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Totalausdruck „Gemeindepicknick“?

Diese Frage stellt sich eine Zwischenüberschrift in dem Artikel von P. Bernward Deneke, der die neueste Ausgabe (2014-1) der Una Voce Korrespondenz einleitet: „Die Bezeugung der eucharistischen Realpräsenz – ein Vergleich“. Als „Totalausdruck“ bezeichnet Deneke dabei in Anlehnung an Johann Michael Sailer (1751-1832) die Verschmelzung von Worten und Handlungen im Gottesdienst, die dazu führt, daß die Liturgie mehr ist und mehr übermittelt als die Summe ihrer Einzelelemente: „Der Gottesdienst hat eine Grundsprache, eine Muttersprache, die weder lateinisch noch deutsch, weder hebräisch noch griechisch, kurz: gar keine Wortsprache ist“. Und weiter zitiert er Walter Kardinal Brandmüller, der dazu ausgeführt hat: 

Das ist nun, im Jahre 1819, gewiß in die konkrete historische Situation hineingesagt, in welcher sich liturgisches Reformertum überschlug. Es ist dies aber auch eine sehr moderne Einsicht – heute spricht man von ganzheitlichem Erfassen, das weit mehr ist und in tiefere Schichten des Menschen eindringt als bloßes intellektuelles Verstehen. Wenn die Liturgiefeier in dem Leben und in dein ganzen Äußern des Menschen als authentischer Totalausdruck der Religion erfahren wird, dann, meint Sailer, komme es auf die Sprache gar nicht mehr so sehr an. (...) Es geht also beim wirklichen, ganzheitlichen Erfassen von Liturgie – und das gilt für die Wirklichkeit schlechthin - nicht nur um einen intellektuellen Vorgang. Schließlich besteht der Mensch nicht nur aus Verstand und Willen, sondern auch aus Leib und Sinnen. Wenn dann - wir sprechen natürlich nicht von den biblischen Lesungen und der Predigt – in einer in sakraler Sprache gefeierten Liturgie nicht jeder einzelne Text verstanden wird, dann spricht doch das ganze Geschehen, dann sprechen Gesang, Gerät, Gewand und heiliger Raum, wenn immer sie dem heiligen Geschehen adäquaten Ausdruck geben, viel unmittelbarer die Tiefendimension des Menschen an, als dies verständliche Worte vermögen.“

So unbestreitbar es ist, daß die neue Liturgie in ihrer Papierform von der Realpräsenz Christi unter den gewandelten Gestalten nicht abrückt, so offensichtlich ist es auch, daß die real existierende Liturgie vielerorts einen „Totalausdruck“ annimmt, der eher dem eines „Gemeindepicknicks“ (der scharfe Ausdruck geht übrigens auf den Freiburger Fundamentaltheologen Hansjürgen Verweyen zurück) entspricht. Daß das tiefgehende Verwirrung schaffen muß, liegt für Deneke auf der Hand.

Zugegeben, dieser gleich noch zu erhärtenden Behauptung kann manches entgegengehalten werden. So beruft man sich gegenüber dem Kritiker tendenziöser Änderung in der Liturgie gerne auf das, was ich „dogmatisches Minimum" nennen möchte: Weist ,jemand auf eine Abschwächung gegenüber der früheren Form hin, so wird er belehrt, daß die betreffende Wahrheit immerhin anderswo doch noch vorhanden ist. Es wäre allerdings zu fragen, ob der Gottesdienst der Kirche nicht über ein kleingehaltenes Mindestmaß hinausgehen und das, was die Dogmatik in knappe Definitionen faßt, in reicherer Entfaltung zur Darstellung bringen sollte.“

Das kann man noch zuspitzen: Die verbale Erwähnung an einer womöglich auch etwas weniger ins Auge fallenden Stelle kann nicht den sinnfälligen und sich vordrängenden Eindruck kompensieren, den ein fehlorientierender „Totalausdruck“ hinterläßt. Das ist unschwer auch daran zu erkennen, daß trotz der glasklaren Aussagen von Papst Paul VI. zur Realpräsent in Mysterium Fidei die Aussagen zu diesem Thema nicht nur in der liturgischen Form, sondern auch in der katechetischen Praxis der Kirche meistens überaus farblos und in vielen Fällen geradewegs irreführend sind. (Diese Feststellung findet übrigens ihre niederschmetternde Bestätigung in dem Beitrag von Hw. Guido Rodheudt über die katechetische Vermittlung der Realpräsenz im gleichen Heft.)

In Anlehnung an die sogenannte „Ottaviani-Intervention“ von 1969 benennt Deneke dann eine ganze Reihe von im Ritus selbst vorgegebenen Regelungen, die geeignet sind, den Ausdruck der Realpräsenz in der Liturgie zu verunklaren. Eine ziemlich erschütternde Liste von Beispielen dafür, wie ein Kernelement des Glaubens zugunsten der Pflege ökumenischer Illusionen in den Hintergrund gerückt wurde und immer mehr wird.

Denn die von einer teilweise selbst glaubenslos gewordenen Theologenwissenschaft vorangetriebene Entkernung des Glaubens geht längst über den Verzicht auf die deutliche Darstellung von Glaubenswahrheiten hinaus. Deneke verweist dazu auf den seinerzeit einflußreichen Liturgiewissenschaftler Hans Bernhard Meyer (1924 - 2002), der ausdrücklich nur noch von der „Elevation von Brot und Kelch“ spricht und konsequenterweise die Abschaffung von Glockenzeichen, Verneigungen und Kniebeugen vor derlei Gegenständen verlange.

In den Schlußabschnitten zitiert Deneke trotz ihrer Verschiedenheit ein deutliches Licht auf den „Totalausdruck“ werfenden Beschreibungen liturgischer Eindrücke von Johannes Chrysostomus (349 - 407) und Oscar Wilde (1854 - 1900) und verbindet damit die Frage:

Ob sich ein derartiges Erleben auch einstellen wird angesichts der rituell verkürzten in ihrem Totalausdruck deutlich abgeschwächten Liturgie, wie sie landauf-landab in den Kirchen stattfindet?“

Die Frage zu stellen heißt, sie zu beantworten. Die wenigsten Menschen werden im Inneren angesprochen durch eine Versammlung, die wenn nicht die Anmutung eines „Gemeindepicknicks“, doch wenig mehr Charisma ausstrahlt als eine bundesrepublikanische Schulabschlussfeier oder Preisverleihung.

Die aktuelle Ausgabe der Korrespondenz mit den Artikeln von Bernward Deneke, Guido Rodheudt und anderen lesenswerten Beiträgen kann man bestellen auf der Website von Una Voce Deutschland e.V.

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