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Alle Heiligen, steht uns bei

Die Demonstrationsmesse, die Papst Paul VI. am 7. 3. 1965 in der Pfarrkirche Ognisanti (Zu allen Heiligen) zelebrierte, wurde sicher nicht ganz in der Volkssprache gefeiert, wie die Initiatoren der gestrigen Jubiläumsfeierlichkeiten suggerieren. Und trotzdem sind die Feiernden völlig im Recht, wenn Sie diesen Tag als das Gründungsdatum des Novus Ordo feiern, also des Ritus, dem Papst Paul dann 1969 mit der Einführung des neuen Missales die abschließende Form geben sollte. Den durchaus revolutionären „Geist“ dieses Ritus hat er tatsächlich schon am 7. März demonstriert und damit so verbindlich gemacht, wie es einem Papst überhaupt nur möglich ist. In der Zeitschrift Pour Qu'Il Règne, erschien bereits im Mai 2014 ein Artikel zu dieser Feier in Ognissanti, den Rorate Cæli nun ausführlich referiert hat.

Der 7. März 1965 war danach nicht irgendein Tag. Er war in diesem Jahr der erste Fastensonntag - und damit der Tag, an dem die in der 'Ersten Instruktion zur ordnungsgemäßen Durchführung der Liturgiekonstitution' Inter Oecumenici vom September 64  angeordneten Änderungen der Messfeier in Kraft traten. Schon Wochen zuvor hatten Bugnini und andere Häupter der Reformkommission zahlreiche Pfarreien in Rom und ganz Italien besucht und die Pfarrer auf die (anscheinend ohne massiven Druck nicht zu erwartende) pünktliche Umsetzung der Neuerungen zu verpflichten. Der Papst erhöhte diesen Druck durch seinen Auftritt in Ognissanti und demonstrierte so urbi et orbi, wie die Liturgie nach dieser Konstitution zu feiern sei - und zwar durchaus über die dort festgelegten allgemeinen Grundsätze hinaus.

Der Vatikan hatte dazu eigens den neuerfundenen Volksaltar in die Pfarrei bringen und dort auf einer Plattform vor der Kommunionbank im Kirchenschiff aufstellen lassen.  Ein in seiner Anmutung noch durchaus traditioneller Papstthron wurde in der Apsis so aufgestellt, daß er mit seinen Draperien den bisherigen Hochaltar völlig verdeckte. Die Kommunion wurde im Kirchenschiff an die Gläubigen ausgeteilt, die sie, da sie keine Kniebank vorfanden, großenteils stehend empfingen. Dieses Vorgehen rief einige Kritik hervor, die  jedoch vom Papst wenige Tage später in seiner Ansprache zur Generalaudienz am 17. März in scharfen Worten - er warf den Kritikern geistige Trägheit und mangelnden Sinn für den wahren Sinn der hl. Messe vor - zurückgewiesen wurde. In dieser Ansprache bekräftigte er auch ausdrücklich den - in seinen Augen - hohen Wert der freilich weder in Sacrosanctum Concilium noch in Inter œecumenici festgeschriebenen Zelebration ad populum.

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„Die Liturgiereform ist Gesetz“

In seinem Artikel zur Unmöglichkeit, die überlieferte Liturgie und den Novus Ordo durch kosmetische Maßnahmen miteinander zu versöhnen – über Maßnahmen auf anderer Ebene wäre gesondert nachzudenken – zitiert Joseph Shaw kurz aus einer der Predigten, mit denen Papst Paul VI. 1969 die Gläubigen dazu verpflichtete, das in seinem Namen erlassene Neue Missale im Gehorsam zu akzeptieren. Summorum Pontificum hat die beiden großen Ansprachen des Papstes, die er diesem Aufruf widmete, bereits vor Jahren publiziert – und dann wieder aus dem Auge verloren. Dabei sind sie wie wenige andere Texte der Liturgierefom geeignet, zu belegen, wie tief der mit dieser Neugestaltung der Liturgie verbundene Bruch war, und daß sich Papst Paul VI. auch dieser Tiefe bewußt war.

Zunächst entzieht die Ansprache allen formalen Argumentationen, die Reform sei über den in Sacrosanctum Concilium formulierten Auftrag des Konzils hinausgegange, den Boden. Papst Paul stellt nachdrücklich fest, die neue Liturgie beruhe auf dem Willen des Konzils und verfügt in einem an Schärfe kaum überbietbaren Ton:

Die Reform, die jetzt in Kraft treten wird, ist also die Erfüllung eines autoritativen Auftrags der Kirche. Sie ist ein Akt des Gehorsams. Sie ist ein Akt des Zusammenhalts der Kirche mit sich selbst. Sie ist ein weiterer Entwicklungsschritt ihrer authentischen Tradition. Sie ist ein Zeugnis von Treue und Lebenskraft, dem wir alle ohne zu zögern Zustimmung schulden.

Sie ist kein willkürlicher Akt. Sie ist auch kein zeitlich begrenzter Versuch, an dem man sich beteiligen kann oder auch nicht. Sie ist kein improvisierter Akt von Dilettanten. Sie ist Gesetz. Sie wurde von kompetenten Experten der heiligen Liturgie ausgearbeitet und sie wurde lange Zeit erörtert und bedacht. Wir müssen es uns angelegen sein lassen, sie freudigen Herzens anzunehmen und exakt, einheitlichen Sinnes und sorgfältig in die Praxis umzusetzen. (Abs. 6 und 7)

Diese Schärfe wird auch nicht dadurch gemildert, daß gerade die Einhaltung der Forderungen des letzten Satzes nie ernsthaft betrieben wurde – die Schärfe richtet sich damals wie heute alleine gegen diejenigen, die die Sinnhaftigkeit des „von kompetenten Experten der heiligen Liturgie ausgearbeiteten“ Kunstproduktes bezweifeln.

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„Die Liturgiereform ist Gesetz“ - II

Die zweite große Ansprache von Papst Paul VI., gehalten am 26. 11. 1969, (hier der Text) bringt noch stärker als die erste zum Ausdruck, wie sehr sich der Papst des Bruches bewußt war, den er den normalen Gläubigen mit der anstehenden Neufassung der Liturgie zumutete. Nachdem die letzten Abschnitte der ersten Ansprache in immer neuen Wendungen beschworen, am Inhalt der Messe könne und werde sich nicht das Geringste ändern, sind die ersten Abschnitte der zweiten Rede ganz dem Bemühen gewidmet, die Gläubigen auf die bevorstehenden Umbrüche im (vermeintlich nur) formalen Bereich vorzubereiten. Der Papst spricht von „Veränderung einer verehrungswürdigen Tradition, die schon seit Jahrhunderten besteht“ und konzediert „Das berührt unser religiöses Erbe, dem das Privileg der Unantastbarkeit und der Stabilität zuzukommen schien“. Er räumt ein, daß díe Volkssprache „künftig die Hauptsprache der hl. Messe sein“ werde und bereitet die Gläubigen darauf vor, daß die Kirche „einen großen Teil jenes großartigen und unvergleichlichen künstlerischen und spirituellen Gebildes, der Gregorianik, verlieren“ werde. Insgesamt seien die Neuerungen „keine Kleinigkeit“, sondern stellten „tiefgehende Veränderungen“ dar.

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Was wir in der Messe feiern

„Eucharistiefeiern“ wie die mit der Bundeswehr am 22. Januar im Kölner Dom zeigen, wie tief der Geist der Welt bereits in das Allerheiligste des kirchlichen Kultus eingedrungen ist - und wie wenig das offenbar als Problem empfunden wird. Frieden und Völkerverständigung ist doch etwas schönes - wer wird denn da kleinlich liturgische Formen und Formeln ins Feld führen wollen, wenn es doch einer guten Sache dient.

Vielleicht sollten wir in Zukunft ja statt von „Gottesdienst“ von „Gute-Sache-Dienst“ sprechen. Das käme dem Begriffsvermögen vieler Godi-Teilnehmer doch auf höchst pastorale Weise entgegen.

Eine der Wurzeln für diese nachgerade blasphemische Verflachung des gottesdienstlichen Denkens und Handelns haben wir beim Wortgebrauch„Eucharistiefeier“ und dessen gedanklichen Hintergründen ausgemacht. Wir stützten uns dabei auf Argumente aus dem Beitrag Johannes Nebels Von der actio zur celebratio - Ein neues Paradigma nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil in dem von Stefan Heid herausgegebenen Tagungsbericht zur Liturgiereform des 20. Jahrhunderts.

Aus dem gegebenen Anlass zitieren wir heute die wesentlichen Aussagen aus dem Schlussteil dieses Artikels, der in seinem volumenmäßigen Hauptteil in einer akribischen Analyse von Schriften der frühesten Kirchenvätern nachweist, daß das im  Anschluß an Ideen Odo Casels in die Liturgie eingedrungene Verständnis von Eucharistiefeier dort keine Stütze findet.

Es beginnt ein langes ZitatSchließen wir nun den Bogen zur Anfangsproblematik und greifen zunächst einen Aspekt des Formdenkens Odo Casels heraus, nämlich seine Begründung hierarchischer Abstufungen innerhalb liturgischer Vollzüge. Diese will er unter allen Umständen gewahrt wissen. Er tritt also - gegen gewisse damalige demokratisierende Tendenzen - für die Beibehaltung der liturgischen forma ein. Neu ist aber nun die Begründung: Casel setzt nicht mehr beim religio- pietas- oder actio-Begriff an, sondern beim Mysterium. So schreibt er: »Die Laien können nie den Dienst des geweihten Priesteramtes übernehmen, und jeder Stand hat sich an seine Ordnung zu halten. Nicht alles ist für alle! Und nicht alles muss sofort allen offen stehen' Das Mysterium bleibt immer Mysterium!« Die forma korreliert also mit dem Mysterium. und das Mysterium begrenzt zugleich ihre Geltung. Die Gott gebührende latreia aber, die im bisherigen Denken Sinn und Inhalt der liturgischen aetio war, wird von Casel dem Mysterium übertragen. Casel formuliert: »Haupt und Glieder sind eins in dem Opfer an den Vater, zu dem im heiligen Mysterium durch den Sohn im Heiligen Geiste alle Ehre emporsteigt«. Nicht für die latreia selbst also ist die Wahrung der forma noch nötig, sondern nur, um »den Schleier der Kultsprache über die Liturgie« zu breiten, das Mysterium dem »grellen Licht des Alltags« zu entziehen - also nur im Rahmen der Wahrnehmung, letztlich der äußeren Wirkung. Das ist - was der weitere Gang der Liturgiegeschichte lehrt - eine reichlich zeitbedingte Kategorie. Mit nachhaltiger historischer Wirkung zerbrach Casels Mysterienidee den Zusammenhang zwischen aetio und forma und entzog daher beiden den eigentlichen Existenzgrund. Wohl ohne Absicht bereitete er den Weg dafür, beides den Zeitumständen auszuliefern.

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Herr oder Hüter der Liturgie

New Liturgical Movement hat in dieser Woche den ersten Teil eines äußerst lesenswerten Artikels gebracht, in dem der polnische Philosoph Paweł Milcarek einige Entwicklungslinien und Grundprinzipien der Liturgiereformen des 20. Jahrhunderts nachzeichnet. Als einen dieser Grundzüge identifiziert er den „papalistischen Absolutismus“ in Angelegenheiten der Liturgie, den ja auch Joseph Ratzinger als Kardinal in seinem „Der Geist der Liturgie“ bereits heftig kritisiert hatte

Nach dem II. Vatikanum entstand der Eindruck, der Papst könne eigentlich alles in Sachen Liturgie, vor allem wenn er im Auftrag eines ökumenischen Konzils handle. ... Tatsächlich hat aber das I. Vatikanum den Papst keinesfalls als absoluten Monarchen definiert ... (ausführlicher hier).“

Zum Beleg zitiert Milcarek eine Passage aus der Rede von Cardinal Gaetano Cigogniani vor dem liturgischen Kongress in Assisi 1956, in der der Würdenträger den Papst tatsächlich in den höchsten Tönen zu preisen scheint: 

Hauptziel dieses Kongresses ist es daher, an unserem Auge vorbeiziehen zu lassen die bewundernswerte Tätigkeit unseres Hl. Vaters Pius XII. auf pastoralliturgischem Gebiet, und das im Geiste der ehrfürchtigen und treuen Anhänglichkeit, die jeder Gläubige dem erhabenen Hirten schuldet, der uns führt.“

Dieses Zitat ist in der Tat typisch für den Geist und die äußeren Formen die damals in weiten Bereichen der Kirche verbreitet waren. Es ist aber nicht typisch für die inhaltliche Position des Kardinals  in Hinblick auf die sich 1956 bereits abzeichnenden liturgischen Umwälzungen, denen er unter Berufung auf die päpstliche Autorität entgegentreten will, und es beschreibt erst recht nicht die Haltung der in Assisi versammelten  Vertreter der „pastoralliturgischen Bewegung“. In den Einleitungsworten und an anderen geeigneten Stellen ihrer Beiträge  lassen sie es nicht an geradezu byzantinistisch anmutenden Huldigungen für den „gesegnet regierenden obersten Hirten“ fehlen. Wo der Papst als „Oberster Brückenbauer“ ihnen in diesem Dokument in Formulierungen entgegenkommt und ihren Anliegen mit Freundlichkeit zu begegnen scheint, ergreifen sie mit dem kleinen Finger entschlossen die ganze Hand. Zur Sache selbst gehen sie mit der größten Unbekümmertheit über die von Pius XII in Mediator Dei festgeschriebenen Grundsätze der Tradition hinweg. 

Kardinal Cicogniani beansprucht die päpstliche Autorität unter Berufung auf die Aufgabe des Papstamtes als Hüter von Überlieferung und Tradition. Die „Reformer“ sehen im Inhaber dieses Amtes den absoluten Potentaten, der reden und tun kann, was er auch immer will - solange es ihren Plänen nicht in die Quere kommt.

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Die außerordentlich aufschlußreichen Beiträge des Kongresses liegen in deutscher Übersetzung vor in dem von Johannes Wagner herausgegebenen Band: Erneuerung der Liturgie aus dem Geist der Seelsorge unter dem Pontifikat Papst Pius XII - Akten des Ersten Internationalen Pastoralliturgischen Kongresses zu Assisi. Erschienen 1957 im Paulinus-Verlag Trier.

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