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Original und Fälschung

Bild: Aus dem zitierten Artikel auf Rorate CaeliLesehinweise und Meldungen, die unser Kernthema eher am Rande berühren, finden normalerweise ihren Platz in der Randspalte. In dieser Woche sind uns jedoch vier Texte begegnet, die unmittelbar das Zentrum unserer Existenz als Vertreter der Tradition der Kirche in der einen unteilbaren Kirche Christi berühren: Was bedeutet das für die Einheit, wenn große Teile von Klerus und Episkopat, ja vielleicht sogar der Papst selbst, sich in einer Weise von dieser Tradition abwenden, die die Einheit der Kirche in Deutschland oder der Kirche des 21. Jahrhunderts mit der apostolischen Kirche aller Zeiten gefährdet oder aufbricht?

In Form eines Briefwechsels gibt Peter Kwasniewski einem Fragesteller den Rat: „Wenn der Papst ein Häretiker ist, müssen wir an dem festhalten, was sicher ist“. Allem, was Kwasniewski hier schreibt, können wir zustimmen. Unsere einzige Kritik gilt der Formulierung des Titels: Wenn der Papst ein Häretiker ist.. Das „ist“ könnte jemanden zu der Vorstellung verleiten, er selbst oder irgendein Vertreter der Tradition oder eine Versammlung von Bischöfen könne befinden, daß der Papst ein Häretiker sei. Das ist jedoch nicht so einfach. Die Lehrer und Gesetzgeber der Kirche schließen zwar nicht aus, daß ein Papst Häretiker sein könne – aber sie geben keine Hinweise für das in dem Fall eines solchen Verdachtes einzuschlagende Vorgehen. Soviel jedoch kann sicher sein: Weder ein einzelner der Tradition verpflichteter Autor noch eine ganze glaubenstreue Gemeinschaft noch eine Gruppe von Bischöfen kann einen dahingehenden Beschluss fassen. Der Bischof von Rom, dessen Wahl von der ganzen Kirche anerkannt worden ist, ist der Papst. Alles weitere liegt in der Hand Dessen, dem die Kirche gehört.

Der Satz müßte also lauten: „Wenn wir vermuten oder befürchten, daß der Papst ein Häretiker ist, müssen wir an dem festhalten, was sicher ist.“ Und sicher ist, was die Kirche immer und überall gelehrt und bis in die Gegenwart auch stets als Lehre bekräftigt hat. Was damit nicht übereinstimmt, kann – nicht unbedingt muß – häretisch sein und ist auf jeden Fall extrem unsicher. Wer sich dann an das hält, was sicher ist, kaum nicht fehlgehen.

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Theologie, Liturgie, Glaube

Bild: Domradio / © Harald Oppitz (KNA)Liturgische Unfälle wie die falsche und unwirksame Taufformel „Wir taufen dich...“ sind keine Zufälle. Sie haben ihre Ursache in schweren Fehlentwicklungen einer theologischen Lehre und einer liturgischen Praxis, die persönliche Befindlichkeiten über das Wesen des Gottesdienstes und die Achtung vor dem Recht der Kirche stellt.. Viele Jahre lang hat die Theologenzunft darauf hin gewirkt hat, die metaphysischen und transzendentalen Bezüge des Glaubens zu verdünnen und durch säkulare und soziale Aspekte zu verdrängen. Gleichzeitig haben die Liturgie-Ingeniere das erfolgreich in die Form oder besser gesagt die Formlosigkeit des modernen Gottesdienstes übersetzt: Wir sind es, die tun und handeln, auf uns und unsere Gemeinschaft kommt es an. Beide zusammen haben die vertikale Dimension des Glaubenslebens durch eine horizontale Sichtweise ersetzt.

Sucht man im deutschsprachigen Internet nach Erklärungen für den Inhalt des Sakramentes der Taufe, wird man mit großer Wahrscheinlichkeit Formulierungen wie diese Finden: „Durch die Taufe wird ein Mensch in die Glaubensgemeinschaft der Christen aufgenommen“ (katholisch.de) oder ausführlicher und noch mehr in die Irre führend als Zitat aus einem weit verbreiteten Text von Pfarrer Ulrich Zurkuhlen (z.B. hier), der sich bei seiner Erklärung zunächst von einem vermeintlich überwundenen „vorkonziliaren“ Bewußtsein der Taufe absetzt:

Die Taufe wurde vor allem als Akt individueller Erlösung angesehen: bis zur Taufe unerlöst, von der Taufe an erlöst und damit gesichert gegen die Schicksalsschläge des Lebens, vor allem gegen solche, die das Kind "auf ewig" von Gott trennten. Auch wenn dahinter sicher eine gute Absicht steckte, so war das Gottesbild doch ziemlich seltsam: Schützt Gott denn nur getaufte Kinder und überlässt die ebenso ungetauften wie unschuldigen Kindern einem blinden Schicksal? Unvorstellbar! Vor allem aber fehlte dabei der Bezug zur Kirche als Gemeinschaft der Glaubenden; bei diesem Verständnis des Tauf-Sakramentes war es eigentlich ganz unwichtig, ob auch die Gemeinde, zu der das Kind von der Taufe an gehören würde, irgendwie anwesend war...“

Derlei steht zwar in direktem Widerspruch zum Katechismus der Kirche, auch dem von 1992, der zum Beginn der Abhandlung des Sakraments die Dinge in aller wünschenswerten Klarheit ausspricht:

Durch die Taufe werden wir von der Sünde befreit und als Söhne Gottes wiedergeboren; wir werden Glieder Christi, in die Kirche eingefügt und an ihrer Sendung beteiligt.“

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Spiel mit den Sakramenten - Spiel mit dem Feuer

Bild: Veröffentlicht auf Twitter2017 war der Amerikaner Matthew Hood zum Priester geweiht worden – so glaubten er, seine Familie und die Gläubigen seiner Einsatzorte zumindest bis Anfang dieses Monats. Dann mußte Hood beim Betrachten eines Familienvideos von seiner Taufe feststellen, daß der mit der Spendung des Sakraments beauftragte Diakon die der modernen Gemeinschaftsideologie entstammende Taufformel „Wir taufen Dich im Namen...“ verwandt hatte. Diese Formel ist, wie die Glaubenskongregation in einem unter Datum vom 24. Juni veröffentlichten Dokument festgestellt hat, nicht nur unzulässig, sondern auch unwirksam. Fr. Hood war ungetaufter „Heide“, der als solcher auch die später gespendeten Sakramente der Firmung, und der Weihe zum Diakon und zum Priester nicht empfangen konnte. Und somit war auch er selbst nicht in der Lage, die Eucharistie gültig zu feiern oder Sakramente, insbesondere auch das der Sündenvergebung, gültig und wirksam zu spenden. Was für ein Elend!

Hood, der vermutlich das Taufvideo nicht zum ersten Mal gesehen hatte und wohl durch einen nach Bekanntwerden der vatikanischen Klarstellung aufgekommenen Verdacht dazu getrieben worden war, es ein weiteres Mal anzusehen, vertraute sich sofort seinem Bischof (Exz. Allen Vigneron von Detroit) an, der unverzüglich die erforderlichen Maßnahmen einleitete: Hood wurde umgehend getauft und gefirmt, ging dann für einige Tage in Exerzitien und wurde vergangene Woche rite et recte zum Diakon und zum Priester geweiht. Seitdem ist die Diözesanverwaltung damit beschäftigt, auch andere Personen ausfindig zu machen, die in den Jahren 1986-99 von dem fraglichen Diakon mit Wasser begossen, aber nicht getauft worden waren, ebenso auch die zahlreichen „Kontaktpersonen“des ohne sein Wissen zur Sakramentenspendung unfähigen Priesters Der Diakon seinerseits hatte seine Praxis nach einer förmlichen Ermahnung 1999 korrigiert, jedoch waren offenbar bis zur jüngsten Klarstellung der Glaubenskongregation die Beteiligten davon ausgegangen, daß er bis dahin wohl rechtswidrig, aber nicht unwirksam gehandelt habe.

In einem Schreiben an die Gläubigen seiner Diözese erklärte Erzbischof Vigneron, was dieser Vorfall zu bedeuten und auch nicht zu bedeuten habe. Er schrieb unter anderem:

Die Kirche erkennt nach dem Gedanken des heiligen Thomas von Aquin an, dass Gott sich an die Sakramente gebunden hat, aber er selbst nicht durch die Sakramente gebunden ist. Dies bedeutet, dass wir zwar die Gewissheit haben können, dass Gott immer durch die Sakramente wirkt, wenn sie vom Geistlichen ordnungsgemäß gespendet werden, Gott jedoch ist insoweit nicht an die Sakramente gebunden, als er seine Gnade auf souveräne Weise erweitern kann und das auch tut. Wir können sicher sein, dass alle, die sich in gutem Glauben an Priester Hood wandten, um die Sakramente zu empfangen, nicht mit leeren Händen weggingen. Wir wissen, dass unser Herr in seiner unendlichen Liebe zu uns (auch in diesen Fällen) ein gewisses Maß an Gnade gewirkt hat. Gott wird von jenen Herzen angezogen, die ihm in Liebe offen stehen.

 Gleichzeitig sind die Sakramente, wenn sie richtig verabreicht werden, sichtbare Riten und wirksame Kanäle, durch die die heiligende Gnade Gottes zu denen fließt, die sie mit der richtigen Disposition empfangen. Die heiligende Gnade ist notwendig, damit eine Seele die Ewigkeit im Himmel verbringen kann, und eine gültige sakramentale Taufe garantiert, dass diese Gnade in die Seele gelegt wurde. Sünde ist ein Verlust der heiligmachenden Gnade, aber alle Sakramente wirken gemäß ihrem Zweck, heiligende Gnade in der Seele zu geben und zu stärken. Diese Gnade ist ein Schatz der Schätze, und wir müssen alles tun, um die Integrität der Sakramente zu schützen, durch die wir sie erhalten. Es ist die Pflicht der örtlichen Kirche, dafür zu sorgen, dass jeder, der ihr anvertraut wird, den vollen Nutzen und die Gewissheit hat, die sich aus dem gültigen Empfang der Sakramente ergeben, die uns gegeben wurden, um uns auf dem Weg zum Himmel so sicher wie möglich zu halten. (engl. auf der Website der Diözese, deutsch auf kath.net )

Bischöfliche Katechesen in dieser Klarheit und Bestimmtheit würde man sich öfter wünschen.

Als unmittelbare Nutzanwendung aus diesem hoch bedauerlichen Vorfall ergibt sich die Forderung an alle kirchlichen Vorgesetzten, insbesondere jedoch an die Bischöfe, keine „unklaren Verhältnisse“ einreißen zu lassen und ihrerseits in Zweifelsfällen alles zu unternehmen, um eine Klärung herbeizuführen. Sie müssen ihre volle Disziplinargewalt einsetzen, um alles zu verhindern, was dazu führen könnte, daß in ihrem Zuständigkeitsbereich (und auch darüber hinaus) Sakramente ungültig gespendet, d.h. nur simuliert werden. Denn so sicher wir sein können, daß der barmherzige Gott keine Seele verlorengehen lassen wird, die durch Täuschung oder Verkettung unglücklicher Umstände etwa um den Empfang einer gültigen Absolution betrogen wurde, so gewiss müssen wir befürchten, daß seine Gerechtigkeit es denen schrecklich vergelten wird, die solchen Betrug durch falsche Lehre oder allein auf die Gunst der Öffentlichkeit bedachte laxe Amtsführung begünstigt haben.

Die untaugliche Taufformel „Wir taufen Dich...“ mag im deutschen Sprachraum eher selten verwandt worden sein, aber sowohl hinsichtlich der Einsetzungsworte der Eucharistie als auch zur Lossprechung im ohnehin weitgehend außer Gebrauch gekommenen Beichtsakrament ist auch aus unseren Breiten immer wieder von haarsträubenden Zeugnissen irregeleiteter Kreativität zu hören. Dazu kommt eine vielfach von oben geförderte Verunklarung des Unterschiedes zwischen Feier des Messopfers und Wortgottesdienst. Solche Unklarheit läßt es nicht nur als „gut erfunden“ erscheinen, daß die Teilnehmer einer von der Gemeindereferentin durchgeführten „Wort-Gottes-Feier“ mit Weihrauch, Ministranten und Beinahe-Meßgewand sich anschließend darüber unterhalten, was für eine schöne Messe „unsere Frau Sowienoch“ heute gefeiert habe.

Und damit sind wir bei einem Problem, das für die Zukunft der Kirche noch weitaus mehr Störpotential und Sprengkraft enthält als wenige Einzelfälle – denn ein wirklich einmaliger Fall war es vermutlich nicht – wie der des nun glücklich getauften und geweihten hw. Herrn Matthew Hood: Das unmögliche Frauenpriestertum. Es scheint, als ob die Vertreter*innen dieser fehlgeleiteten Gleichstellungsforderung im deutschen Episkopat mehr teils lautstarke, teils verklemmte Unterstützer hätten als klare und entschiedene Vertreter der doch von Papst Johannes Paul II so eindeutig festgeschriebenen seit alters geltenden Lehre der Kirche: „Die Kirche hat nicht die Vollmacht“.

Die Lobby des Frauenpriestertums geht anscheinend davon aus, zumindest für Deutschland kurz vor der Erreichung ihres Zieles zu stehen, und agiert dementsprechend „selbstbewußt“ - in Wirklichkeit doch nur dreist und schamlos. Sollte hier einer der Bischöfe nachgeben – und es fällt einem schon der eine oder andere nord-mainische deutsche Kandidat ein – würden sich simulierte Sakramentenspendungen lawinenartig ausbreiten und innerhalb kürzester Zeit zu einer kaum heilbaren Spaltung der Gläubigen und des Leibes der Kirche führen.

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Der Titel dieses Beitrages spielt auf das wichtige Buch von Dom Nicola Bux „Mit den Sakramenten spielt man nicht“ an, das wir hier bereits kurz vorgestellt hatten. Darauf wird weiter zurückzukommen sein.

Schlechte Theologie macht schlechte Übersetzungen

Bild: Jörg Bittner Unna, Wikimedis, CC BY 3.0Wir Katholiken allgemein stehen nicht gerade in dem Ruf, uns besonders intensiv mit der Bibel zu beschäftigen. Als das II. Vatikanum daher in seiner Konstitution „Sacrosanctum Concilium“ dazu aufforderte, den Gläubigen „den Tisch des Wortes reicher zu bereiten“, sprach es in der Tat einen großer Reformanstrengungen würdigen Punkt an. Leider an einer eher ungeeigneten Stelle: Die hl. Liturgie ist nicht der primäre und auch kein gut geeigneter Ort für die Bibel-Katechese. Der unkommentierte Text der hl. Schrift enthält salopp gesprochen viele schwer verdauliche Brocken, die einfach so aufzutischen wenig Nährwert bringt. Der Vortrag von Gottes Wort im Gottesdienst – also nicht nur, um das Volk zu belehrten, sondern auch zur Ehre Gottes – erfordert, daß die Gläubigen bereits über einiges an Vorwissen zur Bedeutung dieser Worte mitbringen: Eine grundlegende Kenntnis der heiligen Schrift wäre bereits außerhalb des Gottesdienstes zu vermitteln bzw. zu erwerben.

Die in den vergangenen Jahrzehnten mit einigem Aufwand in den Markt gedrückten „katholischen“ Bibelausgaben erscheinen dazu nur sehr bedingt geeignet. Zum einen, weil sie von wenigen Ausnahmen abgesehen kaum brauchbare Anmerkungen oder Hilfen enthalten – selbst bei „härtesten Brocken“ nicht. Zum anderen, weil die seit 1980 mit Nachdruck verbreiteten „Einheitsübersetzungen“ sowohl in der Erstfassung von 1980 als auch in der Revision von 2016 viele problematische Stellen enthält. Einige davon beruhen auf objektiven Schwierigkeiten des Textes – dazu gibt es zum Teil seit den Kirchenvätern zahllose Erklärungsversuche, zu deren Nutzung oder gar Weitergabe sich die Übersetzungskommittees aber oft zu vornehm waren. Dann gibt es aber auch von Übersetzern hereingetragene Schwierigkeiten, die bestenfalls deren Anspruch unterstreichen, die „neuesten Erkenntnisse der Wissenschaft“ zu verarbeiten. Dabei nehmen sie in der Regel weder Rücksicht auf den Leser – wir brachten kürzlich dieses haarsträubende Beispiel „küsst den Sohn“ – noch auf den Umstand, daß die „neuesten Erkenntnisse“ oft schon überholt sind, bevor die sie feiernden Bücher aus der Druckerpresse herauskommen.

Als Fortsetzung unserer Bemühungen zu einer kritischen Sichtung insbesondere der Einheitsübersetzung von 2016 bringen wir heute einen Beitrag des Innsbrucker Religionsphilosophen und Sprachenkenners Hubert Franz Xaver Alisade, der am nur scheinbar entlegenen Ort des vierten Liedes vom leidenden Gottesknecht des Propheten Jesaja einige Probleme der Einheitsübersetzung darstellt. 

Dabei macht Alisade sichtbar, daß das, was zunächst als „Übersetzungsproblem“ erscheint, auch tiefgehende theologische Auswirkungen (und Voraussetzungen!) haben kann – im Klartext: Der „Übersetzer“ nutzt eine objektive Schwierigkeit des Textes, um seine eigene höchst subjektive Theologie und Ideologie im Gewande vom „Wort Gottes“ zu verbreiten.

Doch nun zum Text, dessen Lektüre wir auch Nicht-Übersetzern und Nicht-Exegeten sehr ans Herz legen. Man sollte schon eine Ahnung davon haben, was einen auch bei bischöflich approbierten Übersetzungen der Heiligen Schrift erwarten kann.

Wer bringt das Sühnopfer?

Hubert Franz Xaver Alisade (Innsbruck)

Der hebräische Text des vierten und letzten sogenannten „Gottesknechtsliedes“ des Propheten Jesaja (52,13-53,12) bietet so manche lexikalische und auch grammatikalische Schwierigkeit. Praktisch alle dieser Schwierigkeiten spiegeln sich bereits in den antiken Übersetzungen, also der Septuaginta, der Vulgata, der Peshitta etc. wieder und treten in gleicher Weise auch dem modernen Bibelübersetzer herausfordernd vor den Geist. Seit dem 18. Jahrhundert wurden von protestantischen, seit dem frühen 20. Jahrhundert auch von katholischen Exegeten unzählige Konjekturen („Vermutungen“) vorgeschlagen, um den für verderbt gehaltenen masoretischen Text zu „verbessern“. Dabei kamen die Exegeten in vielen Fällen zu (Schein-)lösungen, die mehr über den jeweiligen Exegeten selbst als über wirkliche oder vermeintliche Schwierigkeiten des masoretischen Textes aussagen. Die alte Einheitsübersetzung von 1980 ist – natürlich nicht nur in Bezug auf das vierte Gottesknechtslied! – ein typisches Produkt dieser Verbesserungssucht, d. h. sie greift an zahllosen Stellen, die (aus welchen Gründen auch immer) textkritisch oder theologisch(!) suspekt erscheinen, unbekümmert in den Bibeltext ein. Eine Anmerkung, die einen solchen Eingriff kenntlich und damit für den Leser potentiell nachvollziehbar macht, ist nur selten vorhanden. Aber wer meint, in der revidierten Einheitsübersetzung von 2016, deren Herausgeber schon vor ihrem Erscheinen vollmundig die besondere Treue zum hebräischen Text propagiert haben, werde dieser Übelstand behoben, der wird bei näherem Zusehen herbe enttäuscht. Zahlreiche Fehler wurden zwar verbessert, aber ebenso viele alte stehengelassen und – was besonders schwer wiegt – neue geschaffen.

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Prof. Ratzinger kritisiert das Konzil

Bild: NetzfundFür alle, die sich der ganzen katholischen Tradition verpflichtet sehen, ist das 2. Vatikanische Konzil ein schwieriges Thema. Auf der einen Seite wissen wir daß das 2. Vatikanum nichts von dem, was die Kirche immer gelehrt hat, auf den Kopf gestellt haben kann. Auf der anderen Seite leben wir in einem Umfeld, in dem vieles auf den Kopf gestellt erscheint - und dazu sagt man uns, genau das wäre der Wille des 2. vatikanischen Konzils, den alle gefälligst anzuerkennen hätten. Und das sagen nicht irgendwelche Leute, über die man sich leichten Herzens hinwegsetzen könnte, sondern das sagen viele Theologieprofessoren, fast alle Kommentatoren der kirchlichen Medien – und die meisten Bischöfe sagen es auch oder signalisieren zumindest schweigende Zustimmung. Widerspruch gegen den „Geist des Konzils“ und das, was dafür ausgegeben wird erscheint als das letzte „Anathema“ in einer Kirche, in der man ansonsten fast alles sagen, bezweifeln oder fordern kann.

Da ist es hilfreich, einmal nachzulesen, wie kritisch Joseph Ratzinger lange, bevor er Benedikt XVI. wurde, der als junger Theologieprofessor selbst mit großen Hoffnungen zum Konzil gefahren war, schon wenige Jahre nach seinem Abschluß die Auswirkungen dieses vermeintlichen Aufbruchs in einen „neuen Frühling“ betrachtet hat. Seine zum 10. Jahrestag vorgetragene (und später zur Aufnahme in eines seiner Bücher wohl leicht überarbeitete) Bestandsaufnahme beginnt schonungslos realistisch und führt zu der ernüchternden Einsicht, daß auch dieses Konzil – wie andere vor ihm – den Zweck ihrer Einberufung verfehlt und der Kirche mehr Schaden als Nutzen gebracht haben könnte.

Es beginnt ein langes ZitatDaß unsere Kirchen, unsere Priesterseminare, unsere Klöster leerer geworden sind in diesen zehn Jahren, kann sich jeder von den Statistikern zeigen lassen, wenn er es selbst nicht bemerkt; daß das Klima in der Kirche zeitweise schon nicht mehr bloß frostig, sondern nur noch bissig-aggressiv war, braucht auch nicht umständlich bewiesen zu werden; daß allenthalben Parteiungen die Gemeinschaft zerreißen, gehört zu unseren täglichen Erlebnissen, die die Freude am Christlichen bedrohen. Wer solches sagt , wird schnell des Pessimismus geziehen und so aus dem Gespräch gestellt. Aber hier handelt es sich ganz schlicht um empirische Fakten, und sie leugnen zu müssen, verrät schon nicht mehr Pessimismus, sondern eine stille Verzweiflung“.

Daß einem Konzil zunächst einmal große Verwirrung folgen kann, ist für Joseph Ratzingerr keine große Überraschung. Er zitiert dazu einen Brief Gregors von Nazianz, der im Jahr 382 die Einladung zur Fortsetzung des Konzils von Konstantinopel mit Worten ablehnte, die beklemmend aktuell klingen: „Um die Wahrheit zu sagen, so halte ich dafür, daß man jedes Konzil der Bischöfe fliehen sollte, da ich einen glücklichen Ausgang noch bei keinem erlebte; auch nicht die Abschaffung von Übelständen ..., immer dagegen Ehrsucht oder Zank ums Vorgehen.“ Von Gregors Zeitgenossen und Freund Basilius weiß er noch schärfere Urteile anzuführen. Für ihn haben die Konzilien der Zeit zu „entsetzlicher Unordnung und Verwirrung“ geführt und die ganze Kirche mit einem „unaufhörlichen Geschwätz“ erfüllt.

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