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Liturgie und 'Altes Testament'

Bild: Bible Moralisee aus Paris, um 1220Die Liturgiereformer der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts waren sehr darum bemüht, in ihrem erneuerten Lektionar den Schriften des alten Testaments größeren Raum zu geben. Dahinter steckte insoweit eine wichtige Einsicht, als es unmöglich ist, den christlichen Glauben von der vorhergehenden – wenn auch unvollkommenen – Offenbarung des Alten Bundes zu trennen oder ohne diesen Bezug verstehen zu wollen.

Eine ganz andere Frage ist, ob und inwieweit die Aufnahme zahlreicher Lesungen aus den Büchern des alten Testaments in die Liturgie geeignet ist, diesen Bezug herzustellen. Die Bücher des AT sind mehrheitlich zwischen 2500 und 3000 Jahre alt und entstanden in einer von der unseren sehr verschiedenen Kultur und Lebenswelt. Wenig von dem, was darin aufgeschrieben ist, versteht sich von selbst, vieles bedarf einer oft so komplizierten Ableitung und Erklärung, daß das im Gottesdienst in gar keiner Weise zu leisten ist – nicht nach der Aufnahmefähigkeit der mitfeiernden Gemeinde und nicht nach der Zielsetzung der Messfeier, die jedenfalls kein schriftexegetisches Proseminar sein will und darf.

Von daher ist es nicht überraschend, daß die mengenmäßig vermehrte Berücksichtigung des alten Testaments in der neuen Liturgie nicht das Geringste dazu beigetragen hat, die Kenntnis dieser Schriften zu vermehren. Im Gegenteil kann man den Eindruck haben, daß diese Kenntnisse immer mehr zurückgegangen sind. Schon 1985 hat der damalige Münchener Erzbischof Ratzinger in einer kleinen Sammlung seiner Fastenpredigten zum Thema „Schöpfung“ aus den vorhergehenden Jahren angemerkt:

Die Bedrohung des Lebendigen durch das Werk des Menschen, von der heute allenthalben die Rede ist, hat dem Thema Schöpfung eine neue Dringlichkeit gegeben.Paradoxerweise ist aber gleichzeitig ein nahezu völliges Verschwinden der Schöpfungsbotschaft in Katechese, Predigt und auch Theologie festzustellen. Die Schöpfungsberichte werden versteckt, ihre Aussage gilt als nicht mehr zumutbar...

In den dann folgenden Predigten versucht er diesem Versäumnis etwas entgegen zu setzen.

Hier geht es weiter Dazu macht er zwei Vorbemerkungen zur rechten Weise des Umgangs mit den Texten des alten Testaments und deren Verständnis. Die erste bezieht sich auf einen allgemein bekannten Sachverhalt: Die Bibel will weder ein Lehrbuch der Naturwissenschaften noch ein historisches Annalenwerk sein – ihre Texte sprechen in Bildern und Gleichnissen von den großen Wahrheiten, die hinter der Oberfläche liegen. Im konkreten Fall der Schöpfung heißt das: Nicht die 6 Tage stehen im Zentrum, sondern die Tatsache, daß Gott der Herr und Schöpfer ist der alles, was ist, aus dem Nichts hervorgebracht und ihm seine Ordnung gegeben hat. Diese Erklärung allein hält er jedoch für unzureichend:

Denn wenn uns nun gesagt wird, daß wir unterscheiden müssen zwischen den Bildern und dem Gemeinten, dann kann man dagegen fragen: Warum hat man das eigentlich nicht schon früher gesagt ? Denn offenbar muß man früher anders gelehrt haben, sonst hätte es ja den Prozess um Galilei gar nicht geben können. So steigt der Verdacht auf, daß am Ende vielleicht doch diese Auskunft nur ein Trick der Kirche und der Theologen sei, die eigentlich am Ende sind mit ihrem Latein, aber es nicht zugeben wollen und daher eine Bemäntelung finden, hinter der sie sich verschanzen. Und insgesamt entsteht der Eindruck, daß die Geschichte des Christentums in den letzten 400 Jahren ein ständiges Rückzugsgefecht gewesen sei …

Freilich hat man immer irgendeinen Trick gefunden, um sich zurückziehen zu können. Aber die Angst ist fast unentrinnbar, daß wir allmählich doch ins Leere hinausgedrückt werden und daß der Augenblick kommen wird, wo nichts mehr zu verteidigen und zu bemänteln ist, wo das ganze Terrain der Schrift und des Glaubens durch eine Vernunft besetzt sein wird, die all dies nicht mehr im Ernst weiterbestehen läßt.“

Schließlich, so fährt Ratzinger dann fort, könne man mit dieser Methode auch die Wunderberichte des Neuen Testaments als bildhafte Erzählungen wegerklären, und natürlich auch Kreuzestod und Auferstehung des Herrn, und schließt:

Von den vielen halbherzigen Auslegungen des biblischen Wortes her, die heute umlaufen und die mehr Ausflucht als Auslegung scheinen, rührt dieses Kranke eines Christentums, das nicht mehr wirklich zu sich selber steht … und das viel eher den Eindruck eines Vereins (vermittelt), der weiter redet, obwohl er eigentlich nichts mehr zu sagen hat.“

Als Ergänzung für den zuerst genannten hermeneutischen Grundsatz schlägt Ratzinger dann ein Verfahren oder besser ein Verständnis vor, das er aus dem Grundsatz der „Einheit der Bibel als Merkmal der Auslegung“ herleitet. Diese „Einheit der Bibel“ umfaß für ihn selbstverständlich beide Testamente, und dabei steht es für ihn völlig außer Frage, daß das alte Testament vom Neuen her zu lesen ist.

Die ganze heilige Schrift Bibel ist nicht wie ein Roman oder wie ein Lehrbuch von Anfang bis Ende durchgeschrieben worden; sie ist vielmehr ein Widerhall der Geschichte Gottes mit seinem Volk. Sie ist herausgewachsen aus dem Ringen und den Wegen dieser Geschichte; durch sie hindurch können wir die Aufstiege und Abstiege, die Leiden , die Hoffnungen, das Große und wieder Versagende dieser Geschichte erkennen. Die Bibel ist so Ausdruck von Gottes Ringen mit den Menschen, um sich allmählich ihnen verständlich zu machen; sie ist aber zugleich auch Ausdruck für das Ringen des Menschen, allmählich Gott zu begreifen. … Der ganze alte Bund ist ein Unterwegssein mit dem Wort Gottes. Deswegen können wir auch nur im Ganzen dieses Weges seine wahre Richtung erkennen. … Altes Testament erscheint für den Christen insgesamt als Vorwärtsgehen auf Christus zu; erst wo es bei ihm anlangt, wird sichtbar, was es eigentlich meinte; was es Schritt für Schritt bedeutete. So empfängt alles einzelne seinen Sinn vom Ganzen und das Ganze seine Bedeutung von seinem Ziel – von Christus her. … So sahen es die Kirchenväter und der Glaube der Kirche zu allen Zeiten.“

Entscheidend hier – und da mag man es bedauern, daß es bei der Predigt geblieben ist und keine weitergehende Ausformulierung einer exegetischen Hermeneutik erfolgte – entscheidend hier sind Wendungen wie „Widerhall der Geschichte“, „herausgewachsen aus dem Ringen und den Wegen“, „Unterwegssein mit dem Wort Gottes“. Die Schriften des Alten Testaments bewahren die Erinnerung an einen Erziehungsprozess, in dem Gott sein Volk von Erkenntnisschritt zu Erkenntnisschritt führte, vom Stammvater Abraham, der noch in einer Gesellschaft steinzeitlicher Menschenopfer verwurzelt war und es auf sich genommen hätte, seinen Sohn auf dem Altar zu schlachten – wenn sein Gott es von ihm verlangt hätte, so wie die Götter seiner Zeit es zu tun gewohnt waren. Bis hin zum leidenden Gottesknecht des Propheten Jesaja, dessen Prophezeiungen so intensiv auf Christus den Messias vorausdeuteten, daß die Juden der nachchristlichen Zeit das Bedürfnis empfanden, durch Eingriffe in die Textgestalt diese Intensität zu mildern – etwa dadurch, daß sie aus dem prophetischen Zeichen der „Jungfrau, die empfangen wird“ die Alltäglichkeit einer „jungen Frau, die empfangen wird“ machten – um sich einen Weg an Christus vorbei zu bahnen.

Solche bis zur Verfälschung gehenden Eingriffe sind kein Einzelfall und Grund genug, auch sonst dem angeblichen „hebräischen Urtext“ mit Vorsicht zu begegnen. Andere hebräische Versionen  und die Septuaginta als Bibel des messianischen Judentums der Jahrhunderte vor Christi Geburt und die frühen lateinischen Übersetzungen aus den ersten nachchristlichen Jahrhunderten gehören mit dazu. Aus diesen alten lateinischen Versionen (vetus latina) noch vor der Vulgata stammt übrigens der größere Teil der aus der hl. Schrift entnommen Texte und Gebete der hl. Messe.

Nur die Lektüre der hl. Schrift als Einheit, und zwar als Einheit von altem und neuem Testament und beider Auslegung in der Tradition der Kirche, kann davor bewahren, einzelnen „Stellen“ willkürliche Bedeutungen zu unterschieben. Die neue Leseordnung mit ihren vielen isoliert stehenden Perikopen kann dazu wenig bis nichts beitragen. Und die theoretisch proklamierte, praktisch aber nur für die wenigsten Gläubigen erfahrbare „lectio continua“ kann diesen Mangel nicht heilen. Die hl. Messe ist kein Bibelkurs.

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Das genannte Büchlein (64 S.) von Joseph Ratzingr/Papst Benedikt XVI. ist unter dem Titel „Im Anfang schuf Gott - Vier Predigten über Schöpfung und Fall“ in verschiedenen Ausgaben im Buchhandel erhältlich.

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