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Form und Inhalt

Bild: Website Goldschmiede BalesDie zunehmende Polarisierung unter den Katholiken führt zumindest in den USA dazu, den oft als „Debatte um Äußerlichkeiten“ mißverstandenen liturgischen Fragen wieder größere Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Auf Lifesite, wo man sich in dieser Hinsicht zugunsten der angestrebten „breiten Bündnisse“ in den vergangenen Jahren eher zurückgehalten hat, konnte dieser Tage Peter Kwasniewski die Bedeutung, die einer würdigen Feier der Liturgie gerade unter den gegenwärtigen Belastungen zukommt, eingehender begründen.

Er beginnt bei dem grundlegenden Mißverständlich „das sind doch nur Äußerlichkeiten“ und setzt der in angelsächsischen Ländern verbreiteten Redensart: „Man kann ein Buch doch nicht seinem Einband beurteilen“ die Erinnerung an die Evangeliare und Bibeln des Mittelalters entgegen: Unsere Vorfahren gaben enorme Beträge aus, um die Heilige Schrift in Gold, Silber und Edelsteine einzubinden, so daß unmittelbar einsichtig wurde, daß solch ein Buch das Wort Gottes selbst enthielt und höchste Ehrerbietung verdiente“. Dann fährt er fort:

Die heilige Liturgie enthält ebenfalls das Wort Gottes selbst, ja, erstaunlicherweise ist Gott selbst, das Fleisch gewordene Wort, in der heiligen Messe präsent. Es ist mit diesem inneren Gehalt absolut unvereinbar, dem eine äußere Form zu geben, die nicht prächtig, majestätisch, überaus schön, feierlich und ehrfürchtig ist. Wir sollten fähig sein, dieses „Buch“ nach seinem glanzvollen Inhalt zu bewerten. Also die hl. Messe nach ihrem Erscheinungsbild und ihrer Musik, ihren Texten und Zeremonien. Wir sollten fähig sein, im äußeren Ablauf den Wesenskern wahrzunehmen.“ (…)

Die Liturgie dient nicht Gott oder Christus in dem Sinne, als ob sie ihnen etwas hinzufügen könnte – sie sind bereits so gut, heilig und glorreich wie nur irgend möglich. Letztlich dient sie uns, die ihm das Lobopfer darbringen, indem sie unsere Seelen auf ihn als das letzte Ziel hin ausrichten und unsere Herzen mit dem Feuer seiner Liebe erfüllen. Und das gelingt am besten mit einer Liturgie in eindrucksvoller Form und Gestaltung, Gesten und Gewändern, Chorälen und Riten – also mit einer Liturgie, die von Anfang bis zum Ende von Zeichen der Nähe und der Andersartigkeit Gottes durchdrungen ist. Eine wirklich sakrale Liturgie widersetzt sich der Einbindung in weltliche Zielsetzungen und ruft bei denen, die sie wahrnehmen, Ehrerbietung, Staunen und Gebet hervor.“

Kwasniewski widersteht in diesem Beitrag für eine sehr breite und weit über den katholischen Bereich hinausgehende Leserschaft der Versuchung, die überlieferte Liturgie als die einzige Form des Gottesdienstes darzustellen, die diese Ziele fördern kann. Aber er verweist auf die besondere Fähigkeit dieser Liturgie, Herz und Verstand der Menschen zu Gott zu erheben, und darauf, daß diese Einsicht sich in den Vereinigten Staaten an immer mehr Orten durchsetzt. Das ist vermutlich fruchtbarer als der vergebliche Versuch, der in der allgemeinen Tendenz ansteigenden Flut der Mißbräuche und Entstellungen durch Detailkritik entgegenzutreten.

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Bei der Suche nach einer Illustration für diesen Beitrag stießen wir auf die oben gezeigte Abbildung eines Evangeliars aus Groß-Umstadt, dessen Einband der Goldschmied Karlheinz Bales vor einigen Jahren als „zweites Meisterstück“ aus Silber, Gold und Edelsteinen angefertigt hat. Vielleicht findet ein solches Meisterwerk auch wieder einmal den Weg in den liturgischen Gebrauch einer Bischofskirche oder Kathedrale.

Aufbruch aus der Hölle

Wo sich heute unser Blick an Ostern vor allem auf das leere Grab und den Auferstandenen in seiner Glorie richtet, stand den Gläubigen im Mittelalter mindestens ebenso deutlich ein anderes und vielleicht noch stärkeres Bild vor Augen. „Hinabgestiegen in die Hölle“ sprengt der Auferstandene die Pforten der Vorhölle, in der die Gerechten des Alten Bundes auf die ihnen verheißene Erlösung warteten. Zahllose Buchmalereien vor allem aus dem angelsächsischen Raum geben ein plastisches Bild davon, wie Christus den Rachen der Unterwelt aufreißt, um die Seelen der Gerechten als Siegesbeute mit sich in das Paradies zu führen. In den Kirchen des Ostens wird das Motiv auch in der Ausmalung von Kirchen verwandt, im Western eher selten.

Die Evangelien berichten – wenn überhaupt – nichts Eindeutiges von dieser Höllenfahrt. Hauptquelle sind bis in das zweite Jahrhundert zurückreichende Teile der apokryphen „Pilatusakten“, die bei aller späteren romanhaften Ausschmückung wertvolle Informationen zu den allerfrühesten Überlieferungen enthalten und als solche auch von den Kirchenvätern anerkannt und genutzt wurden. Das „descendit ad inferos“ des apostolischen Glaubensbekenntnisses, in modernen Übersetzungen durchaus vertretbar wiedergegeben mit „hinabgestiegen in das Reich des Todes", gehört deshalb unbestreitbar zu den frühesten Glaubensaussagen der Christenheit.

Die „Pilatusakten“ bzw. deren spätere (aus dem frühen 4. Jahrhundert stammende erweiterte) Version, das „Nikodemus-Evangelium“, bieten von dieser Höllenfahrt einen über 350 Zeilen langen hochdramatischen Bericht (hier in Griechisch mit deutscher Übersetzung im Netz) in dessen Zentrum der Dialog zwischen Satan, dem „Erben der Finsternis“, und seinem unterirdischen Statthalter Hades steht.

Das Erdbeben, das den Tod Jesu am Kreuz begleitet, ist auch in der Unterwelt vernommen worden. Hades zeigt sich erschüttert und fürchtet um den Bestand seiner (geliehenen) Macht. Satan macht ihm Mut:

Allesverschlingender und unersättlicher Hades, du bist in solche Angst geraten, da du von unserem gemeinsamen Feind hörtest? Ich hatte keine Angst vor ihm, sondern wirkte auf die Juden ein, und diese kreuzigten Ihn und gaben ihm zu trinken Galle mit Essig. Sei also bereit, nun, wenn er kommt, dich sicher seiner zu bemächtigen.“

Damit kann er aber den Hades, dem erst kurz zuvor auf unerhörte Weise ein gewisser Lazarus entrissen worden war - das dünkt ihm ein übles Vorzeichen - nicht recht überzeugen. So streiten und beratschlagen sie lange hin und her. Doch dann ertönt von draußen der Ruf:

Öffnet, ihr Herrscher, eure Tore, gehet auf ewige Pforten! Einziehen wird der König der Herrlichkeit.“(Ps 23,7)

Daraufhin läßt Hades die Pforten der Hölle für den Sturm befestigen. Aber die von ihm gefangen gehaltenen Vorväter halten ihm die Schrift vor, in der dazu seit David und Jesaia vorhergesagt ist:

Die Toten werden auferstehen, und die in den Gräbern werden auferweckt werden, freuen werden sich die unter der Erde (Ps 26,19). Tod, wo ist dein Stachel, Wo ist, Hades, dein Sieg?“

So fragt schließlich Hades: Wer ist dieser, der König der Herrlichkeit? Und der Einlass verlangende Engel des Herrn vor dem Tor erwidert:

Der Herr, gewaltig und mächtig, der Herr, mächtig im Krieg! (Ps 24).Und zugleich mit diesem Bescheid wurden die ehernen Tore zerschlagen und die eisernen Querbalken zerbrochen und die gefesselten Toten alle von ihren Banden gelöst und wir mit ihnen. Und es kam herein der König der Herrlichkeit wie ein Mensch, und alle dunklen Winkel des Hades wurden licht.“

Der Auferstandene läßt sich dann nicht in lange Dialoge verwickeln, sondern packt alsgleich den Satan am Hals und läßt ihn von seinen Engeln mit Eisenketten an Händen und Füßen fesseln. Darauf kommt es zu einer uns Heutigen eher unerwarteten, in der Antike aber unmittelbar einleuchtenden Wendung:

Dann übergab er ihn Hades und sprach: Nimm Ihn und halte Ihn fest bis zu meiner zweiten Ankunft! Und Hades nahm Satan in Empfang und sprach zu ihm: Beelzebul, Erbe des Feuers und der Pein, Feind der Heiligen, was zwang dich, den Kreuzestod des Königs der Herrlichkeit ins Werk zu setzen, so daß er hierhin kam und uns entmachtete? Wende dich um und schaue, daß kein Toter bei mir zurückgeblieben ist und daß du alles, was du durch das Holz der Erkenntnis gewonnen, durch das Holz des Kreuzes verloren hast!

Christus aber nimmt den Urvater Adam bei der Hand und führt ihn zusammen mit den anderen Vorvätern, Propheten, Märtyrern und Urmüttern aus der Hölle hinaus zum Paradies. Dabei singen die Erlösten Psalm 118: Gesegnet, der da kommt im Namen des Herrn, Alleluja. Ihm gebührt die Herrlichkeit von allen Heiligen.

Das Brot der Gegenwart

Bild: Ohne weitere Quellenangabe im Netz kursierendZwei Passagen aus dem alten Testament, die auf das heiligste Sakrament des Altares vorausdeuten, sind allgemein bekannt: Das Opfer von Brot und Wein, das der Hohepriester Melchisedech beim Treuegelöbnis Abrahams darbrachte (Gen. 14), wird seit den frühesten Zeiten der Kirche im römischen Kanon als Vorgestalt des Meßopfers genannt. Und das Manna, das der Herr seinem wandernden Volk in der Wüste spendete, war nicht nur Nahrung zum Überleben. Es wird von Paulus im 1. Brief an die Korinther (Kap. 10) ausdrücklich als „geistliche Speise“ bezeichnet und zusammen mit dem wasserspendenden Felsen mit Christus gleichgesetzt. Auch dieser Abschnitt kommt in der Liturgie vor, und zwar als Lesung des Sonntags Septuagesima.

Weniger im allgemeinen Bewußtsein ist eine andere Erwähnung von Brot und Wein als Bestandteil des Tempelkultes – vielleicht, weil sie nicht in die Liturgie der Kirche aufgenommen worden ist und ihr Verständnis durch die gängigen Übersetzungen eher behindert als befördert wird. Die Rede ist von den zwölf „Schaubroten“, die auf einem goldenen Tisch im Allerheiligsten des Tempels bereitgestellt waren, zusammen mit dem Räucheraltar und dem Siebenarmigen Leuchter, durch einen Vorhang abgetrennt vom Allerheiligsten mit der Lade des Bundes. Die gesamte Einrichtung ist in Exodus 25 bis ins Detail beschrieben. Eine nach Auskunft von Kennern der alltestamentarischen Sprache bessere Übersetzung für die Schaubrote“ wäre „Brote der Gegenwart“ oder „Brote des Angesichts“, denn zu den drei hohen Festtagen des Jahres, an denen die Juden aufgefordert waren, den Tempel zu besuchen „um das Angesicht Gottes zu schauen“ wurde der Tisch samt den Broten herausgetragen und der frommen Menge gezeigt. Allerdings nur in verhülltem Zustand, denn „kein Mensch kann das Angesicht Gottes schauen und am Leben bleiben.“ (Exodus 33)

Die „Brote der Gegenwart“ waren lebendige Zeichen der Gegenwart Gottes in seinem Tempel und in seinem Volk. Sie wurden an jedem Sabbat – an dem sonst jede Arbeit streng verboten war - nach ins Einzelne gehender Vorschrift neu gebacken. Die Brote der Vorwoche wurden von den Leviten „an einem würdigen Ort“ vermutlich in zeremoniellem Rahmen verzehrt. (Levitikus 24) Niemand, der nicht dem priesterlichen Stamm angehörte, konnte daran teilhaben. Zusammen mit den Broten standen auch Gefäße mit Wein auf dem Tisch im Heiligtum. Im Gesetz des Moses ist von „Kannen und Krügen für die Trankopfer“ die Rede, so daß wir nicht wissen, ob der darin enthaltene Wein lediglich als Opfer ausgegossen, oder beim Verzehr der Brote von den Leviten getrunken wurde. Dagegen spricht, daß dazu in Levitikus 24 im Unterschied zu den Broten keine dahingehende Anordnung überliefert ist. Dafür spricht unter anderem, daß die gesamte Einrichtung des ersten Tempels auf die Visionen des Moses auf dem Sinai zurückgeht, als Moses mit den Ältesten des Volkes – in Abweichung von der oben genannten Regel – „Gott schauen durfte, und sie aßen und tranken“ (Exodus 24)

Zunächst geben die „Schaubrote“ einen Hinweis darauf, daß unblutige Opfer, in der Zeit Abrahams und Melchisedechs erstmals eingeführt, auch im Tempelkult eine hervorragende Rolle spielten. Im Gegensatz zu den öffentlichen und weithin sichtbaren Brandopfern wurden sie im inneren Bereich des Heiligtums dargebracht.

Während die Thora im Buch Exodus lediglich die materielle Ausstattung des Bundeszeltes bzw. des späteren Tempels beschreibt, gibt Levitikus 24 auch Hinweise zum Verständnis der spirituellen Bedeutung der Schaubrote. Die ältere Einheitsübersetzung spricht hier von einer „dauernden Bundesleistung seitens der Israeliten“, die neuere bezeichnet sie als „ewigen Bund vonseiten der Israeliten“. Der Anklang an die in der Wandlung wiederholten Einsetzungsworte vom „Kelch meines Blutes, des neuen und Ewigen Bundes“ ist nicht zu überhören. Ganz bestimmt nicht überhört haben ihn die Apostel beim letzten Abendmahl, die vielleicht keine Schriftgelehrten im strengen Sinne waren, aber doch von ihren alljährlichen Wallfahrten zum Tempel über die „Schaubrote“ und deren Bedeutung wohl unterrichtet gewesen sein dürften.

Eine zweite Parallele zwischen dem Wesen der Schaubrote im alten Bund und dem Brot und Wein der Eucharistie des neuen Bundes ist zu konstatieren. Die „Brote der Gegenwart“ sind einerseits Opfergabe Israels an seinen Gott – andererseits sind sie Zeichen der Gegenwart des Herrn in seinem Volk und von daher eine Vorgestalt des sacrum commercium, des wunderbaren Tausches, der im Opfer der Eucharistie seine Vollendung findet.

Die „Schaubrote“ mögen in der Vorzeit, als der Herr Israel allmählich aus dem Glauben der es umgebenden Heidenvölker herausführte, nicht mehr gewesen sein als Opfergaben vor einem Götterbild. Doch je mehr der Herr sich offenbarte, desto tiefer wurde die Erkenntnis, daß ein Bild, womöglich mit einem Stier- oder Falkenkopf, Gottes Wesen unmöglich wiedergeben konnte. Vom Götterbild blieb nur der leere „Gnadenthron“ auf der Bundeslade, und die Gegenwart der Gottheit zeigte sich im immerwährenden Austausch des Brotes des Bundes. Bis die Menschwerdung des Erlösers die Realität und die Bilder auf eine neue Ebene hob. Damit veränderte auch das Bundesopfer Inhalt und Gestalt.

So ist der neue Bund, seine Lehre und seine Liturgie, organisch aus dem Glauben und der Praxis des alten Bundes hervorgegangen. Beides sollte sich nach der Zerstörung des Tempels drastisch verändern. Der Bruch, der sich in der Folge immer mehr vertiefte, entsteht in seinem Wesen daraus, daß die einen den Jesus von Nazareth als den Messias, den Vollender der Offenbarung und Erlöser aller Menschen anerkennen – und insoweit auf ihren Vorrang als einziges Volk der Auserwählung verzichten – während die Anderen sich dieser Zumutung verweigern.

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Materialgrundlage für diesen Beitrag bildete das Kapitel „The Bread of the Presence“ in Brand Pitre, Jesus and the Jewish Roots of the Eucharist, S. 116-146, Doubleday 2011.

Der heilige Pilatus?

Bild: WikimediaDie Berichte von der Passion Christi haben zwei negative Hauptfiguren – den Verräter Judas und den Zauderer Pilatus. Andere handelnde Personen, vor allem der (von den Römern eingesetzte) Hohepriester Kaiphas, finden dagegen weniger Beachtung. Judas und Pilatus dagegen haben die Verfasser der Apokryphen und später der Heiligenlegenden immer stark beschäftigt. Dabei bietet Judas, dessen Schicksal in Matthäus (27) sehr eindringlich beschrieben ist, der Spekulation eher wenig Anhaltspunkte. Erst die gnostische Literatur stellt sich die Frage, ob Judas nicht als der eigentliche Erfüller des göttlichen Heilsplans anzusehen ist, und markiert den Beginn einer in Teilen des christlichen Orients anzutreffenden Denkrichtung, die Judas sogar als Heiligen verehrt. Diese betont anti-rechtgläubige Denkrichtung ist auch in der Gegenwart wieder attraktiv geworden – damit müssen wir uns hier und heute nicht weiter befassen.

Interessanter für die Gegenwart erscheint Pilatus, der Machtmensch, der Opportunist, der Zweifler, der mit seiner im Johannesevangelium (18) überlieferten Frage „Was ist Wahrheit“ den Nerv dieser Gegenwart zu treffen scheint. Und dann ist da noch die Frau im Hintergrund, die nach dem Bericht des Matthäus auf Grund eines Traumes ihrem Mann die Warnung zukommen läßt, sich nicht auf den Tod „dieses Gerechten“ einzulassen. Das alles übrigens ist weitgehend auch außerhalb der Evangelien historisch belegt. Pontius Pilatus war von 26-36 Gouverneur von Judäa und Samaria. Er war ein übler Despot und Leuteschinder, effektiv im Amt, aber gewissenlos, und da die Gouverneure seit Augustus auch ihre Frauen an ihren Dienstort nachkommen lassen durften, hätte Claudia Procula – der Name ist belegt – zumindest die Möglichkeit gehabt, sich in der einen oder anderen dienstlichen Angelegenheit an ihn zu wenden. Über das Schicksal des Pilatus nach seiner Dienstzeit in Palästina ist nichts sicheres bekannt. Es gibt Hinweise darauf, daß seine Politik der harten Hand in Rom auf Widerspruch gestoßen war und er deshalb abberufen wurde. Von einem Prozess ist nichts bekannt.

Um dieses doch recht dürre Faktengerüst hat sich schon früh ein vielfarbiger Legendenkranz gelegt. Zwei Punkte sollen daraus herausgegriffen werden. Das eine ist die Jugendgeschichte, die er mit den Legenden um Judas gemeinsam hat und die unverkennbar Anleihen bei der Kindheitsgeschichte des Moses macht: Judas und Pilatus als Antitypen des Propheten, der seinem Volk das Gesetz übermittelte. Danach wurden Judas/Pilatus von der Mutter wegen einer unheilkündenden Prophezeiung als Säuglinge ausgesetzt und in einem Korb einem Fluß übergeben, der sie bei einer mitleidigen Dame von hohem Stand ans Ufer spülte. Dort wurden sie aufgenommen und wie eigene Kinder aufgezogen. Doch beide vergalten die ihnen entgegengebrachte Liebe schlecht. Als junge Männer töteten sie jeweils aus Neid den wahren Sohn des Hauses und flohen in die Welt, wo sie Karriere machten: Der Judas als Geheimagent des Herodes, der Pilatus als Statthalter.

Dem finsteren Beginn beider Lebensläufe entspricht nach der im Westen verbreiteten Erzählung auch bei Pilatus das schwarze Ende: Pilatus habe sich selbst umgebracht – bei den einen aus Verzweiflung wegen der vom Kaiser verfügten Absetzung und Degradierung, bei den anderen – immerhin – aus Reue über den als Fehlurteil erkannten Schuldspruch Jesu.

Noch betonter als bei Judas nehmen viele im Orient verbreitete Versionen der Pilatuslegende eine andere Wendung. Das beginnt schon bei dem hier bereits zu Dismas und Longinus zitierten apokryphen „Evangelium des Nikodemus“ aus der Zeit Kaiser Konstantins. Den ersten Teil dieses Textes bilden die sogannnaten „Pilatusakten“, die der Autor – zweifellos unberechtigt – als Übersetzung hebräischer Originalschriften ausgibt. Hier wird der Kampf der besseren Seite des Pilatus gegen die dunkle Seite ausführlich dargestellt, auch die Warnung seiner Frau findet breiten Raum, und über weite Strecken erscheint Pilatus mehr als Verteidiger denn als Richter des Angeklagten. Beim Prozess treten viele Zeugen von Jesus Wundertaten auf, auch der geheilte Gichtbrüchige und die Frau, die an Blutfluss gelitten hatte, loben Jesu Wundertaten. Unbeirrt fordern die Pharisäer das Todesurteil – und die Erzählung fährt fort:

Da wurde Pilatus zornig und sprach zu den Juden: Ein undankbares und aufsässiges Volk seid ihr! Immer erhebt ihr euch gegen eure Wohltäter! Fragten die Juden ihn: Gegen welche Wohltäter? Und Pilatus sprach: Einst hat euch euer Gott aus der harten Knechtschaft befreit in Ägyptenland und euch wohlbehalten durch das Meer geführt, als ob es trockenes Land wäre. Und in der Wüste ernährte er euch mit Manna und Wachteln und hat euch Wasser aus dem Felsen verschafft und euch das Gesetz gegeben. Und dennoch habt ihr euren Gott erzürnt und ließet euch ein goldenes Kalb machen....

Nach der Kreuzigung aber heißt es:

Der Hauptmann ging hin und sagte dem Landpfleger alles wieder, was geschehen war. Und als Pilatus und seine Frau das hörten wurden sie traurig und fasteten den ganzen Tag.

Im Evangelium des Nikodemus ist das die letzte Erwähnung des Pilatus; sie führt zu der Frage, ob Pilatus gar ein „anonymer Christ“ war? Andere wesentlich spätere Schriften setzen die hier angedeutete Entwicklung fort und machen den reumütigen Pilatus vollends zum Christen, der schließlich für seinen Glauben sogar das Martyrium erleidet. In den Legenden des Westens nimmt diese Version nur eine untergeordnete Position ein - im Orient ist sie weit verbreitet. Bei den Kopten wurde (und wird) Pilatus daher sogar als Heiliger verehrt. So kann er aus koptischer Sicht zusammen mit Dismas und Longinus dafür stehen, daß die Barmherzigkeit Gottes auch die schlimmsten Verbrechen vergeben kann – wenn dem Eingeständnis der Sünde die Reue und Umkehr folgen.

Noch eine Anmerkung zum Antijudaismus, der dem sichtlich um Entschuldigung des Pilatus bemühten „Nikodemus-Evangelium“ oft unterstellt wird. Eine Stütze im Text findet sich dafür nicht. Der Autor, der sich hier als Nikodemus, Angehöriger des Hohen Rates ausgibt, stammt offensichtlich aus einer judenchristlichen Tradition. In seiner Schrift vertritt er mit Nachdruck die Position derjenigen Juden, die sich seinerzeit der Verurteilung Jesus widersetzten und die Christus später als ihren Messias anerkannten. In den „Pilatusakten“ läßt er die Juden, die vor dem Hohen Rat und vor Pilatus für Christus eintraten, namentlich natürlich Nikodemus selbst, ausführlich zu Wort kommen. Sprecher beider Parteien bezeichnet er als „Juden“. Seine Ausführungen haben mit Antijudaismus und erst recht mit Antisemitismus nicht das geringste zu tun – sie sind Zeugnisse der innerjüdischen Auseinandersetzung.

Der Mann mit der Lanze

Bild: Evangeliar von Rabbula, Wikimedia CommonsAuf dem Bild aus dem syrischen Rabbula-Evangeliar, das hier gestern gezeigt wurde, ist eine Person mit Namen hervorgehoben: Longinus, der Soldat, der mit der Lanze die Seite Christi öffnet, um sicher zu sein, daß der Gekreuzigte tot ist. Die andere Figur, die den Mann darstellt, der dem Sterbenden vorher den Schwamm mit Essig gereicht hatte, bleibt namenlos. Die Tränkung mit dem Essigschwamm ist in den drei Passionsberichten bei Matthäus, Markus und Johannes aufgezeichnet. Die Öffnung der Seite wird dagegen allein vom Evangelisten Johannes berichtet, der freilich keinen Namen nennt, sondern nur von „einer der Soldaten“ spricht.

Den Namen Longinus erhielt dieser Soldat ebenso wie die beiden Schächer wohl erst in einer späten gnostischen Version des „Nikodemus-Evangelium“. Schon früh wurde dieser Lanzenführer – nichts anderes bedeutet das griechische „Longchenos“ des Johannesevangeliums – in eins gesetzt mit dem bei den drei anderen Evangelisten erwähnten Hauptmann der Soldaten, die die Kreuzigung überwachten, und der angesichts der Verfinsterung des Himmels und des Erdbebens beim Tod Christi ausgerufen hatte: „Dieser war wirklich Gottes Sohn“.

Die Legenda Aurea, deren Quellen wir hier nicht im Einzelnen nachvollziehen konnten, weiß über das weitere Leben des Longinus zu berichten, daß er von einem der Apostel getauft worden sei und im kappadokischen Caesarea 28 Jahre lang wie ein frommer Mönch gelebt und viele Menschen durch Wort und Beispiel zum Glauben an Christus gebracht habe.

In einer frühen Christenverfolgung sei Longinus vor Gericht gestellt und aufgefordert worden, seinem Glauben abzuschwören. Als er sich weigerte, wurde er grausam gefoltert, blieb jedoch standhaft und zerschlug mit einer Axt die im Gerichtssaal aufgestellten Götterbilder.

Da fuhren die Teufel aus den Götterbildern in den Richter und seine Gesellen, daß sie von Sinnen kamen und bellend zu Longini Füßen krochen. Der aber sprach zu den Teufeln: Warum wohnet ihr in den Bildern? Sie antworteten: Unsere Wohnung ist da, wo der Name Christi nicht genannt wird und wo sein Kreuzeszeichen nicht ist. Da aber der Richter sein Augenlicht verloren hatte und tobte, sprach Longinus zu ihm: Du kannst nur gesund werden, wenn Du mich endlich tötest, und dann werde ich Gott bitten, daß er die Gesundheit des Leibes und der Seele schenkt“. Da ließ ihn der Richter sogleich enthaupten, danach überkam ihn große Reue und Leid und er warf sich vor des Longinus Leichnam mit Tränen nieder. Alsbald empfing er Gesundheit und Augenlicht und endete sein Leben in guten Werken“.

Das Thema der Dismas-Legende wird hier noch einmal gesteigert: Auch schlimmste Taten, selbst die „Beihilfe am Mord“ des Herrn kann vergeben werden – wenn der Übeltäter sich bekehrt, seine Sünden erkennt, bereut und zur Umkehr bereit ist. Der Henkersgehilfe Longinus büßte so als Vorbild in Wort und Werk sein ganzes restliches Leben lang, bevor er als Märtyrer – daran läßt die Legende keinen Zweifel – ins Paradies eingehen konnte, das sich für den Straßenräuber Dismas schon zuvor geöffnet hatte. Und dem richterlichen Mörder des Longinus wurden durch die von Longinus erwirkte göttliche Gnade die Augen geöffnet, sein Geist wurde wieder gesund, und „er endete – gleichsam in Fortführung des von Longinus begonnenen Werkes – sein Leben in guten Werken“.

Der Gott der Barmherzigkeit ist keine argentinische Erfindung des 21. Jahrhunderts. Aber selbst zweifelhafte gnostische Autoren der Frühzeit – und der Verfasser der Legenda Aurea sowieso – wussten um die davor gesetzte Bedingung: Erkenntnis und Reue über die Sünden und Bereitschaft zur Umkehr.

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Das Martyrologium Romanum verzeichnet den 15. März als „Gedenktag des Martyriums des hl. Soldaten Longinus zu Caesarea in Kappadokien, von dem man annimmt, daß er die Seite des Herrn mit der Lanze durchbohrt habe“. Eine „Heilige Lanze“ die von den einen mit der Lanze des Longinus identifiziert wurde, nach anderen einen Nagel vom Kreuz Christi enthält, befindet sich als ältester Teil der Reichsinsignien des römisch-deutschen Kaisertums in der Wiener Hofburg.

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  • Stationskirchen

    Die römischen Stationskirchen

    Kupferstich von Giusepppe Lauro aus dem Jahr 1599

    In der Fastenzeit 2013 haben wir zu jedem Tag die entsprechende Stationskirche kurz vorgestellt. Damit sind zwar alle gegenwärtigen Stationskirchen erfasst, aber nicht alle Tage mit einer Statio, von denen es auch etliche außerhalb der Fastenzeit gibt.

    Bei der Vorstellung der Stationskirchen orientierten wir uns im wesentlichen an „Die Stationskirchen des Missale Romanum“ von Johann Peter Kirch, Freiburg 1926. Zu Ergänzungen haben wir Hartmann Grisar „Das Missale im Licht römischer Stadtgeschichte“, Freiburg 1925, und Anton de Waals „Roma Sacra - Die ewige Stadt“ von 1905 in der Überarbeitung Johann Peter Kirchs von 1925 (Regensburg 1933) herangezogen. Daneben haben wir auch auf Informationen aus Internetquellen zurückgegriffen. Die Illustrationen stammen, soweit nicht anders angegeben, von eigenen Aufnahmen.

    Wie der gegenwertige Nachfolger de Waals und Kirchs als Direktor des römischen Instituts der Görres-Gesellschaft, Prof. Msgr. Stefan Heid, uns mitteilte ist diese älter Literatur insbesondere in Sachen der Datierungen vielfach überholt. Nach seinen Untersuchungen geht die Institution der Stationes nicht wesentlich vor die Zeit Gregors d. Großen zurück. Was natürlich nicht bedeutet, daß die Stationskirchen bzw. deren Vorgängerbauten nicht wesentlich älter sein können.

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