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Erlaubt ist, was gefällt

Ausschnitt aus dem Gemälde von Guido ReniGleich der erste Tag eines jeden Jahres gibt uns Gelegenheit, zwei der unangenehmsten Elemente der liturgischen Veränderungen des vergangenen Jahrhunderts zu bedenken: Zum einen die Tatsache, daß diese Veränderungen durchaus vor das Stichjahr 1962 zurückreichen und daher auch das heute verbindliche Missale des überlieferten Ritus in vielem bereits von der Tradition abweicht. Zum zweiten, daß viele Veränderungen in mehreren Stufen erfolgten, die Schritt für Schritt unliebsam gewordene Elemente des Glaubens aus der Liturgie herausdrängten, so daß sie heute kaum noch erkennbar sind.

Konkret zum 1. Januar: Der 8. Tag nach der Geburt Christi galt seit Alters her dem Gedächtnis der Beschneidung des Herrn, die nach dem jüdischen Gesetz an diesem Tag vorzunehmen war und nach dem Zeugnis der Evangelien so auch an Jesus vorgenommen wurde. Die erste Kalenderreform des Jahres 1961 ließ zwar das Messformular des 1. Januar mit seiner Erwähnung der Beschneidung intakt, veränderte aber den Namen des Tages zum „Oktavtag von Weihnachten“ - eine wenig einleuchtende Betonung des Prinzips der Oktavfeier, wenn man bedenkt, daß gleichzeitig alle traditionellen Oktaven mit Ausnahme derer von Ostern, Pfingsten und eben von Weihnachten „abgeschafft“ wurden.

Die zweite Kalenderreform von 1969 ersetzte dann das Gedächtnis der Beschneidung vollständig durch die Umwidmung des Oktavtags zum Hochfest der Gottesmutter Maria. Das Herrenfest zum Gedenken an das erste Blutvergießen des Erlösers wurde zum Marienfest gemacht. Umgekehrt unterdrückten die Liturgieingenieure Papst Pauls VI. dann zum früheren Marienfest am 2. Februar das Gedächtnis von „Mariä Reinigung“ und schoben zum neuendefinierten Herrenfest den Aspekt der „Darstellung des Herrn“ in den Vordergrund. Erlaubt ist, was gefällt.

Operation am lebenden Objekt -

so sieht eine Tagung des Römischen Instituts der Goerres-Gesellschaft (Leiter: Prof. Stefan Heid) die Geschichte der Liturgiereformen von Trient bis zur Gegenwart. Das Einleitungsreferat vom 14. Dezember hat Kardinal Kurt Koch übernommen, er spricht zum Thema „Roms Liturgiereformen in Ökumenischer Perspektive“.

Eine Auswahl weiterer interessanter Themen:

  • Prof. Harm Klüting: Die liturgischen Vorstellungen in der katholischen Aufklärung und im Josephinismus – und was sich davon in der Liturgiereform des Vaticanum II und danach wiederfindet
  • Prof. Albert Gerhards: Was ist „gelungener Gottesdienst“? Zum Spannungsverhältnis zwischen agendarischer Vorgabe und Liturgieerleben in der westlichen Kirche
  • Prof. Harald Buchinger: Reformen der Osterfeier: Prinzipien und Auswirkungen ihrer Kodifikation und Modifikationen
  • Dr. Uwe Michael Lang: Historische Stationen zur Frage der Liturgiesprache
  • Dr. Alcuin Reid: The Fundamental Principles of Liturgical Reform in Sacrosanctum Concilium in the Light of History

Das vollständige Programm finden Sie auf der Website des Instituts. Wir hoffen, den einen oder anderen der gehaltenen Vorträge zumindest auszugsweise präsentieren zu können.

Reform und Kontinuität - vor 1962

Die Wahl des Missales und der anderen Bücher nach dem Stand von 1962 als liturgische Basis für die „außerordentliche Form“ des römischen Ritus ist ganz klar ein Notbehelf. Allerdings ein durchaus sinnvoller: Der Stand von 1962 gehört unbestreitbar der „überlieferten Form“ an - was beim Ordo von 1965  schon nicht mehr ganz so unbestreitbar ist. Außerdem ist der Stand von 1965 niemals in einer Editio Typica fixiert worden. Er bildet schlicht die Summe der unaufhörlichen kleinen und größeren Änderungen, die Ritenkongregation und Consilium zur Liturgiereform in den Jahren zwischen 62 und 65 produzierten. Die Bücher von 1962 repräsentieren den Stand der Liturgie, den die Väter des 2. vatikanischen Konzils selbst zelebrierten - das macht es möglich, diese Form des Ritus zu vertreten, ohne sich damit im Geringsten in eine Gegenposition zum Konzil zu begeben oder drängen zu lassen. Schließlich enthebt die Wahl des Missales von 1962 als Basis für die „außerordentliche Form“ den päpstlichen Gesetzgeber auch der Notwendigkeit, eine Auswahl unter den vorhergehenden Stadien liturgischer Reformbemühungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu treffen und diese damit zu bewerten: Das 62er Missale ist das letzte vor der Promulgation des tiefgreifend reformierten und wohl auch deformierten „Novus Ordo Missae“ im Jahre 1969 und damit der natürliche Bezugspunkt für eine Gesetzgebung, die einen Anschluss an die Tradition ermöglichen will, ohne sich in Einzhelfragen und -polemiken zur Ritusentwicklung seit Trient oder noch früher zu verlieren.

Das bedeutet freilich nicht, daß die Diskussion dieser Fragen überflüssig oder gar unzulässig wäre. Insbesondere die Veränderungen seit Mitte der 50er Jahre, die zur Umgestaltung der Karwochenliturgie und des Triduums führten, werfen viele Fragen auf. Verstärkt gilt das für das Motu Proprio „Rubricarum Instructum“ von 1960, mit dem die traditionellen Rubriken von Brevier und Missale tiefgreifend vereinfacht wurden. Viele dieser Teil-Reformen aus den Jahren vor 1962 atmen bereits den selben Geist wie die spätere Totalrevision von 1969 - kein Wunder, wenn man bedenkt, daß die leitenden Grundsätze und das handelnde Personal vor und nach dem Konzil weitgehend die Gleichen waren.

Allerdings würde es zu kurz greifen, die Probleme der Reform nur an den handelnden Personen oder gar alleine an Erzbischof Bugnini festmachen zu wollen. Auch die Brevierreform von Papst Pius X., so notwendig sie gewesen sein mag, wirft bereits schwerwiegende Fragen nach dem Verhältnis von Tradition und Reform, von Kontinuität und Bruch auf. Tatsächlich brechen diese Fragen seit Beginn der Moderne mit neuer Qualität auf: Schon im Missale von Trient finden sich Ansatzstellen für eine liturgische Praxis, die das selbstverständliche Leben in einer überkommenen Tradition mit Misstrauen betrachtet und „gemachte“ Vorgaben an dessen Stelle setzt. Die Schwierigkeit, das richtige Verhältnis zwischen Kontinuität, Reform und Bruch zu bestimmen, geht weit vor das 2. Vatikanische Konzil und sogar weit vor das 20. Jahrhundert zurück.

Da ist es ein glücklicher Umstand, daß mit Fr. Christopher Smith einer der Köpfe hinter dem Blog „The Chant Cafe“ auf den 1965 verstorbenen Msgr Léon Gromier (geb. 1879, zum Priester geweiht 1902) gestoßen ist, der im Amt für die päpstlichen Zeremonien von Papst Pius XII. tätig war. Gromier war ein scharfzüngiger Kritiker der liturgischen Reformen des 20. Jahrhunderts. Das brachte ihn schon damals um alle Aufstiegschancen, dennoch blieb er wegen seiner profunden Kenntnisse der Liturgiegeschichte für die Ritenkongrgation unentbehrlich. Smith stellt auf „The Chant Cafe“ einen Vortrag von Gromier von 1960 vor, in dem er die Reform der Osterliturgie von 1955 sehr kritisch beleuchtet. Eine nicht immer leicht verständliche englische Übersetzung dieses Vortrags findet sich auf civitas-dei.eu.

Welche Liturgie wollte das Konzil?

Der Kardinal auf dem Petersplatz in RomS. E. Walter Kardinal Brandmüller hat dieser Tage in einem Interview mit dem in Rom lebenden Journalisten Guido Horst wieder hervorgehoben, daß die Liturgiereform des Missale von 1969 und vor allem die darauf aufbauende Praxis der letzten 50 Jahre nicht dem entspreche, was das Konzil gewollt habe.

Dass die nachkonziliare Liturgieform mit ihren Fehlentwicklungen und Umbrüchen nicht dem Konzil und seiner – nach wie vor noch nicht wirklich umgesetzten – Liturgiekonstitution anzulasten ist, sei ausdrücklich bemerkt. Die weithin erfolgte Abschaffung des Latein und des Gregorianischen Chorals wie auch die nahezu flächendeckende Aufstellung von Volksaltären können sich keinesfalls auf Vorschriften des Konzils berufen.

Insbesondere sieht man im Rückblick deutlich, mit welchem Mangel an seelsorgerischem Einfühlungsvermögen, an pastoralem Hausverstand bei der Liturgiereform vorgegangen wurde. Man denke nur an die geradezu an den Bildersturm des achten Jahrhunderts erinnernden Exzesse in den Kirchen, die zahllose Gläubige heimatlos gemacht haben. Doch darüber ist längst alles gesagt.

Mittlerweile setzt sich die Erkenntnis durch, dass die Liturgie eine elementare Lebensäußerung der Kirche ist, die zwar der geschichtlichen organischen Entwicklung unterliegt, nicht aber, wie geschehen, per ordre de Mufti abrupt dekretiert werden kann. An den Folgen leiden wir noch heute.“

In dem einen hat der Kardinal sicher recht: Es ist von heute aus gesehen völlig unverständlich, wie unter Berufung auf das „Pastoralkonzil“, das doch äußerste Behutsamkeit im Umgang mit allem und jedem zur höchsten Maxime erhoben hatte,  mit äußerster Strenge und Radikalität eine Liturgiereform exekutiert werden konnte, die bei jedem Zeitzeugen den Eindruck eines tiefen Bruches hervorrufen musste.

Merhr zum Mechanismus der Bruchproduktion

Rückkehr zum Hochaltar

Nurt das Fehlen der Kanontafeln markiert den RitusDie Gemeinde von Assumption Grotto in Detroit gehört zu den - leider auch in den USA noch verhältnismäßig seltenen- Gemeinden, die seit vielen Jahren große Sorgfalt auf die Pflege der Liturgie legen. Die Orientierung an der Tradition ist in Katechese, Predigt und Liturgie unverkennbar. Die Kirche ist in den letzten Jahren durch verschiedene kleinere Renovierungen wieder in einen Stand versetzt worden, der dem der Erbauungszeit (1929) nahekommt. Seit Summorum Pontificum werden regelmäßig hl. Messen in der überlieferten Liturgie zelebriert. Die Messen nach dem Missale von 1970 werden schon seit Jahren fast nur noch am wiederhergestellten Hochaltar gefeiert. Die Gemeinde hat diese schonende Rückwendung zu den Wurzeln teils klaglos, teils durchaus freudig mitgetragen, und auch Gäste wie z.B. Ortsbischof Allen Vigneron sahen beim Besuch der Gemeinde kein Problem darin, im Novus Ordo „ad dominum“ zu zelebrieren. Hier ein Bildbericht.

Jetzt ist der Volksaltar ganz verschwunden

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