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Septuagesima - Sonntag des Anfangs

Bild: Holzschnitt von Andreas Bernhard, 17. Jh. gemeinfreiMit dem Sonntag Septuagesima, der in diesem Jahr auf den 17. Februar fällt, beginnt nach dem überlieferten Kalender die Vorfastenzeit: Noch 70 Tage bis Ostern, ungefähr. Im Vor Beginn der Neuzeit, als es noch keine Unterscheidung zwischen kirchlichem und säkularem Jahr gab, begann das neue Jahr nach römischem Brauch, aber auch nach jüdischen Gewohnheit, im Frühjahr. Vielfach markierte der Abschluß der Weihnachtszeit – der vom Ostertermin abhängt - den Beginn des neuen Jahres. Aber auch Ostern selbst kam als Jahresanfang vor, ein anderer Termin war der Beginn der vorösterlichen Fastenzeit. Die Fastenzeit wurde teils mit 40 und teils mit 70 Fasttagen gerechnet – von daher entstand als eine Art Kompromiß die Unterscheidung einer Vor-Fastenzeit von der eigentlichen Fastenzeit.

Unter den möglichen Terminen für den Jahresbeginn zwischen dem Abschluß der Weihnachtszeit und Ostern war der Sonntag Septuagesima noch dadurch besonders hervorgehoben, daß vielfach die Unterrichtung der Katechumenen, die in der Osternacht getauft werden sollten, an diesem Tag in die entscheidende Phase trat. So ist dieser Sonntag seit der frühesten Zeit auf verschiedene Weise mit dem Charakter des Neuen Anfangs verbunden. Im römischen Brevier kommt das bis auf den heutigen Tag dadurch zum Ausdruck, das die (theoretisch) kontinuierliche Lesung des Bibel in der Matutin am Sonntag Septuagesima mit der Verlesung des Schöpfungsberichtes aus dem 1. Buches Moses eröffnet wird : Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde... Diese Lesung aus dem alten Testament wird auch in den folgenden Tagen und Wochen bis zum Dienstag vor Aschermittwoch fortgesetzt – dann geht das Brevier mit Lesungen aus dem Evangelium zum Thema der Fastenzeit und zur Vorbereitung auf das Leiden des Herrn über.

Soweit das Brevier – im Missale Romanum spielen Lesungen aus den Büchern Moses praktisch keine Rolle; lediglich der Schöpfungsbericht hat in der Liturgie der Osternacht einen Platz erhalten. Da Brevier und Missale liturgisch eine Eineit bildeten, war das auch kein Problem.

Das Missale des Novus Ordo sieht demgegenüber für Lesungen aus dem alten Testament an allen Tagen einen eigenen Platz vor. Für dies Lesungen an den Werktagen gibt es einen zweijährigen Lesezyklus, dessen erstes Jahr ausschließlich Texten aus den fünf Büchern Moses, d.h. der jüdischen Tora, vorbehalten ist. Dieser Lesezyklus beginnt am Montag nach dem 5. Sonntag im Jahreskreis – also in ungefährer zeitlicher Nähe zum Sonntag Septuagesima – ebenfalls mit dem Schöpfungsbericht. In diesem Jahr war das der Montag der nun zu Ende gehenden Woche.

In der Theorie erfüllt das neue Missale mit dieser Leseordnung den Auftrag der Konzilskonstitution über die Liturgie, den Gläubigen „den Tisch des Wortes reicher zu bereiten“. In der Praxis kann davon kaum die Rede sein, da der Besuch der Werktagsmessen stark zurückgegangen ist – wenn eine solche Messe überhaupt noch regelmäßig „angeboten“ wird. Der Montag ist vielerorts ohnehin LiFT - „liturgiefreier Tag“. Vielerorts läßt man auch nicht nur am Werktag, sonden auch am Sonntag, die eigentlich vorgeschriebene Lesung aus dem alten Testament ganz ausfallen.

So unerfreulich diese Entwicklung ist, so ist sie doch auch eine verständliche Folge der Tatsache, daß die Liturgie sich anders, als die Liturgiekonstitution das wohl annahm, nicht wirklich dazu eignet, die Kenntnis des alten Testamentes durch bloßes Vorlesen von Textausschnitten zu verbreiten. Selbst das traditionelle Brevier, das aus der Gebetspraxis theologisch vorgebildeter Beter in Klöstern und Stiften entstanden ist, konfrontierte diese ja nicht einfach so mit diesen Textern, sondern begleitet sie seit alters her mit Kommentaren aus den Schriften der Kirchenväter. Diese sind freilich heute in vielen Fällen ebenfalls erklärungsbedürftig.

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