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„Pompöser Zeremonialismus“ oder „Schatz der Tradition“?

Der unkonventionelle Arbeits- und Sprechstil von Papst Franziskus und die  gelegentlich erstaunliche Informationspolitik seines Pressebüros haben es bislang nicht vermocht, die Lust der römischen Gerüchteküche zur Hervorbringung ihrer manchmal abenteuerlichen Kreationen zu dämpfen. In der Regel wollen wir diese Produkte ignorieren. Nun hat aber der Vaticanista Sandro Magister zwei (angebliche) Äußerungen des Papstes zur liturgischen Tradition kolportiert, die hier mit allem Vorbehalt weitergereicht werden sollen. Auf seinem Blog bei der Tageszeitung l'Espresso wußte er am vergangenen Samstag aus den aktuell stattfindenden Gesprächen des Papstes mit der italienischen Bischofskonferenz folgendes zu berichten:

Es gab auch einige Indiskretionen in Sachen Liturgie. Das beginnt mit dem Erzbischof von Bari, Francesco Cacucci, der Radio Vatikan gegenüber sagte, Papst Franziskus habe die Bischöfe dazu ermahnt, „die Beziehung zur Liturgie in Schlichtheit und ohne Überbau zu leben“.

Dann war der Bischof von Conversano und Monopoli Domenico Padovano an der Reihe, der dem Klerus seiner Diözese berichtete, die Bischöfe Apuliens häten dem Papst gegenüber beklagt, die Vorkämpfer der Messe im alten Ritus würden Spaltungen in die Kirche tragen.

Und was hat der Papst ihnen dazu geantwortet?

Nach dem Bericht von Monsignore Padovano hat der Papst die Bischöfe aufgefordert, gegenüber dem Extremismus bestimmter traditioneller Gruppierungen wachsam zu sein, aber auch den Schatz der Tradition zu nutzen und ihn zusammen mit den Neuerungen in der Kirche bestehen zu lassen.

Um den letzten Punkt zu verdeutlichen, habe der Papst ein Beispiel aus dem eigenen Bereich vorgetragen:

„Seht, man hat mir gesagt, daß mein Zeremonienmeister (also Guido Marini) eine traditionalistische Prägung habe, und nach meiner Wahl haben viele mich angesprochen, ihn aus seinem Amt zu entlassen und zu ersetzen. Dazu habe ich Nein gesagt, weil ich aus seiner traditionellen Vorbildung Nutzen ziehen kann, und weil gleichzeitig er Vorteile aus meiner mehr fortschrittlicheren Herangehensweise ziehen kann.“

Wenn das korrekt berichtet ist, wäre das sehr aufschlußreich für die liturgische Haltung und den Zelebrationsstil des gegenwärtigen Papstes.“

Diese Einschränkung kann gar nicht genug betont werden. Die kurzen Äußerungen von Papst Franziskus zu den komplexesten Themen laden dazu ein, nach Lust und Laune interpretiert zu werden, und tatsächlich hat Bischof di Molfetta von Cerignola, einer der apulischen Bischöfe und begeisterter Liturgiereformator, die Gelegenheit auch sofort in seinem Sinne genutzt: Er hat - so berichtet es Magister - den kurzen Hinweis des Papstes wortreich als Absage auf einen angeblich „in neuerer Zeit zu beobachtenden pompösen Zeremonialismus“ dargestellt - und die Aufforderung, „den Schatz der Tradition zu nutzen“ ganz unter den Tisch fallen lassen.

Pfingstvigil in der Reform

Taufe in der Osternacht im Istitut 2013 St. Philipp NeriDas Pfingstfest (Pentekoste) steht schon vom Namen her in engster Verbindung zu Ostern, dessen feierlichen Abschluss es nach 50 Tagen bildet. Die frühe Liturgie brachte diese Verbindung insbesondere durch eine weitgehend parallele Gestaltung der Vigilfeiern zu den beiden Festen zum Ausdruck. Die Pfingstvigil war der zweite große Tauftermin nach der Osternacht. Dom Gueranger beschreibt das so:

Im christlichen Alterthum glich dieser Tag vielfach der Vigil vor Ostern. Am Abende begaben sich die Gläubigen in die Kirche, um an der feierlichen Ausspendung der Taufe Theil zu nehmen. In der folgenden Nacht wurde das Sakrament der Wiedergeburt den Catechumenen gespendet, welche durch Abwesenheit oder Krankheit verhindert waren, in der Nacht vor Ostern zu erscheinen. Auch diejenigen, die man damals noch nicht genügend erprobt oder vorbereitet erkannte - denn die Forderungen der Kirche waren damals strenger - schlossen sich denen an, die sich nach der neuen, der heiligen Quelkle entspringenden Geburt sehnten.Statt der zwölf Prophezeiungen, welche in der Osternacht gelesen wurden, während die Priester die auf die Taufe vorbereitenden Riten an den Catechumenen vollzogen, las man gewöhnlich nur sechs (nämlich die 3., 4., 11., 8., 6. und 7.), und will man daraus den Schluss ziehen, daß die Zahl der Täuflinge vor Pfingsten minder groß war als in der Nacht vor Ostern. Die Osterkerze (die traditionell an Christi Himmelfahrt gelöscht worden war) wurde während dieser Nacht wieder angezündet, um der neuen Schar, die sich der Kirche anschloss, die Ehrfurcht und Liebe zum Sohn Gottes einzuprägen, der Mensch geworden, um uns 'das Licht der Welt' zu sein.“

Die Streichung der Pfingstvigil aus dem Missale von 1962 war letztlich nur die Konsequenz des seit Jahrhunderten vollzogenen Abschieds von der Erwachsenentaufe und von festen Taufterminen. Offensichtlich konnte sich damals niemand vorstellen, daß nur 50 Jahre später das traditionelle Familiensystem weitgehend zusammengebrochen sein und die Taufe von Erwachsenen wieder eine bedeutende Rolle für das Leben der Kirche spielen würde. Allerdings empfand man bei der Erarbeitung des Novus Ordo doch das Bedürfnis, der Pfingstvigil auch im Rahmen des Missales wieder eine eigene Gestalt zu geben. Für das Missale von 1969/70 entstand ein Formular mit nunmehr vier und darüberhinaus als Alternativen angebotenen Lesungen aus dem alten Testament, die allerdings keinen Bezug mehr zur Ostervigil und zur Taufe hatten, sondern (in sehr lockerer Weise) das Wirken des Heiligen Geistes in der Geschichte des Volkes Israel ansprechen. Damit ergab sich eine veränderte Inhaltsbestimmung der Pfingstvigil, die sich nun vom Bezug auf Ostern löste und ganz der Vorbereitung des Pfingstgedankens zuwandte.

Gegen eine solche Anpassung der Liturgie an veränderte Zeitumstände kann man kaum prinzipielle Einwände erheben. Im konkreten Fall liegt allerdings eine ironische Pointe darin, daß eine andere „Anpassung der Liturgie an veränderte Zeitumstände“ die neu eingeführte Pfingstvigil gleich wieder obsolet gemacht hat: Die Einführung der Vorabendmesse für die Sonn- und Feiertage. Wer heute am frühen Samstagabend die Messe in einer deutschen Pfarrkirche besucht, trifft dort nicht eine Vigilfeier zum Abschluss der Osterzeit oder zur Vorbereitung von Pfingsten an, sondern springt sogleich in die Feier des Pfingstfestes. Der Sonntag ist damit abgehakt, und vom Pfingstmontag, theoretisch immer noch ein gebotener Feiertag, wollen wir sowieso nicht mehr reden.

Papst Benedikt erklärt die Liturgiereform

Wiederbelebt: Das FanonIn seiner Rede vor den Klerikern der Diözese Rom am 14. Februar hat Papst Benedikt eine umfassende Deutung des gesamten 2. Vatikanischen Konzils vorgetragen. In Deutschland wurde die lange und teilweise sehr grundsätzliche Rede - wie so viele Äußerungen des Papstes - kaum zur Kenntnis genommen. Auch auf der vatikanischen Website ist sie bis jetzt nicht in deutscher Sprache zu lesen - wohl aber auf Italienisch, Englisch, Französisch, Spanisch und Portugiesisch. Am vergangenen Samstag hat Die Tagespost die Ansprache in einer eigenen Übersetzung auf zwei vollen Zeitungsseiten abgedruckt. Wir übernehmen daraus - mit leichten sprachlichen Anpassungen - den Abschnitt, in dem der scheidende Papst die Position des Konzils zur Reformbedürftigkeit der Liturgie darstellt - neben der Ekklesiologie und dem Umgang mit dem Wort Gottes eines von drei Hauptthemen der Kirchenversammlung.

Die verhältnismäßig kurzen und sicher nicht auf Vollständigkeit bedachten Ausführungen von Papst Benedikt zur Lage der Liturgie vor dem Konzil sind geeignet, wenigstens teilweise eine Antwort auf die oft gestellte Frage zu geben, warum er als Papst zumindest öffentlich nie nach dem „nie abgeschafften“ Missale der überlieferten Liturgie zelebriert hat.

Zum Auszug aus der Rede des Papstes

Wäre die Spaltung vermeidbar gewesen?

Anläßlich eines Pressegespräches, das er am 15. Januar in der spanischen Botschaft in Rom führte, überraschte Kardinal Cañizares die Journalisten mit einer bemerkenswerten Mitteilung: „Damals (eine genauere Präzisierung des Zeitpunktes gab er nicht) war Bischof Fellay, der Kopf der Piusbruderschaft, bei mir zu Besuch und sagte: 'Wir sind gerade in einer Abtei in der Nähe von Florenz gewesen. Wenn Erzbischof Lefebvre gesehen hätte, wie sie dort zelebrieren, hätte er nicht den Schritt getan, den er getan hat.' Die Messe dort,“ fügte der Kardinal dann hinzu, „war die nach dem Missale Papst Pauls VI., allerdings in ihrer strengsten Form. Selbst die Anhänger der Piusbruderschaft räumen also nach der Teilnahme an einer korrekt gefeierten Messe ein, daß das, was geschehen ist und die bestehende Trennung verursacht, nicht hätte geschehen müssen, wenn die Messe so wie dort zelebriert würde.“ (Quelle)

Nun wissen wir natürlich nicht, ob der Journalist den Inhalt des Gespräches korrekt wiedergegeben hat. In jedem Fall bleiben Fragen. Die erste ist die, warum denn eine Messe „in der strengsten Form“ der reformierten Liturgie so selten vorkommt, daß Bischof Fellay sie nur höchst selten und Erzbischof Lefebvre sie anscheinend nie zu Gesicht bekommen hat. Diese Frage richtet sich auch an Kardinal Canizares, der als Präfekt der Gottesdienstkongregation schließlich dafür zuständig ist, daß die Messe korrekt nach den liturgischen Vorschriften zelebriert wird.

Zur zweiten und weiteren Fragen

Erlaubt ist, was gefällt

Ausschnitt aus dem Gemälde von Guido ReniGleich der erste Tag eines jeden Jahres gibt uns Gelegenheit, zwei der unangenehmsten Elemente der liturgischen Veränderungen des vergangenen Jahrhunderts zu bedenken: Zum einen die Tatsache, daß diese Veränderungen durchaus vor das Stichjahr 1962 zurückreichen und daher auch das heute verbindliche Missale des überlieferten Ritus in vielem bereits von der Tradition abweicht. Zum zweiten, daß viele Veränderungen in mehreren Stufen erfolgten, die Schritt für Schritt unliebsam gewordene Elemente des Glaubens aus der Liturgie herausdrängten, so daß sie heute kaum noch erkennbar sind.

Konkret zum 1. Januar: Der 8. Tag nach der Geburt Christi galt seit Alters her dem Gedächtnis der Beschneidung des Herrn, die nach dem jüdischen Gesetz an diesem Tag vorzunehmen war und nach dem Zeugnis der Evangelien so auch an Jesus vorgenommen wurde. Die erste Kalenderreform des Jahres 1961 ließ zwar das Messformular des 1. Januar mit seiner Erwähnung der Beschneidung intakt, veränderte aber den Namen des Tages zum „Oktavtag von Weihnachten“ - eine wenig einleuchtende Betonung des Prinzips der Oktavfeier, wenn man bedenkt, daß gleichzeitig alle traditionellen Oktaven mit Ausnahme derer von Ostern, Pfingsten und eben von Weihnachten „abgeschafft“ wurden.

Die zweite Kalenderreform von 1969 ersetzte dann das Gedächtnis der Beschneidung vollständig durch die Umwidmung des Oktavtags zum Hochfest der Gottesmutter Maria. Das Herrenfest zum Gedenken an das erste Blutvergießen des Erlösers wurde zum Marienfest gemacht. Umgekehrt unterdrückten die Liturgieingenieure Papst Pauls VI. dann zum früheren Marienfest am 2. Februar das Gedächtnis von „Mariä Reinigung“ und schoben zum neuendefinierten Herrenfest den Aspekt der „Darstellung des Herrn“ in den Vordergrund. Erlaubt ist, was gefällt.

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