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Fusswaschung und Königshof

Wochenlang klaffte im stets für mehrere Monate im Voraus veröffentlichten päpstlichen Terminkalender für den Gründonnerstag (in diesem Jahr der 2. April) eine auffällige Lücke. Am 11. März nun hat der Vatikan mitgeteilt, daß Franziskus an diesem Tag im Gefängniskomplex von Rebibbia eine Messe feiern und in deren Verlauf 12 Gefangenen und Gefangeneninnen die Füße waschen wird. Zum dritten Mal wird damit der römische Bischof diesen Tag, an dem die Kirche aus dem ganzen Umfang des Heilsgeschehens insbesondere die Einsetzung des Altarssakramentes und des Priestertums hervorhebt, nicht in seiner Bischofskirche und im Kreis der Diözese, und ihres – seines - Klerus feiern. Stattdessen geht er demonstrativ an die von ihm als Sitz des Heils verklärte „Ränder“ der Gesellschaft. Steht zu hoffen, daß sich unter den ihm dort zur Fußwaschung präsentierten Häftlingen keine Mitglieder der Mafia befinden, die er doch schon mehrfach in diesem Jahr unter stärksten Verwünschungen zu aus der Kirche Ausgeschlossenen erklärt hat. Oder meint er gerade diese? Wer weiß schon.

Nun ist es ja nicht so, daß frühere Päpste keine Besuche an den Rändern der Gesellschaft gemacht hätten, auch Rebibbia ist keine Premiere. Papst Benedikt war am 4. Adventssonntag 2011 in der Gefängnisstadt, und auch dessen Vorgänger Johannes Paul hat neben vielen anderen „sozialen Brennpunkten“ Rebibbia besucht, am 27. Dezember 1983, dem Dienstag nach Weihnachten. Den „Menschen am Rande der Gesellschaft“ galt immer, in Worten, in Gesten und in tatkräftiger Unterstützung, die besondere Aufmerksamkeit der Kirche, des Klerus ebenso wie der Gläubigen; die „Gefangenen zu besuchen“ ist eines der sieben leiblichen Werke der Barmherzigkeit.

Verstörend, in der dritten Wiederholung nachgerade alarmierend, ist der Umstand, daß Franziskus ausgerechnet den Tag der Einsetzung zweier Sakramente, die unmittelbar auf Christus zurückgehen, anscheinend zum festen Termin des demonstrativen Ganges an die Ränder der christlichen wie der nichtchristlichen, der gläubigen wie der ungläubigen Welt machen will.

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Tiefer ins Schisma? Nichts neues von der DBK

Die unsäglichen Äußerungen der Bischöfe Marx „wir sind keine Filialen von Rom“ und Bode „auch die Realität von Menschen und der Welt ist eine Quelle der Offenbarung“ (ausführlicher hier) haben zu Recht große Unruhe ausgelöst – zumal ihnen auch auf der Frühjahrstagungt der DBK, soweit bekannt geworden, von niemandem ernstlich widersprochen worden ist. Bei der Aufregung wird allerdings leicht übersehen, daß beides nicht wirklich neu ist sondern lediglich die konsequente Fortsetzung des schon vor Jahrzehnten eingeschlagenen Weges los von Rom darstellt.

Bereits mit ihrer „Königsteiner Erklärung“ von 1968 haben die deutschen Bischöfe sich im kaum verhüllten Gegensatz zur vom Papst verkündeten traditionellen Lehre so weit von dieser Lehre abgewandt, wie es ohne formalen Bruch möglich war. Nach Königstein spielte die Lehre der Kirche für die pastorale Praxis in Deutschland keine Rolle mehr. Aber auch die in ihrer Unverblümtheit auf den ersten Blick überraschende Forderung Bodes, die Realität der Welt nach hl. Schrift und Tradition als dritte „Quelle der Offenbarung“ anzuerkennen, ist bestenfalls teilweise neu. Seit Jahren predigen deutsche Theologen von ihren Lehrkanzeln, das kirchliche Lehramt sei an den „sensus fidelium“ gebunden – wobei sie listig unterschlagen, daß damit kein demokratischer Kirchenvolksentscheid gemeint ist und daß als „fideles“ die gemeint sind, die in der Vergangenheit den wahren Glauben durch ein heiligmäßiges Leben bezeugten und die in der Gegenwart bereit wären, ihn durch das Martyrium zu bezeugen. Die deutschen Bischöfe also wohl eher weniger.

Bodes aktueller Beitrag zu dieser Irrlehre besteht nun darin, daß er auch die „fideles“ in welcher Lesart auch immer im Ungenannten verschwinden läßt und die „Realität von Menschen und Welt“ ganz allgemein an deren Stelle hebt – womit er sich wiederum in schönster Harmonie zu Reinhard Marx befindet, der in Hildesheim den Glauben zum „Werkzeug für die Einheit der Menschheitsfamilie“ erklärte, deren Erlösungsbedürftigkeit ihm (in Anlehnung an sein Vorbild Teilhard de Chardin) offenbar restlos aus dem Blick geraten ist.

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Über die Macht der Worte

Da hat es also im Kölner Dom, ausgerechnet, am 22. Januar einen großen Gottesdienst mit der Bundeswehr zum Weltfriedenstag gegeben, ein Pontifikalamt gar, und da die Bundeswehr seit einiger Zeit auch Arbeitgeber für Frauen ist und unter diesen Frauen selbstverständlich die muslimischen einen erklecklichen Anteil stellen, war es wohl unvermeidlich, daß zu diesem Anlass eine Mohammedanerin den Kranz der FürbitterInnen bereicherte – mit züchtigem Uniformmantel und Kopftuch, wie es sich im Altarraum des Domes gehört. Wie war das noch einmal laut offizieller Grundordnung für das Neue Missale: Die Fürbitten sind Ausdruck des allgemeinen Priestertums der Gläubigen. Aha.

Die Fürbitte in Köln begann jedenfalls laut kath.net abweichend vom vorher abgesprochenen Text mit der Formel „Im Namen Gottes, des Barmherzigen, des Allerbarmers. Die Grüße seien auf dem Siegel der Propheten“, womit Jesus Christus, Gottes Sohn - bestenfalls - in eine Reihe mit dem falschen Propheten der Mohammedaner gestellt wurde. In einer hl. Messe, der Vergegenwärtigung des erlösenden Opfers am Kreuz!

Daß es den Machern von Kath.net weder gelungen ist, den genauen Wortlaut des von der Dame vorgetragenen Textes herauszubekommen, noch wer für die „Gestaltung“ dieser halbstaatlichen Zeremonie verantwortlich zeichnet, kann uns nicht überraschen. Ähnliches hat sich kürzlich ja auch in den vatikanischen Gärten zugetragen, und nachher diskutierten sprachkundige Islamkenner wochenlang darüber, ob der dorthin eingeladene Mullah tatsächlich für den Sieg Allahs über die Ungläubigen gesungen habe und wer wohl damit gemeint war.

Wenig überraschen kann auch, daß unter denen, die sich anschließend in den Zuschriften zu Wort meldeten, doch eine ganze Reihe von Islamverstehern oder präziser gesagt Knechten des Relativismus waren, von denen einer großzügig meinte: „Wenn das all unsere Sorgen sind.... Mein Gott ist jedenfalls ein großzügiger Gott, dem das ehrliche Anliegen im Zweifelsfall ungleich wichtiger ist als theologische Korrektheit!“ Und ein anderer: „Als wenn es keine wichtigeren Dinge gäbe in dieser Welt....“ Soll wohl heißen: Wären die Märtyrer nicht so pingelig gewesen, hätten sie alle in Freuden leben können bis ans Ende ihrer Tage. Dumm genug, selber schuld.

Erst recht nicht überraschen kann auch, daß die Macher von Kath.net in ihrer Kommentierung davon sprachen, der Vorfall habe sich während einer „Eucharistiefeier“ ereignet – das ist nun mal der gängige Sprachgebrauch. Und doch scheint uns gerade in diesem Sprachgebrauch ein Schlüssel zum Verständnis dafür zu liegen, daß ein solcher Skandal möglich ist und von vielen Katholiken noch nicht einmal wahrgenommen wird. Was feiern wir nicht alles, wenn das Jahr lang ist: Den Geburtstag, das Firmenjubiläum, den Karneval, die Wiedervereinigung – und manchmal eben auch die Eucharistie. Wir tun, wir machen, wir gestalten, so wie es uns gerade in den Sinn kommt und nützlich erscheint. Wir sind die, auf die es ankommt und von denen alles ausgeht. In Zeiten, daß der allgemeine Sprachgebrauch verlangte, daß man am heiligen Messopfer teilnahm, konnte sich diese Verwirrung nicht so leicht breit machen.

Formen und Inhalte hängen nun einmal eng zusammen. Ausführlicher dazu gerade für den Begriff „Eucharistiefeier“ verweisen wir auf Johannes Nebels Überlegungen zu „Actio oder celebratio“, die wir Ende Januar hier kurz referiert haben.

Spätzeit des Christentums

Nichts von dem, was der Journalist Markus Günther in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über die in Deutschland angebrochene „Spätzeit des Christentums“ geschrieben hat, ist neu oder irgendwie überraschend. Das Hoch bei den Kirchensteuereinnahmen sei unbestreitbar - doch nun verabschiedeten sich die Generationen, die zumindest noch eine sentimentale Bindung an die Kirche bewahrt hätten, aus dem Berufsleben; es wüchsen kaum noch Steuerzahler nach, die Politik werde sich dieses Ballastes entledigen. Der Glaube selbst sei großflächig zusammengebrochen, reduziert auf Ermahnungen zum Gutmenschentum, die man gleichlautend und vielleicht sogar überzeugender auch anderswo hören könne. Nach vielen Jahren sinnentleerten Religionsunterrichtes wüssten die jungen Leute nichts über „ihre“ Religion - außer, daß man das alles heute nicht mehr so sehen könne. Der Apparat stehe als Scheinriese da wie die  SED vor dem 40. Jahrestag der DDR - den diese diese dann nur um wenige Monate überlebte.

Wie gesagt, nichts Neues, aber in diesem Blatt und mit solchem Nachdruck vorgetragen vielleicht doch für einige unserer Hirten, die seit Jahrzehnten vom „neuen Frühling“ schwafeln, ein Anstoß, sich ehrlich zu machen. Wir weigern uns, zu glauben, daß sie alle mit ihren Staatssekretärsgehältern am Ziel ihrer letzten Wünsche angekommen sind und darauf setzen, daß die Sintflut erst nach ihnen komme.

Unübersehbar ist der Zusammenhang dieses bevorstehenden Bankrotts mit der Zerstörung der Liturgie seit der Mitte des 20. Jahrhunderts. Was man für „unumgängliche Modernisierung“ ausgab, in vielen Fällen woch auch ehrlich dafür hielt, war letztlich nichts anderes als der vom Zeitgeist aufgenötigte oder vom Opportunismus getriebene Verzicht auf die äußeren Formen, das inkarnatorische Grerüst, ohne das der Glaube seine Verwurzelung in der Transzendenz nicht glaubhaft machen kann - so ging mit dem einen auch das andere verloren: „Lex Orandi - lex credendi“.

Verloren geht mit dem unausbleiblichen Zusammenbruch aber auch das einzige Argument, mit dem die Verteidiger der liturgischen Reformation bis jetzt noch hier und da ein paar Punkte sammeln konnten: Ohne die „erneuerte Liturgie“ und ohne den hierzulande erfundenen und inkarnierten Konzilsgeist wäre alles noch viel schlimmer gekommen. Der historische Konjunktiv ist zwar ganz allgemein kein Argument, aber in diesem Fall wird er, was sonst oft gar nicht so leicht ist, auch noch knallhart widerlegt: Schlimmer als das, was jetzt aus guten Gründen anzunehmen ist, kann es überhaupt nicht kommen - zumindest dann nicht, wenn man die von einer bis ins Mark verweltlichten und entgeistigten Zivilkirche selbst hochgehaltenen Maßstäbe anlegt.

Wer den Glauben wirklich bewahren will - und das nicht in einer leichtbekömmlich zubereiteten  Schwundform, sondern so, wie ihn Christus gelehrt, die Apostel verkündet, die Väter ausgebreitet und das Lehramt zweier Jahrtausende befestigt haben - kann ihn nicht in Formen anbieten, die seinen Inhalten nicht entsprechen oder diese sogar geradewegs dementieren.

Inzwischen ist der Artikel von Markus Günther auch im öffentlichen Internet zugänglich; eine gute Zusammenfassung gibt IDEA. Aber wie gesagt: Am Inhalt ist wirklich nichts überraschend oder gar neu. Nur der Ort der Veröffentlichung könnte vielleicht einigen der Armen Seelen, die sich bisher von den Propagandisten des Neuen Frühlings mundtot machen ließen, zu denken geben.

Religiös unmusikalisch?

Dafür, daß er sich als „religiös unmusikalischen Beobachter“ bezeichnet, wendet sich der Medienwissenschaftler Norbert Bolz erstaunlich oft Religionsthemen zu - und das mit einem Klarblick und einer Courage, um die ihn mancher hauptberufliche Religionsvertreter beneiden sollte. Am 15. Dezember hat der Südwestfunk einen Vortrag Bolz' ausgestrahlt, in dem er mit großer begrifflicher Präzision herausarbeitet, warum Religion nicht eines von vielen Elementen ist, die in ihrer Gesamtheit und in ihrem Zusammenspiel eine „pluralistische Gesellschaft“ ausmachen, sondern der grundsätzliche Gegenentwurf, das überlebensnotwendige Ganz Andere. Also nichts, das per „Aufklärung“ überwunden und abgetan werden müsste - eher schon andersrum. 

“Man denkt mit dem, was man glaubt“, hat Bolz beobachtert, um dann zuzuspitzen: 

„Es gibt also keinen großen Unterschied zwischen einem frommen Menschen und zum Beispiel einem Habermasianer. Nur dass der fromme Mensch weiß, dass er glaubt, während der Habermasianer glaubt, dass er weiß. Deshalb spricht auch nichts gegen Orthodoxie. Wer fromm ist, hat kein Interesse am Marktplatz der Ideen. Er hat die Wahrheit - und deshalb kein Interesse an einer anderen Wahrheit. Was nämlich eine Religion, die sich ernst nimmt, von einer bloßen Meinung unterscheidet, ist der Anspruch auf privilegierten Zugang zur Wahrheit. Nur tote Ideen existieren in der Form der friedlichen Koexistenz nebeneinander, sagt Robert Spaeman.“

Mit Unverständnis, wenn wir das richtig sehen, sogar mit Bedauern, konstatiert der Religionsbeobachter,  daß die Religionsvertreter des lieben lauen Friedens zuliebe davon heute wenig wissen wollen: 

Gegen diese Einsicht sperrt sich das moderne Christentum. Soweit sich die christlichen Kirchen auf das Konzept der Zivilreligion einlassen, beschreiben sie sich selbst funktionalistisch. Heilsversprechen gibt es dann nicht mehr. Als Zivilreligion hat das Christentum die großen Themen wie Kreuz, Erlösung und Gnade aufgegeben und durch einen diffusen Humanismus kompensiert. Wie andere westliche Institutionen gerät es damit in die Modernitätsfalle. Die christliche Zivilreligion leidet nämlich nicht daran, dass sie mit der Kulturentwicklung nicht mitkäme, sondern an ihrer eigenen Realitätsgerechtigkeit. Gerade weil sie so modern und „aufgeklärt“ ist, kann sie nicht mehr Heil versprechen und eine neue Welt prophezeien.“

Selten sah man das Wesen von Glaubensverlust, Verweltlichung und Selbstsäkularisierung präziser zusammengefasst. Der Vortrag ist beim SWR als Manuskript zu bekommen - die Lektüre wird dringend empfohlen.

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