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Passau auf der schiefen Ebene

Bild: katholisch.de - aus dem im Text genannten ArtikelAls Essens Bischof Franz-Josef Overbeck kürzlich eine Weiterentwicklung der katholischen Sexualmoral nach Maßgabe der modernen Wissenschaft forderte, waren wir nicht sonderlich überrascht. Overbeck hatte gemeint, die Kirche müsse die Frage beantworten, was Erkenntnisse aus anderen Wissenschaften zu Homosexualität, zu Gender-Fragen oder zu den Rollen von Mann und Frau für die Theologie bedeuten. Die „Wissenschaft“ oder das, was gerade dafür ausgegeben wird, als Lehrmeisterin der Theologie – das ist eine wohlbekannte Vorstellung des zum Atheismus tendierenden Modernismus (Kardinal Müller) von Anfang an.

Aus Essen haben wir ähnlich Unerfreuliches letzthin schon öfter gehört, aber nun scheint auch der Passauer Kollege Oster ins gleiche Horn zu stoßen. Zwar bekennt er sich in einem aktuellen Beitrag auf der Internetseite seines Bistums zunächst zur geltenden Lehre der Kirche, wenn auch nur in reichlich gewundenen Worten. Doch dabei drängt sich immer stärker die sogenannte „Lebenswirklichkeit der Menschen“ in den Vordergrund – während die anscheinend aus einer anderen Lebenswirklichkeit herrührende Lehre der Kirche hinter dem Horizont zu verschwinden scheint – und ebenso Gottes Gebot, in dem diese Lehre gründet. Offen in Frage stellen will Oster dieses Gebot nicht – aber mit einigem begrifflichem Aufwand sucht er nach Relativierungsmöglichkeiten, und schließlich findet er sie.

Der Weg auf dem dies geschieht, ist irritierend. Oster stellt sich die Frage, inwieweit die Sexualität ein „Lernfeld für die Kirche“ sei – schließlich hören wir ja sehr viel von der zuhörenden Kirche, worunter wir ja wohl einer Kirche zu verstehen haben, die mehr auf die Menschen als auf Gott hört. Und hat diese zuhörende Kirche nicht erst kürzlich gelernt, daß die Todesstrafe mit der Würde des Einzelnen nicht zu vereinbaren ist – und entsprechend ihre Lehre im Katechismus geändert?

Dem Verweis auf diesen Präzedenzfall folgt bei Oster dann zunächst eine erneute Bekräftigung der bestehenden Lehre: „Nicht wir können festlegen, was Gott für wertvoll zu halten und insofern zu segnen hat. Sondern Gott lädt uns ein, uns an Ihm zu orientieren und alle unsere Suche nach Werten an Ihm auszurichten.“ Doch wie das mit „Einladungen“ so ist – man kann sie auch ausschlagen – und letztendlich ist das doch wohl auch das gute Recht jedes Einzelnen. Und so landet Oster dann nach mehrfachem Hin und Her dabei, die „Sünde“ in Anführungszeichen zu setzen als etwas, das nicht per se schlecht ist, sondern „als ‚sündig‘ qualifiziert ist“.

Das mag noch im Rahmen der modernen Ambivalenz bleiben, die anscheinend immer mehr zum Grundbestand einer „pastoral“ ausgerichteten Lehre zu werden scheint, die sich nur noch in der Theorie an dem in der Tradition überlieferten Gebot Gottes orientiert. Doch ganz am Schluß öffnet der Bischof dann ein Fenster, das es einer (besseren?) Zukunft ermöglichen könnte, sich auch von dieser Restbindung zu befreien. Eine „neue Anthropologie“ - die er freilich noch nicht sähe – könnte dazu führen, daß auch solche Beziehungen für gut befunden und gesegnet werden könnten, bei denen das heute noch nicht der Fall ist. So könnten dann auch Lebenssituationen kirchlicherseits „ehrlich ermutigt“ werden, „die nicht einfach oder ausschließlich von einem Standpunkt des Glaubensgesetzes her beurteilt oder gar verurteilt werden können“. Neue Anthropologie, kommt sie nur überzeugend genug daher, schlägt alten Glauben? Ansatzpunkte dazu könnte ja vielleicht der Moraltheologe Kruip liefern.

Was bei Bischof Oster noch mit vielem Wenn und Aber, Einerseits und Andererseits daherkommt, bringt katholisch.de auf die kommode Formel:

Lebensformen außerhalb dessen, was die Kirche unter Ehe verstehe, könnten bislang nicht offiziell gesegnet und damit gutgeheißen werden, betont Passaus Bischof Stefan Oster. Doch eine Änderung wäre möglich.“

Mag sein, daß die Autoren von KNA den Bischof damit ein wenig überinterpretieren. Doch im Prinzip haben sie ihn wohl schon richtig verstanden. Das Gesetz der schiefen Ebene ist ebenso wenig hintergehbar wie das der Schwerkraft.

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