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Fragen zur Spaltersynode

Bild: israelnetz.com vom 9.11.2016Die überwiegende Mehrheit der deutschen Bischöfe steht offenbar unter dem von den Medien mit Fleiß beförderten Eindruck, daß die wenigen verbliebenen Kirchgänger ihrem Steuereintreibungsverbund in hellen Scharen den Rücken kehren, wenn die aktuell zur Behandlung auf dem Synodalen Weg markierten Fragen nicht umgehend und im Sinne der Progressisten beantwortet werden. Diese Fragen, besser gesagt „Forderungen“, werden schon seit Jahrzehnten von dem Verein „Wir sind Kirche“ und dessen Vorgängern vom Kirchenvolksbegehren vorgetragen, der es zwar nie zu einer nennenswerten Mitgliedschaft gebracht hat, aber doch recht repräsentativ für eine verbreitete Stimmung in vielen Gemeinden zu sein scheint. Bis vor etwa zehn Jahren haben viele Bischöfe, vermutlich eine Mehrheit, eine klar ablehnende Haltung zu den dort vorgetragenen Forderungen eingenommen. Doch dann – möglicherweise im Zusammenhang mit einer unverkennbaren Radikalisierung und Säkularisierung des Zentralkomitees – hat sich der Opportunismus durchgesetzt, und so entspricht der themenkatalog des Synodalen Weges fast 1:1 dem alten Forderungskatalog der Kirchenvolks-Begehrer:

  • „Aufbau einer geschwisterlichen Kirche“ – gemeint ist Demokratisierung der Institutionen
  • „Volle Gleichberechtigung der Frauen“ – einschließlich der Zulassung zu allen Weiheämtern
  • „Freie Wahl zwischen zölibatärer und nicht-zölibatärer Lebensform“
  • „Positive Bewertung der Sexualität“ – durch eine neue an der gesellschaftlichen Realität orientierte Sexualmoral
  • „Frohbotschaft statt Drohbotschaft“ - Verzicht auf die Rede von der Sünde und Ausschluß von öffentlichen Sündern von den Sakramenten.

Diese Entwicklung innerhalb von 25 Jahren von einem Katalog der Undenkbarkeiten zum offiziell und auch im Konflikt mit Rom aufgestellten „Reformprogramm“ wirft schwerwiegende Fragen zu (mindestens) drei Bereichen auf:

Die erste bezieht sich vor allem auf die nationale Ebene: Was ist in Theologie, Studium und Katechese geschehen oder nicht geschehen, daß Lehre und Ordnung der Kirche heute so umfassend zur Disposition gestellt werden können? Nicht von den Rändern, sondern vom institutionellen Zentrum der Strukturen her.

Die zweite Frage ist an Rom zu richten, und ausdrücklich nicht nur an das aktuelle Pontifikat: Wie konnten so viele Personen ins Bischofsamt berufen werden, daß heute eine klar gegen die Lehre und Ordnung der Kirche verstoßende Synodenplanung mit überwältigender Mehrheit (21:3) gegen einen orthodoxen Alternativvorschlag durchgesetzt werden kann?

Die dritte Frage berührt unser Hauptthema: Inwieweit ist die vor 50 Jahren beschlossene Liturgiereform nur Ausdruck der alle Entwicklungen überwölbenden Tendenz zur Säkularisierung – oder hat sie entscheidend dazu beigetragen, dieser Tendenz auch im katholischen Volk zum Durchbruch zu verhelfen?

Wir werden versuchen, vor allem dieser dritten Frage in diesen Wochen des 50. Jahrestages der Einführung der Liturgiereform näher nachzugehen.

Reden über Schisma und Spaltung

Die S-Wörter haben Konjunktur. Wurden sie bis vor wenigen Jahren peinlich gemieden und höchstens einmal hinter vorgehaltener Hand ausgesprochen, wenn es um besonders schlimmes Versagen einzelner Theologen oder irrender Oberhirten ging, so erscheinen sie heute immer öfter als unentbehrlich zur Beschreibung aktueller Entwicklungen. Drei Veröffentlichungen vom Wochenbeginn werfen auf je unterschiedliche Weise Schlaglichter auf den desolaten Zustand der Ecclesia militans, die in weiten Bereichen den Kampf, der doch ihr Wesen ausmacht, aufgegeben hat, und sich zum Friedensschluss mit dem Übel und dem Verderber der Welt anschickt.

Aus Italien erreichte uns gestern ein Artikel des Vatikan-Analytikers Andrea Cagliarducci (Englisch in Monday Vatican  und auf Deutsch beim Beiboot Petri), der das Thema der Theologie ohne Gott aufgreift, das unsererseits hier bereits ansatzweise und in deutscher Perspektive angesprochen wurde. Cagliarducci führt aus, daß die Theologie ohne Gott beileibe nicht auf deutsche Universitäten begrenzt ist, und er zeichnet die Pontifikate der Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. als durchdrungen von der Anstrengung, dieser in der gesamten Kirche vordringenden Anti-Theologie entgegen zu wirken. Offenbar mit wenig Erfolg, jedenfalls nicht nachhaltig. Im gegenwärtigen Pontifikat sind diese Abwehrversuche trotz anderslautender verbaler Bekundungen praktisch zum Erliegen gekommen. Ersten Konsequenzen sind mit den Dokumenten Laudato Si und Amoris Laetitia bereits sichtbar geworden, sie haben tiefgehende Unruhe und Verwerfungen in der Kirche bewirkt. Die weiteren Aussichten, wie sie etwa mit der Amazonas-Synode oder dem deutschen „Synodalen Weg“ eröffnet werden, müssen alarmieren. Kirchenspaltung und Schisma erscheinen als reale Gefahr.

Den zweiten überaus aufschlußreichen Beitrag lasen wir auf „New Liturgical Movement“, wo Peter Kwasniewski den Brief eines russisch-orthodoxen Mönchs präsentiert, den der einem westlichen Benediktiner geschrieben hatte, nachdem dieser ihm eine längere Abhandlung über die Notwendigkeit der Rückkehr in die Einheit der Kirche unter dem Papst zugesandt hatte. Die Antwort aus Russland macht deutlich: An den traditionellen Motiven und Begründungen für die Spaltung hat sich kaum etwas geändert – aber in den letzten Jahrzehnten, die doch westlicherseits angeblich unter dem Primat der Ökumene standen, sind noch viele Neue dazu gekommen. Die Spaltung zwischen Ost und West erscheint tiefer als seit Jahrhunderten. Und im Westen werden vermehrt Fälle bekannt, daß sich verzweifelte Katholiken im vermeintlich weniger vom Modernisierungssturm geschüttelten Osten in Sicherheit bringen – Rod Dreher von der Option Benedikt ist nur das prominenteste, bei weitem aber nicht einzige Beispiel.

Unmittelbar das Thema „Spaltung“ spricht Peter Winnenmöller in einem ebenfalls an diesem Montag erschienenen Beitrag für kath.net an.

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Falscher Dialog gegen wahren Glauben

Bild: Photo des BuchumschlagsFr. John Hunwicke hat am 18. August auf seinem Blog einen Beitrag veröffentlicht , der auch nach unserer Sommerpause – und noch lange darüber hinaus – von großem Interesse ist. Unter dem Titel Typologie ist die Antwort befaßt er sich mit dem populären Trend, den (im übrigen weitgehend politisch/strategisch motivierten) „Dialog mit den Juden“ auf Kosten der Wahrheit voranzubringen. Auf Kosten der unumstößlichen Wahrheit, daß nur in Christus Erlösung ist und es buchstäblich keinen Weg zum Heil gibt, der um Christus herum (oder gar gegen ihn) geht.

Das Thema ist auch liturgisch von allergrößter Bedeutung. Die Reformen von Missale und Brevier im 20. Jahrhundert haben zwar vorgegeben, Gewicht und Anteil der Schriften des Alten Testaments zu vergrößern. Dabei haben sie jedoch in Texten und bei deren Übersetzungen immer stärker auf hebräische, d.h. nachchristlich oder sogar antichristliche jüdische – Lesarten und Traditionen zurückgriffen, während sie die authentische Tradition der Kirche zurückdrängten. Damit verliert das Neue Testament quasi seine Fundierung im Glauben des auserwählten Volkes der Zeit, bevor es sich in seiner Mehrheit von einem seinen Erwartungen nicht entsprechenden Messias abwandte. Viele Texte des Alten Testaments werden damit schwerverständlich oder verlieren jeden Bezug zu unserem Glauben – besonders betrifft das die Psalmen, die zumindest in der Theorie immer noch das Kernstück des Stundengebets, des offiziellen Amtsgebetes der Kirche, bilden.

Nur im Vorgriff auf ein demnächst hier anzusprechendes Thema sei vermerkt, daß die „Neue Einheitsübersetzung“ des Jahres 2016 diesen üblen Trend in ihrer Übersetzung der Psalmen noch einmal erheblich verstärkt hat. Die Psalmen, die nach den für die deutsche Kirche verbindlichen Büchern in Brevier oder in der Messe auftauchen, sind an vielen Stellen definitiv nicht die Psalmen, die Jesus und seine Jünger gebetet haben und die den Glauben der Kirche über die Jahrtausende mitgeformt haben. Doch nun zum Artikel von Fr. Hunwicke.

Typologie ist die Antwort

Der „Geist des Konzils“ ist auch daran beteiligt, daß heute viele Leute irrtümlich glauben, ‚das Konzil‘ hätte den Juden gesagt, sie müßten sich nicht (zu Christus) ‚bekehren‘.

Das ist ganz ähnlich wie bei der Liturgie: die Konzilsväter glaubten, daß sie mit Sacrosanctum Concilium den Auftrag zu einer gemäßigten Reform geben würden, die dem Latein im wesentlichen seinen Platz erhalten würde... und so weiter. Aber nach weniger als einem Jahrzehnt waren die Veränderungen weit über den tatsächlichen Text der Konzilsväter hinausgegangen. Und allmählich brachte man die Leute zu der Annahme, das Konzil habe befohlen, die Liturgie gänzlich in der Umgangssprache zu feiern und die Altäre nachgerade universell umzudrehen … und all das andere.

Nostra Ætate hatte ein ganz ähnliches Schicksal. Die Konzilsväter glaubten, sie würden eine umfassende Verurteilung antijüdischer Vorurteile und Verfolgungen aussprechen. Sie glaubten, damit das wenige in ihren Kräften stehende zu tun, um zur Versöhnung nach der Shoah beizutragen. Der Abscheu gegenüber dem, was weniger als zwei Jahrzehnte zuvor geschehen war, bewog sie zu starken Worten gegen den unsäglichen Schrecken, der das Gesicht Europas entstellt hatte, und auch gegen die Defekte einer christlichen Kultur, die dazu beigetragen haben mochten. Aber sie hatten nicht die Absicht, eine Irrlehre von „Zwei Bünden“ zu entwickeln, sie dachten noch nicht einmal in dieser Richtung. Und doch erzählte man nach wenigen Jahrzehnten den Gläubigen, das Konzil habe die Lehre, daß die Kirche als neues Bundesvolk an die Stelle Israels getreten ist, verworfen.

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Theologen und Theologie ohne Gott

Bild: Wikimendia - gemeinfreiWir erinnern uns: als der Palast von Sa. Marta und viele Bischöfe – die deutschen waren dabei besonders lautstark – die homosexuellen und pädophilen Mißbräuche in der Kirche auf das Phänomen eines nicht näher beschriebenen „Klerikalismus“ zurückführen wollten, widersprach unüberhörbar Benedikt XVI. In seiner international, vor allem aber in Deutschland stark beachteten Stellungnahme erklärte der ehemalige Papst, daß die längst auch in die Kirche eingedrungene Gottlosigkeit der Gesellschaft in der 2. Hälfte des 20. Jh. die Hauptursache dafür sei, daß sexueller Mißbrauch ein solches nie vorher beobachtetes Ausmaß erreichen könnte. Als besondere Ursachen benannte Benedikt die in der 68er-Bewegung vorangetriebene und schließlich als gesellschaftliches Leitbild etablierte „sexuelle Revolution“, durch die auch in der Priesterschaft verfehlte Vorstellungen von „sexueller Freiheit und Selbstbestimmung“ Eingang gefunden hätten. Ausdrücklich erwähnte er auch die Tatsache, daß in verschiedenen Priesterseminaren quasi unter den Augen der Bischöfe „homosexuelle Clubs“ entstanden waren, die dort eine verderbliche Atmosphäre erzeugten.

Dieser mehrfache Tabubruch – negative Benennung der „sexuellen Revolution“ und der „68-er Bewegung“, ausdrückliche Erwähnung des homosexuellen Elements – löste bei denen, die ihr „Klerikalismus“-Framing gefährdet sahen, wütende Reaktionen aus. Besonders bei den nicht ohne Zutun der Bischöfe als Lebenszeitbeamte wohlversorgten Hochschullehrern, die sich seit Jahren als „Dekonstruktivisten“ der kirchlichen Lehre auf allen Gebieten betätigen. Der Freiburger Fundamental“theologe“ Striet nannte die Analyse Benedikts in einem Beitrag für katholisch.de geradeheraus „absurd“ und wiederholte noch einmal den ganzen Katalog der Vorwürfe gegen die authentische katholische Sexualmoral und kam zu dem – in seinen Augen für diese offenbar vernichtenden – Verdikt: „Ich bin mir relativ sicher, dass in den Human- und Sexualwissenschaften schon lange keine Texte mehr gelesen werden, die aus Rom kommen. Solche Aussagen würden auch schlicht als grotesk zurückgewiesen werden.“ Wir lesen das freilich als Selbstanzeige: Der Herr pfeift auf die Lehre der Kirche – und ist stolz darauf.

Die Historikerin Birgit Aschmann, die zwar nicht an einer theologischen Fakultät beschäftigt ist, aber seit Jahren dem sog. „Zentralkomitee“ der deutschen Katholiken angehört, veröffentlichte im Juli in den „Stimmen der Zeit“ des Herder-Verlages einen Artikel „Das wahre katholische Leiden an 1968“. (Der Text ist beim Verlag gegen Gebühr abrufbar) Darin versuchte sie, die Kritik Benedikts an „68“ mit einem in ihren Augen wohl geradezu idyllischen Gegenbild des damaligen Umbruchs zu widerlegen. „Mehrheitlich“, so meint sie, „wollten die Bundesbürger weder Revolution noch Gewalt. Stattdessen plädierten sie für die Auflösung von Autoritätsmodellen, setzten sich für demokratische Alltagsstrukturen ein und zeigten eine höhere Sensibilität für Geschlechtergerechtigkeit.“ Und dann kommt sie zu einer aparten Wendung: „Womöglich lag das eigentliche, langfristige Problem der Kirche (...) in einer lehramtlich extrem weltfremden, restriktiven Haltung, die nachgerade zwangsläufig Inkohärenzen und Widersprüche provozierte.“

Als prägnantesten Ausdruck dieser „weltfremden restriktiven Haltung“ benennt sie die Enzyklika „Humanae vitae“ und ihre Folgen. Die mit der Enzyklika bekräftigte Realitätsverweigerung habe – so vermutet die Autorin - den emotionalen Haushalt von Laien und dann auch von Priestern total ins Ungleichgewicht gebracht, „Die Frustration zum einen und die Sprachunfähigkeit zum anderen könnten die Hemmschwellen von Priestern gesenkt haben, sexuelle Kontakte zu anderen Männern, Frauen ‒ und auch Kindern zu suchen.“

Darauf muß man erst mal kommen.

Der ehemalige Papst hat nun in einer der Herder Korrespondenz zugeleiteten und soeben veröffentlichten Stellungnahme auf diese Art von „wissenschaftlicher“ Kritik an seiner Intervention geantwortet. Den Beitrag Aschmanns nennt er „ungenügend und typisch für das allgemeine Defizit in der Rezeption meines Textes“ und stellt fest, „dass auf den vier Seiten des Artikels von Frau Aschmann das Wort Gott nicht vorkommt, das ich zum Zentralpunkt der Frage gemacht habe“.

Nun ist Frau Aschmann freilich keine Theologin, sondern „nur“ Mitglied im Zentralkomitee – und in dem spielt der Glaube an Gott schon seit längerem keine wahrnehmbare Rolle. Doch das ist in Benedikts Augen typisch für viele Sprecher des offiziellen Katholizismus in Deutschland – auch die an theologischen Fakultäten: „Soweit ich sehen kann, erscheint in den meisten Reaktionen auf meinen Beitrag Gott überhaupt nicht, und damit wird genau das nicht besprochen, was ich als Kernpunkt der Frage herausstellen wollte. (... Das) zeigt für mich die Ernsthaftigkeit einer Situation auf, in der das Wort Gott in der Theologie sogar vielfach am Rand zu stehen scheint.“
Das ist ein strenges Verdikt – es läuft letzten Endes darauf hinaus, daß der Mann, der über zwei Jahrzehnte als Präfekt der Glaubenskongregation amtierte und dann bis zu seiner – uns nach wie vor unverständlichen – Abdankung selbst 8 Jahre lang den Stuhl Petri innehatte, die deutsche Universitätstheologie in großen Teilen der Gottlosigkeit beschuldigt.

Diese Beschuldigung hat bereits weitere wütende Gegenreaktionen hervorgerufen, auf die noch einzugehen sein wird.

„Nicht nur Häresie“

Bild: CNA/Daniel IbanezIm Interview mit Riccardo Cascioli von NBQ hat Gerhard Kardinal Müller den stärksten denkbaren Vorwurf gegen das Vorbereitungspapier zur Amazonassynode und seine Verfasser ausgesprochen: Einige Aussagen seien „nicht nur“ Häresie, weil sie den Abfall vom Christentum überhaupt implizierten. „Der Häretiker kennt die katholische Glaubenslehre und widerspricht ihr. Hier aber macht man nur eine große Verwirrung, und das Zentrum von allem ist nicht Jesus Christus, sondern sind sie selbst und ihre menschlichen Ideen zur Rettung der Welt.“

Dementsprechend scharf geht der Kardinal vor allem mit den Passagen des Dokuments ins Gericht, die eine angeblich besondere oder gar vollkommenere Offenbarung in den Naturreligionen des Amazonas beschwören:

Die „Kosmovision“ ist eine pan-naturalistische oder – im modernen, europäischen Kontext – eine materialistische Konzeption, die jener des Marxismus ähnelt: Am Ende können wir tun, was wir wollen. Gott ist nicht die Natur, wie es Baruch de Spinoza (1632–1677) formulierte. Wir aber glauben an Gott, den Schöpfer des Universums.“

Zum modischen Mythos vom Leben in Harmonie mit der Natur und der Achtung vor „Mutter Erde“ merkt er an:

Seit der Ursünde gibt es keine Harmonie mehr mit der Natur. Oft ist sie der Feind des Menschen, in jedem Fall aber ist sie ambivalent. Denken wir an die vier Elemente: Erde, Feuer, Wasser und Luft. Erdbeben, Brände, Überschwemmungen, Stürme sind alles Ausdrucksformen der Natur und Gefahren für den Menschen. Der Mensch seinerseits ist zum Feind seines Bruders geworden anstatt sein Freund zu sein (Ehebruch, Raub, Lüge, Mord, Krieg). (…) Unsere Mutter ist eine Person und nicht die Erde. Und unsere Mutter im Glauben ist Maria. Auch die Kirche ist als Mutter beschrieben, da sie Braut Jesu Christi ist. Diese Worte dürfen nicht inflationär gebraucht werden. Eine Sache ist es, Respekt für alle Elemente dieser Welt zu haben, ein ganz andere, sie zu idealisieren und zu vergöttern.“ 

An anderer Stelle spricht er sich – nachvollziehbar, wie wir meinen – für einen recht verstandenen Anthropozentrismus als Gegenentwurf zur pantheistischen Naturverherrlichung aus:

Es ist eine absurde Idee, behaupten zu wollen, daß Gott nicht anthropozentrisch sei. Der Mensch ist der Mittelpunkt der Schöpfung, und Jesus ist Mensch geworden. Er ist nicht eine Pflanze geworden. Das ist eine Häresie gegen die Menschenwürde. Die Kirche muß vielmehr den Anthropozentrismus betonen. Das Leben des Menschen ist unendlich würdiger als das Leben egal welchen Tieres. Heute gibt es bereits einen Umsturz dieses Prinzips: Wenn ein Löwe in Afrika getötet wird, ist das ein weltweites Drama, wenn aber hier die Kinder im Mutterleib getötet werden, ist das in Ordnung. Auch Stalin behauptete, daß diese Zentralität der Menschenwürde zu beseitigen sei; so konnte er viele Menschen rufen, um einen Kanal zu graben und sie zum Wohl der künftigen Generationen sterben zu lassen.“

Weitere Abschnitte des langen Gesprächs beschäftigen sich mit dem Thema der „Inkulturation“, dem Verhältnis von sozialem und geistigem „Fortschritt“ und den offen eingestandenen Absichten der Synodenbefürworter, die Kirche „grundlegend verändern“ zu wollen. Alles in hohem Maße lesenswert – eine vollständige deutsche Übersetzung bietet katholisches.info.

Besonders ärgern dürfte es die Propheten der neuen Amazonasoffenbarung, daß Kardinal Müller ihnen an mehreren Stellen nachweist, die Dokumente des 2. vatikanischen Konzils nicht oder falsch verstanden zu haben – und daß er quasi zum Ausweis der Kontinuität in einem besonders wichtigen Kontext auch das Konzil von Trient zitiert:

Die „Substanz der Sakramente“ ist wichtiger als die sekundären Riten und kann nicht durch die kirchliche Autorität geändert werden (Konzil von Trient, 21. Sess., 1562, DH 1728).

Der Kardinal beschließt seine Ausführungen mit den starken Worten:

Man spricht voll Respekt von der Weisheit der Ahnen, verachtet aber die lange Tradition der Kirche. Die Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. werden wie etwas Überholtes behandelt. Man will sich der Welt anpassen: unauflösliche Ehe, Zölibat, Priesterinnen, die apostolische Autorität, sie werden behandelt, als handle es sich um ein politisches Problem. Alles muß in der Überzeugung geändert werden, daß es dadurch zu einem neuen Frühling der Kirche, zu einem neuen Pfingsten kommt. Auch das ist eine bizarre Idee, da die Ausgießung des Heiligen Geistes ein einmaliges, eschatologisches Ereignis ist, das für immer gilt. Als würde das Beispiel der Protestanten nicht genügen, um diese Illusion zu widerlegen. Sie sehen nicht, daß sie die Kirche zerstören. Sie sind wie Blinde, die in die Grube fallen. Die Kirche hat sich gemäß den Grundsätzen der katholischen Theologie und nicht der Soziologie oder des Naturalismus und Positivismus zu entfalten, (vgl. Dei Verbum, 8-10). „Die heilige Theologie ruht auf dem geschriebenen Wort Gottes, zusammen mit der Heiligen Überlieferung, wie auf einem bleibenden Fundament“ (Dei Verbum, 24).

Es ist unbegreiflich, daß sich bis jetzt nicht mehr Bischöfe, Nachfolger der Apostel als Verkünder und Wahrer der Lehre Christi, in so eindeutiger Weise den weitgehend übereinstimmenden Feststellungen der Kardinäle Müller und Brandmüller oder von Laien wie William Kilpatrick angeschlossen haben. Rundum nur Wölfe statt der Hirten? Schweigen und „Aussitzen“ führt hier stracks in die Apostasie.

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