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Liturgie - Reform oder Revolution

Scan des BuchumschlagsErst auf dem Umweg über eine englische Übersetzung, die dieser Tage auf Rorate Cæli erschienen ist, erreicht uns die Kenntnis eines Vortrages von Wolfram Schrems über die Liturgiereform. Gehalten wurde dieser Vortrag schon vor einem Jahr anläßlich der Vorstellung der deutschen Ausgabe von Peter Kwasniewskis „Neuanfang inmitten der Krise“ (zu beziehen etwa hier). Er enthält eine der schärfsten Kritiken der Liturgiekonstitution „Sacrosdanctum Concilium“ von katholischer Seite. Danach sind die Mängel der Reform, die schließlich zu ihrem katastrophalen Scheitern in der gottesdienstlichen Realität geführt haben, nicht in einer unzureichenden Umsetzung dieses Dokuments durch das Consilium Bugninis begründet, sondern gehen direkt auf die darin enthaltenen theologischen Fehlkonzeptionen und gezielt eingebauten Zweideutigkeiten zurück. Nicht Reform, sondern Revolution im sinne des Modernismus war das Ziel der Verfasser von Sacrosanctum Concilium

Als weitere hochinteressante Aussagen enthält der Vortrag durchaus begründet erscheinende Ansätze zur Ehrenrettung von Vertretern der liturgischen Bewegung der Zwischenkriegszeit wie Romano Guardini, Odo Casel oder Pius Parsch. Sie werden oft von den Propagandisten der Liturgiezerstörung als Wegbereiter und geistige Vorfahren in Anspruch genommen und von den Verteidigern der Liturgie der Kirche dann auch oft für solche gehalten. Schrems weist überzeugend darauf hin, daß es sich bei diesen und den meisten anderen Vertretern der Liturgischen Bewegung um alles andere als Revolutionäre handelt. Es waren fromme und liturgisch hochgebildete Männer, die früh den Spalt erkannten, der sich zwischen der überlieferten Liturgie und dem Frömmigkeitsempfinden der Moderne öffnete. Nicht alles, was sie vorschlugen, um dem entgegenzuwirken, erscheint in der Rückschau als sinnvoll. Aber es kann keinen Zweifel daran geben, daß sie die Aufgabe von der richtigen Seite her angehen wollten: Es ging ihnen nicht darum, die Liturgie der „modernen Lebenswelt“ anzupassen, sondern sie wollten die Bewohner dieser Lebenswelt darin unterstützen, in den liturgischen Raum einzutreten.

Den Vortrag von Wolfgang Schrems mit einer Länge von 32 Minuten kann man hier anschauen.

Mein Erbe gefällt mir wohl

Bild: Michael HesemannDer folgende Text ist die vollständige Übersetzung eines Artikels von Prof. Peter Kwasniewski, der am 30. April auf New Liturgical Movement erschienen ist. Die Abbildung zeigt den Santo Caliz von Valencia, in dem der von Michael Hesemann zusammengefassten Überlieferung nach der aus Achat geschnittene Becher des Abendmahls aufbewahrt ist.

Mein Erbe gefällt mir wohl – Dank für die liturgische Vorsehung

Fortschrittliche Liturgiewissenschaftler – also bis auf ein paar Ausnahmen das gesamte liturgiewissenschaftliche Establishment auf dem 2. Vatikanischen Konzil und danach – begehen in ihrem Denken anscheinend einen ganz merkwürdigen grundlegenden Fehler, der ganz nahe bei den Fehlern liegt, die man bei den modernen Bibelkritikern findet.

Wenn Liturgiewissenschaftler sich in die Geschichte der Riten vertiefen, entdecken sie jede Menge Veränderung, Entwicklung, Verschiedenheit und anscheinend zufällige Elemente, etwa: „Es weiß doch jeder, daß Karl der Große letztlich dafür verantwortlich ist, daß der römische Ritus die Gallikanische Liturgie ablöste und dabei viele von dessen Elementen aufnahm“. So weit, so gut. Doch dann ziehen sie eine unbegründete Folgerung: Abgesehen vom Postulat eines „Goldenen Zeitalters“ zur Zeit der Apostel schulden wir den liturgischen Riten aus späteren Stadien ihrer Entwicklung keinerlei Ehrfurcht oder Anerkennung. Da also mittelalterliche und barocke Züge der römischen Liturgie auf historischen Entwicklungen beruhen, sehen sie diese als legitime Objekte der „Bereinigung“ durch die Experten, die schließlich besser wissen, was unseren gegenwärtigen historischen Bedingungen entspricht.

Diese Denkweise offenbart einen Mangel an metaphysischer und theologischer Gesamtschau davon, wie die göttliche Vorsehung wirkt und die Dinge nicht nur im Großen, sondern auch in den Einzelheiten leitet. Für uns hienieden mit unserem schwachen und begrenzten Verständnis von den Zusammenhängen ist nur die Zufälligkeit sichtbar – aber in den Augen Gottes gibt es keine Zufälle. Er sieht und bewirkt alles. Ohne einen angemessenen Begriff von Vorsehung und ohne Vertrauen darauf sind wir leicht geneigt, in die Sünde zu verfallen, die Früchte einer organischen liturgischen Entwicklung so zu beurteilen und zu verwerfen, als ob wir Modernen unseren Vorvätern überlegen wären. Die Grundannahme christlichen Geschichtsverständnisses ist allerdings, daß unsere Vorväter weiser waren als wir und daß es uns zukommt, das Überlieferte anzunehmen und anzueignen, so weit wir überhaupt in der Lage sind, dem zu entsprechen.

So verfehlt das Denken der Liturgiewissenschaftler die spirituelle Grundhaltung, die wir gegenüber unserem Erbe an den Tag legen sollten, nämlich gegenüber dem, was uns „als Los zugefallen“ ist. Der Psalmist gibt das in vollendeter Form wieder: Funes ceciderunt mihi in praeclaris; etenim haereditas mea praeclara est mihi  - Die Messchnur fiel mir auf liebliches Land, ja, mein Erbe gefällt mir wohl. (15,6) Der Sinn des Verses ist, daß das, was Gott seinem Volk in seiner Väterlichen Fürsorge zugeteilt hat, das wahre und rechte ist, es ist Zeugnis seiner Weisheit. Was uns als Erbe zugefallen ist, sollte zu unserem Wohlgefallen sein und unterliegt nicht unserer Beurteilung oder gar Geringschätzung.

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Wem gehört das Missale Pauls VI.?

Bild: RoratecaeliFür den Herbst steht die Heiligsprechung von Papst Paul VI. auf dem Programm , und da Heiligsprechungen oft auch politische oder kirchenpolitische Aspekte haben, sammeln Anhänger und Gegner des vor 40 Jahren Verstorbenen noch einmal Argumente und Anekdoten, um sie für ihre jeweilige Position nutzbar zu machen. In Italien ist in diesen Tagen eine relativ schmächtige „Kleine Geschichte Pauls VI.“ erschienen, der es unter anderem darum geht, den Papst der Liturgiereform von der Verantwortung für dieses so gründlich gescheiterte Unternehmen zu entlasten. Das Buch präsentiert dazu unter anderem eine Reihe von Anekdoten, nach denen Papst Paul nach Inkrafttreten der Reform mehrfach von deren praktischen Auswirkungen überrascht gewesen sei und sich sehr unzufrieden darüber geäußert habe. Hier eine Zusammenstellung.

Nun ist es bekannt, daß der von mehreren Päpsten der Reihe nach beauftragte und bestätigte Spiritus Rector des Reformwerks, Annibale Bugnini, auch äußerst unredliche Mittel einsetzte, um seinen Willen durchzusetzen. Louis Boyer, ursprünglich selbst starker Reformverfechter, verdanken wir die Information, daß Bugnini dem Papst Maßnahmen als „alternativlos“ darstellte, weil angeblich die Mehrheit der Reformkommission darauf bestehe – und umgekehrt die Kommissionsmitglieder dahingehend belog, der Papst habe dieses und jenes strikt gefordert. Durchaus möglich, daß Paul VI. sich auf diese Weise Dinge abringen ließ, die er später bedauerte. Das ändert aber nichts davon, daß er die Reformen insgesamt gut hieß, durch seine Unterschrift in Kraft setzte und anschließend mit beträchtlicher Härte gegen alle vorging, die weiterhin widersprachen. Wir haben darüber hier vor drei Jahren schon einmal ausführlich informiert.

Tatsächlich bieten die beiden in unserem damaligen Beitrag erwähnten und verlinkten Ansprachen des Papstes zum Inkrafttreten der Reform unwiderlegliche Zeugnisse dafür, daß der Papst schon bevor er den „Novus Ordo“ in Kraft setzte, wußte, welche schmerzlichen Opfer diese umstürzende Änderung für die Kirche bedeuten würde, und zumindest ahnte, zu welchen Zerstörungen das führen könnte.

Dazu ein etwas längeres Zitat aus der Ansprache vom 26. 11. 69:

(8) … Die Einführung der Umgangssprache wird sicher ein großes Opfer für diejenigen bedeuten, die die Schönheit, die Kraft und die ausdrucksstarke Sakralität des Latein kennen. Wir geben die Sprache der christlichen Jahrhunderte auf und treten wie weltliche Eindringlinge in den bisher der heiligen Sprache vorbehaltenen Bezirk ein. Wir werden einen großen Teil jenes großartigen und unvergleichlichen künstlerischen und spirituellen Gebildes, der Gregorianik, verlieren.

9. Das ist für uns in der Tat ein Grund des Bedauerns, ja sogar fast der Bestürzung. Was können wir an die Stelle jener Sprache der Engel setzen? Wir geben etwas auf, das unermeßlichen Wert besitzt. Was könnte noch kostbarer sein als diese erhabensten Werte unserer Kirche?

10. Die Antwort wird banal erscheinen, aber es ist eine gute Antwort, weil sie menschlich und weil sie apostolisch ist:

11. Das Verständnis des Gebetes ist mehr wert als die seidenen Gewänder, mit denen es königlich angetan ist. Die Teilnahme des Volkes hat den höheren Wert – insbesondere die Teilnahme moderner Menschen, die so großen Wert auf eine schlichte Sprache legen, die man leicht versteht und im alltäglichen Gespräch verwenden kann.

Dieser Abschnitt der Ansprache lässt wie unter der Lupe die Vorstellungen sichtbar werden, von denen sich die ganze Reform der 50er und 60er Jahre leiten ließ und die sich seitdem nicht nur als Illusionen, sondern auch als überaus schädlich erwiesen haben. Paul VI., der doch in seinen Enzykliken so klarsichtig und prinzipienfest war, hat diese Illusionen hinsichtlich der Liturgie voll geteilt. Das läßt sich auch nicht durch Anekdoten, seien sie gut recherchiert, oder nur gut erfunden, nicht aus der Welt schaffen. 50 Jahre später ergibt sich daraus heute eine weit über die Person des damaligen Papstes hinausreichende doppelte Fragestellung: Was hat diesen Vorstellungen damals solche Überzeugungskraft verliehen, daß sie sich – trotz durchaus vernehmbarer Gegenstimmen – (fast) in der ganzen Kirche als verbindlich durchsetzen ließen? Und wie kommt es, daß diese Verbindlichkeit auch heute noch so erbittert verteidigt wird, obwohl doch alle Hoffnungen und Erwartungen, auf die sie sich damals vielleicht stützen konnten, seitdem bitter enttäuscht worden sind?

Auf dem Holzweg

Bild: Bayernkurier, Ordinariat München, A. BunzIst man ein kulturloser Banause, wenn einem zu diesem Bauwerk nichts anderes einfällt als Kernkraftwerk oder Müllverbrennungsanlage? Schließlich ist es die erste seit 10 Jahren im Erzbistum München neu gebaute Kirche. Der Vorgänger aus den 60er Jahren, der noch ein bißchen (aber nicht viel) mehr wie Kirche aussah, mußte vor Jahren wegen Einsturzgefahr geschlossen und später abgerissen werden. Warten wir also hoffnungsfroh, was aus diesem Bauwerkchen in 50, 60 Jahren geworden sein wird.

Als Banause fühlen wir uns im Umfeld der aktuellen Anti-Kultur durchaus wohl. Uns beschäftigt eine anderes Problem. Kein Zweifel, der Architekt dieses Gebildes, das erfolgreich jede Erinnerung an die Kultur christlichen Kirchenbaus von sich weist, hat viele Seiten hochtrabenden Text vorgelegt, um die ahnungslosen Entscheidungsträger von Orts- und Kirchengemeinde sowie des Erzbistums davon zu überzeugen, daß ein Kirchenbau im Jahr 50 n.d.K. (nach DEM KONZIL) genau so und nicht anders aussehen müsse – geschenkt. Aber wer macht das auch den Leuten einsichtig, die dort Sonntag für Sonntag zum Gottesdienst zusammenkommen sollen? Quatschen uns nicht die Liturgologen seit eben diesen 50 Jahren die Ohren damit voll, die Liturgie müsse dem Empfinden des Volkes entsprechen, umstandslos verständlich und ohne nähere Erklärung erfassbar sein? Und dann geben sie dieser Schlicht-Liturgie ein Gehäuse, das sich auch mit 100 Seiten Architektenprosa nicht als Kirche einsichtig machen lässt?

Das oben gezeigte Foto finden Sie in einer ausführlicheren Bilderschau zu einem Bericht über die Einweihung der Kirche im Bayernkurier.

Wahrheit und Würde der Eucharistie

Bild: https://benedettoxviblog.wordpress.comIm Januar hat sich der frühere Präfekt der Gottesdienstkongregation und jetzige Erzbischof von Valencia, Cardinal Antonio Canizares, mit einem Schreiben an die Priester seiner Diözese gewandt und sie auf die von der Ehrfurcht gebotene und vom Kirchenrecht nach wie vor an die erste Stelle gesetzte Art des Kommunionempfangs hinzuweisen. Darin schreibt er unter anderem:

Ich muß bekennen, daß ich manchmal sehr ärgerlich bin, wenn ich sehe, wie einige Leute ganz ohne alle Zeichen der Sammlung oder der Ehrerbietung und ohne jede Geste der Anbetung zum Empfang der Kommunion kommen, als ob sie sich einen Keks oder etwas ähnliches abholten. Ich bestehe darauf, was ich bereits in meinem Brief zur Eucharistie gesagt habe: Man kann die Kommunion direkt in den Mund oder auf die Hand empfangen, um sie sodann zum Mund zu führen. Aber ich füge hinzu, daß es dem Geheimnis des Leoibes Christi am besten entspricht, sie kniend und in den Mund zu empfangen. Wenn ich das sage, will ich nicht die Uhr zurückdrehen, sondern ich betone nur das, was dem Wesen des Kommunionempfang am meisten entspricht.

Bemerkenswert der Hinweis des Kardinals „nicht die Uhr zurückdrehen“ zu wollen. Anscheinend stößt er mit seiner theologisch wohlfundierten Ermahnung immer wieder auf den für ein Argument gehaltenen Einwand, genau das tun zu wollen. Als ob es bei dem alle Begrenzungen der Zeit überschreitenden Ereignis der eucharistischen Gegenwart um so etwas gehen könne. Ein klägliches Zeugnis für das offenbar nur noch in tages- und kirchenpolitischen Kategorien befangene Denken liturgischer Modernisierer.

In dem hoch interessanten Text einer Petition an die Bischöfe der Weltkirche, die darum bittet, durch Bereitstellung von Kniebänken zumindest den knienden Kommunionempfang zu ermöglichen, wird dazu nach Darstellung der wesentlichen theologischen Überlegungen ausgeführt:

Diese Neuerung (des Kommunionempfangs stehend und auf die Hand) hat ihren Ursprung nicht im zweiten vatikanischen Konzil, sondern in den darauf folgenden Bewegungen, die Einfluß auf die nationalen Bischofskonferenzen insbesondere Nordeuropas gewannen. Nach außen hin behauptete diese Bewegung, zu einer Praxis der alten Kirche zurückkehren zu wollen, aber tatsächlich ging es ihr darum, die Reformen des Konzils von Trient zu delegitimieren. … All Gruppierungen, die die Einführung der Handkommunion vrlangten, waren im Grunde mit der aus dem Modernismus hervorgegangenen modernen Theologie verbunden. Die Parolen einer Rückkehr zu den patristischen Wurzeln hörten sich zwar gut, waren aber auf nichts anderes gezielt als darauf, die Epoche des Konzils von Trient zu diskreditieren. Und warum? Weil eine solche Diskreditierung den Weg zu einer Rehabilitierung Luthers ermöglichen sollte.“

Man muß kein Anhänger von Verschwörungstheorien sein, um zuzugeben, daß die Entwicklung insbesondere der letzten fünf Jahre und mit den ökumenischen Hochgesängen des Lutherjahres dieser Interpretation einige Glaubwürdigkeit verleiht.

Wahrheit ist keine Frage von Abstimmungen, und die Kirche ist kein demokratischer Klub, ja noch nicht einmal eine „synodale Gemeinschaft“. Von daher sind wir durchaus zurückhaltend bei Unterschriftensammlungen, Kirchenvolksabstimmungen und ähnlichen Instrumenten. Da die genannte Petition sich jedoch ausdrücklich an die zuständigen Bischöfe richtet und demokratistische Irrtümer vermeidet, weisen wir hier gerne auf dieser Möglichkeit einer Willensbekundung hin. Die in italienischer Sprache verfaßte Petition kann hier unterzeichnet werden. Eine englische Übersetzung bietet Onepeterfive. 

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