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„Gelegentlich eine Motette...“

Zu Beginn dieser Woche starb in Rom in seinem 96. Lebensjahr Domenico Kardinal Bartolucci. Der ursprünglich auf Lebenszeit zum Leiter der Sixtinischen Kapelle ernannte Kirchenmusiker war 1996 auf Betreiben der Liturgierevolutionäre um Erzbischof Marini aus seiner Position entfernt worden. 2010 hat ihn dann Papst Benedikt durch die Erhebung zum Kardinal wieder rehabilitiert - das Bild von John Sonnen zeigt ihn bei einem seiner letzten Auftritte vor dem Chor der Sixtina.

Im Rahmen eines Interviews für ein wissenschaftliches Projektes über die Auswirkungen des 2. Vatikanums auf die Kirchenmusik hat sich S.E. Bartolucci in diesem Sommer zu den Entwicklungen dieser Zeit geäußert. Das Interview ist jetzt auf New Liturgical Movement in englischer Sprache erschienen. Wir haben einige besonders aufschlußreiche Abschnitte daraus übersetzt:

Vor dem Konzil hatte die Musik in der Liturgie und insbesondere in den Liturgien des Papstes eine tragende Funktion.  Die Sixtinische Kapelle pflegte das große gregorianische Repertoire und die überlieferte Polyphonie mit den Werken Palestrinas im Mittelpunkt. Unsere Aufgabe bestand nicht darin, die Gläubigen zu unterhalten, sondern wir erfüllten eine wahrhaft liturgischen Dienst. Man hat uns oft vorgeworfen, wir wollten während der Messe Konzerte aufführen, aber ich glaube nicht, daß diejenigen, die diesen Vorwurf erheben, die Rolle der Musik in der Liturgie begriffen haben. (...)

Nach dem Konzil und nach verschiedenen Experimenten, die unglücklicherweise erlaubt worden waren - als ob die Liturgie etwas wäre, mit dem man experimentieren könnte oder das man am Reisbrett entwerfen könnte - wurde eine ganz neue Liturgie entworfen. Die Folgen für die Kirchenmusik waren verheerend. Sacrosanctum Concilium hatte in Paragraph 112 bekräftigt, daß die musikalische Tradition der Kirche ein Erbe von unermesslichem Wert darstellt, das jeden anderen künstlerischen Ausdruck übertrifft, weil die Kirchenmusik in ihrer Einheit mit dem Wort ein notwendiger und unentbehrlicher Bestandteil der feierlichen Liturgie ist. Können Sie mir sagen, wo man heute noch etwas von diesem "Erbe von unermesslichem Wert" vorfindet? Die großen polyphonen Messen, der edle Gregorianische Choral - alles in die Archive gewandert. War es das, was das Konzil wollte? Bestimmt nicht.“

Ich musste selbst dafür kämpfen, etwas davon in den päpstlichen Liturgie zu erhalten - mit geringem Erfolg: Gelegentlich eine Motette, ab und zu als gnädiges Zugeständnis ein polyphones Gloria. Eine der ersten an mich gerichteten Anforderungen war die, Musik für Texte in italienischer Sprache zu schreiben. Dann verlangte Msgr. Vigilio Noè (päpstl. Zeremoniar von 1970-1982) die Messe nur noch im dem jeweiligen Fest entsprechenden Choral zu singen, nach einer Weile wurde auch das aufgegeben, und wir sangen nur noch die Missa de Angelis. (...) Ich konnte unser großes Repertoire nur noch in Konzertaufführungen retten. (...)

Auf die Frage nach seinem Verhältnis zum Consilium, das nach dem Konzil die Liturgiereform praktisch ausarbeitete, gab der Kardinal eine Antwort mit einer bemerkenswerten Information, die uns so bis jetzt nicht bekannt war. Im Zusammenhang:

Als Leiter des päsptlichen Chores gehörte ich nicht zu den Mitgliedern des Consiliums - ebensowenig Msgr. Lavinio Virgili, der Leiter des Chores von Johannes im Lateran. Wir Musiker wurden von den Reformern mit Verdacht betrachtet: Sie hielten uns für zu sehr in der Vergangenheit verwurzelt, und tatsächlich wären sie wohl mit ihrem Werk, wenn wir dabei gewesen wären, auch nicht so leicht durchgekommen.

Ich wurde dann später doch einbezogen, als alles schon gelaufen war, und wollte damals eigentlich ablehnen, aber einige Leute redeten mir gut zu, das würde nur böses Blut machen. Aber letzten Endes wurden die wenigen Anregungen, die ich einbrachte, nicht in Betracht gezogen. Ein Beispiel: Zusammen mit dem Leiter des Päpstlichen Instituts für die Kirchenmusik, Msgr. Higini Anglès, versuchten wir, zumindest für die Sonntage in den Basiliken, Kathedralen und Klöstern eine Messe iuxta veterem consuetudinem zu retten. Eine entsprechende Vorgabe schien auch zunächst aufgenommen worden zu sein - tatsächlich wollte sich Msgr. Anglès dafür ausdrücklich beim Papst bedanken - doch in der Instructio des Musica Sacra vom 5. März 1967 war sie dann verschwunden.“

Hier finden Sie das ganze Interview, das noch weitere bemerkenswerte Aussagen eines Zeitzeugen enthält und dessen Lektüre wir sehr empfehlen können.

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