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Fremde Heilige

Bild: Essener Domschatz, Ausstellung 'Gold vor Schwarz'Der November mit dem Fest aller Heiligen gilt von daher in besonderer Weise als der Monat der Heiligen, und das Martyrologium Romanum – zumindest die Ausgaben bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts – lassen erkennen, daß die Kirche bei der Auswahl der Gestalten, die sie besonderen Gedenkens für würdig erachtete, nicht immer die gleichen Maßstäbe anlegte, die gegenwärtig gelten – oder auch nicht gelten, je nachdem.

Der heutige 7. November hat im Martyrologium einen ungewöhnlich langen Absatz, der mit den Worten „Apud Swelmensem civitatem in Germania passio sancti Engelberti...“ beginnt. Die aus dem Lateinischen so fremdartig hervorstechende Stadt ist Schwelm, zwischen Hagen und Wuppertal gelegen, und Engelbert ist natürlich der Kölner Erzbischof, der dort auf dem Weg zu einer Kirchweihe im Jahr 1225 von einem Trupp Bewaffneter unter der Führung seines Vetters Graf Friedrich von Isenberg im Zuge eines aus dem Ruder gelaufenen Entführungsversuches erschlagen wurde.

Das Martyrologium spricht von seinem „ruhmreichen Martyrium, erlitten für die Verteidigung der Freiheit der Kirche und ihrer heiligen Ordnung“ – so hat es wohl der Kardinallegat Konrad von Porto ausgedrückt, der Engelbert bei der feierlichen Beisetzung seiner Überreste im folgenden Jahr im alten Kölner Dom zum Martyrer erklärte – zu einer formellen Heiligsprechung im engeren Sinne ist es nicht gekommen.

Historiker sehen in Engelbert eher den fähigen Politiker, der das Territorium seines Bistums planmäßig ausbaute, mit Burgen befestigte und widerspenstige Verwandte wie besagten Friedrich erforderlichenfalls mit harten Maßnahmen zur Raison zu bringen sollte. Nebenbei war er noch Reichsverweser und Erzieher des jugendlichen Heinrich VII. von Staufen, den er 1222 in Aachen zum römisch-deutschen König krönte – ein Spitzenpolitiker seiner Zeit. Was uns heute reichlich gegensätzlich erscheinen mag, ging damals zwar nicht immer in der politischen Realität, aber doch im frommen Sinn der Beteiligten, auf eine ganz erstaunliche Weise zusammen: Die Heilige Ordnung der Kirche und die des Reiches, die beide ihren Ursprung und ihren Auftrag in der einen göttlichen Quelle fanden.

Das Erzbistum Köln würdigt Engelbert am heutigen Tag auf seiner Publikumsseite keiner Erwähnung, obwohl der 7. November dort immer noch den Status eines (nicht gebotenen) Gedenktags für den Alt-Erzbischof hat, Aber wer redet heute noch von Heiligen - insoweit ist Engelbert also ein ganz normaler Heiliger – in einer Zeit, der das Heilige Fremd geworden ist.

Von Normalität kann man bei einem anderen der frommen Männer, die das Martyrologium uns im November vor Augen hält, so nicht sprechen: Bei „St. Josaphat“, zu dem das Martyrologium am 27. November zu berichten weiß, daß er zusammen mit einem gewissen Barlaam „bei den Indern, noch weit hinter Persien“ viele Wundertaten gewirkt habe, „wie der Heilige Johannes von Damaskus“ aufgeschrieben hat.

Das im hohen Mittelalter hoch beliebte und weit verbreitete Buch von Barlaam und Josaphat geht sicher nicht auf Johannes von Damaskus († 754), den „letzten Kirchenvater“ zurück, sondern auf einen unbekannten byzantinischen Autor des 9. oder 10. Jahrhundert. Es gibt Fassungen in allen Sprachen von Griechisch und Latein bis zum Isländischen und dem Kastilischen, außerdem den um das Todesjahr von Engelbert geschriebenen mittelhochdeutschen Versroman des damaligen Erfolgsautors Rudolph von Ems.

Das Buch mit den beiden Heiligen im Namen enthält wenig Aufschlußreiches, um St. Barlaam historisch faßbar zu machen – aber umso mehr zum Königssohn Josaphat, der von seinem Vater von allen Leiden der Welt abgeschirmt im goldenen Käfig eines Palastes aufwächst. Neugierig geworden auf die Welt außerhalb der Mauern, bittet er den Vater um eine Ausfahrt, die dieser erst gestattet, nachdem er die Straßen zuvor von aller Armut, allem Zerfall, Alter und Tod gereinigthat. Doch die Vorsehung fügt es, daß erst ein gebrechlicher Greis und dann ein entstellter Kranker des Prinzen Weg kreuzen, schließlich begegnet er sogar einem Trauerzug mit einem Toten. Das Leben im goldenen Palast war nichts als Trug.

Tief erschüttert beschließt der junge Mann, sein Leben zu ändern. In der indischen Originalfassung, dem Lalitavistara-Sutra, verläßt er den Königshof und begibt sich auf den Weg der Erleuchtung, um zum Buddha zu werden – im griechischen Zweig der Erzählung läßt er sich gegen das strenge Verbot des Vaters von dem Prediger Barlaam taufen, muß mit diesem aus der Stadt fliehen und wird zum frommen Wundertäter. Seinen Namen Josaphat verdankt er einer über mehrere Sprachen erfolgten Verschleifung des Buddha-Titels „Bodhisattva“ - und wohl auch dem Umstand, daß es mit Josaphat von Juda ein wohlbeleumdetes Vorbild gab.

Der erstaunliche Zusammenhang wurde erst Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckt und führte in Rom zunächst zu entrüstetem Widerspruch, der später einem betretenen Schweigen wich. In der „Secunda post typicam editio“ von 1922, autorisiert von vier Päpsten und „durch die Fürsorge der heiligen Ritenkongregation um die Daten und Verdienste der neueren Heiligen bereichert“, gedruckt bei Poliglottis Vaticanis MDCCCCXXX (1930), ist Josaphat apud Indos noch enthalten – in einer der späteren Fassungen wurde er dann stillschweigend getilgt.

Das kann man loben oder bedauern – jedenfalls zeigt es, daß schwierige und problematische Erscheinungen in Sachen Heiligenkalender durchaus vorkommen können – und daß die Welt davon nicht untergeht.

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