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„Macht doch, was ihr wollt“

In der Form des Breviarium Romanum, die bis in die 60er Jahre gebraucht wurde, war es üblich, in Laudes und Versper nach der Tagesoration eine Commemoratio de Cruce vorzunehmen. Der Zusammenhang zwischen Kreuzesopfer und Auferstehung sollte auch in dieser Zeit der Auferstehungsfreude nicht vergessen werden. Der Text dieser Commemoratio war:

Der Gekreuzigte ist von den Toten auferstanden und hat uns erlöst – Alleluja, Alleluja. Verkündet es allen Völkern, alleluja; denn der Herr hat seine Herrschaft vom Kreuz her errichtet, alleluja.

Dieser letzte Vers geht auf eine Version von Psalm 95, Vers 10 zurück, die nur aus frühen lateinischen Übersetzungen und der griechischen Fassung des Psalters von Verona aus dem 6. Jahrhundert überliefert ist. In der offiziellen Septuaginta und ebenso in der Vulgata ist er so nicht enthalten. Wohl aber wird er so von vielen Kirchenvätern gekannt und zitiert, darunter auch von Augustinus in seiner Expositio in Psalmos, wo der fragliche Vers als Nr. 96,11 gezählt ist. In der Kirche ist er immer lebendig geblieben durch seine Aufnahme in den Hymnus „Vexilla regis prodeunt“ des Venantius Fortunatus. 

Erfüllt hat sich, was David in glaubwürdigem Liede gesungen, als er den Völkern verkündigte: vom Holze herab herrscht Gott.

Die Parallelführung der durch Eva vom Baum der Erkenntnis in die Welt gekommenen Sünde und der durch Christus am Holz des Kreuzes besiegelten Erlösung gehört zu den beherrschenden Motiven der Dichtkunst ebenso wie der bildenden Kunst der Christenheit. Und sie beruht ja nicht nur auf einer Textüberlieferung, die „Experten“ immer wieder mit feinziselierten Behauptung in Zweifel ziehen mögen - sie kann sich auch auf das Johannesevangelium (12,32) stützen:

Wenn ich von der Erde erhöht bin, werde ich alle an mich ziehen.

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Schlicht bis zur Selbstabschaffung

Bild: Grathethrougfaith.com

Das zensierte Evangelium IV. 

An Tagen, die keine aktuellen Themen aus der Welt der katholischen Tradition bieten, fahren wir fort mit der Vorstellung von Perikopen der Fastenzeit, die die Liturgiereformer 1969 ersatzlos aus dem Missale Romanum getilgt haben. Der Quatember-Samstag in der ersten Fastenwoche bietet hier besonders reiche Beispiele – hatte die überlieferte Liturgie an diesem Tag doch insgesamt sieben Lesungen: Fünf Perikopen aus dem Alten Testament, als Epistel einen Ermahnung des hl. Paulus zum Leben nach den Geboten aus dem 1. Brief an die Thessaloniker und als Evangelium den Bericht des Matthäus von der Verklärung des Herrn. Überwölbendes Thema all dieser Schriftstellen ist die Macht und Glorie des Allmächtigen, der seinem Volk das Gesetz des Bundes gab und es für dessen Einhaltung mit reichen Gaben belohnt.

Von alledem ist in der erneuerten Liturgie nichts geblieben. Der selbstauferlegte Systemzwang veranlasst die Liturgiereformer, auch diesen Tag in ihr Werktagsschema von zwei Lesungen zu pressen. Für die erste übernahmen sie – in stark gekürzter Form – die erste Lesung der überlieferten Liturgie, das Evangelium präsentiert neu die Perikope aus dem Mathäusevangelium über die Feindesliebe. Der damit ursprünglich gegebene besondere Bezug zur Bundestreue Gottes und seines Volkes geht damit verloren. Die mit der Reform als Perikopen weggefallenen Schriftstellen tauchen nach der hier bereits mehrfach zitierten Untersuchung von Matthew Hazell teils in verändertem Umfang irgendwo außerhalb der Fastenzeit auf, zwei sind im erneuerten Missale überhaupt nicht zu finden.

Dabei handelt es sich ausgerechnet um zwei Schriftstellen, die zwei der bedeutendsten Hymnen des alten Bundes enthalten, die außerhalb des Psalters überliefert sind. Man tut den Liturgieingenieuren des Consiliums sicher kein Unrecht, wenn man das darauf zurückführt, daß sie von Dichtung und Poesie noch weniger Ahnung hatten als von allem anderen, was in der Liturgie zum Herzen der Menschen sprechen kann.

Hier zunächst die erste weggefallene Perikope aus dem 2. Buch der Makkabäer (1,23-26,27), wieder in der Übersetzung von Allioli:

Es verrichteten aber alle Priester ein Gebet, während das Opfer verzehrt ward, indem Jonathan anstimmte, und die übrigen nachsangen, und Nehemias betete auf folgende Weise:

Herr, Gott, Schöpfer aller Dinge, der Du furchtbar und stark, gerecht und barmherzig, allein der gute König bist, allein vortrefflich, allein gerecht, allmächtig und ewig, der Du Israel rettest aus allem Übel, der Du die Väter zu Auserwählten machtes und sie heilgtest; nimm an das Opfer für Dein ganzes Volk Israel, und bewahre und heilige Dein Erbe, damit die Heiden erfahren, daß Du unser Gott bist.

Im Original des Buches der Makkabäer ist der Hymnus noch ausführlicher wiedergegeben, dort heißt es nach „und heilige Dein Erbe“:

Versammle unsere Zerstreuten, befreie die, so unter der Dienstbarkeit der Heiden sind, und sieh gnädig auf die Verachteten und Geschmähten, damit die Heiden erfahren, daß Du unser Gott bist. Strafe, die uns unterdrücken und mißhandeln im Übermut. Setze fest Dein Volk an Deinem heiligen Orte, wie Moses gesagt.

Die Priester aber sangen Lobgesänge, bis das Opfer verzehrt war.

Das klingt im ersten Teil wie die Lobpreisungen des Gloria in Excelis und lässt im zweiten, für die Perikope gestrafften Teil bereits die Offertoriumsgebete der überlieferten Liturgie anklingen. Die freilich wurden von den Reformern ja völlig umgestalte und umgedeutet, und auch das Gloria, das das tatsächlich erst unter fränkischem Einfluss zum regulären Bestandteil der römischen Liturgie wurde, sollte nach ihren weitreichenden Plänen gestrichen werden. Keinerlei Rücksicht auf das ansonsten doch angeblich so hoch gehaltene Erbe des Alten Testaments. Stattdessen würdelose Schlichtheit bis zur Selbstabschaffung.

Die Lesungen der Fastenzeit

Bild: New Liturgical MovementIn der Fastenzeit gibt die überlieferte Liturgie der lateinischen Kirche für jedem Werktag ein vollständiges Messformular einschließlich der Lesung(en) und des Evangeliums vor. Das Missale des Novus Ordo behält diese Einrichtung zwar grundsätzlich bei, hat den Charakter der einzelnen Tage aber durch weitgehende Neugestaltung bzw. Neuordnung von Orationen und Lesungen tiefgreifend verändert. Der englische Theologe Metthew Hazell – im Internet bekannt als Autor der der Lectionary study aids und Mitarbeiter bei New Liturgical Movement – hat eine quantitative Analyse der Lesungen der Fastenzeit vorgenommen, bei der er untersucht, inwieweit sie von den seit weit über tausend Jahren in der lateinischen Kirche gebräuchlichen Lesungen abweichen. Mit einbezogen hat er auch die Sonntage, für die der Novus Ordo entsprechend seiner neueingeführten drei „Lesejahre“ über 50 Lesungen angibt. Das Untersuchungsergebnis hat er in einer Tabelle zusammengefasst, die man hier downloaden kann.

Das nicht wirklich überraschende, aber dennoch deprimierende Ergebnis der Untersuchung: Auch hier haben die Reformer praktisch keinen Stein auf dem anderen gelassen. Viele Lesungen wurden an andere Plätze außerhalb, andere auch innerhalb der Fastenzeit verschoben. Nur eine Minderheit durfte an ihrem angestammten Platz verbleiben, doch auch in diesen Fällen wurden meistens einige Verse hinzugefügt oder weggelassen. 10 Lesungen aus dem traditionellen Bestand tauchen überhaupt nicht mehr im „erneuerten“ Messbuch auf, also auch nicht irgendwo außerhalb der Fastenzeit.

Dabei hätte sich zumindest für die Fastensonntage eine zwanglose Gelegenheit geboten, für eines der Lesejahre die überlieferte Leseordnung beizubehlaten und lediglich die beiden anderen neu zu gestalten. Diese Möglichkeit wurde nicht genutzt, die drei Lesejahre wurden auch für die Sonntage weitgehend neu konzipiert, insgesamt wurden nur 5 ihrer Lesungen, und zwar ausschließlich die Evangelien, unverändert beibehalten.

Bereits diese Zahlen – die inhaltlichen Aspekte hat Hazell in der nun vorgelegten Auflistung nicht berücksichtigt – machen deutlich, wie sehr die Verfasser des neuen Missales sich nicht als Fortführer einer Tradition, sondern als Autoren eines neuen Werkes verstanden haben. Dieses Unternehmen haben sie stets mit der angeblichen Notwendigkeit begründet, die Liturgie den Bedürfnissen des „Menschen der Gegenwart“ verständlicher und angemessener zu machen. Allerdings hat der Gottesdienstbesuch in den vergangenen Jahrzehnten so dramatisch abgenommen, daß man heute nur noch das völlige Scheitern ihres damaligen Ansatzes feststellen kann.

Damit ist noch nicht bewiesen, daß die überlieferte Liturgie per se besser geeignet wäre, die Menschen des 21. Jahrhunderts anzusprechen – auch wenn es Anzeichen dafür gibt, daß das zumindest für einen Teil dieser Menschen zutrifft. Aber die Glaubwürdigkeit der Autoren des Novus Ordo hinsichtlich ihrer Urteilsfähigkeit und Menschenkenntnis ist zutiefst erschüttert.

Latinisten voran!

Gestern hat Mathew Hazell auf New Liturgical Movement mitgeteilt, daß er die Arbeiten zur Onlinestellung des zweiten Bandes der Acta Synodalia des 2. vatikanischen Konzils abgeschlossen hat. Insgesamt umfassen die Acta vier jeweils mehrteilige Bände, für jede Sitzungsperiode, d.h. für jedes Konzilsjahr, einer. Diese Protokolle enthalten alle offiziellen Wortmeldungen im Rahmen der Generalkongragation. Materialien aus den Ausschussitzungen und informellen Zusammenkünften sind also nicht enthalten, wurden jedoch inzwischen in einigem Umfang in den Memoiren von Konzilsteilnehmern zugänglich gemacht.

Die besondere Bedeutung der nun vorliegenden ersten beiden Bände für die Erforschung der Geschichte der Liturgiereform besteht darin, daß die grundlegende Konstitution Sacrosanctum Concilium zum Abschluss der zweiten Sitzungsperiode verabschiedet und promulgiert wurde. Das heißt, sämtliche Konzilsdiskussionen zu dieser Konstitution sind nun über das Internet abrufbar. Da die offizielle Konzilssprache Latein war, liegen sämtliche Redeprotokolle allerdings nur in dieser Sprache vor.

Links zu den Sitzungen der 1. Tagungsperiode

Links zu den Sitzungen der 2. Tagungsperiode

Lex credendi - lex orandi

Oft und gerne greift Summorum-Pontificum auf Beispiele aus dem kirchlichen Leben der USA zurück, die zeigen, wie stark die Tradition in Lehre und Liturgie dort an vielen Orten ist, und daß es eine durchaus beachtliche Zahl von Bischöfen gibt, die eine Hermeneutik der Kontinuität unterstützen. Auf die Mißstände und Mißbräuche innerhalb des progressiven Mehrheitslagers des US-Katholizismus gehe wir nur höchst selten ein – da hätten wir vor der eigenen Haustür schon mehr als genug zu kehren. Im Zusammenhang mit der Stadionmesse im Madison Square Garden anlässlich des Papstbesuches sind allerdings zwei Vorkommnisse bekannt geworden, die nicht unbemerkt und unkommentiert vorübergehen dürfen: Sie berühren das Wesen der Liturgie in ihrem Innersten.

Das eine ist das Verhalten der Konzelebranten, die bei der Messe wieder einmal in beträchtlicher Zahl aufgeboten worden waren. Viele von ihnen hatten Photohandys oder Kameras dabei, mit denen sie nicht nur beim Introitus, sondern auch während der Messe unentwegt Bilder machten. Konzelebrant Stephen Paolino brachte es sogar fertig, unmittelbar am Altar stehend grimassierend ein Selfie aufzunehmen und es anschließend stolz in Twitter hochzuladen – ich, ich, ich, it's all about me. Man fragt sich unwillkürlich, was solche Leute eigentlich denken, wenn sie zur Zelebration an den Altar treten – und was ihnen ihre Professoren während der langen Jahre des Philosophie- und Theologiestudiums denn wohl beigebracht haben.

Die Opfertheologie des Konzils von Trient, die auch für den Novus Ordo verbindlich ist, kann es wohl kaum gewesen sein. Schwer abweisbar stellt sich die Frage, ob solche Priester immer, wenn sie als Vorsteher amtieren, das tun wollen, was die Kirche tut, oder ob sie nicht längst schon anderswo angekommen sind: Bei der Selbstfeier der Gemeinde. Unvermeidlich auch ist die Frage, ob derlei möglich wäre, wenn die Zeremonie nicht mit einem „guten Tag allerseits" beginnen würde, sondern mit den Jahrtausende alten Worten des Psalms „Zum Altare Gottes will ich treten, zu Gott, der mich erfreut von Jugend an."

Ein zweiter Vorfall war weniger offensichtlich, aber wohl ebenso schwerwiegend: Als Lektor bei der Messe im Madison Square Garden amtierte der Journalist und Autor Mo Rocca, der in den USA als Aktivist der Homosexuellen-Szene bekannt ist und mehrfach öffentlich gegen die katholische Ehelehre aufgetreten ist. Nur um Mißverständnisse zu vermeiden: Kein Pfarrer wird ein unbescholtenes Gemeindemitglied, das für die Aufgabe des Lektors in Aussicht genommen ist, auf seine sexuellen Gewohnheiten oder andere geheime Laster hin examinieren – selbst wenn eine allgemeine Unterweisung über die Erfordernisse des Gnadenstandes durchaus wünschenswert wäre. Aber einen Propagandisten der Schwulenbewegung zum Lektor bei einer weltweit im Fernsehen übertragenen Messfeier einzusetzen, lässt die Frage stellen, was dieser Lektor denn bei seinem denkwürdigen Auftritt am Altar verkündet und verkörpert hat: Das Wort der heiligen Schrift im Licht des Kreuzes oder seine Agenda als Propagandist des Regenbogens. Dabei kommt es noch nicht einmal so sehr darauf an, was Rocca selbst mit diesem Auftritt verbunden hat. Viel gravierender erscheint, daß diejenigen, die ihn beauftragt haben, damit auf spektakuläre Weise verkünden wollten, daß sie zwischen dem Wort der heiligen Schrift und der politischen Agitation des Homo-Aktivisten keinen Widerspruch sehen wollen.

Das ist eine Indienstnahme und Unterwerfung der Liturgie für glaubensfeindliche Zwecke der perfidesten Art. Und auch hier, nur am Rande bemerkt, ein Mißbrauch, der so nur innerhalb des Novus Ordo möglich ist. Diese Liturgie ist so massiv von dem Ideologem einer quasi Gott- und naturgegebenen Konvergenz der weltlichen und göttlichen Wertordnung kontaminiert, daß man an einer Möglichkeit der Heilung zweifeln muß.

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