein vor einiger Zeit erschienenes Interview mit dem Generaloberen der Jesuiten, P. Arturo Sosa Abascal. Im Gespräch mit dem Journalisten Giuseppe Rusconi sagte Sosa, daß schließlich die Worte Jesu nicht auf einem Tonbandgerät aufgezeichnet worden wären, so „daß wir nicht genau wissen, was er gesagt hat“. Wegen dieser „Ungewissheit“ nimmt Sosa an, daß Christen den wahren Sinn der Schrift unter Bezug auf ihre gegenwärtigen Lebensumstände erforschen müssten.

„Lehre ist ein Wort, das ich nicht sehr schätze, damit verbindet sich das Bild der Härte von Stein“ sagte Sosa zu Rusconi. „Die Lebenswirklichkeit ist wesentlich vielfältiger, sie ist nie schwarz oder weiß, sie ist in ständiger Entwicklung.“
Messori kritisiert Papst Franziskus, daß er der gleichen Haltung zuneige:

„Ein anderer Jesuit, ebenfalls ein Südamerikaner, nämlich keine Geringerer als der Papst selbst, hat in einem seiner vielen Interviews, die er den unterschiedlichsten Leuten an den unterschiedlichsten Orten – im Flugzeug, auf dem Petersplatz, auf der Straße – gibt, das wiederholt, was einer der Eckpunkte seiner Lehre und seiner Regierung ist: Eine katholische Versuchung, die überwunden werden muß, ist die Einheitlichkeit und Starrheit der Regeln, während wir doch im Gegenteil je nach dem konkreten Fall urteilen und handeln müssen“.

Messori unterscheidet zwischen der ursprünglichen Bedeutung von „Erforschung“ in der klassischen Jesuitischen Spiritualität und der Art, wie der Begriff heute verwandt wird, nämlich, wie er schreibt, „einer freien Interpretation selbst von Dogmen entsprechend der jeweiligen Situation, so wie das in einigen offiziellen Dokumenten geschieht, die die Unterschrift des Papstes tragen und die bei einigen Kardinälen (euphemistisch ausgedrückt) ‚Irritationen‘ hervorgerufen haben“.

Der italienische Journalist führt aus, daß dieser Ansatz ihm „falsch und für die Kirche schädllich“ erscheine; „in einer „flüssigen Welt, in der alles ungewiss, gefährdet, und vorläufig wird, ist es gerade die Festigkeit und Stabilität der katholischen Kirche, deren alle Menschen bedürfen, und nicht nur die gläubigen.“

„Diese Felsen des Dogmas, die der Generalobere der Jesuiten nicht mag, könnten und sollten einen festen Grund für eine Gesellschaft abgeben, die in Richtung eines schwammigen Chaos tendiert und sich darauf auch noch etwas zugute hält“, fährt Messori fort.

Er beobachtet, eines der Symbole der katholischen Kirche sei die „feste Eiche, die mit starken Wurzeln im Boden verankert ist“ und stellt die Frage, ob es wirklich sinnvoll sei, die Eiche durch ein Rohr zu ersetzen, das sich mit jedem Windhauch, jedem menschlichen Verlangen oder jeder Mode in eine beliebige Richtung neigt. Als Hilfe zur Rückgewinnung von Sicherheit in der Kirche empfiehlt Messori eine neue Wertschätzung und Wiederannäherung an „den alten und schönen Wahlspruch“ der Kartäuser: Stat Crux dum volvitur orbis – es steht das Kreuz, während die Welt sich dreht.

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Dazu noch zwei Anmerkungen:

Baumans Begriff von der „flüssigen Moderne“ ist auch in Rod Drehers Überlegungen hinsichtlich der Option Benedikt eingegangen, wie wir hier bereits erwähnt hatten. Eine ausführliche Darstellung des Begriffes hat Bauman in einem Buch gegeben, das unter dem nicht ganz überzeugend übersetzten Titel „Flüchtige Moderne“ 2003 bei Suhrkamp erschienen ist.

Bereits 1965 merkte der Staatsphilosoph Carl Schmitt hinsichtlich des Konzils an: „Alles fließt, lehrt Heraklit - der Felsen Petri, der fließt mit “

Der Ton wird schärfer

Daß die Kirche im Pontifikat Bergoglio in eine der schwersten Krisen ihrer bisherigen Geschichte gesteuert wurde, ist kaum bestreitbar. Gerade deshalb ist es verdienstvoll, daß der Vaticanist Andrea Gagliarducci in seinem neuesten Beitrag auf Monday Vatican den Blick darauf lenkt, daß auch die anderen Päpste der Nachkonzilszeit Gegenstand heftiger und und zum Teil wütender Kritik von innerhalb und außerhalb der Kirche ausgesetzt waren. Obwohl es dabei zum Teil um die gleichen Gegenstände ging – Ehescheidung, Zölibat, und Frauenordination stehen seit Jahrzehnten an der Spitze der Themenliste – hat die Diskussion in der Vergangenheit Kirche und Papstamt nie in der Weise erschüttert und in Frage gestellt, wie das heute zu beobachten ist. Gagliarducci beschreibt das so:

Alles, was derzeit in der Kirche geschieht, führt zur Herausbildung zweier Lager: Die Unterstützer und die Kritiker des Papstes. Auf beiden Seiten ist der Ton der Debatte immer schärfer geworden – das Ergebnis ist ein Kalter Krieg. Im Krieg ist es fast immer so, daß eine Seite den Kürzeren zieht und sich dann über die Niederlage beklagt. Was niemals während des Krieges geschieht, ist ein klarer Blick auf die Vergangenheit. Doch genau das wäre hilfreich, um die Probleme zu relativieren.

Aktuell ist viel von beispiellosen Angriffen gegen Papst Franziskus die Rede. Dieses Narrativ stellt fest, daß die Kritiker Franziskus‘ jede Einzelheit des päpstlichen Handelns nutzen, um sein Verhalten, seine Worte und seine Lehren zu kritisieren. In Wahrheit ist Kritik an Päpsten jedoch nichts neues. Sie findet, seitdem sie von Massenmedien mitgetragen wird, mehr Öffentlichkeit. Aber auch die Einmischung der Medien ist nicht neu – sie hat heute nur größere Reichweite.“

Dieser Einführung schließt Gagliarducci einen bemerkenswerten historischen Rückblick an. Er beginnt mit Papst Paul VI., der nicht nur wegen Humanae Vitae auf starken Widerstand gestoßen war. Er mußte auch heftigste Kritik sogar aus den Reihen deer Kardinäle dafür ertragen, weil er die Hoffnungen der Progressisten, die seine Wahl begeistert begrüßt hatten, enttäuschte, und nicht über das Konzil hinaus weiter voran stürmte, sondern – wie sie ihm vorwarfen – eine rückwärtsgewandte Politik verfolgte und das Konzil „verrate“.

Diese Kritik wurde nicht nur hinter vorgehaltener Hand geflüstert, sondern von hochrangigen Theologen und Kurialen auf dem Podium öffentlicher Veranstaltungen vorgetragen, und in Leitartikeln und in Büchern veröffentlicht. Gagliarducci fasst zusammen: Alles in allem – wie sah das Kirchenmodell aus, das den Kritikern Pauls VI. vorschwebte? Es war die Vorstellung einer säkularisierten Kirche im Dialog mit der Welt der Gegenwart, bei dem sie sich deren säkularer Sprache bediente. Diese Vorstellung von Kirche bildete auch die Grundlage der zahlreichen Kritiken, die gegen Papst Johannes Paul II. während seines Pontifikats vorgetragen wurden. Der jüngste Brief von 62 Theologen und Wissenschaftlern, der Franziskus‘ Positionen in Amoris Laetitae kritiaiert, ist keine Ausnahmeerscheinung. Der hl. Johannes Paul hatte wesentlich stärkere Angriffe auszuhalten.“

In diesem Zusammenhang erinnert Galliarducci an die „Kölner Erklärung“ der deutschen Theologen von 1989, die die Theologen zahlreicher Länder zu ähnlichen Erklärungen und „offenen Briefen“ nach Rom anregte. Die damalige Kritik habe, so Galliarducci, viele Punkte herausgestellt, die auch heute noch die Debatte bestimmen:

Sie beschreibt das zweite Vatikanische Konzil als eine „radikale und unumkehrbare“ Wende im „Verständnis des kirchlichen Glaubens“. Sie sagt, daß dem Depositum des Glaubens „kein absoluter Wert“ zukomme, sondern seinen Rang durch die „pastorale Verknüpfung“ erhalte, die es ermögliche „die Wahrheit im Rahmen der historischen Existenz von Gemeinschaft im Glauben zu interpretieren“. Die Briefe beschreiben den Heiligen Stuhl als unter dem Einfluß einer „privilegierten Mentalität“ stehend, die dem „Gedanken einer Kirche als einer Gemeinschaft von Kirchen“ weichen müsse. Auch eine Neubewertung der Funktion des Lehramtes wird verlangt.

Leicht zu sehen, daß Franziskus sich viele dieser Überlegungen zu eigen gemacht hat – und daß heute die Papstkritiker von damals auf der „herrschenden Seite“ stehen, wie Galliarducci an einigen besonders auffälligen Beispielen nachzeichnet.

Die wütenden Kritikkampagnen gegen Papst Benedikt sind vielen von uns noch so gut in Erinnerung, daß sie hier nicht eigens aufgezählt werden müssen. Auch Galiarducci beschränkt sich auf eine Auswahl. Dies reicht jedoch völlig aus, um seine abschließenden Überlegungen zu untermauern: Heftige Kritik am Papst ist seit dem Ende des Konzils keine Seltenheit, sondern eher der Normalzustand für eine breite Öffentlichkeit innerhalb und außerhalb der Kirche. Es besteht kein Anlass, sie jetzt als übergriffig und gar als Versuch zur Deligitimierung des Papstes zu bezeichnen, zumal diese Empfindsamkeit exakt von Vertretern der Seite zur Schau getragen wird, die sich in vergangenen Jahrzehnten mit Dauerkritik an den regierenden Päpsten hervorgetan haben. Die damit verbundene Tendenz, jede Kritik quasi als „Hochverrat“ zu ächten und immer öfter auch durch Verlust von Ämtern und Stellungen zu sanktionieren, hat überdies nach Cagliarducci eine fatale Nebenwirkung: Sie läßt den Graben noch tiefer und den Bruch mit der kirchlichen Tradition noch gewaltsamer erscheinen, als von der Sache her vielleicht unvermeidlich. Und das führt zu der Frage, ob genau das der Absicht des Papstes entspricht, der bereits mehrfach erklärt hat, seine Modernisierungen „unumkehrbar“ machen zu wollen.

Damit könnte er Recht behalten: Eine einmal eingetretene Spaltung, das haben wir in diesem Jahr gelernt, läßt sich auch in 500 Jahren nicht umkehren.

An Grenzen der Papstmacht

Bild: https://onepeterfive.com/Die in Rom versammelten Teilnehmer der Tagung „50 Jahre Enzyklika Humanae Vitae – ihre Bedeutung gestern und heute“ haben am Sonntag die Gründung der Akademie Johannes Paul II für das Leben bekannt gegeben. Gründungsmitglieder sind unter anderem mehrere Persönlichkeiten, die von Johannes Paul II als „Mitglieder auf Lebenszeit“ in die von ihm gegründete Päpstliche Akademie für das Leben berufen worden waren, diese Position jedoch mit der Entlassung sämtlicher Mitglieder durch Franziskus zum Ende des vergangenen Jahres verloren hatten. Inzwischen hat der Papst eine neue Akademie mit neuen Mitgliedern und einer deutlich veränderten Schwerpunktsetzung gegründet: gegründet. Ziele der neugeschaffenen und bewährten Gefolgsleuten des Papstes anvertrauten Einrichtung sind jetzt auch die „Geschlechter- und Generationenforschung sowie individuelle Schutzrechte, eine „Humanökologie“ und das Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt.“ (Quelle). Erster Vorsitzender der Neugründung wird der österreichische Philosoph Joseph Seifert, der von Papst Paul II. bereits auf Lebenszeit zum Mitglied der Vorgängerakademie berufen worden war.

Der Vorgang hat weit über den Bereich des Lebensschutzes hinaus Bedeutung für die gesamte Kirche. Zunächst signalisiert er einen empfindlichen Machtverlust des Papstes. Mit erheblichem Kraftaufwand hatten die Bergoglianer versucht, eine ihnen wegen ihrer Grundsatztreue unbequeme Einrichtung zu beseitigen. Das ist ihnen nicht gelungen. Statt sich den im Namen des Papstes ergangenen Verfügungen zu beugen, haben Exponenten des ursprünglichen Auftrags von Papst Johannes Paul II. nun eine Plattform gegründet, von der aus sie ihre ursprüngliche Arbeit mit hohem Anspruch fortsetzen können.

Damit ist die alte Akademie de facto gespalten – und das bezeichnet den zweiten bedeutsamen Aspekt. Zum ersten Mal seit langem, vielleicht seit vielen Jahrhunderten und seit den Wirren der lutherschen „Reformation“, deren Jahrestag morgen begangen wird, ist eine vom Papst errichtete katholische Institution formal gespalten in eine Nachfolgeeinrichtung, die dem kirchenrevolutionären Zeitgeist folgt, und eine andere, die ihrem ursprünglichen katholischen Auftrag treu bleibt. Nur daß diesmal der revolutionäre Impuls von der Seite des päpstlichen Hofes ausgeht.

Widerpart und Verkörperung des beharrenden sensus fidelium sind in der neugegründeten Akademie nicht Angehörige der Kurie oder des Kardinalats, sondern Laien. Soweit bisher bekannt, wird der Vorstand der neuen Akademie – neben Prof. Seifert werden Prof. Robert de Mattei, Prof. Claudio Pierantoni, Judie Brown (Vorsitzende der American Life League), Thomas Ward (Gründer der Vereinigung katholischer Familie in Großbritannien), Mercedes Wilson (Vorsitzende von Family of the Americas) und Christine Vollmer (Vorsitzende der American Alliance für the Family) genannt – ausschließlich aus Laien bestehen. Sie sind für ihren Lebensunterhalt in keiner Weise von der Kurie abhängig und stehen auch in keinem besonderen Gehorsamsverhältnis zum Papst, sondern sehen sich alleine der überlieferten und unveränderlichen Lehre der Kirche verantwortlich. Sie verfügen über einflußreiche Positionen in nationalen und internationalen Organisationen des Lebensschutzes und haben somit die besten Voraussetzungen, in Zukunft als die Stimme der katholischen Position zur Heiligkeit des Lebens wahrgenommen zu werden. Darüber hinaus bieten sie ein Vorbild dafür, wie auf weiteren Gebieten Laien als zur Verteidigung der überlieferten Lehre kraftvoll agieren können, wo diese Lehre von den der Diktatur des Relativismus unterworfenen Institutionen in Frage gestellt wird.

Die führende Rolle von Laien in dieser und vielleicht weiteren künftigen Bewegungen dieser Art bedeutet keinesfalls eine antiklerikale Frontstellung. Sie ist Ausdruck einer pragmatischen Klugheit, die darauf verzichtet, Würdenträger in den Vordergrund zu stellen, die von den immer despotischer agierenden Bergoglianer unter Druck gesetzt werden können. In der Sache wird die wiedergegründete Akademie wo immer das möglich und notwendig, ist auf die Unterstützung, die Sachkenntnis und auch auf die geistliche Anleitung von glaubenstreuen Bischöfen und Kardinälen bauen können und zweifellos auch gerne darauf zurückgreifen.

Torschlusspanik in Rom

Fast möchte man glauben, daß in Rom die Torschlusspanik ausgebrochen ist – so viele Ansätze zu teilweise tiefgreifenden Änderungen von Lehre und Disziplin der Kirche wurden in den vergangenen Wochen zumindest als Versuchsballon in die römische Herbstluft gepustet. Ob dahinter ein großer Masterplan steht – wer weiß. Eine systematische Ordnung hinter den verschiedenen Vorstößen ist jedenfalls kaum zu erkennen, deshalb soll hier auch gar nicht erst versucht werden, eine solche Ordnung zu erfinden.

Die Liturgie steht zwar keinesfalls im Mittelpunkt des revolutionären Elans von Bergoglio – andere bieten sich an, diese Leerstelle auszufüllen. Es ist ja nicht nur die gerade aktuell ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückte und hier schon ausführlich behandelte Regionalisierung der Messe durch Principium maximum. Schon seit dem Sommer halten sich in Rom hartnäckig Gerüchte, daß es eine ohne Beteiligung der Gottesdienstkongregation geheim tagende Arbeitsgruppe gibt, die eine „ökumenische Messe“ für das „gemeinsame Abendmahl“ von Katholiken und Protestanten schaffen soll, ohne sich von kleinlichen dogmatischen Problemen aufhalten zu lassen. (Quelle) Als Mitglieder werden unter anderem Kardinal Arthur Roche, Erzbischof Piero Marini, und der Liturgiewissenschaftler Andrea Grillo ("Die Transsubstantion ist keine Dogma") genannt – ein fröhliches Zurück in die 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts und zugleich ein beherzter Vorstoß dahin, „wo noch kein Mensch zuvor hingegangen ist“. Zumindest noch kein Katholik - und wo auch nie einer sein wird.

Und dann ist da die ebenfalls jetzt im Oktober angekündigte Amazonas-Synode. Die soll nach dem Willen des Papstes im Herbst 2019 stattfinden – so Gott will – und wenn es nach Leuten wie Missionsbischof Kräutler geht, würde dort für die unter Priestermangel leidenden Eingeborenen des Regenwaldes (wie viele Katholiken sind das eigentlich?) ein neuer Priestertyp geschaffen: „Erprobte“ Männer, die aus ihren Gemeinden heraus gewählt und von den Bischöfen zum Vollzug der Sakramente an Ort und Stelle zu weihen wären. Der Gedanke enthält Erweiterungspotential in zwei Richtungen: Schließlich gibt es auch erprobte Frauen, nicht wahr, und der Mangel an „konventionellen“ Priestern ist ein weltweites Phänomen - die Sache erscheint wie geeignet, um erst auf dem Wege der „Ausnahmeregelung“ weltweit zugänglich und dann zum neuen De-Facto-Standard gemacht zu werden. In beiden Richtungen.

Ebenfalls jetzt im Oktober das Interview mit dem Altkommunisten und Alt-Atheisten Scalfaro, in dem dieser den Papst dahingehend wiedergab, der Glaube an letztes Gericht und ewige Verdammnis sei nicht länger zu halten. Scalfari sprach davon, die Hölle sei „abgeschafft“ - irgend eine Art von Richtigstellung aus dem Vatikan war bisher nicht zu vernehmen.

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Ein Rüffel für den Kardinal

Bild:  Wikimedia, J.LH. Janßen, CC-BY-SAMit strengen Worten hat die Theologieprofessorin Dorothea Sattler den Kölner Kardinal Woelki getadelt, weil der sich zurückhaltend zum aktuellen Stand und den Zukunftsaussichten der Ökumene geäußert habe, ohne dabei die bahnbrechenden Erkenntnisse des münsteraner Lehramtes genügend zu berücksichtigen. Katholisch.de, wo die Dame als Expertin stets gerne gesehen ist, reicht den Rüffel eilfertig weiter und gibt eine Kostprobe der sublimen akademischen Theologie, wie wir sie aus Münster kennen und schätzen:

Sattlers Kritik an Woelkis Verständnis von der Sakramentalität der Kirche bezieht sich offenbar unter anderem auf dessen Aussage, dass es keine gemeinsame Feier des Abendmahls geben könne, solange die Protestanten die "Christusgemeinschaft des je einzelnen Gläubigen von der Bekenntnisgemeinschaft mit Papst und Bischof" trennten. Sattler hingegen verweist in ihrem Aufsatz darauf, dass "nach ökumenischer Lesart gerade die Rede von der eigenartigen Sakramentalität der Kirche " dazu veranlasse, "deutlich zwischen dem Grund der Kirche und ihrer Gestalt zu unterscheiden", als so zwischen Christus und der Kirche in ihrer konkreten Gestalt.

Mit Blick auf den von Kardinal Woelki konstatierten "zunehmenden Dissens in moral- und sozialethischen Fragen" schreibt Sattler, es sei "sehr bedauerlich", das der Kardinal nicht die Ergebnisse einer von der Deutschen Bischofskonferenz und der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands zu diesem Thema eingesetzten Arbeitsgruppe würdige. Diese sei 2017 zu einem "höchst differenzierten Urteil in einzelnen Sachfragen" gekommen.

Aus diesen Sätzen schaut uns aber nicht nur das ganze Elend der deutschen Universitätstheologie an, sondern das der ganzen deutschkatholischen Kirche, den kritisierten Kardinal eingeschlossen. Hätten deren Oberhirten nicht das Lehramt seit Jahrzehnten an akademische Karrieristen abgetreten und würden sie nicht unentwegt Arbeitsgruppen einsetzen, deren einziger Daseinszweck der Dauerdialog ohne fassbare Ergebnisse ist – dann bliebe uns manches erspart.

Ginge es nur um das Geplänkel zwischen einer Vertreterin des (auftrumpfenden) akademischen und des (weitgehend verstummten) episkopalen Lehramtes, wäre der Auftritt Sattlers nicht der Beachtung wert. Interesse verdient er im Zusammenhang mit dem von Papst Franziskus durch die schallende Ohrfeige für Kardinal Sarah bekräftigten Willen des gegenwärtigen Pontifikats, die Gestaltung der Liturgie einschließlich der nationalsprachlichen Übersetzungen weitestgehend in die Hand der örtlichen Bischofskonferenzen zu geben.

Das bedeutet, daß wir in Zukunft nicht nur verstörende Unterschiede im Äußerlichen haben werden, wie sie heute schon oft genug zwischen benachbarten Pfarreien festzustellen sind. Auch die Differenzen zwischen den nationalen Bischofskonferenz, deren Aufbrechen wir jetzt z.B. am Fall der widerstreitenden Interpretation von Amoris Laetita durch die Bischöfe Polens oder Argentiniens beobachten können, werden sich auf die Liturgie auswirken. Und das nicht nur in Äußerlichkeiten, sondern wie schon beim Verständnis des Sakramentes der Ehe und der Eucharistie auch im innersten Kern. Außerdem werden wir – die Rüge Sattlers für den Kardinal gibt einen Vorgeschmack – erleben, wie es auf der nationalen/sprachgemeinschaftlichen Ebene zu erbitterten Auseinandersetzungen zwischen konkurrierenden akademischen Schulen untereinander und mit einzelnen Bischöfen oder Fraktionen in den Bischofskonferenzen kommt.

Und weder auf nationaler noch auf gesamtkirchlicher Ebene wird es eine Autorität geben, die für ein Lehramt sprechen könnte, das sich in der Kapitulation vor dem antiautoritären Zeitgeist selbst aufgegeben hat. Solange dieses Lehramt nicht wiederhergestellt ist, bleibt als einzige verläßliche Autorität die Tradition.

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