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Lebendige Tradition im Missale

Alle Bilder eigene AufnahmenAm 18. September hat Fr. Hunwicke unter dem Titel „Organic Development“ in seinem Blog einen Beitrag veröffentlicht, in dem er anhand eines Missales aus dem Jahr 1903, das viele Änderungen und Ergänzungen enthält, definiert, was er unter „organischer Entwicklung“ versteht:

Dieses Buch kann man auch heute, mehr als ein Jahrhundert nach seinem Druck, für die Feier der überlieferten Messe verwenden. Das ist der Lackmus-Test für eine organische Entwicklung. Und den bestehen die Bücher, die in den 1960er und 70er Jahren fabriziert worden sind und die nun in den Sakristeien Englands Staub ansetzen, sicher nicht“.

Dem ist voll zuzustimmen. Tatsächlich hätte Fr. Hunwicke statt „ein Jahrhundert“ auch ruhig „zwei“ oder „drei“ sagen können. Hier liegt ein Missale Romano-Moguntinum mit Druckdatum 1742 (Bild 496), das man ebenfalls auch heute noch verwenden könnte – obwohl es auf den ersten Blick gesehen recht einschneidende Veränderungen erlebt hat. 

Die im Text verschiedentlich eingefügten Zahlen verweisen auf die Abbildungen in einem Flickr-Album, in dem 21 großformatige Reproduktionen aus dem Missale präsentiert und kurz kommentiert sind.

Unser Missale aus kurfürstlicher Zeit stammt aus dem Besitz der St. Gereonskirche im eng mit dem Kurfürsten von Mainz verbundenen Nackenheim – die Weinfreunde kennen den Ort. Es dürfte aus einer der letzten Auflagen sein, in der die gesungene Teile noch in der mittelalterlichen Hufnagelnotion aufgezeichnet sind und die einen auch in der Melodie mehr oder weniger stark abweichenden „rheinischen Dialekt“ der Gregorianik präsentieren. (Hier als Muster eine erhalten gebliebene Seite mit dem Exsultet - 499) Dieser Dialekt wird von der Schola in Kiedrich im Rheingau noch heute zumindest gelegentlich gesungen, aber im übrigen Rheinlannd ist er spätestens Mitte des 18. Jh. außer Gebrauch gekommen.

Die Folge: Eines Tages konnte ein neu nach Nackenheim gekommener Pfarrer die Noten nicht mehr entziffern und griff zu einer radikalen Maßnahme: Er schnitt die meistgesungenen Seiten mit den Präfationen und dem Paternoster heraus und ersetzte sie durch 36 Seiten einer „moderneren“ Ausgabe - vermutlich aus den 80er Jahren des 18. Jh. (502) Vielleicht war der Mann mit der Schere ja Pfarrer Karl Melchior Arand, gleichzeitig Regens des kurfürstlichen Priesterseminars und allem Fortschrittlichen zugeneigt: Als 1793 die Armeen der französischen Revolution das linke Rheinufer besetzten, war er es, der sich als einer der Ersten vom Kurfürsten abwandte und die Nackenheimer dazu brachte, den Eid auf die französische Republik abzulegen. Bald sah er sich mit der Ernennung zum Maire, zum Bürgermeister, des Dörfchens belohnt. Was weiter aus ihm geworden ist, konnten wir noch nicht nachrecherchieren – aber der Heimat- und Verkehrsverein von Nackenheim hat vor 50 Jahren ein Büchlein zur „Nackenheimer Revolution“ gemacht, das wir hoffentlich demnächst erhalten werden.

Doch zurück zum Missale. Auch im neu eingefügten Block der Präfationen kam es später noch zu Eingriffen: Zwischen die Seiten aus dem späten 18. Jh wurde eine undatierte, aber wohl aus dem 19. Jh. stammende Fassung der Präfationen für die Wochentage der Himmelfahrtsoktav eingeklebt, dazu dann nocheinmal fast hundert Jahre später eine in der Melodie vereinfachte Fassung der Präfation zum Fest der Erscheinung des Herrn. Sie ist ebenfalls undatiert, wurde aber in einem Umdruckverfahren der 50er Jahre des 20. Jh. produziert. (Alles zusammen auf Bild 503) Bereits zuvor waren die Seiten aus dem 18. Jahrhundert durch einen weiteren Einschub mit 8 Seiten mit den Präfationen zu den Messen des hl. Joseph (Bild 505) und für Totenmessen ergänzt worden, datiert in Rom April 1919 und Regensburg August 1919. Im allgemeinen steht Ergänzung vor Ersetzung. So finden sich zum Beispiel die alte und die neue Notation für das Anstimmen des Gloria (501) ebenso nebeneinander wie verschiedene Fassungen des Pater noster (507).

Hier geht es weiterDer Präfationenblock aus dem 18. Jh. war vermutlich das Ergebnis der „Resteverwertung“ von Seiten eines Missales, das durch einen Unfall unbrauchbar geworden war. Andere Einschübe wurden seit Mitte des 19. Jh. bei Pustet und anderen Verlagen speziell zum Einheften in bestehende Missalien gedruckt. Das oben genannte mit den Präfationen ist nur ein Beispiel, unten folgen weitere. Tatsächlich hat Pustet damals regelmäßig professionelle „Updates“ seiner Missalien herausgebracht, die man in einer Art Abonnement beziehen konnte. Immer wenn die Ritenkongregation nach Aufwertung oder Neueinführung eines Festes oder der Erhebung neuer Heiliger ein neues Messformular herausgab, liefen in Regensburg die Druckmaschinen an und produzierten solche Bögen die dann als „Missae Novissimae“ (Bild 508) weltweit versandt wurden und es ermöglichten, auch hundertjährige Messbücher auf dem aktuellen Stand zu halten. Kleinere Änderungen wurden auf einer Art „Ausschneidebogen“ gedruckt, die dann vom örtlichen Kaplan oder einer anderen zur Pfleges des Missales beauftragten Person ausgeschnitten und an den richtigen Stellen eingeklebt wurden. (Bild 511) Wieder andere Änderungen wurden handschriftlich vorgenommen – entweder mit Tinte im Buch selbst oder durch zumeist sehr schön geschriebene Zettel. (Bild 518) Der älteste derartige Einschub in unserem Missale ist das Formular zum 8./9. Dezember für Vigil und Fest der Unbefleckten Empfängnis vom November 1863. (Bild 520)

Weitere Einschübe nach der Ordnung des Kirchenjahres sind:

  • 9. Feb und 18. März neue Formulare für Cyrill von Alexandria und Cyrill von Jerusalem (Bild 508) sowie Erscheinung der Junfrau Maria (11. Feb.) vom 3. Jan 1908
  • 12. Februar die Sieben Gründer des Ordens der Diener Mariens, Formular vom 20. Januar 1889
  • 15. März das Fest Clemens Maria Hofbauers mit Formular vom 6. September 1909 (Bild 512)
  • 27. März Fest Johannes v. Damascus mit Formular vom 2. Dezember 1890
  • 28. März neues Formular für Johannes Capistrano vom 2. Dezember 1890
  • 28. April neues Formular für deie Messe des Hl. Paul v. Kreuz vom 1. April 1869
  • 14. Mai neues Formular für den seligen Petrus Canisius ohne Datum (Bild 524, die Heiligsprechung war 1925)
  • 15. Mai neues Formular Johannes Baptista von la Salle vom 21. 3. 1901
  • 18. Juni Ephraim der Syrer vom 28. 10. 1920,
  • 28. Juni Hl. Bischof Irenaeus vom 11. April 1922,
  • 22. August zum bereits 1942 eingeführten Fest des Unbefleckten Herzens Mariens Formular vom 12. Sept. 1945. Letzter regulär gedruckter Einschub (Bild 515)

Außerhalb des Proprium Sanctorum gab es nur wenige Veränderungen. Im September 1883 waren neue Votivmessen für die Wochentage "per annum" dazu gekommen (Bild 529). Mitten im 2. Weltkrieg Krieg wurde das Proprium Sanctorum durch ein neues Formular für die Messe eines oder mehrerer heiliger Päpste erweitert, veröffentlicht unter Datum vom 13. Mai 1943. (Bild 527) und von Fr. Hunwicke durchaus kritisch kommentiert. Ebenfalls auf die Kriegszeit hin deutet ein als Schreibmaschinendurchschlag vervielfältigtes Formular der Messe zum allerheiligsten Herzen Jesu (Bild 521), das jedoch beim 17. Sonntag nach Pfingsten nicht korrekt eingeklebt zu sein scheint.

Des weiteren enthält das Missale bei den Eigennmessen des Bistums Mainz einen dicken Faszikel von 60 Seiten aus dem Jahr 1922. (Bild 526) Dabei steht ein älterer undatierter Anhang mit zulässigen Votivmessen, dem Druckbild nach mittl. 19. Jh., der ausdrücklich als Zusatz zum Missale von 1742 gekennzeichnet ist. (Bild 525) Im Übrigen gibt es an zahlreichen Stellen Streichungen oder handschriftliche Ergänzungen, in der Regel ohne Datum oder Hinweis auf die dem jeweils zugrunde liegende Anordnung der Ritenkongregation oder anderer Autoritäten.

In ihrer Gesamtheit lassen die Eingriffe in das Missale von 1742 erkennen, daß dieses Meßbuch vom Erwerb in der Mitte des 18. Jh. bis in die Mitte des 20. Jh. in Gebrauch gewesen ist – und zwar zeitweise sehr intensiv (Bild 506). Um die Wende zum 20. Jahrhundert ist es einmal fachmännisch neue gebunden worden. Das letzte in konventioneller Form als Einlage zum Einkleben gedruckte und datierte Formular ist das zum Fest des Unbefleckten Herzens Mariens vom 12. September 1945 (515). Danach gibt es keine datierten Einlagen mehr, aber die mehrfach enthaltenen hektographierten Blätter lassen sich auf Grund des Druckverfahrens den 50er und den frühen 60er Jahren des 20. Jh. zuordnen. Es ist also anzunehmen, daß dieses Missale bis in die Zeit der in den Jahren vor dem Konzil einsetzenden „liturgischen Unruhen“ benutzt worden ist.

Für die Feier der hl. Messe im überlieferten Ritus nach den Büchern von 1962 könnte man es mit ein wenig Achtsamkeit (Einfügung des hl. Joseph im Communicantes!) heute noch verwenden. Nichts spräche dagegen, auch hier wieder einen Zettel einzulegen. Das Missale hat selbst die tiefen Einschnitte der Französischen Revolutionszeit inhaltlich unbeschadet überstanden und ist danach immer wieder aktualisiert worden und dadurch lebendig geblieben. Damit bildet es für einen Zeitraum von inzwischen bald 300 Jahren ein Zeugnis „organischer Entwicklung“ und, vielleicht noch wichtiger: Lebendiger Tradition. Lebendige Tradition kann nicht das sein, was den jeweiligen Vorgänger kaltblütig ermordert, sondern nur, was auf traditionsbewußte und eben organische Weise daraus hervorgeht.

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