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Daß Gott erbarm'

Sechs Tage lang hatten sich in Würzburg Theologen zum Kongress „Liturgiereformen in den Kirchen“ versammelt. Veranstalter war der Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft der dortigen Hochschule, und dementsprechend war es natürlich eine ökumenische Veranstaltung, die Kirchen sprachen auf Augenhöhe miteinander, denn schließlich glauben und feiern wir ja ohnehin alle das selbe, nicht wahr?

Der Abschlusstag brachte eine Diskussion über Kirchenarchitektur. Die Veranstalter hatten dazu aus den USA den Priester und Theologen Richard Vosko geladen, der seit 30 Jahren katholische und andere Gemeinden bei der zeitgemäßen Umgestaltung ihrer Kirchenräume berät. Die Ergebnisse sind in traditionsorientierten Kreisen als „Wreckovations“ oder „Voskoisations“ bekannt und gefürchtet. Warum, machte der vielfach ausgezeichnete Kirchenleerer auch in der als Tagungsraum und Musterbeispeispiel dienenden Augustinerkirche Würzburg wieder in aller Deutlichkeit klar:

Dort sei eine Dynamik entstanden, die die liturgischen Riten neu verorte und sie in die Hände aller Gläubigen gebe. So könne Liturgie zu einer Art „Erfahrungs-Theater“ werden, in dem jeder auf der Bühne stehe. Die Anordnung der Sitze beispielsweise lade alle Mitglieder der Versammlung zu gemeinsam gottesdienstlichen Handeln ein. Die Augustinerkirche sei ein Beispiel für einen Sakralbau, der es einer Gemeinschaft ermögliche, sich von Zeit zu Zeit zu „re-formieren“ und ihre Identität zu überdenken.

Ach ja. Solange noch jemand kommt.

Von den in den USA seit wenigen Jahren wieder verstärkt gebauten Kirchen nach traditionellen Vorbildern, denen man auf den ersten Blick ansieht, daß sie Kirchen sind, und katholische dazu, hält der Voskoisator nichts:

Sie machten die Gemeinde zum Gegenstand einer Definition, die von anderen festgelegt wurde. Die Rückkehr zu Kirchenbautypen, die vor langer Zeit konventionell waren, sei keine gute Strategie für eine Religion, die ein himmlisches Festmahl verheiße, das in Zeit und Raum unbegrenzt sei.

Das himmlische Jerusalem eine ewige farb- und formlose Augustinerkirche? Daß Gott erbarm'.

Der wohl als Gegenstück zu Vosko eingeladene Kölner Kirchenbaumeister Paul Böhm, Sohn und Enkel berühmterer Vorgänger, versuchte, dagegenzuhalten.

In der Kirchenarchitektur der vergangenen 40 Jahren sei es zu einer „Profanierung“ des Sakralraums gekommen. Sie würden zu Mehrzweckräumen, die den Charme und die Ausstrahlung von Turnhallen oder Bankschalterhallen ohne jede räumliche Wirkung hätten. Ein Sakralraum müsse dagegen eine ganz spezifische Ausstrahlung haben. Er sollte anregen zur Meditation, zum Gebet, zur Kontemplation und zur gemeinsamen Feier. Bei misslungenen Projekten sei oft die Erklärung zu hören, der Künstler habe einen bewussten Bruch mit dem Bestehenden gewollt. Natürlich seien Brüche in bestimmten Fällen sinnvoll. Es seien aber wohl kaum die Kirchen, die wie keine andere Baugattung Geschichte und Kultur prägten und widerspiegelten, die eines solchen Bruches bedürfen. Er forderte deshalb einen sorgfältigen Umgang mit den Strukturen eines Baus. In diese greife man bereits stark ein, wenn man beginne, ihre funktionalen Zusammenhänge zu verändern.

Dem ist wenig entgegenzusetzen - außer daß Paul Böhm wohl selbst nicht daran glaubt, damit bei Pfarrern und Bischöfen Gehör zu finden. Jedenfalls hat sein Büro sich schon vor Jahren erfolgreich um die Federführung für den Bau der großen Kölner Moschee beworben, deren Fertigstellung nun trotz einiger Probleme mit dem Bauherrn, der es gerne etwas traditionalistischer gehabt hätte, unmittelbar bevorsteht.

Immerhin ein bedeutender Neubau für das traditionsreiche Architektenbüro.

Einen etwas ausführlicheren Bericht, dem wir auch das Bild entnommen haben,
finden Sie auf der Website der Uni Würzburg.

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