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„Lex orandi - lex credendi“

In den vergangenen Jahren hat sich der Sprachgebrauch hier auf Summorum-Pontificum de etwas verändert: Statt von „Gläubigen, die der überlieferten Liturgie der Kirche anhängen“, ist hier immer öfter von „Gläubigen, die an der Überlieferten Lehre und Liturgie der Kirche festhalten“ die Rede. Es hat sich gezeigt, daß es sich beim Festhalten an der Tradition nicht nur um irgendeine Art von „Anhängerschaft“ handelt, die so oder auch anders aussehen könnte. Daß es nicht allein um die Liturgie geht, sondern daß die Liturgie untrennbar verbunden ist mit der Lehre und dem Glauben insgesamt. Es geht ums Ganze. Verluste bei dem einen ziehen unweigerlich auch Beschädigungen bei dem anderen nach sich – oder sind deren Ursache, je nachdem.

Nichts könnte das besser zum Ausdruck bringen als die gegenwärtige katastrophale Entwicklung um Amoris Laetitia. Sie hat das Potential, erneut eine Kirchenspaltung herbeizuführen - oder besser gesagt: Offenbar werden zu lassen.

Die ganze Diskussion um den Kommunionempfang der „Wiederverheirtateten Geschiedenen“ ist nur denkbar vor dem Hintergrund eines tiefgreifenden Wandels des Eucharistieverständnisses, der inzwischen nicht nur von einzelnen Theologen propagiert, sondern auch vom Papst selbst getragen wird. In Deutschland kann dieser Wandel angesichts des Kommunionempfangs ausnahmslos aller Teilnehmer, wie er in den meisten Novus-Ordo-Gemeinden zu beobachten ist – und angesichts des gleichzeitig zu beobachtenden nahezu vollständigen Verzichts auf Empfang und Spendung des Beichtsakraments - inzwischen als durchgesetzt gelten.

Nach der überlieferten Lehre der Kirche geht es bei der Kommunion zunächst um eine nicht nur mystische Vereinigung jedes einzelnen Gläubigen mit der Substanz - dem göttlichen Wesenskern – des Leibes und der Person Christi, durch die das Leben seiner Seele gestärkt und aufgebaut wird. Eine weitere Folge dieser Vereinigung ist auch die Stiftung von Gemeinschaft unter den Gläubigen selbst – sie werden, wie der Apostel Paulus in seinem Brief an die Korinther ausführt, (diesmal jedoch mystisch) „zu einem Leib, weil wir alle an einem Brot teilhaben“.

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Die 4. Woche

Aufreger der Woche ist das Vorgehen des Papstes gegen den Orden der Malteserritter, und das nicht ohne Grund: Rechtlich gesehen ist der Vorgang nichts anderes als die Annexion eines Staates durch einen anderen – selbst wenn beide Staaten, bestenfalls, Operettenformat aufzuweisen haben. Das Trauerspiel ist noch nicht abgeschlossen, aber eines muß heute schon ganz klar gesagt werden: Die Existenz des Malteserordens als souveränes Völkerrechtssubjekt ebenso wie als Ordensgemeinschaft innerhalb der Kirche berührt keine Fragen des Glaubens und gehört insoweit nicht zum Wesentlichen der Kirche. 

Das gilt auch dann, wenn man ins Auge fasst, daß die Annexion des Ordens durchaus geeignet ist, die völkerrechtliche Stellung des Hl. Stuhles selbst zu untergraben: Auch die Existenz eines souveränen päpstlichen Staates im Vatikan gehört nicht zum Wesentlichen der Kirche. Nicht zu diesem Wesenskern gehört ebenfalls, daß der Papst einen klaren Verstand, unanfechtbaren Charakter und unbedingte Achtung vor dem Gesetz Gottes und der Kirche hat – die Geschichte kennt Gegenbeispiele.

Zum Wesentlichen der Kirche gehört, daß der Papst in seiner Lehre dem Wort Gottes folgt, wie das fleischgewordene Wort es seiner Kirche anvertraut und die Nachfolger Petri es gestützt auf die ungebrochene Tradition seit Väterzeiten verkündet und verteidigt haben. Daß genau daran und nicht erst seit Amoris Laetitia ernste Zweifel aufgetaucht sind, und daß der Verwalter des Lehramtes sich hartnäckig weigert, diese Zweifel zu zerstreuen, ist das wirklich Beunruhigende. Alles anderes gehört nicht zu den Ursachen, sondern zu den Erscheinungsformen der Krise. Daß die Krisenerscheinungen dann selbst wieder zu Ursachen für die weitere Verschärfung der Krise werden, steht auf einem anderen Blatt.

Zumal die Krisenerscheinungen immer mehr Gebiete erfassen. Die Liturgiekrise ist längst als eine dieser Erscheinungen erkannt, die einerseits auf dem Glaubensverlust beruhen, ihn andererseits immer weiter um sich greifen lassen. Die seit dem Rücktritt Papst Benedikts offen erkennbar gewordenen Krisen der Anwendung des Kirchenrechts, der kirchlichen Institutionen und des Papsttums selbst haben ähnlich hohes Zerstörungspotential.

Offenbar sind wir in diesen Wochen und Monaten Zeugen einer geradezu lustvollen Zertrümmerung der Formen der Kirche, die sie in den vergangenen tausend Jahren angenommen hat. Nicht alle Verluste, die damit einhergehen, sind beklagenswert. Umso mehr zu beklagen ist, daß der Furor der ihrer Sache allzu sicheren Zerstörer nichts mehr vom Zusammenhang zwischen Formen und Inhalten weiß, alles gleicherweise zur Disposition stellt und die Übereinstimmung zum Welt- und Menschenbild der Gegenwart zum alleinigen Kriterium und anscheinend auch höchsten Wert zu machen scheint. Dieser Ungeist ist nicht mehr nur „postkatholisch“, er geht auch, wie es zeitgeistige Theologien auch bereits formuliert haben, „über Christus hinaus“. Erst ins Universelle, dann ins Leere. Und er ist nach langem Rumoren im Untergrund nun im Zentrum der verfassten Kirche angekommen. Was das für diejenigen bedeutet, die an der Tradition nicht wegen ihrer Formen festhalten, sondern wegen ihres von Christus verbürgten Inhalts – der freilich auch durch Formen gestützt werden muß, solange Menschen Mensch sind – ist neu zu bewerten. Das Bekenntnis  „ubi Petrus, ibi ecclesia“ scheint seinen eindeutigen Inhalt zu verlieren.

Von Polarisierung zu Spaltung

Am vergangenen Samstag hat der Osservatore Romano, faktisch das Amtsblatt der gegenwärtig den Vatikan beherrschenden Modernisten, die Anwendungskriterien der maltesischen Bischöfe zu Amoris Laetitia veröffentlicht. Sie enthalten unter Bezug auf die umstrittenen Fußnoten des päptlichen Dokuments die Freigabe der Kommunion und Erlaubnis zur Weiterführung ihres irregulären Lebenswandels für die sog. geschiedenen Wiederverheirateten. Einziges Kriterium dafür ist, daß sich die Betroffenen „mit einem gebildeten und erleuchteten Gewissen ... in Frieden mit Gott“ sehen. Wie das möglich sein soll, da jede Gewissensbildung anhand der geltenden Lehre der Kirche und des katholischen Katechismus dem entgegensteht, wird nicht ausgeführt. Was bis jetzt verbindlich war, gilt ab heute als irrelevant.

Die katholische deutsche Tageszeitung Die Tagespost führte dazu gestern in einem Kommentar von Guido Horst aus:

Der Graben wird tiefer. Florenz gegen Rom, Polen gegen Argentinien, Malta gegen Mailand. Das nennt man ein faktisches Schisma.“

Damit wird das S-Wort auch in einer Publikation verwandt, die sich - bei aller Bemühung um die Treue zur überlieferten Lehre - in der Vergangenheit doch stets bemühte, Zuspitzungen zu vermeiden und Gräben eher einzuebnen, als noch weiter aufzureißen. Man geht wohl nicht fehl, darin ein Indiz dafür zu erkennen, daß das unglückselige Pontifikat von Franziskus mit der Veröffentlichung von Amoris laetitia in seine zweite Phase eingetreten ist: Der unmittelbar mit der Amtsübernahme eingeleiteten Periode der Verwirrung folgt nun die Etappe der Spaltung. Es ist schließlich nicht nur die Tagespost, die diesen Übergang deutlich erkennen läßt. Überall, wo über die Kirche und ihre Lehre gesprochen und geschrieben wird, treten unversöhnliche Gegensätze zu Tage: Nein, zwei und zwei kann auch in der Theologie nicht „5“ sein, und ein Satz und seine Verneinung können nicht gleichzeitig wahr sein.

Wie tief diese Spaltung gehen wird, ob auch im 21. Jahrhundert dem faktischen Schisma ein offenes Schisma mit Päpsten und Gegenpäpsten folgen wird, ist noch nicht absehbar. Klar erkennbar ist dagegen heute schon, daß dieses Pontifikat gescheitert ist. Gescheitert ist damit nicht nur ein unter maßloser Selbstüberschätzung leidender argentinischer Prälat mitsamt den kurialen und nationalen Interessengruppen, die mit ihm als Schutzschild ihre jeweiligen Interessen durchzusetzen versuchen. Gescheitert ist damit auch der seit dem 2. vatikanischen Konzil propagierte Ansatz, die Kirche Christi dadurch „gegenwartsfähig“ zu machen, daß man postmoderne Mehrdeutigkeit an die Stelle des Eindeutigen und die „eine Welt“ menschlicher Träume an die Stelle ihres einzigen Herrn stellt.

Und das immerhin gibt Hoffnung - selbst wenn der von Franziskus ausgerufene Aufruhr noch mehr Irrsinn mit sich bringt, bevor er endgültig zusammenbricht.

Der Riß wird tiefer

Ende vergangenen Jahres kolportierte die internationale Presse als angebliche Aussage von Papst Franziskus: „Nicht ausgeschlossen, dass ich als derjenige in die Geschichte eingehen werde, der die katholische Kirche gespalten hat.“ Unabhängig davon, ob das so – hier zitiert nach spiegelonline - gesagt wurde oder nicht, ist die traurige Wahrheit jedenfalls die, daß die Kirche tatsächlich in diesem Pontifikat so gespalten erscheint, wie seit Jahrhunderten nicht mehr. Die vergangenen Tage unterstrichen das mit der Veröffentlichung eines Interviews von Kardinal Burke, in dem er den Stellenwert der aktuellen Kontroverse um Amoris Latitia darlegt und dabei diese Auseinandersetzung mit der arianischen Krise des 4. Jahrhunderts vergleicht. Offensichtlich bezieht sich Kardinal Burke dabei auch auf Ausführungen von Kardinal Schönborn im vergangenen Juli, in denen dieser Amoris Laetitia den Rang eines die Lehre neu fassenden Dokuments höchsten Ranges zugeschrieben hatte. Bekanntlich hatte der Papst, der sich selbst nach wie vor in Schweigen hüllt, Schönborn bereits zur Vorstellung des umstrittenen Dokuments in den Rang eines offiziellen Interpreten seiner Schrift erhoben.

Damals war in La Civilta Catholica ein Interview mit Schönborn erschienen, das vom Chefredakteur des Blattes, Antonio Spadaro S.J („in der Theologie kann 2+2 auch 5 sein“, Quelle) durchgeführt worden war, und mit dem der Wiener die gerade mit Macht aufbrechende Debatte um das neue Dokument zu beenden gehofft hatte. Konzentrieren wir uns auf zwei Kernaussagen. Zum lehramtlichen Stellenwert von Amoris Laetitia befragt, hatte Schönborn damals gesagt:

Es handelt sich offensichtlich um einen Akt des Lehramtes, es ist eine apostolische Ermahnung. Der Papst spricht hier unverkennbar in seiner Rolle als Hirte, als Herr und als Lehrer des Glaubens, nachdem er sich die Beratungen zweier Synoden zu Nutze gemacht hat.

Zur Frage, inwieweit die Lehre der Kirche durch dieses Dokument verändert werde und ob sie überhaupt verändert werden könne, sagte der Wiener Kardinal:

(Amoris Laetitia) lehrt uns auf konkrete Weise, zwischen der Kontinuität der lehrmäßigen Grundlagen und der Diskontinuität der Ansichten oder historisch bedingter Ausdrucksformen zu unterscheiden. Das ist die Rolle, die dem lebendigen Lehramt zukommt: Eine authentische Interpretation des Wortes Gorttes zu geben, des geschriebenen ebenso wie des überlieferten.

Und weiter:

Für den Bereich der menschlichen Lebenswelt hat der Heilige Vater die Diskussionsgrundlage der Kirche grundlegend neugestaltet. Dabei folgt er den Grundlinien seiner Apostolischen Ermahnung Evangelii Gaudium und ebenso der Pastoralkonstitution des 2. Vatikanums über die Kirche in der modernen Welt, in denen gezeigt wird, daß sich die dogmatischen Prinzipien und die Überlegungen zum menschlichen Leben heute in ständiger Entwicklung befinden. Dabei besteht grundlegende Offenheit zur Anerkennung der Realität.

Die Nähe von Spadaros „In der Theologie kann 2 + 2 auch 5 sein“ zu diesen Aussagen ist unverkennbar - alles ist Relativ. Der Wiener Kardinal dispensiert die Lehre von dem Erfordernis, bezüglich der konkreten Lebenswelt die gleichen Prinzipien zu vertreten, wie sie in der Dogmatik festgelegt sind, und er führt die atemberaubende Denkfigur ein, daß die Beibehaltung der theologischen Prinzipien und eine „grundlegende Neugestaltung der Diskussionsgrundlage der Kirche“ miteinander vereinbar sei – in der Sprache der Logik ausgedrückt: Daß ein Ding sowohl mit sich selbst identisch als auch nicht identisch sein könne.

In seinem Anfang dieser Woche im Remnant erschienen Interview sagt Kardinal Burke zu beiden Themen exakt das Gegenteil. Zur lehramtlichen Verbindlichkeit von Amoris Laetitia besteht er auf seiner von Anfang an eingenommenen Position,
daß diese Veröffentlichung ausweislich der darin enthaltenen Worte des Papstes selbst keine Aussage des päpstlichen Lehramtes darstellt.

Dieses Dokument muß notwendigerweise, so wie jedes Dokument, im Licht der beständigen Lehre und Praxis der Kirche gelesen werden. Die Aussagen in Amoris Latitia, die damit übereinstimmen, sind ja auch durchaus in Ordnung. Aber es gibt auch eine Anzahl von Aussagen, die man bestenfalls als verwirrend bezeichnen kann, diese müssen erläutert werden, und deshalb haben wir vier Kardinäle entsprechend einer klassischen Vorgehensweise in der Kirche dem hl. Vater fünf dubia unterbreitet, die sich auf die Grundlagen des moralischen Lebens und der entsprechenden kirchlichen Lehre beziehen.

Darüberhinaus macht Kardinal Burke klar, daß er – entgegen den von einigen Stimmen geäußerten Spekulationen – daran festhält, den verwirrenden Aussagen im päpstlichen Dokument eine klärende „brüderliche Richtigstellung“ entgegen zu setzen:

Wir befinden uns in einer sehr schmerzlichen Lage, aber wir müssen einfach weitermachen, um Klarheit in die Sache zu bringen.

Er gibt auch einen ersten Hinweis darauf, wie diese „brüderliche Richtigstellung“ aussehen könnte:

Nun, das würde ganz ähnlich aussehen wie die dubia selbst. Anders ausgedrückt: Wir würden die Wahrheiten, die von Amoris Latitia in Frage gestellt zu werden scheinen, noch einmal aus dem, was die Kirche immer gelehrt, praktiziert und in ihren offiziellen Dokumentan ausgesagt hat, ableiten und begründen. Damit lassen sich diese Irrtümer richtigstellen.

Zumindest in der Theorie, müssen wir als betroffene Beobachter hier anfügen. Welche praktischen Auswirkungen eine solche Erklärung haben könnte und würde, ist derzeit nicht abzusehen. Nur eines mach der Kardinal auch ganz deutlich: Die in Rom bereits ausgesprochene Drohung, ihn und die anderen bei fortgesetzter Unbotmäßigkeit ihrer Kardinalswürde zu entkleiden, macht auf ihn wenig Eindruck:

Das ist möglich, es ist in der Geschichte bereits geschehen, daß ein Kardinal seinen Rang verlor. Aber ich denke darüber nicht nach, weil ich meine Pflicht kenne. Ich will mich bei der Verteidigung der Wahrheit nicht davon abhalten lassen, daß ich dafür irgendwie verfolgt werden könnte. Jemand hat mich gefragt: Haben Sie denn keine Angst, auf dieser Sache zu bestehen? Dem habe ich geantwortet: Wovor ich Angst habe, ist beim letzten Gericht vor unserem Herrn zu stehen und ihm sagen zu müssen: Nein, ich habe Dich nicht verteidigt, als Du angegriffen wurdest und die Wahrheit, die Du gelehrt hast, verraten wurde.“

Schwer zu erkennen, wie sich der hier abzeichnende Bruch noch überbrückt werden könnte. Wo der eine von „grundlegender Offenheit zur Anerkennung der Realität (so wie wir sie sehen)“ spricht und der andere andere vom „Verrat an der Wahrheit (wie sie Gott uns offenbart hat)“, ist die Spaltung bereits eingetreten.

Christus „von unten“

Pantokrator von Cefalu - Bild Wikimedia commonsMit seiner vorgestrigen Ansprache im Haus St. Marta hat Papst Franziskus einen tiefen Einblick in sein Christusbild gewährt und gleichzeitig einen Schlüssel zum Verständnis der liturgischen Entwicklungen unter modernistischen Vorzeichen bereitgestellt. Das zumindest nach den vom Vatikan zur Verfügung gestellten Zusammenfassungen der Predigt und deren Wiedergabe in den Medien – der volle Text und Wortlaut der Morgenansprachen wird seit Beginn dieses Pontifikates nicht veröffentlicht. Die hier gebrachten Zitate entnehmen wir dem Bericht von Armin Schwibach in kath.net.

Thema der Ansprache war danach die vom Papst als „universal“ bezeichnete Vollmacht Christi, die er er eine nur „formale“ Vollmacht der Pharisiäer und Schriftgelehrten gegenüberstellte. Diesen Gegensatz und seine Begründung der Vollmacht Christi entwickelt er in drei Punkten; als ersten nennt er den Dienst an den Menschen:

Jesus diente den Leuten, er erklärte die Dinge, damit die Leute sie gut verstehen: er stand im Dienst der Leute. Er hatte die Haltung eines Dieners, und das verlieh ihm Vollmacht. Diese Gesetzeslehrer dagegen, die die Leute... ja, auf sie hörten die Leute, sie respektierten sie, doch sie spürten nicht, dass sie eine Vollmacht über sie besitzen. Diese hatten die Psychologie von Fürsten: ‚Wir sind die Meister, die Fürsten, und wir lehren euch’. Kein Dienst: ‚Wir befehlen, ihr gehorcht’. Und Jesus hat sich nie so gegeben, als sei er ein Fürst: immer war er der Diener aller, und das ist es, was ihm Vollmacht verlieh“.

Die zweite Charakteristik, die ihm Vollmacht gebe und von den Pharisäern unterscheide, sei die der Nähe zu den Menschen:

Sie (die Pharisäer) waren getrennt von den Leuten, sie waren nicht nah. Jesus stand den Leuten sehr nahe, und das verlieh ihm Vollmacht. Diese da, die den Abstand wahrten, diese Lehrer: sie hatten eine klerikalistische Psychologie. Sie lehrten mit einer klerikalistischen Vollmacht, das ist der Klerikalismus. Es gefällt mir so sehr, wenn ich von der Nähe zu den Menschen lese, die der selige Paul VI. hatte. In Nummer 48 der Enzyklika Evangelii nuntiandi ist das Herz des nahen Hirten zu sehen: dort liegen die Vollmacht und Autorität jenes Papstes, in der Nähe“.

Drittes Element zur Begründung der Vollmacht und ebenfalls Gegensatz zur Haltung der Pharisäer sei die Kohärenz:

Diese Leute waren nicht kohärent und ihre Persönlichkeit war derart gespalten, dass Jesus seinen Jüngern rät: ‚Tut, was sie euch sagen, aber nicht das, was sie tun’. Sie sagten das eine und taten das andere. Mangelnde Kohärenz, Widersprüchlichkeit. Sie waren widersprüchlich. Und das Wort, das Jesus ihnen viele Male sagt, ist ‚Heuchler’. Und man versteht, dass einer, der sich wie ein Fürst fühlt, der eine klerikalistische Haltung hat, der ein Heuchler ist, keine Vollmacht hat! Er mag zwar die Wahrheit sagen, aber ohne Vollmacht. Jesus dagegen, der demütig ist, der im Dienst an den anderen steht, der nahe ist, der die Leute nicht verachtet und der kohärent ist, besitzt Vollmacht. Und das ist die Vollmacht, die das Volk Gottes spürt“.

Das ist, um es zurückhaltend zu sagen, bemerkenswert. Diese drei Punkte, die sich in Wirklichkeit auf eine Behauptung reduzieren lassen, sagen nichts anderes als: Die Vollmacht Jesu geht von seiner Nähe, ja von seiner Übereinstimmung mit „den Leuten“ aus. Er ist der aus dem Volk hervorgegangene und auf das Volk gestützte Führer der Menschen gegen im Namen der Religion angemaßte (klerikalistische) Machtausübung. Er ist bestenfalls ein Messias, wie ihn sich viele Juden als König erhofften, die auf einen Retter in der Not und Anführer gegen die römische Fremdherrschaft warteten – und die Jesus die Gefolgschaft verweigerten, als als seine Botschaft ihnen „zu hart“ erschien und er schließlich am Kreuz alle ihre irdischen Hoffnungen enttäuschte.

Kein Wort davon, daß Jesu Vollmacht nicht „von unten“ kommt, sondern „von oben“, aus der Gottessohnschaft und der Erfüllung des Willens dessen, der ihn gesandt hat und in dessen Namen sich jedes Knie beugen muß im Himmel und auf Erden. Kein Wort auch davon, daß sein Reich „nicht von dieser Welt“ ist und daß sein Wirken allein das Ziel hat, „den Leuten“, die durch die Verirrung des Menschengeschlechts von Gott getrennt in Verirrung, Sünde und Schuld leben, die Rückkehr zu dem zu ermöglichen, der alle Macht besitzt und von dem jede Vollmacht ausgeht.

Andererseits aber eine perfekte Übereinstimmung mit jener in vielen Gemeinden des Novus Ordo praktizierten liturgischen „Nähe“ zu „unserem Bruder und Herrn“ Jesus, dessen Gesicht viele nur noch im Gesicht eines selbst ausgedachten „Nächsten“ (oder Fernsten, je nachdem) erkennen können, als dessen einziges Defizit das betrachtet wird, was am leichtesten zu beheben scheint: Ein Mangel an materiellen Gütern. Was nicht von dieser Welt ist, scheint nicht mehr zu zählen.

Angesichts der bestürzenden Tatsache, daß dieses postkatholische Christusverständnis jetzt in der Spitze der verfassten Kirche angekommen zu sein scheint, erübrigt sich die Frage, ob derlei eher die Ursache oder die Folge des liturgischen Verfalls der letzten Jahrzehnte ist. Nur Widerspruch und Widerstand auf allen erreichbaren Ebenen bietet eine Chance auf Besserung.

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