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Der Tisch des Herrn

Bild: arachne.uni-koeln.de, Grabmahl des AmemptusDie Eucharistie, das hl. Messopfer und das das Priestertum stehen seit Jahrhunderten im Zentrum des Angriffs der Gegner der katholischen Kirche. Ihnen haben sich seit über 100 Jahren zahlreiche „katholische“ Theologen angeschlossen, die zwar nicht alle in kirchenfeindlicher Absicht handeln, Glauben und Kult der Kirche aber durch ihre mehr oder weniger kritiklose Übernahme von Sprachregelungen und Dogmen der „aufgeklärten“ protestantischen Universitätstheologie untergraben – mit Resultaten, die seit dem 2. Vatikanischen Konzil in ihrer ganzen Häßlichkeit sichtbar geworden sind.

Sprachregelungen und Dogmen – das ist tatsächlich der Kern vieler „Erkenntnisse“ der seinerzeit führenden protestantischen Theologie, die Ende des 19. Jahrhunderts auf schmaler Faktengrundlage und mit unausgereifter Methodik entwickelt worden sind und seitdem in einem konfessionsübergreifenden Konsens der theologischen Fakultäten (in Deutschland vor allem) erbittert verteidigt werden. Diesem zu weiten Teilen unwissenschaftlichen Konsens die Grundlage zu entziehen ist das Hauptanliegen von Stefan Heid in seinem Anfang des Jahres erschienenen Buch „Altar und Kirche“, auf das wir hier schon einmal kurz hingewiesen hatten. In loser Folge wollen wir einzelne Themen oder Beispiele daraus etwas näher vorstellen. Sie lassen die Dürftigkeit der wissenschaftlichen Begründung vieler angeblicher Erkenntnisse der modernen liberalen Theologie sichtbar werden, die des ungeachtet etwa in der Liturgiereform zur Basis weitreichender Veränderungen gemacht wurden.

Ein schönes Beispiel bietet die Theorie um die (angeblich späte) Entstehung des christlichen Altars, die zur Stützung des ideologischen Postulats entwickelt wurde, das frühe und eigentliche Christentum habe weder einen Altar noch ein Opfer gekannt – beides seien Konzepte, die erst im Zusammenhang mit der konstantinischen Wende aus dem Heidentum übernommen worden wären. In diesem Tenor auch noch zu lesen etwa in Alfons Fürsts Handbuch „Die Liturgie der Alten Kirche“ von 2008. Heid zeichnet die Entstehung dieser Theorie und ihrer Übernahme in den Gewissheitenfundus auch der katholischen Fakultäten nach, um anschließend mit guten Argumenten zu belegen, daß sie heute nicht mehr haltbar ist – und bei Anwendung eines wahrhaft kritischen Instrumentariums wohl auch niemals war. Nichts davon kann sich auf archäologische oder schriftliche Belege stützen – die einzige gelegentlich herangezogene schriftliche Quelle ist eine Aussage aus den romanhaften apokryphen „Thomasakten“ des 3. Jahrhunderts, deren Nutzung als historische Quelle besonderer methodischer Vorsicht bedarf.

Dem stellt Heid die Kenntnisse gegenüber, die dem heutigen Stand von Archäologie und Religionswissenschaft der Antike entsprechen. Er verweist auf die Kategorie des in Rom ebenso wie in Jerusalem bekannten Sakraltisches, der in enger Beziehung zum Opferaltar stand, ohne mit diesem identisch zu sein. Er legt dar, daß bei römischen Gastmählern nicht wie heute „am Tisch serviert“ wurde, sondern daß die einzelnen Gängen von der Dienerschaft auf vorbereiteten Tischen hereingetragen und vor den Liegestätten der Speisenden abgestellt wurden. Und er erinnert daran, daß bei Römern wie bei Juden ein feierliches Mahl undenkbar war ohne religiös-rituelle Elemente, für die man eigene Sakraltische (hierà trápeza, mens sacra) verwandte - die ebenfalls nach Bedarf hereingetragen wurden.

Es gibt kein simples Entweder-Oder: Eucharistie oder Mahl, Altar oder Esstisch. Eine solche bipolare Verengung wird dem antiken Religionshorizont nicht gerecht. Sicher, das frühe Christentum lehnt den paganen Schlachtopferaltar ab. Aber die Alternative für die Eucharistie ist nicht ein profaner Esstisch. Vielmehr gibt es eine dritte Variante, die sich für den eucharistischen Brot- und Weinsegen perfekt anbietet: der Sakraltisch.“ (S. 19)

Zu dessen Verwendung außerhalb des Christentums kann Heid zahlreiche archäologische Belege anführen. Auch die Juden kannten einen Sakraltisch, und zwar nicht nur den „Tisch der Schaubrote“ (s. zum Begriff unseren Beitrag hier) im Tempel, sondern zumindest in der Sondergruppe der Therapeuten einen besonderen „heiligen Tisch“, der mit Brot und Salz zu ihren Liegemählern hereingetragen wurde, um an eben diesen Tisch der Schaubrote zu erinnern und dort besondere Riten und Gebete zu verrichten. Zur Verwendung im frühesten Christentum selbst stützt er sich auf eine ausführliche Exegese des 1. Korintherbriefes , die eine entsprechende Praxis zwar nicht beweist, aber überaus plausibel erscheinen läßt.

Heids Fazit zu diesem Abschnitt:

Es ist an der Zeit, sich (von der immer noch herrschenden Ansicht der liberalen Theologie des 19. Jh.) zu emanzipieren und einen unverstellten Blick auf die Anfänge des christlichen Altars zu werfen. Ein erster Schritt besteht darin, weniger den (Schlachtopfer-)Altar als vielmehr den Sakraltisch als weitverbreitetes Kultmöbel sowohl der jüdischen als auch der paganen Religionspraxis der Antike wahrzunehmen und den christlichen Altar in diesen Kontext zu stellen. (…) von hier aus erhalten die Texte, die bereits im 1./2. Jahrhundert im Zusammenhang mit der Eucharistiefeier vom Tisch oder Altar sprechen und die von der Forschung gern als metaphorisch oder unglücklich formuliert abgetan werden, eine neue Plausibilität und Aussagekraft.“ (S. 26)

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