Bereichsnavigation Themen:

Pius XII auf der Suche nach der Mitte

Am 5. Juli brachten wir die Übersetzung des bedeutenden Beitrags von Dom Mark Kilby über die tiefgehenden Unterschiede des Liturgieverständnisses von Jesuiten und Benediktinern: Iesuita non cantat. In Vertiefung seiner Überlegungen hat Dom Kilby in einem weiteren Beitrag die Enzyklika Mediator Dei von Papst Pius XII. aus dem Jahr 1947 daraufhin untersucht, inwieweit sie von diesem Unterschied geprägt ist. Dabei kommt er, ohne das weiter zu kommentieren, zu dem gut dokumentierten Ergebnis, daß der Papst bewußt versuchte, einen Kompromiss zwischen beiden Ansätzen zu finden - ganz im Sinne des traditionell katholischen „et ... et“.

Dieser Kompromisscharakter des Denkens von Papst Pius XII. verleiht ja nicht nur Mediator Dei an mehreren Stellen einen etwas unentschiedenen Zug. Mehr als ein halbes Jahrhundert später drängt sich der Gedanke auf, daß dieser Papst mit der Einsetzung Bugninis als maßgeblicher Reformator der Liturgie und der Hinnahme auch zweifelhafter Elemente in der Neuordnung der heiligen Woche liturgische Strömungen zu vereinbaren suchte, die letztlich nicht vereinbar sind. So wurden in seiner Regierungszeit die Fenster und Türen für ein Liturgieverständnis geöffnet, das nicht nur dem liturgischen Minimalismus der Jesuiten Einlass bot, sondern Liturgiefeindschaft zur herrschenden Strömung werden ließ.

Zur Übersetzung der Analyse von Dom Kirby

Kulturrevolution in Rom

Nach dem 2. Vatikanischen Konzil ließ Papst Paul VI. den hl. Christophorus und seinen Gedenktag am 25. Juli aus dem Calendarium Romanum Generale streichen. So bestimmt im Motu Proprio Mysterii Paschalis vom 14. Februar 1969, mitten auf dem Höhepunkt der großen proletarischen Kulturrevolution in China.

Einen Kommentar zu diesem Vorgang notiert Ernst Jünger in seinem Tagebuch:

Wir unterhielten uns nach der Rückkehr über das Thema und im Anschluß daran über die Streichung vieler Heiliger als eine der Auswirkungen des Konzils. Es sollen auch weithin bekannt und hochverehrte darunter sein. Warum? Weil sie geschichtlich nicht nachweisbar sind. Hat das mit ihrem Charisma zu tun? Man möchte meinen, daß es, je mehr sie der Zeit entrückt sind, desto stärker wird.

Die Kapitulation der Kirche vor der Profangeschichte ist noch blamabler als jene vor den Naturwissenschaften, die man auf sich beruhen lassen kann. Hier aber wird die Wahrheit von bloßen Fakten abhängig.

Wenn ein Geist, ein Mensch, ein Tier uns über den Fluß der Zeit trägt, von einem Ufer zum anderen, so ist Großes gelungen, ohne daß es eines historischen Beleges bedarf. Und wenn sich die Erinnerung an diese größte der Taten an einen Namen knüpft wie den des Christophorus, so ist es sogar besser, daß die Person sich im Nebel der Zeit verliert.

Es geht hier um den Mythos und seine dem bloßen Geschehen übergeordnete, die Fakten bestimmende, ja sie schaffende Kraft." (22. April 1968)

(Ernst Jünger, Sämtliche Werke. Erste Abteilung. Tagebücher. Band 4, Tagebücher IV, Strahlungen III. Stuttgart 1982, S. 445f.) Das Hymnarium präsentiert heute eine ebenfalls längst abgeschaffte Sequenz auf den Heiligen.

Iesuita non cantat

Anknüpfend an eine längst vergessene Episode aus der Frühzeit der liturgischen Bewegung hat Dom Mark Kilby, der Prior des Klosters Unserer Lieben Frau vom Obergemach in Irland, kürzlich in seinem Blog Vultus Christi einige höchst bemerkenswerte Überlegungen zur Geschichte der Liturgiereformen und zum Verständnis des aktuellen Pontifikats zusammengetragen. Der Benediktiner Lambert Beauduin hatte damals, noch vor dem 1. Weltkrieg, festgestellt, daß die Geistlichen Exerzitien des Hl. Ignatius eher den Individualismus fördern als einen Geist der Unterordnung unter das in der Liturgie ausgedrückte allgemeine Programm der Kirche und davor gewarnt, diese Position zu verallgemeinern. Er rief damit erbosten Widerspruch von Jesuiten hervor, die nicht nur ihr „modernes“ Verständnis von Glaube und Kirche, sondern auch den Kern des „Geschäftsmodells“ ihres Ordens in Frage gestellt sahen.

Im Zuge der Entwicklung hat die Frage, inwieweit das geistige Leben der Kirche und des Einzelnen von der Einbettung in die liturgische Tradition abhängt oder nach den Ansprüchen des Tages disponibel ist, in den vergangenen Jahrzehnten für die meisten praktischen Zwecke eine eindeutige Antwort gefunden: Verheutigung soll alles, Tradition nur noch Erinnerung an etwas sein, das es nicht mehr gibt. Die Wahl eines Jesuiten zum Bischof von Rom bildet somit nur den vorläufigen Höhepunkt einer konsequenten Entwicklung, deren weiterer Verlauf freilich völlig unabsehbar geworden ist.

Dabei liegt – das sei aus dem Fazit P. Kilbys zuspitzend vorweg genommen - die Ursache der Probleme weniger in den für sich durchaus bedenkenswerten Ansätzen des Heiligen Ignatius, sondern in deren vom Geist des Modernismus getragenen Verabsolutierung und totalitären Durchsetzung: Die Epigonen verloren Maß und Ziel.

Zu unserer Übersetzung des Artikels

Soeben erschienen:

Roms Liturgiereformen
von Trient bis zum Vaticanum II

Im Dezember 2012 fand am Römischen Institut der Görres-Gesellschaft eine Tagung zur Geschichte der Liturgiereformen von Trient bis zum Vaticanum II statt. Ihr Gegenstand waren also nicht die  so überaus problematischen und folgenschweren Reformen der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, sondern die historischen Abläufe und Bedingungen, vor deren Hintergrund sie zu sehen sind. Instititutsleiter Prof. Stefan Heid hat die Vorträge zu dieser Tagung jetzt unter dem Titel Operation am lebenden Objekt in einem Sammelband veröffentlicht, der im be.bra wissenschaft verlag erschienen ist. 

Der Band enthält Beiträge von Theologen und Liturgiehistorikern, aber auch Kunst- und Musikgeschichtlern. Die Autoren sind Jörg Bölling, Harald Buchinger, Ralf van Bühren, Predrag Bukovec, Hans-Jürgen Feulner, Manfred Hauke, Christian Hecht, Stefan Heid, Peter Hofmann, Helmut Hoping, Harm Klueting, Kardinal Kurt Koch, Uwe Michael Lang, Johannes Nebel und Alcuin Reid.

Eine ausführliche Vorstellung des Buches steht auf unserem Arbeitsprogramm, kann aber wegen der Komplexität der angesprochenen Themen noch einige Zeit beanspruchen. Deshalb vorweg also schon einmal der Hinweis, daß es dieses Buch gibt und daß es schon beim ersten Durchblättern bemerkenswerte Antworten auf einige viel zu lange offen gebliebene Fragen zu geben verspricht.

Old Hippies Die Hard

Kaum haben wir mitbekommen, daß die Kirche zum Heiligsten Namen Jesu in New York einen neuen alten Altar bekommt, taucht auf Youtube auch schon ein Video auf, das seine Fertigstellung und bevorstehende Weihe meldet. Herzlichen Glückwunsch und Grund zur Freude. Zweierlei fiel allerdings auf: Die Mensa des Altars befindet sich nicht da, wo sie früher war, sondern ist - vermutlich ein Neubau - als Volksaltar einige Meter vor den historischen Aufbau gerückt. Und während der Film von der Intonation der wiederhergestellten Orgel berichtet, sieht man bei Minute 3:50 einen grauhaarigen Herrn beim Stimmen seiner Folk-Gitarre, das offenbar nach wie vor unentbehrliche Hauptinstrument der Kirchenmusik nicht nur in USA.

Die abgetrennte Altarmensa geht vermutlich auf Vorschriften der Diözese oder eher sogar der Bischofskonferenz zurück - die mag man bedauern, aber ihre Einhaltung ist sicher eine Sache der Klugheit. Und was den Gitarristen betrifft - old hippies die hard. Betrachtet man den visuellen Eindruck insgesamt und hört man, was Pfarrer Cunningham über den Zusammenhang zwischen Sinneseindrücken und Gottesdienst zu sagen hat, möchte man vermuten, daß es bei beidem in den nächsten Jahren zu weiteren Veränderungen kommen wird.

Soviel Geduld muß wohl sein.

Zusätzliche Informationen