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Was ist der Ritus?

Bild: Eigene MontagePeter Kwasniewski arbeitet an einem neuen Buch über die in der aktuellen Kirchenkrise immer deutlicher hervortretende Notwendigkeit, am alten Ritus festzuhalten, das noch in diesem Jahr erscheinen soll. Ein Kapitel daraus, das sich mit der rechtlichen Figur des „zwei Formen des einen römischen Ritus“ aus Papst Benedikts „Summorum Pontificum“ befasst, hat er im September bereits auf Rorate Cæli veröffentlicht. Wir haben wesentliche Argumente daraus ausgewählt und geben sie in einer zusammenfassenden Form wieder, die noch nicht den Anspruch einer endgültigen Übersetzung erhebt.

Ausgangspunkt für Kwasniewski ist die Unterscheidung zwischen der rechtlichen Fiktion von den „zwei Formen“, die er als solche nicht weiter thematisiert, und der liturgiehistorischen oder -systematischen Frage, ob das Missale Pauls VI. Bestandteil der römischen Ritusfamilie ist. Des weiteren unterscheidet er zwischen „Ritus“ und „Usus“, auch wenn dieser Unterschied weder in offiziellen kirchlichen Dokumenten noch im allgemeinen Sprachgebrauch konsistent definiert ist. „Ritus“ ist für ihn, und dabei kann man ihm leicht folgen“, der Oberbegriff, innerhalb dessen sich örtlich und zeitlich differierend verschiedene „Usus“ herausgebildet haben, die eben diesem „Ritus“ zugehörig sind. Als Beispiele innerhalb des römischen Ritus nennt er Lokal-Bräuche wie die von Sarum oder Lyon und die verschiedener Gemeinschaften wie die der Cisterzienser oder der Dominikaner.

Um festzustellen, ob ein bestimmter Usus dem römischen Ritus zuzuordnen ist, geht Kwasniewski daran, die wesentlichen Merkmale zu definieren, deren Vorhandensein Voraussetzung für die Zuordnung zu einer bestimmten Ritusfamilie darstellt. Dabei beschränkt er sich nicht auf den Canon, sondern fasst die ganze Struktur des Ordo Missae mit Introitus, Kyrie, Gloria, Collecta, Epistel, Graduale, Alleluja usw. ins Auge. Auch das Stundengebet nimmt er in den Blick. Um Usus ein- und desselben Ritus zu sein, müssen dieses Strukturen im wesentlichen übereinstimmen – ohne daß dabei kleinere Unterschiede in Zahl oder Reihenfolge oder in der sprachlichen Fassung ausgeschlossen wären. Als „Grundmuster“ für den Römischen Ritus identifiziert Kwasniewski auf dieser Grundlage die Struktur und die Elemente des Usus (die Texte selbst sprechen von „consuetudo“, d.h. „einvernehmliche Gewohnheit“) der römischen Kurie seit dem hohen Mittelalter, die Papst Pius V. nach dem Konzil von Trient zur Grundlage seines „Missale Romanum“ gemacht hatte – ohne damit die Verwendung anderer Messbücher ausschließen zu wollen, soweit sie durch Verankerung in der Tradition als unzweifelhaft katholisch gelten konnten.

Vor diesem Hintergrund – und hier folgt ein ganzer Abschnitt in wörtlicher Übersetzung – stellt sich durch die Formulierung von den „zwei Formen“ ein Problem: Hier geht es weiter

„Wir wissen alle, daß Papst Benedikt in ‚Summorum Pontificum‘ und in dem Begleitbrief ‚Con grande Fiducia‘ an die Bischöfe festgestellt, festgesetzt oder angeordnet hat, daß es „zwei Formen“ des römischen Ritus gibt und daß die neuere dieser Formen in Kontinuität mit der älteren steht.. Er spricht auch vom „zweifachen Gebrauch des ein- und desselben Römischen Ritus“ und „zwei Verwendungsweisen des einen römischen Ritus“. Er sagt darüber hinaus, „es gibt keinen Widerspruch zwischen den beiden Ausgaben des römischen Messbuchs. In der Geschichte der Liturgie gibt es Wachstum und Fortschritt, aber keinen Bruch“. Was bedeutet dieser Anspruch auf Einheit und Kontinuität letzten Endes? Kann er eingelöst werden?

Lassen Sie mich damit beginnen, das Offensichtliche festzustellen: Niemals zuvor in der Geschichte der römischen Kirche gab es zwei Formen oder Usus des gleichen liturgischen Ortsritus, die gleichzeitig und mit gleichem kanonischen Status gebraucht wurden. Wenn Papst Benedikt sagen kann, daß der ältere Usus niemals abgeschafft worden sei, beweist das, daß es sich bei der Liturgie Pauls VI. um etwas neues und nicht bloß um eine revidierte Form des Vorangehenden handelt - und das ungeachtet der Progressisten, die uns weismachen wollen, es sei nur eine neue Version des Vorläufers gewesen, und tatsächlich sogar entgegen Paul VI. selbst, der anzunehmen schien, das neue Missale Romanum würde das alte Missale Romanum ebenso ersetzen, wie seit 1570 jede jeweils neue Editio Typica die ihr vorangehende Ausgabe ablöste – so wie in unserer Zeit das Missale von 1920 durch das von 1962 abgelöst worden war. Indem Benedikt XVI. anerkannte, daß das frühere Missale niemals abgeschafft worden war und sein Gebrauch weiterhin jedem Priester frei stehe, verstärkte er damit das Bild Pauls VI. als Autokrat: Niemals zuvor hatte es ein Papst gewagt, den römischen Ritus in einem solchen Ausmaß zu verändern, daß ein späterer Papst das Ergebnis für alle praktischen Zwecke als eine neue Liturgie ansehen konnte und nicht als eine revidierte Neuauflage der gleichen.“

Ausdrücklich macht sich Kwasniewski im Folgenden eine Analyse von Joseph Shaw zu eigen, wonach die „alte“ und die „neue“ Form zwei verschiedene liturgische Traditionen verkörpern – wobei er mit nachvollziehbarem Widerwillen auf die von Shaw angeführte (nicht akzeptierte) Absurdität der „Schaffung einer neuen Tradition“ blickt. Die philosophischen Grundlagen dieser Kunstfigur, die uns oft auch in der Verkleidung als „lebendige Tradition“ entgegen tritt, macht Kwasniewski im Folgenden zum Gegenstand einer ausführlicheren Untersuchung, deren Argumentationsgang hier nur sehr gerafft wiedergegeben werden soll.

Als Ursache der Misere benennt Kwasniewski eine Erscheinung, die er als „neoscholastischen Reduktionismus“ bezeichnet. Zur Erläuterung verweist er auf die bei Gesprächen über den Ritus gerne gestellten Fragen der Art: „Warum diese Aufregung über Äußerlichkeiten? Das Wesentliche ist doch die Wandlung der Gaben, das Opfer Christi – und das wird doch auch in der neuen Form vollzogen.“ Die Liturgie des hl. Messopfers ist jedoch mehr als nur die Konsekration – ein solches reduktionistisches Verständnis verneint all das, was die Liturgie in ihren verschiedenen Formen an Traditionen bewahrt, die teilweise bis auf die Apostel zurückgehen und als im guten Sinne „lebendige Tradition“ mit all dem verbindet, was die Gesamtheit des Glaubens ausmacht.

Damit kann sich Kwasniewski auf Ausführungen des damaligen Kardinals Ratzinger (aus dem Vorwort zu Alcuin Reids Organic Development of the Liturgy) stützen, der neben dem Befund auch eine Motivation für den „neoscholastischen Reduktionismus“ beschrieben hat: Es gehe seinen Vertretern darum, sich von den überkommenen Begrenzungen durch den Ritus zu befreien und dann um den vermeintlich allein aus substantia und forma des Sakraments bestehenden Kern des Sakraments einen neuen Ritus nach eigenen Wünschen entwickeln zu können.. Ratzinger fährt dann fort:

Tatsächlich war die liturgische Bewegung bereits bestrebt, diesen Reduktionismus als Produkt einer abstrakten Sakramententheologie zu überwinden und uns ein Verständnis der Liturgie als eines lebendigen Gefüges von Traditionen zu vermitteln, das konkrete Form angenommen hat, die man nicht in kleine Stücke auflösen kann, sondern als ein lebendiges Ganzes wahrnehmen und erfahren muß. Jeder, der wie ich zur Zeit der liturgischen Bewegung am Vorabend des zweiten Vatikanischen Konzils von dieser Wahrnehmung ergriffen war, kann nur in tiefer Sorge vor den Ruinen dessen stehen, für das sie sich eingesetzt hatten.“

Die Unfähigkeit und der Unwille, die Liturgie der Kirche als konkrete Verkörperung einer bis in apostolische Zeiten zurückreichenden Tradition zu sehen und den Gläubigen auch in dieser Form vor Augen zu stellen, ist damit für Kwasniewski der Geburtsfehler der Reform Pauls VI. und die Quelle aller liturgischen Mißstände in der Gegenwart. Sie haben den Ritus als solchen aufgelöst und zu seiner Ersetzung durch ein Kunstprodukt geführt. Ganz nebenbei trifft Kwasniewski hier eine – zumindest im vorliegenden Kapitel – nicht näher erklärte Feststellung, die uns von außerordentlicher Bedeutung für das rechte Verständnis der gewachsenen Form eines Ritus zu sein scheint und die zugleich ein grelles Schlaglicht auf die Mißverständnisse und das Unverständnis der Reformer wirft. Er schreibt:

Niemand, der auch nur über ein Mindestmaß an Einsicht verfügt, könnte einen Römischen Ritus ohne den römischen Kanon definieren oder auf der Einfügung einer expliziten Epiklese bestehen, wo doch der römische Ritus nie eine solche hatte und ihrer auch nicht bedarf. Diese Riten sind, was sie sind - und dafür sei Gott gedankt.“

An der Frage der Epiklese offenbart sich wie unter einer Lupe die Unfähigkeit der Bugnini-Schule, eine gewachsene Liturgie in ihrem Gesamtzusammenhang wahrzunehmen, und ebenso die schon blasphemisch anmutende Selbstüberschätzung, als erste nach zwei Jahrtausenden zu einer Reparatur eines solchen vermeintlichen Defektes aufgerufen und befähigt zu sein.

Nach diesen sehr grundsätzlichen Ausführungen zum Wesen eines Ritus in der christlichen Kirche bietet Kwasniewski eine Liste von 9 Elementen, die aus seiner Sicht bestimmende Elemente für den römischen Ritus sind. Zunächst die Liste:

  • Der Römische Kanon
  • Die Verwendung der lateinischen Sprache
  • Gregorianischer Choral
  • Das Lektionar
  • Der Kalender
  • Das Offertorium
  • Die Zelebration „ad orientem“
  • Parallelismus der liturgischen Abläufe
  • Kommunion des Priesters getrennt von der der Gläubigen.

Dieser Liste, deren einzelne Punkte Kwasniewski dann in den folgenden Abschnitten noch weiter erläutert und kommentiert, kann man zweifellos zustimmen. Allerdings fällt auf, daß hier Elemente zusammengestellt sind, die durchaus unterschiedliches Gewicht haben und die auch zu verschiedenen Zeiten und an unterschiedlichen Orten nicht alle gleichartig gehandhabt worden sind. Das wird von Kwasniewski in seinen Ausführungen nur teilweise berücksichtigt. Hieran dürften sich nach Veröffentlichung seines Buches zweifellos interessante Diskussionen entzünden. Hier sollen nur einige der dafür in Frage kommenden Punkte kurz angesprochen werden.

Bei der Verwendung der lateinischen Sprache hat es historische Ausnahmen gegeben – im Fall der glagolithischen Liturgie im westslavischen Sprachraum vom 9. Jahrhundert bis in die Gegenwart reichend

Mit dem gregorianischen Choral verbindet sich die Frage der „stillen Messe“ und den verschiedenen Stufen der Feierlichkeit, die ebenfalls zum über ein Jahrtausend zurückreichenden Bestand des römischen Ritus gehören. Das „Römische“ enthält in der Kirche immer auch ein pragmatisches Element der Anerkennung praktischer Erfordernisse.

Bei Lektionar und Kalender ist zu fragen, was als deren Hauptcharakteristika und was als zeitlich oder örtlich anpassbare Elemente zu betrachten ist. Der römische Ritus hat auch hier immer eine gewisse Flexibilität gezeigt – die sollte nicht gering geschätzt werden. Zum Kernbestand gehört sicher das spannungsreiche Ineinander von Mond- und Sonnenkalender, das z.B. der von vielen Reformern und der UNO verlangten Fixierung des Ostertermins entgegen steht.

Das Offertorium ist zweifellos ein bestimmendes Element für die Eigenart des römischen Ritus. Seine Ersetzung durch (Tisch-)Gebete der nachchristlichen rabbinischen Tradition ist mehr als ein barbarischer Stilbruch: Im Nacheinander von Opfergang der Gemeinde und der Erneuerung des Kreuzesopfers in Christus durch den Priester betont der Ritus auf einzigartige Weise die Verschränkung des menschlichen und des göttlichen Handelns im hl. Messopfer.

Für die drei letzten Punkte gilt – wie von Kwasniewski auch relativ ausführlich dargestellt – daß es sich dabei um Elemente handelt, die zwar als Äußerlichkeiten erscheinen mögen, die aber tiefe theologische Einsichten ausdrücken und deshalb tatsächlich in allen Liturgien der apostolischen Kirchen so gehandhabt werden. Sie unterscheiden also weniger die Riten voneinander, sondern das hl. Messopfer von anderen Formen christlicher Gottesdienste.

Die Kriterien der 9-Punkte-Liste bedürfen im einzelnen sicher noch eingehender Diskussion und Präzisierung. Dennoch reichen sie auch im aktuellen Stand schon aus, um Kwasniewski zu der Aussage zu berechtigen, daß es sich beim „Ritus Modernus“ Pauls VI. nicht um den Römischen Ritus oder dessen organische Weiterentwicklung handelt, sondern um einen per Komitee neugeschaffenen Ritus. Neben der systematischen Begründung durch die angeführten Kriterien verweist Kwasniewski dazu auch auf die Tatsache, daß die textliche Kontinuität des neuen mit dem alten Missale nicht nur durch die neue Leseordnung aufgebrochen wurde: Noch nicht einmal 20% der Orationen des überlieferten Ritus sind unverändert in das neue Messbuch übernommen worden – und viele davon wurden in einer Weise verändert, die ernste Zweifel daran hervorrufen, daß sie den gleichen Glauben zum Ausdruck bringen wie die Vorgängerversionen.

Dennoch konzediert Kwasniewski in einem ersten Fazit: Wenn Katholiken an einer Messe nach dem Novus Ordo teilnehmen, bekommen sie eine Messe – aber es ist nicht die Messe des Römischen Ritus.

In einem folgenden zweiten Schlußteil verallegemeinert Kwasniewski die bis dahin gewonnenen Einsichten hinsichtlich ihres Stellenwertes für die Gesamtenwicklung der Kirche in den letzten Jahrzehnten. Ausführlich zitiert er Aussagen von Befürwortern und Gegnern der Reform, die bestätigen, daß es darüber auch seit frühen Phasen der Reformarbeit letztlich keinen Zweifel gegeben hat: Die Reformer wollten den alten Ritus abschaffen, die Bewahrer ihn erhalten. Und beide Seiten hatten weitaus tiefergehende als bloß ästhetische oder pastorale Motive für ihr Vorgehen, und beiden ging es um mehr als „nur“ die Liturgie. Die Traditionalisten wollten an dem Begriff und Bild von der Kirche festhalten, das diese Kirche als metaphysischen Organismus begreift, von Christus gestiftet und letztlich der Bestimmung durch menschliche Pläne und Absichten entzogen. Die modernen Positivisten, die sich dabei auf das philosophische Erbe des neoscholastischen Reduktionismus und Nominalismus stützen können, gewähren der metaphysischen Perspektive immer kleineren Raum – und weiten dafür den Raum, für den sie - vermeintlich – selbst verantwortlich sind und den sie aus eigener Kraft gestalten wollen, immer weiter aus. Damit greift die Abhandlung – ganz und gar legitimerweise – weit über die Ausgangsfrage nach Kontinuität oder Bruch im Ritus hinaus. Wir werden darauf zurückzukommen haben.

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