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Zur Karwoche 2022

Bild: Francisco de Zurbarán, Agnus Dei, gemeinfreiDie semana sancta, die heilige Woche, ist der heilsgeschichtliche Mittelpunkt des Kirchenjahres. In dieser Woche gedenkt die Kirche in tiefem Ernst und großer Ausführlichkeit der Stationen der Passion des Erlösers. Die überlieferte Lehre und Liturgie verwendet dazu nicht einen moderne Sensibilitäten schonenden Ausdruck wie den vom „Paschamysterium“, sondern geht im Suscipe, sancta Trinitas der Opferung und dem Unde etmemores des römischen Kanons ganz konkret zur Sache, wenn sie vom „Andenken an das Leiden, die Auferstehung und die Himmelfahrt“ des Herrn spricht, im Unde et memores noch ergänzt durch die Atrribute „heilbringend“ beim Leiden und „glorreich“ bei Himmelfahrt. Gerade die Erwähnung der Himmelfahrt, deren Gedächtnis bei einem kalendarisch verengten Verständnis des Ostergeheimnisses leicht auf einen späteren Zeitpunkt verschoben und damit aus der Betrachtung herausgedrängt wird, ist von großer Bedeutung: Sie lenkt den Blick auf den dem Menschen vorherbestimmten und dem Christen ermöglichten Weg durch die Leiden des Erdenlebens zur ewigen Herrlichkeit.

Zum Beginn dieser Woche verweisen wir noch einmal auf zwei thematische Schwerpunkte zur Fastenzeit und Karwoche aus den vergangenen Jahren: Die Vorstellung der römischen Titelkirchen dieser Zeitabschnitte im Jahr 2013 und auf die Analyse László Dobszays zu den Veränderungen der Liturgie der Semana sancta, die bereits in den 50er Jahren im Pontifikat Pius XII. worgenommen worden waren und die schon viele unheilvolle Elemente der Liturgiereform der 60er Jahre vorwegnahmen.

Zu einer mehr betrachtenden Begegnung mit den Geheimnissen und Offenbarungen der heiligen Woche verweisen wir auf den Artikel „Palmsonntag und Karwoche“ des letzten Jahres – in einer an den großen Traditionen des Glaubens orientierten Darstellung lassen sich nicht jedes Jahr neue Erkenntnisse verkünden, die sich dann oft genug bereits im nächsten Jahr als veraltet erweisen. Für die Freunde der lateinischen Dichtung (und ihrer deutschen Übersetzungen) verweisen wir insbesondere auf die Vorstellung des vielteiligen Passionshymnus „Oratio Rhytmica“ und die Wiedergabe seiner wesentlichen Bestandteile im „Hymnarium“.

Passionssonntag und „Arma Christi“

Bild: Puste-Missale von 1900, eigene aufnahmeDer Passionssonntag gibt wieder Anlaß, sich den Pustet-Missales der Wende vom 19. zum 20. Jh. und ihren Illustrationen zuzuwenden. Der Holzschnitt zum Passionssonntag – im Missale von 1900 mit einem relativ neu geschaffenen Zentralbild von Max Schmalzl aus dem Jahr 1893 – greift ganz im Sinne des traditionelllen Verständnisses dieses 5. Sonntags der Fastenzeit voraus auf die Leidensgeschichte des Herrn, die sich dann in der Karwoche voll entfalten wird. Im Proprium des Missales kann sich dieses Verständnis vor allem auf Graduale und Tractus stützen, die mit Versen aus den Psalmen 128 und 142 durchaus bildhaft auf das bevorstehende Leiden des Erlösers hindeuten, während die Lesungen eine eher abstrakte theologische Deutung der kommenden Erignisse bieten. Die Verspottung des Herrn vor dem Prozess bei Pilatus bietet für die künstlerische Umsetzung der Passio Christi ein überaus geeignetes Motiv. Schmalzl gelingt es dabei sehr überzeugend, in der Figur des als Hochstapler verspotteten vermeintlich selbsternannten Königs der Juden das wahre Königtum Chtristi durchscheinen zu lassen, dem sich „jedes Knie beugen wird im Himmel und auf Erden“ (Phil. 10,2)

Die beiden typologischen Szenen rufen links eine Stelle aus dem Hohen Lied und rechts aus dem 4. Buch der Könige in Erinnerung. Das Hohe Lied 3,11 fordert die Töchter Jerusalems auf: „Kommt heraus und seht den (salomonischen) König“, den Friedensfürsten und Typos Christi als Vorausgestalt des von Gott eingesetzten Königs der ganzen Welt und aller Zeiten. Die Krone auf dem Haupt des Königs hat doppelte Bedeutung: Die Königskrone des irdischen Königtums, wie es von den idealisierten Figuren Davids und Salomons verkörpert wird, und die des liebevollen Bräutigams, der nach alter jüdischer Sitte eine Bräutigamskrone trägt und sich der Braut zuneigt, die so in einem das auserwählte Volk Israel wie auch die Kirche als die Braut Christ darstellt. Verbindendes Element zum Mittelbild ist die Krone des königlichen Bräutigams, die ihre Widerspiegelung in der Dornenkrone des Schmerzensmannes findet. Die beiden Frauengestalten im Hintergrund beziehen sich wohl darauf, daß der hochpoetische (und dementsprechend nicht leicht deutbare) Text von Hld 3 davon spricht, daß die suchende Seele Israels ihre Liebe „im Gemach ihrer Mutter“ wiedergefunden habe.

So feinsinnig und anspielungsreich sich die linke Seite darstellt, so grobschlächtig geht es auf der rechten zu.

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Das Tabu um den Namen von Gott Jahwe

Bild: Montage von Bildern aus dem zitierten Artikel der Times of IsraelEin internationales Archäologenteam hat bei Ausgrabungsarbeiten am Mount Ebal (unmittelbar nördlich von Nablus) ein 2x2 cm messendes bleiernes „Fluchtäfelchen“ gefunden, das die Ausgräber dem 12. Jahrhundert vor Christus zuordneten. (Quelle) Solche Fluchtäfelchen sind für sich keine Sensation, auch wenn das jetzt gefunde wohl das bisher älteste ist, falls sich die vorläufige Datierung bestätigt. Sie sind in der Regel aus Blei und enthalten eine Inschrift aus wenigen Worten, in denen jemand Unheil auf sich oder auf andere herabruft, sollte er oder der „Geschäftspartner“ ein gegebenes Versprechen brechen.

„(Selbst)verfluchungen“ dieser Art haben es sogar bis in die Psalmen geschafft; ein prominentes Beispiel findet sich in Psalm 136 (137; An den Flüssen von Babel) findet, wo es in Vers 5 und 6 heißt: „Wenn ich Dich vergesse, Jerusalem, soll meine rechte Hand verdorren; meine Zunge solll mir am Gaumen kleben bleiben (eher: festwachsen), wenn ich an dich nicht mehr denke“.

Über die „Funktion“ solcher Fluchtäfelchen gibt es verschiedene Vorstellungen. Nach der einen wurde ihnen magische Kräfte in Art eines Amuletts zugeschrieben. Entweder, um den Träger an sein Versprechen zu erinnern, oder um den Fluch gegebenenfalls auszulösen. Nach einer anderen Theorie, die sich auf eine Passage in Deuteronomium, (11, 26 ff) stützen kann, wurden die Flüche an einem heiligen Ort gesprochen oder als Täfelchen niedergelegt – um die Verbindlichkeit von Verträgen zu betonen und die Wirkung des Fluches oder Segens zu verstärken. Zum Abschluß der zweiten Mitteilung seines Gesetzes gibt  der Herr dem Moses folgende Weisung:

Siehe, ich lege heute einen Segen und einen Fluch vor euch. Den Segen, wenn Ihr die Gebote eures Gottes Jahweh haltet, die ich euch heute gebe. Den Fluch, wenn ihr die Gebote eures Gottes Jahweh nicht haltet sondern abweicht vom Wege… Und wenn Du in das Land kommst, in das dein Gott Jahweh dich geführt hat, sollst Du den Segen sprechen auf dem Berg Gerizim und den Fluch auf dem Berg Ebal...

Daß nun ausgerechnet auf diesem Berg Ebal ein Fluchtäfelchen ans Tageslicht kommt – übrigens aus dem Abraum einer bereits vor Jahrzehnten durchgeführten weniger sorgfältigen Ausgrabung – ist in der Tat höchst bemerkenswert.

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War Paulus Antisemit?

Bild Eigene Aufnahme Der gestrige Sonntag „Laetare“ gehört zu den Tagen, deren Lesung aus den Briefen der Apostel für viele Menschen in der Gegenwart mehr Fragen aufwirft, als sie beantwortet. Konsequenterweise hat die Reform des Novus Ordo diesen Text denn auch weitgehend gestrichen: Zum 4. Fastensonntag wurde die Perikope aus dem Brief von Paulus an die Galater (Abschnitte 22-31) komplett durch eine Passag aus dem zweiten Brief an die Korinther (5, 17-21) ersetzt. Der ursprüngliche Text taucht nur noch in zensierter Form am Montag der 28. Woche im 2. Lesejahr auf - an einem Tag also, an dem man schon in den 60er Jahren davon ausgehen konnte, daß kaum ein Hörer in der Kirche anwesend sein würde. Anstoß eregt die Passage aus dem Brief an die Galater gleich in zweifacher Weise. Zum einen ist sie geradezu ein Musterbeispiel für die Methode, das Alte Testament aus der Sicht des Neuen Bundes zu lesen. Tatsächlich spricht Paulus in der Passage sogar ausdrücklich davon, den Text für seinen Brief „per allegoriam“ zu lesen – und die Allegorie, das lernen heute viele Theologiestudenten schon im ersten Semester, geht nun mal gar nicht.

Nun wollen wir die Problematik der Allegorese und ihres unbestreitbaren Nutzens, aber auch ihrer Grenzen, hier nicht weiter behandeln. Auch auf können wir uns hier nicht auf eine umfängliche Exegese der in der Tat für uns Heutige viele Fragen aufwerfenden Hagar-Erzählung aus dem Buch Genesis (Kap. 16 und folgende) einlassen. Zunächst nur eine sehr geraffte Inhaltsangabe: Sarah, die nach vielen Ehejahren immer noch kinderlos gebliebene Ehefrau Abrahmans, führt diesem die Sklavin Hagar zu, um durch den so gezeugten rechtlichen Sohn Ismael den Bestand der Familie zu sichern. Erst viele Jahre später bekommen Abraham und Sarah durch göttliche Intervention noch einen eigenen Sohn: Isaak. Dann kommt es wie so ift im Alten Testament in einem Streit um den Rang von Erst- und Zweitgeborenen zu Auseinandersetzungen zwischen Abraham und Sarah, die schließlich nach einem erneuten Eingreifen Gottes damit enden, daß Abraham den Ismael samt seiner Mutter Hagar verstößt, im wörtlichen Sinne: in die Wüste schickt. Dort gehen sie jedoch nicht elend zugrunde, sondern werden – wiederum durch göttliches Eingreifen – gerette, damit Ismael ebenfalls zum Stammvater eines großen Geschlechtes werden kann: Der 12 Stämme der Ismaeliten, zu denen das Alte Testament unter anderem die Araber zählt. Und worauf es hier entscheidend ankommt: Am Bundesschluß des Herrn mit Abraham haben die Ismaeliten keinen Anteil.

Auf diese Verstoßung und diese Spaltung bezieht sich nun Paulus in seinem Brief an die Galater, wenn er schreibt, „wir“, d.h. die Christgläubigen, seien wie Isaak „Kinder der Verheißung“, während dagegen diejenigen, die nicht an Christus glauben, „Kinder der Knechtschaft“ geblieben seien. Und er fügt noch das Zitat aus Genesis 21, 10 hinzu: „Verstoße die Magd mit ihrem Sohne, denn der Sohn der Magd soll nicht Erbe sein neben dem Sohn der Freien“. 

Womit wir beim zweiten Stein des Anstoßes wären.

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Das Ärgernis der unbefleckten Empfängnis

Bild: eigene AufnahmeDas Fest der Verkündigung Mariens ist – ebenso wie das bereits vorgestellte des hl. Joseph – im Pustet-Missale von 1884 mit einer „typologischen“ Illustration hervorgehoben. Das Bild stammt nach der für uns bislang unlesbaren Signatur noch nicht von Max Schmalzl, der erst ab 1883 regelmäßig für Pustet arbeitete. Möglicherweise geht es auf seinen Vorgänger Johannes Evangelista Klein, zurück, der schon seit 1875 die Illustrationen für Pustet betreute und bereits seit diesem Jahr mit einigen eigenen Arbeiten im Missale vertreten war – Bildern, die wahrscheinlich schon in den Vorjahren entstanden waren.

Das Bildprogramm der Umrahmung ist relativ bescheiden: Die beiden Symbole oben enthalten links das Alpha et Omega für Christus und rechts ein etwas ungewöhnliches, aber entzifferbares Marienmonogramm. Unten zwei Anrufungen aus der Lauretanischen Litanei: Rosa Mystica und Foederis Arca. Alle vier Kreisvignetten sind weder besonders einfallsreich konzipiert noch besonders kunstvoll ausgeführt; auch sie gehen vermutlich auf die Zeit vor Max Schmalzl zurück.

Hauptelement der Illustration ist eine durch und durch konventionell aufgebaute Darstellung (s. dazu das Gedicht von Denise Levertov auf The Catholic Thing von heute) der Verkündigungsszene mit dem Engel und der betenden Maria. Alle freien Flächen sind ausgefüllt mit Lilien und Rosen, und auf dem Sims unter dem Fenster in der Mitte steht, selbst in der anklickbaren Vergrößerung kaum zu erkennen, der englische Gruß: „Ave Maria“ – das bedarf keines Kommentars.

Wenden wir uns also den beiden typologischen Elementen zu, die in ihrer Ausführung dem Mittelteil entsprechen und dann wohl ebenfalls von Klein gestaltet worden waren.

Links spricht der Herr aus dem Baum der Erkenntnis (?) heraus der Schlange das Urteil:

Sie (die noch unbenannte Frau, die später mit Maria identifiziert werden sollte) wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihrer Verse nachstellen (Gen 3,15)

Die Stellenangabe ist wie des öfteren ungenau – der Hinweis auf das Kapitel 3, in dem der hier gemeinte Vers 15 steht, ist entfallen. Auffällig an der Darstellung ist, daß der Herr durch Gesicht und vor allem durch den Kreuz-Nimbus als Christus gekennzeichnet wird, während seine Platzierung im Baum eher der klassischen Darstellungsweise der Erscheinung Jahwehs im Dornbusch angenähert ist. Das muß freilich keine künstlerische Unbeholfenheit sein, sondern entspricht der von vielen Exegeten vertretenen Ansicht, daß überall dort, wo im alten Testament der Herr sichtbar und quasi „in der Welt“ mit seinem Volk oder dessen Vertretern agiert, das göttliche Wort, die seit Anbeginn existierende zweite Person des dreifaltigen Gottes, handelt, spricht oder sichtbar wird. Der allmächtige Vater selbst wohnt im unzugänglichen Licht.

Wirklich schwierig wird es bei der Vignette rechts, die in der Aufschrift auf das 6. Kapitel des Buches der Richter verweist.

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  • Stationskirchen

    Die römischen Stationskirchen

    Kupferstich von Giusepppe Lauro aus dem Jahr 1599

    In der Fastenzeit 2013 haben wir zu jedem Tag die entsprechende Stationskirche kurz vorgestellt. Damit sind zwar alle gegenwärtigen Stationskirchen erfasst, aber nicht alle Tage mit einer Statio, von denen es auch etliche außerhalb der Fastenzeit gibt.

    Bei der Vorstellung der Stationskirchen orientierten wir uns im wesentlichen an „Die Stationskirchen des Missale Romanum“ von Johann Peter Kirch, Freiburg 1926. Zu Ergänzungen haben wir Hartmann Grisar „Das Missale im Licht römischer Stadtgeschichte“, Freiburg 1925, und Anton de Waals „Roma Sacra - Die ewige Stadt“ von 1905 in der Überarbeitung Johann Peter Kirchs von 1925 (Regensburg 1933) herangezogen. Daneben haben wir auch auf Informationen aus Internetquellen zurückgegriffen. Die Illustrationen stammen, soweit nicht anders angegeben, von eigenen Aufnahmen.

    Wie der gegenwertige Nachfolger de Waals und Kirchs als Direktor des römischen Instituts der Görres-Gesellschaft, Prof. Msgr. Stefan Heid, uns mitteilte ist diese älter Literatur insbesondere in Sachen der Datierungen vielfach überholt. Nach seinen Untersuchungen geht die Institution der Stationes nicht wesentlich vor die Zeit Gregors d. Großen zurück. Was natürlich nicht bedeutet, daß die Stationskirchen bzw. deren Vorgängerbauten nicht wesentlich älter sein können.

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