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„Liturgiefähigkeit“ - modern oder vormodern?

Bild: Rothenfelser Burgbrief 01/08Der Brief Romano Guardinis an Johannes Wagner anläßlich des 3. liturgischen Kongresses in Mainz (April 1964), den wir hier anhand einer Kritik Peter Kwasniewskis thematisiert hatten, liegt uns jetzt in authentischer Form auf Deutsch vor. Er ist, wenn wir uns auf die Google-Suche verlassen können, in deutscher Sprache nicht im Internet veröffentlicht, sondern nur gedruckt im Band „Liturgie und Liturgische Bildung“ der Werkausgabe bei Grünewald/Schöningh nachzulesen. Und er entfaltet tatsächlich, wie von Kwasniewski anhand der englischen Übersetzung kritisiert, einen durchaus bedenklichen Begriff von „Liturgie“, der von den Anhängern der Liturgiereform auch heute noch – nachdem ihr Scheitern doch unübersehbar geworden sein sollte – mit einigem Recht als Stütze ihrer Vorstellungen in Anspruch genommen wird.

Schlüsselbegriff ist dabei die Frage nach der Fähigkeit oder Unfähigkeit des modernen Menschen zum „liturgischen Akt“ - die oft zu lesende Formulierung als Frage nach der „Liturgiefähigkeit“ ist eine Verkürzung, die den eigentlichen Inhalt der Überlegungen Guardinis nicht voll zum Ausdruck bringt. In der Rede von der „Liturgiefähigkeit“ bleibt unbestimmt, wie das Verhältnis des „modernen Menschen“ zur Liturgie gedacht ist und woran es wohl liege, daß er nicht (mehr) in der Lage sei, an der Liturgie auf rechte Weise teilzunehmen. In der Formulierung vom „liturgischen Akt“ klingt unüberhörbar als Unterton die „participatio actuosa“ an – und das in einer ziemlich radikalen Spielart dieser an Auslegungsvarianten reichhaltigen Begrifflichkeit, wie Guardini in seinen Versuchen, den „liturgischen Akt“ zu beschreiben, deutlich macht.

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Ist der moderne Mensch liturgiefähig?

Bild: © Katholische Akademie BayernAuf New Liturgical Movement thematisiert Peter Kwasniewski erneut die berühmte Frage Romano Guardinis aus dem Jahr 1964: „Ist der moderne Mensch noch liturgiefähig?“ Zu Recht weist Kwasniewski dabei darauf hin, daß diese Frage bzw. die darauf gegebenen Antworten sich immer mehr als Schlüssel zum Verständnis der liturgischen Bestrebungen und Reformen des letzten Jahrhunderts erweisen.

Den von Guardini dazu geleisteten Beitrag sieht Kwasniewski in seinem Artikel überaus kritisch, wenn er schreibt:

Auch wenn Guradini selbst ein paar Jahre später die Entwürfe des consiliums als „Klempnerarbeit“ verwarf, kann man den Schaden, den er mit seinen Bemerkungen in dem Brief von 1964 verursacht hat, gar nicht schwer genug einschätzen. Er hat – so wie viele andere Halb-Modernisten auch – darin den Anschein erweckt, daß die gesamte christliche Liturgie seit Konstantins Zeiten und auf jeden Fall seit dem Mittelalter heute irrelevant, nutzlos und unverständlich geworden sei und damit reif für den Abfallhaufen geworden sei. Es ist schon erstaunlich, daß ein Theologe vom Rang eines Guardini, der einen so zutreffenden Begriff von der (richtig verstandenen) „Irrelevanz“ und „Nutzlosigkeit“ der Heiligen Liturgie hatte, derart in chronologischen Relativismus verfallen konnte.

Einerseits können wir vielleicht Guardini in begrenztem Umfang beipflichten: Die Liturgischen Reformbestrebungen schienen von der Idee auszugehen, daß die Liturgie, wenn sie so, wie sie ist, nicht „funktioniert“, einer grundlegenden „Überarbeitung“ nach einem „funktionierenden“ Modell bedarf – dann könne man das neue Produkt, getrost verpacken, versenden und dem erwartungsfrohen Publikum quasi frisch von der Rolle ausliefern. In dieser Sicht liegen alle Probleme auf der Seite der liturgischen Riten – nicht der Mensch muß sich ändern, sondern nur der Ritus.

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Ein Ritus in zwei Formen?

Bild: Netzfund ohne QuellenangabeZur Unterstützung seiner These, daß die Liturgie des Novus Ordo nicht dem römischen Ritus angehört, verweist Peter Kwasniewski auch auf einige Stimmen aus dem Kreis der Radikalreformer, die ebenfalls von einer Diskontinuität zwischen dem alten und dem neuen Ritus ausgehen - von einem Bruch, den sie begrüßen. Nicht aufgeführt hat er dabei einen der prominentesten Vertreter dieser Bruchs-Theorie, den französischen Jesuiten Joseph Gelineau. Gelineau sah in den Reformen des Consiliums und Pauls VI. nur erste Schritte auf einem Weg, der mit der Abschaffung des überkommen Ritus beginnen und schließlich zu einer neuen Theologie und einer neuen Kirche führen sollte. Es lohnt sich, einen Blick in das 1978 erschienene Büchlein mit dem vielversprechenden Titel „Demain la liturgie“ zu werfen, das im gleichen Jahr auch auf Englisch und 1979 auch auf Deutsch: „Die Liturgie von morgen“ herausgekommen ist.

Und es schadet nichts, dabei zwei Werke mit ganz ähnlichem Titel daneben zu legen: Das bereits 1948 erschienene „The Mass of the Future“ des amerikanischen Jesuiten Gerald Ellard, das eine wichtige Rolle beim Umschlag der liturgischen Bewegung in den USA in die liturgische Revolution gespielt hat, und Klaus Gambers „Liturgie Übermorgen“ von 1966. Das stammt aus einer Phase, in der Gamber noch große Hoffnungen auf die in „Sacrosanctum Concilium“ projektierte Liturgiereform setzte und es nicht für ausgeschlossen hielt, „daß erst jetzt, nach fast zweitausend Jahren Kirchengeschichte, die eigentliche Blütezeit der Kirche beginnt“ (S. 20). Von den genannten jesuitischen Reformern unterscheidet sich Gamber freilich in seinem weitaus nüchterneren und nicht auf Bruch, sondern auf Erneuerung zielenden Herangehen, in dem bereits die Grundlagen seiner später überaus kritischen Einschätzung der Liturgiereform sichtbar werden.

Doch zurück zu Gelineau. Anders als Ellard und Gamber, die – ersterer bereits Jahrzehnte – vor der Inkraftsetzung des Novus Ordo geschrieben haben, hatte der Franzose schon 10 Jahre Gelegenheit, die Auswirkungen der Reform zu beobachten, und das ermutigt offenbar ihn zu weitgespannten Hoffnungen. Gleich auf einer der ersten Seiten (englische Ausgabe S. 11) macht er eine Aussage, die ein bezeichnendes Licht auf die Fragewirft, ob der neue Ritus noch zur römischen Ritenfamilie gehört.

Denken Sie – falls sie sich überhaupt noch daran erinnern können – zurück an das gesungene lateinische Amt mit gregorianischem Choral. Vergleichen sie das mit mit der modernen Messe nach dem Konzil. Nicht nur die Worte, sondern auch die Melodien und bestimmte Handlungen sind jetzt anders. Tatsächlich ist es eine andere Messliturgie. Wir müssen es ganz klar sagen: Der römische Ritus, wie wir ihn gekannt haben, existiert nicht mehr. Er ist weg. Einige Mauern des Gebäudes sind gefallen, andere wurden versetzt – wir können das als eine Ruine ansehen, aber auch als Teile des Fundaments für ein neues Gebäude“.

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Was ist der Ritus?

Bild: Eigene MontagePeter Kwasniewski arbeitet an einem neuen Buch über die in der aktuellen Kirchenkrise immer deutlicher hervortretende Notwendigkeit, am alten Ritus festzuhalten, das noch in diesem Jahr erscheinen soll. Ein Kapitel daraus, das sich mit der rechtlichen Figur des „zwei Formen des einen römischen Ritus“ aus Papst Benedikts „Summorum Pontificum“ befasst, hat er im September bereits auf Rorate Cæli veröffentlicht. Wir haben wesentliche Argumente daraus ausgewählt und geben sie in einer zusammenfassenden Form wieder, die noch nicht den Anspruch einer endgültigen Übersetzung erhebt.

Ausgangspunkt für Kwasniewski ist die Unterscheidung zwischen der rechtlichen Fiktion von den „zwei Formen“, die er als solche nicht weiter thematisiert, und der liturgiehistorischen oder -systematischen Frage, ob das Missale Pauls VI. Bestandteil der römischen Ritusfamilie ist. Des weiteren unterscheidet er zwischen „Ritus“ und „Usus“, auch wenn dieser Unterschied weder in offiziellen kirchlichen Dokumenten noch im allgemeinen Sprachgebrauch konsistent definiert ist. „Ritus“ ist für ihn, und dabei kann man ihm leicht folgen“, der Oberbegriff, innerhalb dessen sich örtlich und zeitlich differierend verschiedene „Usus“ herausgebildet haben, die eben diesem „Ritus“ zugehörig sind. Als Beispiele innerhalb des römischen Ritus nennt er Lokal-Bräuche wie die von Sarum oder Lyon und die verschiedener Gemeinschaften wie die der Cisterzienser oder der Dominikaner.

Um festzustellen, ob ein bestimmter Usus dem römischen Ritus zuzuordnen ist, geht Kwasniewski daran, die wesentlichen Merkmale zu definieren, deren Vorhandensein Voraussetzung für die Zuordnung zu einer bestimmten Ritusfamilie darstellt. Dabei beschränkt er sich nicht auf den Canon, sondern fasst die ganze Struktur des Ordo Missae mit Introitus, Kyrie, Gloria, Collecta, Epistel, Graduale, Alleluja usw. ins Auge. Auch das Stundengebet nimmt er in den Blick. Um Usus ein- und desselben Ritus zu sein, müssen dieses Strukturen im wesentlichen übereinstimmen – ohne daß dabei kleinere Unterschiede in Zahl oder Reihenfolge oder in der sprachlichen Fassung ausgeschlossen wären. Als „Grundmuster“ für den Römischen Ritus identifiziert Kwasniewski auf dieser Grundlage die Struktur und die Elemente des Usus (die Texte selbst sprechen von „consuetudo“, d.h. „einvernehmliche Gewohnheit“) der römischen Kurie seit dem hohen Mittelalter, die Papst Pius V. nach dem Konzil von Trient zur Grundlage seines „Missale Romanum“ gemacht hatte – ohne damit die Verwendung anderer Messbücher ausschließen zu wollen, soweit sie durch Verankerung in der Tradition als unzweifelhaft katholisch gelten konnten.

Vor diesem Hintergrund – und hier folgt ein ganzer Abschnitt in wörtlicher Übersetzung – stellt sich durch die Formulierung von den „zwei Formen“ ein Problem:

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Bouyer und das II. Hochgebet - Nachtrag

Der anekdotische Bericht von Louis Boyer über die Entstehung des 2. Hochgebets „am Wirtshaustisch“ und dessen kongeniale Aufbereitung durch Fr. Hunwicke bedarf einiger sachlicher Unterfütterung. Ganz so hemdsärmlig ist es im Consilium zur Liturgiereform denn doch nicht zugegangen, zumindest nicht die ganze Zeit. Wer ganz genau wissen will, was es mit dem von Bouyer genannten „Hochgebet des Hippolytos“ auf sich hat, sei auf das 250-seitige Buch „Die Mär vom antiken Kanon des Hippolytos“ von Heinz-Lothar Barth verwiesen, das 1999 bei Editiones Una Voce erschienen ist. Danach überwiegen auch hier, wie so oft, wo es um die alte Kirche geht, die Dinge, die wir nicht wissen, das gesicherte Wissen bei weitem. Wir wissen nicht genau, wann und von welchen Autoren die „Traditio Apostolica“, als deren Teil das sogenannte „Hochgebet“ überliefert ist, geschrieben wurde. Wir wissen auch nicht, inwieweit der dort gebotene Text tatsächlich liturgischem Gebrauch entspricht oder nur eine zusammenfassende Darstellung bieten will - „Arkandisziplin“ war in der frühen Zeit kein leeres Wort. Und wir wissen auch nicht, welcher Tradition der Text – soweit er überhaupt auf Hippolytos zurückgeht – entspricht. Immerhin gehörte Hippolytos während eines nicht geringen Teils seiner kirchlichen Laufbahn schismatischen Strömungen an und schaffte es sogar bis zum Gegenpapst, bevor er schließlich seinen Christusglauben als Märtyrer bekräftigte.

Außerdem ist es auch nicht so, daß der fragliche Text „einfach so“ als Zweites Hochgebet übernommen worden wäre. In Beratungen, die sicher mehr Zeit erforderten als ein Abendessen in einer Trattoria in Trastevere, entfernten die Redakteure mehrere dem Verständnis der 60er Jahre unwillkommene Passagen aus dem Text, darunter auch eine, die überaus plastisch davon spricht, der Erlöser habe durch seinen Kreuzestod „die Fesseln des Teufels zerrissen, die Unterwelt niedergetreten, die Gerechten erleuchtet und eine Grenze gezogen“. In der gerne als „umstritten“ dargestellten Frage des „für viele“ oder „für alle“ markiert der Text die strenge Position und spricht von „für euch“. Im Übrigen scheint für die Redakteure des NO die Attraktivität des Textes vor allem darin gelegen zu haben, daß er keine der von ihnen als „mitteltalterliche Erweiterungen“ abgetanene Passagen enthält, die den Glauben der Kirche für 1500 Jahre ebenso zum Ausdruck gebracht wie geprägt haben.

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