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Der Riß wird tiefer

Ende vergangenen Jahres kolportierte die internationale Presse als angebliche Aussage von Papst Franziskus: „Nicht ausgeschlossen, dass ich als derjenige in die Geschichte eingehen werde, der die katholische Kirche gespalten hat.“ Unabhängig davon, ob das so – hier zitiert nach spiegelonline - gesagt wurde oder nicht, ist die traurige Wahrheit jedenfalls die, daß die Kirche tatsächlich in diesem Pontifikat so gespalten erscheint, wie seit Jahrhunderten nicht mehr. Die vergangenen Tage unterstrichen das mit der Veröffentlichung eines Interviews von Kardinal Burke, in dem er den Stellenwert der aktuellen Kontroverse um Amoris Latitia darlegt und dabei diese Auseinandersetzung mit der arianischen Krise des 4. Jahrhunderts vergleicht. Offensichtlich bezieht sich Kardinal Burke dabei auch auf Ausführungen von Kardinal Schönborn im vergangenen Juli, in denen dieser Amoris Laetitia den Rang eines die Lehre neu fassenden Dokuments höchsten Ranges zugeschrieben hatte. Bekanntlich hatte der Papst, der sich selbst nach wie vor in Schweigen hüllt, Schönborn bereits zur Vorstellung des umstrittenen Dokuments in den Rang eines offiziellen Interpreten seiner Schrift erhoben.

Damals war in La Civilta Catholica ein Interview mit Schönborn erschienen, das vom Chefredakteur des Blattes, Antonio Spadaro S.J („in der Theologie kann 2+2 auch 5 sein“, Quelle) durchgeführt worden war, und mit dem der Wiener die gerade mit Macht aufbrechende Debatte um das neue Dokument zu beenden gehofft hatte. Konzentrieren wir uns auf zwei Kernaussagen. Zum lehramtlichen Stellenwert von Amoris Laetitia befragt, hatte Schönborn damals gesagt:

Es handelt sich offensichtlich um einen Akt des Lehramtes, es ist eine apostolische Ermahnung. Der Papst spricht hier unverkennbar in seiner Rolle als Hirte, als Herr und als Lehrer des Glaubens, nachdem er sich die Beratungen zweier Synoden zu Nutze gemacht hat.

Zur Frage, inwieweit die Lehre der Kirche durch dieses Dokument verändert werde und ob sie überhaupt verändert werden könne, sagte der Wiener Kardinal:

(Amoris Laetitia) lehrt uns auf konkrete Weise, zwischen der Kontinuität der lehrmäßigen Grundlagen und der Diskontinuität der Ansichten oder historisch bedingter Ausdrucksformen zu unterscheiden. Das ist die Rolle, die dem lebendigen Lehramt zukommt: Eine authentische Interpretation des Wortes Gorttes zu geben, des geschriebenen ebenso wie des überlieferten.

Und weiter:

Für den Bereich der menschlichen Lebenswelt hat der Heilige Vater die Diskussionsgrundlage der Kirche grundlegend neugestaltet. Dabei folgt er den Grundlinien seiner Apostolischen Ermahnung Evangelii Gaudium und ebenso der Pastoralkonstitution des 2. Vatikanums über die Kirche in der modernen Welt, in denen gezeigt wird, daß sich die dogmatischen Prinzipien und die Überlegungen zum menschlichen Leben heute in ständiger Entwicklung befinden. Dabei besteht grundlegende Offenheit zur Anerkennung der Realität.

Die Nähe von Spadaros „In der Theologie kann 2 + 2 auch 5 sein“ zu diesen Aussagen ist unverkennbar - alles ist Relativ. Der Wiener Kardinal dispensiert die Lehre von dem Erfordernis, bezüglich der konkreten Lebenswelt die gleichen Prinzipien zu vertreten, wie sie in der Dogmatik festgelegt sind, und er führt die atemberaubende Denkfigur ein, daß die Beibehaltung der theologischen Prinzipien und eine „grundlegende Neugestaltung der Diskussionsgrundlage der Kirche“ miteinander vereinbar sei – in der Sprache der Logik ausgedrückt: Daß ein Ding sowohl mit sich selbst identisch als auch nicht identisch sein könne.

In seinem Anfang dieser Woche im Remnant erschienen Interview sagt Kardinal Burke zu beiden Themen exakt das Gegenteil. Zur lehramtlichen Verbindlichkeit von Amoris Laetitia besteht er auf seiner von Anfang an eingenommenen Position,
daß diese Veröffentlichung ausweislich der darin enthaltenen Worte des Papstes selbst keine Aussage des päpstlichen Lehramtes darstellt.

Dieses Dokument muß notwendigerweise, so wie jedes Dokument, im Licht der beständigen Lehre und Praxis der Kirche gelesen werden. Die Aussagen in Amoris Latitia, die damit übereinstimmen, sind ja auch durchaus in Ordnung. Aber es gibt auch eine Anzahl von Aussagen, die man bestenfalls als verwirrend bezeichnen kann, diese müssen erläutert werden, und deshalb haben wir vier Kardinäle entsprechend einer klassischen Vorgehensweise in der Kirche dem hl. Vater fünf dubia unterbreitet, die sich auf die Grundlagen des moralischen Lebens und der entsprechenden kirchlichen Lehre beziehen.

Darüberhinaus macht Kardinal Burke klar, daß er – entgegen den von einigen Stimmen geäußerten Spekulationen – daran festhält, den verwirrenden Aussagen im päpstlichen Dokument eine klärende „brüderliche Richtigstellung“ entgegen zu setzen:

Wir befinden uns in einer sehr schmerzlichen Lage, aber wir müssen einfach weitermachen, um Klarheit in die Sache zu bringen.

Er gibt auch einen ersten Hinweis darauf, wie diese „brüderliche Richtigstellung“ aussehen könnte:

Nun, das würde ganz ähnlich aussehen wie die dubia selbst. Anders ausgedrückt: Wir würden die Wahrheiten, die von Amoris Latitia in Frage gestellt zu werden scheinen, noch einmal aus dem, was die Kirche immer gelehrt, praktiziert und in ihren offiziellen Dokumentan ausgesagt hat, ableiten und begründen. Damit lassen sich diese Irrtümer richtigstellen.

Zumindest in der Theorie, müssen wir als betroffene Beobachter hier anfügen. Welche praktischen Auswirkungen eine solche Erklärung haben könnte und würde, ist derzeit nicht abzusehen. Nur eines mach der Kardinal auch ganz deutlich: Die in Rom bereits ausgesprochene Drohung, ihn und die anderen bei fortgesetzter Unbotmäßigkeit ihrer Kardinalswürde zu entkleiden, macht auf ihn wenig Eindruck:

Das ist möglich, es ist in der Geschichte bereits geschehen, daß ein Kardinal seinen Rang verlor. Aber ich denke darüber nicht nach, weil ich meine Pflicht kenne. Ich will mich bei der Verteidigung der Wahrheit nicht davon abhalten lassen, daß ich dafür irgendwie verfolgt werden könnte. Jemand hat mich gefragt: Haben Sie denn keine Angst, auf dieser Sache zu bestehen? Dem habe ich geantwortet: Wovor ich Angst habe, ist beim letzten Gericht vor unserem Herrn zu stehen und ihm sagen zu müssen: Nein, ich habe Dich nicht verteidigt, als Du angegriffen wurdest und die Wahrheit, die Du gelehrt hast, verraten wurde.“

Schwer zu erkennen, wie sich der hier abzeichnende Bruch noch überbrückt werden könnte. Wo der eine von „grundlegender Offenheit zur Anerkennung der Realität (so wie wir sie sehen)“ spricht und der andere andere vom „Verrat an der Wahrheit (wie sie Gott uns offenbart hat)“, ist die Spaltung bereits eingetreten.

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