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Lindisfarne

Bild: Screenshot nach dem Digitalisat der British LibraryAm 6. Juni 793 wurde das damals bereits seit 150 Jahren bestehende Kloster Lindisfarne erstmals von – vermutlich aus dem heutigen Dänemark kommenden – Wikingern überfallen und ausgeraubt. Bei diesem Blitzüberfall beschränkten sich die Räuber auf leicht transportierbare Wertgegenstände aus Edelmetall – das „Lindisfarne Gospel“ des Bischofs Eadfrith, entstanden zwischen 715-20, blieb unangetastet. In den nächsten Jahrzehnten häuften sich die Überfälle, und mit jedem Überfall scheinen die Plünderer grausamer geworden zu sein, die Zahl der Todesopfer wurde unerträglich. 875 verließen die Mönche unter ihrem Bischof (nicht Abt! - Lindisfarne war kein Kloster der benediktinischen Tradition) ihr Inselkloster und gründeten etwa 100 km südlich auf dem Festland eine neue Niederlassung, aus der später die Stadt Durham entstand. Das Evangelienbuch nahmen sie mit, ebenso die Gebeine des hl. Cuthbert, des ersten Bischofs von Lindisfarne. Das kunstvoll illustrierte Buch stand im Kloster in hohen Ehren; im 10. Jahrhundert wurde es mit einer zwischen die Zeilen geschriebenen Übersetzung der Evangelientexte in altenglischer Sprache ergänzt. In den Wirren der Reformation ist auch das Kloster von Durnham untergegangen. Das Evangeliar blieb erhalten und ist heute einer der Schätze der British Library, die es in einer digitalisierten Version zugänglich gemacht hat.

Die Romantik hat – ausgehend von der Bewunderung des über tausendjährigen Evangelienbuches – aus Legenden und Phantasien einen Mythos um Lindisfarne entwickelt, der das Kloster als einen Leuchtturm der Zivilisation in der Frühzeit des Christentums und später als einen Hort des Widerstandes gegen die anbrandenden Barbarenhorden darstellte. Historisch haltbar ist das wohl kaum, aber Mythen können ja bekanntlich ihre eigene Wirkkraft entwickeln. In den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts entstand in den USA eine Lindisfarne Association, die sich zunächst als eine Organisation des Widerstandes von Künstlern und Intellektuellen gegen den Niedergang der westlichen Kultur verstand. Unter dem Einfluss der Gedanken von Teilhard de Chardin driftete sie immer stärker in esoterische Richtung ab und hat wohl vor einigen Jahren ihre Aktivitäten eingestellt.

Mit der Emanzipation vom Christus des Evangeliums, den die frommen Mönche von Lindisfarne in ihrem Evangelienbuch in so eindrucksvoller Form verherrlichten, wurde die ursprünglich zur Verteidigung der westlichen Kultur gegründete Vereinigung Teil von deren Niedergang.

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