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Das Kreuz mit dem Kreuz

Schon für den hl. Paulus war das Kreuz ein Zeichen des Widerspruchs, „den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit“. Kein Wunder, daß eine Gesellschaft, die keinen Widerspruch erträgt, immer aggressiver versucht, dieses Zeichen aus der Öffentlichkeit und aus dem Bewußtsein zu verdrängen. Und daß untreue Hirten, die keinen Mut mehr zum Widerspruch haben, dieses Zeichen bestenfalls halbherzig verteidigen oder es sogar bereitwillig ablegen, wo das ihnen opportun erscheint.

Die einzige verbliebene mehrmals wöchentlich erscheinende katholische Zeitung in deutscher Sprache hat am 1. September einen Artikel des glaubenstreuen Theologen Felix Dirsch veröffentlicht, der einzelne Stationen dieser Entwicklung nachzeichnet und sie in einen größeren Zusammenhang einordnet. Das geht von den seit vielen Jahren vorangetriebenen Versuchen, das Kreuz aus Klassenzimmern und Gerichtssälen zu verbannen, oder dem aktuellen Vorstoß der Berliner Kulturlinken, zumindest das Kreuz auf der Kuppel des gegen ihren Willen wiederhergestellten Berliner Schlosses zu verhindern, bis zu& dem Mann in der Berliner Straßenbahn, der unlängst wegen seines am Hals getragenen Holzkreuzes von Männern „mutmaßlich nordafrikanischer Herkunft“ zusammengeschlagen wurde. Zumal das bei weitem nicht der einzige derartige Fall ist.

Mit Blick auf Masseinanwanderung und Islam erschließt sich Dirsch denn auch ein wichtiger Aspekt des größeren Zusammenhangs:

In der Tat besteht eine der Konsequenzen von Multikulturalisierung und Pluralisierung der Gesellschaft in der Aufwertung herkunftskultureller Identitätssuche. ... 

Die intensiver wahrgenommenen Identitäten der anderen Seite bewirken eine Aufwertung des kollektiven Eigenen. Konkret sind diese dialektischen Prozesse nicht ohne die deutliche Zunahme von Muslimen zu verstehen. Der Publizist David Berger notiert: „Wo das Kreuz verdrängt wird, wird bald der Halbmond leuchten.“ Der Kunsthistoriker Horst Bredekamp spitzt in Anspielung auf den bekannten Titel von Michel Houellebecqs Roman zu: „Wenn ihr das Kreuz nicht baut, seid ihr ein leise knackendes Rädchen der Kulturmaschine namens Unterwerfung.“

Allerdings sollte man die hier asugedrückte Haltung nicht ohne Weiteres als Zeichen für eine Wiederaufnahme christlicher Inhalte verstehen:

Diese Einsicht wächst weniger in Zirkeln traditionell Frommer, die diesem Trend in der Regel aufgrund universalistischer Vorstellungen verhalten bis ablehnend gegenüberstehen; vielmehr wird ein solches Bekenntnis meist von Vereinigungen und deren Mitgliedern artikuliert, die sich selten durch häufigen Kirchgang auszeichnen. Sie repräsentieren eine dritte Richtung in der Debatte um das Kreuz neben dem konfessionellen Christentum und dem Laizismus der politischen Linken sowie der Liberalen. Die neue „populistische“ Welle in Europa, von Putin über Orban bis zu Le Pen, vertritt das christlich-abendländische Erbe höchstens in gebrochener Art und Weise. 

Beim Blick auf das gesamtgesellschaftliche Umfeld wird der letzten Endes doch wieder religiös bestimmte Inhalt der Entwicklung in vollem Umfang sichtbar: 

Christliche Glaubenssymbole kommen von zweierlei Seiten unter Druck: Moslemische Verbände unterstützen Klagen ihrer Anhänger, die den Islam stärker im öffentlichen Bereich verankern wollen. Der durch sämtliche Gerichtsinstanzen ausgetragene Kampf um die Zulässigkeit des Kopftuches in Schulen ist hierfür ein Beispiel. Einheimische Politiker, etwa der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz, propagieren hingegen den konsequenten Säkularismus im öffentlichen Bereich. Mangels Nachdruck der Gläubigen betrifft die Verbannung primär das Christentum. (...)  Duckmäuserei vor der liberalistischen „Diktatur des Zeitgeistes“ (Papst em. Benedikt XVI.), die vorrangig unter der Dampfwalze der Gleichheit agiert, überall nur Egalitäres sieht und keine Verschiedenheit von religiösen Symbolen und Lebensformen mehr anerkennt, fordert auch hier ihren Tribut.“

Wir können die vollständige Lektüre des unter der Überschrift „Das Eigene wird abgeräumt“ erschienenen Artikels nur sehr empfehlen. Wer kein Abbonent der Tagespost ist, sollte sich damit vielleicht beeilen: Viele zunächst auch im Web zugängliche Artikel sind nach wenigen Tagen nur noch für zahlende Leser zugänglich.

Aber das macht doch nichts

Zusammenschnitt aus Youtube-ScreenshotsImmer wieder wird beklagt, nach der Liturgiereform hätten die Katholiken das Bewußtsein für die Welt der Farben und Symbole verloren, ja, es sei ihnen sogar von den Bilderstürmern des Modernismus mit Gewalt ausgetrieben worden. Das ist natürlich alles nur eine Verleumdung von Seiten gewisser Dunkelkatholiken, die nicht sehen wollen, welchen Reichtum sich die Kirche im Aufblühen des neuen Frühlings erschlossen hat: Nie war Kirche so bunt wie heute!

Sehr schön zu beobachten dieser Tage in der spanischen Stadt Ceuta, die zwar auf dem afrikanischen Kontinent liegt, aber seit 1415 zu Spanien gehört. Die Mehrzahl der Einwohner sind Christen, eine starke Minderheit sind Muslime, und dann gibt es auch noch kleinere Kolonien aus anderen Ländern und Kulturen. Die indische Kolonie feierte letzte Woche ein Fest der Hindu-Gottheit Ganesha – das ist der mit dem Elephantenkopf – es gab einen Umzug durch die Stadt, und Ganesha machte unter anderem auch Station in der Kirche unserer Lieben Frau, Patronin von Afrika. Das Götterbild und seine Verehrer wurden dort vom Kirchenrektor freundschaftlich begrüßt, es gab Musik und frohe Lieder, eine herzliche Umarmung beschloss das farbenfrohe Ereignis der erweiterten Ökumene. Ist das nicht schön? Und so richtig auf Augenhöhe!

Zwei Youtube-Filme von der Festivität hier und hier, daraus auch als Zusammenschnitt unsere Illustration

Eine tickende Atombombe

Bild: Getty-Images 470309868Unter der alarmierenden Überschrift „Droht reine Logik die gesamte Morallehre der katholischen Kirche zu zerstören?“ hat der österreichische Philosoph und Theologe Josef Seifert im August eine Untersuchung zu Amoris Laetitia vorgelegt, die im angelsächsischen Raum – der Text ist auf Englisch veröffentlicht – bereits unter dem Begriff „eine tickende Atombombe“ diskutiert wird. Der inzwischen als Hochschullehrer emeritierte Seifert (Jahrgang 1945) war von Papst Johannes-Paul II. zum Mitglied auf Lebenszeit der päpstlichen Akademie für das Leben ernannt worden – eine Position, die er mit der faktischen Auflösung dieser Einrichtung durch Franziskus 2016 verlor und in die er nach der Neuformierung der Akademie in diesem Frühjahr nicht erneut berufen wurde.

Zentralpunkt der Kritik Seiferts ist ein Satz in AL303, in dem es heißt:

(Das) Gewissen kann nicht nur erkennen, dass eine Situation objektiv nicht den generellen Anforderungen des Evangeliums entspricht. Es kann auch aufrichtig und ehrlich das erkennen, was vorerst die großherzige Antwort ist, die man Gott geben kann, und mit einer gewissen moralischen Sicherheit entdecken, dass dies die Hingabe ist, die Gott selbst inmitten der konkreten Vielschichtigkeit der Begrenzungen fordert, auch wenn sie noch nicht völlig dem objektiven Ideal entspricht.

Aus dem allgemeinen Kontext und nicht zuletzt aus der berüchtigten Fußnote 329 folgert Seifert, daß das, was hier euphemistisch als „noch nicht völlig dem objektiven Ideal entsprechend“ angesprochen wird, auch Fälle und Situationen umfasst bzw. umfassen kann, die nach überlieferter Lehre der Kirche schwere Sünde sind, namentlich das Eingehen und Fortsetzen einer ehebrecherischen Beziehung. Damit wäre es möglich, aus diesem Absatz abzuleiten, daß das Gewissen unter bestimmten Bedingungen berechtigterweise zu der Überzeugung kommen kann, daß Gott selbst verlangt, eine schwere Sünde zu begehen. Ein widerspruch in sich selbst. Von daher wäre es in der Tat mit den Mitteln der reinen Logik möglich, die gesamte Morallehre der Kirche aus den Angeln zu heben.

Seifert legt in seiner Intervention Wert auf die Feststellung, daß er Papst Franziskus nicht unterstellt, diese Deutung der angeführten Passage – und die daraus ableitbaren verheerenden Folgen – zu beabsichtigen. Er beschränkt sich auf die Feststellung, daß dieses Verständnis des Textes möglich ist und bittet den Papst ähnlich wie bereits zuvor die Verfasser der Dubia, diese Interpretation durch eine entsprechende Klarstellung ausdrücklich auszuschließen.

Hier der englische Originaltext von Seifert zum Download.

Mehr zum Thema:

https://www.lifesitenews.com/news/amoris-laetitia-is-a-ticking-atomic-bomb-set-to-obliterate-all-catholic-mor
https://onepeterfive.com/josef-seifert-pure-logic-threaten-destroy-entire-moral-doctrine-catholic-church/

Ein klägliches Schauspiel

Bild: Catolicismo.comDas dürfte selbst für einen Papst mit dem Sendungsbewußtsein eines südamerikanischen Caudillos nicht einfach so wegzustecken sein: Zunächst erläuterte Kardinal Burke im Interview mit The Wanderer detailliert, wie er sich die angekündigte „Brüderliche Zurechtweisung“ wegen der Unklarheiten in Amoris Laetita vorstellt. Dann trat der renommierte britische Theologe Aidan Nichols O.P. mit dem Vorschlag an die Öffentlichkeit, ein Verfahren zur Korrektur mißverständlicher päpstlicher Äußerungen im Kirchenrecht zu verankern. Der einflußreiche amerikanische Kirchenrechtler Edmund Peters stimmt ihm darin zu. Offensichtlich sehen beide dafür heute größeren Bedarf als jemals zuvor, denn in tausend Jahren Kirchenrecht ist bisher noch niemand auf den entsprechenden Gedanken gekommen.

Zu allem Überfluss ist jetzt ein Artikel von Kardinal Brandmüller bekannt geworden, der in der August-Ausgabe der von Nichols Ordensbruder Ockenfels herausgegebenen Zeitschrift „Die neue Ordnung“ erschienen ist (hier als PDF). Der auch als einer der Unterzeichner der 5 Dubia hervorgetretene Kardinal und früherer Professor für Kirchengeschichte behandelt darin das Thema des päpstlichen Glaubensbekenntnisses, das Päpste von den aller frühesten Zeiten bis ins 20. Jahrhundert zu verschiedenen Anlässen abgelegt haben – entweder, um Zweifel an ihrer eigenen Rechtgläubigkeit zu zerstreuen, oder um in einer Glaubenskrise Zeugnis dafür abzulegen, was der wahre Glaube der Kirche und des Papstes ist.

Brandmüller schlägt in seinem Artikel einen beeindruckenden Bogen von der Amtseinsetzung des Petrus – nachdem dieser bekannt hatte: „Du bist der Messias, der Sohn des Lebendigen Gottes“ - bis zum 1968 von Papst Paul dem VI. miterarbeiteten, als Motu Proprio erlassenen und öffentlich vorgetragenen „Credo des Gottesvolkes“. Paul VI. hatte damit seinerzeit auf die vielfältigen theologischen Auseinandersetzungen, die die Kirche während und nach dem 2. Vatikanum zerrissen, geantwortet. Neben den traditionellen Glaubenswahrheiten hatte er bei der Abfassung damals besonderen Wert darauf gelegt, die aktuell um- und bestrittenen Punkte breit darzustellen und in größtmöglicher Klarheit abzuhandeln. Dementsprechend unbeliebt ist das „Credo des Gottesvolkes“ bei vielen ihr eigenes Chaos-Lehramt beanspruchenden Theologen. In Deutschland ist es kaum publiziert worden und weitgehend unbekannt geblieben. Es eignet sich wie übrigens sämtliche Enzykliken und Lehrschreiben dieses Papstes zu dogmatischen Gegenständen auch heute noch als sicherer Grund für die Erkenntnis dessen, was katholisch ist – und was nicht.

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„Die Zeit der Priester ist vorbei“

Bild: Berthold Werner, Wikimedia, CC BY-SAIm Erzbistum Trier wird in diesem Herbst die neue Bistumsstruktur in Kraft treten, mit der die Zahl der Pfarreien von heute 887 auf 35 reduziert werden und auch sonst kein Stein auf dem anderen bleiben soll. Die Gläubigen im Bistum sind über die anstehenden Veränderungen tief gespalten, und es ist durchaus nicht sicher, ob Erzbischof Ackermann, auf dessen Anregungen und unter dessen Verantwortung die Operation stattfindet, nach deren Abschluß noch mehr als die bürokratische Hülle einer Diözese zu regieren hat.

Die Gegenstimmen kommen aus zwei Richtungen. Da sind zum einen Orte und Pfarreien, in denen die katholische Welt noch einigermaßen in Ordnung zu sein scheint und die sich durch die Neustrukturierung in Selbstverständnis und Funktion wohl nicht grundlos zutiefst bedroht sehen. Im „Volksfreund“ ist letzte Woche ein Artikel erschienen, der eine solche Situation am Beispiel der 400-Einwohner-Ortschaft Meckel nahe der luxemburgischen Grenze bei Echternach plastisch darstellt. Ihr Widerstand erscheint hoffnungslos: Wie ein Ort dieser Größe – selbst mit zwei oder drei gleichgroßen Nachbarn zusammen – als eigenständige Pfarrei bestehen soll, ist unter den gegenwärtigen Bedingungen schwer vorstellbar. Man wird sich resigniert fügen – und dann wird die kirchliche Bindung des Alltagslebens auch dort immer mehr zurückgehen.

Bedrohlicher erscheint der Widerstand aus der anderen Richtung, von Seiten derer, denen der mit der Neustrukturierung verbundene Umsturz noch nicht weit genug geht. Auch hier hat die Lokalpresse – diesmal ist es die „Rhein-Zeitung“ – ein überaus aufschlußreiches Beispiel zu bieten. Die Rhein-Zeitung läßt ausführlich die Koblenzer Pastoralreferentin Jutta Lehnert (Jahrgang 1955, aktiv in 'Kirche von Unten') zu Wort kommen, die sich zunächst enttäuscht über die Ergebnisse der von Ackermann zur Absegnung der Neustrukturierung einberufenen Synode äußert: Die Synode sei gescheitert, weil sie nur im vorgegebenen Rahmen gedacht habe. Sie hätte von der Synode erwartet, dass sie im Vatikan vorstellig geworden wäre, laut geworden wäre, vehement die Stimme für tiefere Reformen und für eine Änderung des Kirchenrechts erhoben hätte.

Wie Lehnert sich diese „Reformen“ vorstellt, beschreibt sie dann laut Rhein-Zeitung so: „Die Zeit der Priester ist vorbei. Die Gemeindebildung muss freigegeben werden. Dann können sich überall engagierte Jesusgruppen bilden“. Dazu brauche es männliche wie weibliche Seelsorger, die sich um die Menschen kümmern, und Theologinnen und Theologen, die die Bibel auslegen, „aber keine Priester“. Diese Jesusgruppen sollen Vollmachten bekommen, auch die Eucharistie feiern zu dürfen, denn das bräuchten sie für ihr gesellschaftliches Engagement. „Die Kirche hat in ihrer Tradition immer die Ämter ausgebildet, die sie in der jeweiligen Zeit gebraucht hat“, sagt die Pastoralreferentin. „Aber irgendwann wurde eine Ämterstruktur geschaffen, die versteinert ist. Die Synode hat diese Strukturen und Formen gar nicht geprüft und hinterfragt und nicht wirklich neu gedacht. … Diese Jesusgruppen müssen kleinteilig und an vielen Orten sein. Es braucht nur engagierte Menschen, die sich um die Bibel und im Gebet versammeln, sich gegenseitig helfen und sich vernetzen.“

Man könnte derlei als schwärmerische Spinnerei abtun – wäre Frau Lehnert nicht seit Jahrzehnten in Dienst und Sold des Bistums – und würde das, was sie da von sich gibt, nicht allzusehr dem entsprechen, was an vielen theologischen Fakultäten gelehrt und in einigen Ordinariaten konzipiert wird. Die von ihr nur in aller Konsequenz ausformulierte Absicht zur Abschaffung des Priestertums und letztliche Eliminierung des Sakramentalen Charakters der Kirche wird an vielen Stellen betrieben. Und man sollte sich durch die Unzufriedenheit von Frau Lehnert und anderen „Kirche von Unten“-Vertretern mit dem Ausmaß der in Trier eingeleiteten „Reformen“ nicht täuschen lassen: Die geistigen Söhne und Töchter Luthers werden die Gelegenheit, die ihnen diese Reform bietet, zu nutzen wissen – und sie können dabei darauf rechnen, daß ihnen ein Bischof wie Ackermann keinen nennenswerten Widerstand entgegensetzen wird.

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