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Der Fels wird weich

Bild: Corriere della SeraVittorio Messori, Interview-Partner des damaligen Kardinals Ratzinger bei der Erstellung des sog. „Ratzinger Reports“ von 1987, hat sich in dem italienischen Magazin Il Timore zum Stand des aktuellen Pontifikats geäußert. Dieser Text ist im Original nicht im Netz verfügbar, LifeSite-News hat jedoch eine Zusammenfassung davon veröffentlicht, die wir hier aus dem Englischen übersetzen:

Es beginnt ein langes ZitatIn seinem Artikel beruft sich Messori auf die Arbeiten des jüdisch-polnischen Philosophen Zygmunt Bauman (1925-2017), der den Begriff der „Flüssigen Moderne“ in die Soziologie eingeführt hat. Darunter versteht Bauman eine Weiterentwicklung dessen, was er als die „Feste Moderne“ bezeichnet. Nach Baumann schreibt der Mensch der flüssigen Moderne dem Individulaismus höheren Wert zu als gesellschaftlichen Bindungen. Er „fließt durch sein Leben wie ein Tourist und wechselt Orte, Berufe, Lebenspartner, Werte und sogar die sexuelle Orientierung und Gender.“

Bauman beobachtet, daß dieser Mensch sich aus den Zusammenhalt herkömmlicher Netzwerke löst und sich von all deren Anforderungen und Einschränkungen frei macht. Dieser extreme Individualismus hat Gesellschaften hervorgebracht, in denen – so Messori – „alles instabil und veränderlich ist“. Heute sei es möglich, anzunhemen, daß der Wandel „das einzig Beständige“ und Ungewissheit „die einzige Gewissheit“ sei.

Messori ist beunruhigt, daß diese Vorstellungen sich auch im religiösen Bereich auszuwirken beginnen. Er schreibt, daß gläubige Menschen „darüber irritiert sind, daß selbst die katholische Kirche – seit unvordenklichen Zeiten Verkörperung von Beständigkeit – anscheinend ebenfalls bestrebt ist, sich zu „verflüssigen“.

Zum Beleg zitiert Messori ein vor einiger Zeit erschienenes Interview mit dem Generaloberen der Jesuiten, P. Arturo Sosa Abascal. Im Gespräch mit dem Journalisten Giuseppe Rusconi sagte Sosa, daß schließlich die Worte Jesu nicht auf einem Tonbandgerät aufgezeichnet worden wären, so „daß wir nicht genau wissen, was er gesagt hat“. Wegen dieser „Ungewissheit“ nimmt Sosa an, daß Christen den wahren Sinn der Schrift unter Bezug auf ihre gegenwärtigen Lebensumstände erforschen müssten.

„Lehre ist ein Wort, das ich nicht sehr schätze, damit verbindet sich das Bild der Härte von Stein“ sagte Sosa zu Rusconi. „Die Lebenswirklichkeit ist wesentlich vielfältiger, sie ist nie schwarz oder weiß, sie ist in ständiger Entwicklung.“
Messori kritisiert Papst Franziskus, daß er der gleichen Haltung zuneige:

„Ein anderer Jesuit, ebenfalls ein Südamerikaner, nämlich keine Geringerer als der Papst selbst, hat in einem seiner vielen Interviews, die er den unterschiedlichsten Leuten an den unterschiedlichsten Orten – im Flugzeug, auf dem Petersplatz, auf der Straße – gibt, das wiederholt, was einer der Eckpunkte seiner Lehre und seiner Regierung ist: Eine katholische Versuchung, die überwunden werden muß, ist die Einheitlichkeit und Starrheit der Regeln, während wir doch im Gegenteil je nach dem konkreten Fall urteilen und handeln müssen“.

Messori unterscheidet zwischen der ursprünglichen Bedeutung von „Erforschung“ in der klassischen Jesuitischen Spiritualität und der Art, wie der Begriff heute verwandt wird, nämlich, wie er schreibt, „einer freien Interpretation selbst von Dogmen entsprechend der jeweiligen Situation, so wie das in einigen offiziellen Dokumenten geschieht, die die Unterschrift des Papstes tragen und die bei einigen Kardinälen (euphemistisch ausgedrückt) ‚Irritationen‘ hervorgerufen haben“.

Der italienische Journalist führt aus, daß dieser Ansatz ihm „falsch und für die Kirche schädllich“ erscheine; „in einer „flüssigen Welt, in der alles ungewiss, gefährdet, und vorläufig wird, ist es gerade die Festigkeit und Stabilität der katholischen Kirche, deren alle Menschen bedürfen, und nicht nur die gläubigen.“

„Diese Felsen des Dogmas, die der Generalobere der Jesuiten nicht mag, könnten und sollten einen festen Grund für eine Gesellschaft abgeben, die in Richtung eines schwammigen Chaos tendiert und sich darauf auch noch etwas zugute hält“, fährt Messori fort.

Er beobachtet, eines der Symbole der katholischen Kirche sei die „feste Eiche, die mit starken Wurzeln im Boden verankert ist“ und stellt die Frage, ob es wirklich sinnvoll sei, die Eiche durch ein Rohr zu ersetzen, das sich mit jedem Windhauch, jedem menschlichen Verlangen oder jeder Mode in eine beliebige Richtung neigt. Als Hilfe zur Rückgewinnung von Sicherheit in der Kirche empfiehlt Messori eine neue Wertschätzung und Wiederannäherung an „den alten und schönen Wahlspruch“ der Kartäuser: Stat Crux dum volvitur orbis – es steht das Kreuz, während die Welt sich dreht.

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Dazu noch zwei Anmerkungen:

Baumans Begriff von der „flüssigen Moderne“ ist auch in Rod Drehers Überlegungen hinsichtlich der Option Benedikt eingegangen, wie wir hier bereits erwähnt hatten. Eine ausführliche Darstellung des Begriffes hat Bauman in einem Buch gegeben, das unter dem nicht ganz überzeugend übersetzten Titel „Flüchtige Moderne“ 2003 bei Suhrkamp erschienen ist.

Bereits 1965 merkte der Staatsphilosoph Carl Schmitt hinsichtlich des Konzils an: „Alles fließt, lehrt Heraklit - der Felsen Petri, der fließt mit “

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