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Newman und liturgische Reformen

Bild: Aus dem genannten Artikel auf Church TimesIm reichhaltigen schriftstellerischen Erbe des hl. John Henry Newman finden sich auch bemerkenswerte Ausführungen zur Liturgie und der Notwendigkeit, deren überlieferter Form mit höchster Achtung zu bewahren. Anpassungen von Lehre und Liturgie waren auch zu seiner Zeit ein großes Diskussionsthema. Im Umfeld des sog. Febronianismus waren ab 1770 vom deutschsprachigen Raum her ausgehend zahlreiche Schriften erschienen, die umfassende Kirchenreformen verlangten, die in vielem durchaus als Vorläufer heutiger nationalkirchlicher Bestrebungen verstanden werden können. Diese Schriften stießen auch bei den bereits nationalkirchlich verfaßten Anglikanern auf beträchtliche Resonanz. In den Jahren seiner endgültigen Hinwendung zur katholischen Kirche (Newmans Konversion erfolgte 1845) setzte Newman sich in einer Serie von „Traktaten“ intensiv mit den damals diskutierten theologischen Fragen auseinander. Wir zitieren einige Kernsätze aus dem 1833 erschienenen und primär an die Geistlichkeit gerichteten Tract. No. 3: Gedanken über Veränderungen in der Liturgie – wobei Newman hier auch die gesamte Kirchenordnung des Prayer Book mit ins Auge fasst. Wohlgemerkt: Damals verteidigte er noch die seinerzeit gültige anglikanische Kirchenordnung – doch die Grundlinie seiner Überlegungen gilt ebenso und noch mehr für die eine katholische Kirche.

Ausgangspunkt von Newmans Gedanken ist die Feststellung, daß jede Veränderung zu Auseinandersetzungen führen müsse zwischen denen, die sie für zu zaghaft halten und anderen, denen sie zu weitgehend sind.Außerdem ist er der Ansicht, daß die bloße Anerkennung der Veränderbarkeit der Liturgie eine Kette von „Reformen“ in Gang setzen müsse, deren Ende nicht absehbar sei.

Zu der damals aktuellen (und in der heutigen Liturgia Horarum umgesetzten) Forderung des Verzichts auf die sog. „Fluchpsalmen“ im offiziellen Gebet der Kirche schreibt er:

Man sollte bedenken, daß auch als weniger wesentlich betrachtete Veränderungen in sich oft den Keim zu tiefer gründenden Prinzipien in sich tragen. Wenn wir z.B. auf die Fluchpsalmen verzichten wollten, dann kommen wir damit der aktuellen Bewußtseinslage entgegen, daß nach dem Evangelium nur die  Liebe und die Liebe allein das Wesen Gottes und die Pflicht des wiedergeborenen Menschen ausmachten, wogegen doch das recht verstandene Evangelium Gottes unendliche Heiligkeit und Gerechtigkeit ebenso zeigen wie seine unendliche Liebe. Es erlegt den Menschen ebenso die Verpflichtung zum Eifer für Ihn, zum Haß auf die Sünde und zur Abgrenzung von Sündern auf wie zum Einsatz für Nächstenliebe und Freundlichkeit.“

Ähnlich wie bei heutigen Debatten über das „Führe uns nicht in Versuchung“ im Vaterunser gab und gibt es Auseinandersetzungen über das „descendit ad inferos“ im apostolischen Glaubensbekenntnis, das traditionell mit „hinabgestiegen zu der Hölle“ übersetzt wurde und inzwischen im Deutschen mit „hinabgestiegen in das Reich des Todes“ wiedergegeben wird. Dazu Newman 1834:

Man nehme z.B. den Vorschlag, im Glaubensbekenntnis die Worte „hinabgestiegen zu der Hölle“ wegzulassen oder umzuformulieren. Ist es nicht ein Trost für die Trauernden, wenn sie hören, daß CHRISTUS selbst in der Unterwelt oder dem Jenseits war, das den abgeschiedenen Seelen als Aufenthalt bestimmt ist? Ist es nicht sehr einfach, den doppeldeutigen Ausdruck zu erklären, verursacht es großen Schaden, wenn man ihn mißversteht? Würde es nicht sehr schwer fallen, einen Ersatz dafür zu finden, der die Übereinstimmung mit dem ganzen Glaubensbekenntnis wahrt. Ich vermute? daß wir die besseren Gläubigen unter denen finden, die den bestehenden Zustand beibehalten wollen. Und werden andererseits nicht die Wankelmütigen (bei einer Änderung) daran gewöhnt, dem kritisch gegenüber zu treten, was sie doch stets als die ihnen von der Kirche für ihre Bedürfnisse dargebotene göttliche Stimme betrachten sollten?“

In einer Skizze der Motive, aus denen heraus viele Reformforderungen in der Kirche erhoben werde, zeichnet Newman ein bestürzend zutreffendes Bild synodaler Wirrungen der Gegenwart:

Nun könnte man sagen: „Wir müssen auf den Notschrei derer reagieren, die eine Änderung verlangen.“ Aber wessen Notschrei? Niemand kann sagen, wer da schreit oder eine Reaktion verlangt. Einige Stimmen aus dem Kreis der Laien, möchte ich annehmen. Das verdient nähere Betrachtung: Wer sind denn diese Laien? Sind das ernsthafte Gläubige, und wird ihr Gewissen unwillkürlich, von dem, was sie geändert sehen wollen, verletzt? Oder sind es nicht eher die Leute, die man in Gesellschaft antrifft, weltliche Leute, die der Religion eher fernstehen und in Reden und Verhalten wenig auf Prinzipien geben; Leute, die vielleicht manchmal zur Kirche kommen und dann wieder träge oder abgestoßen fernbleiben – nicht wahr? Sie (hier spricht Newman seine klerikale Zielgruppe direkt an) waren zum Essen eingeladen, vielleicht bei einem reichen Nachbarn, oder bei jenem bedeutenden Staatsmann, oder diesem vornehmen Grundherrn, der denkt, daß die Kirche zweihundert Jahre hinter der Welt zurück ist und sich Ihnen gegenüber darüber wundert, daß ihre aufgeklärten Mitglieder nichts tun, diesen Zustand zu verändern. Und dann schämen Sie sich und sehen sich zu Zugeständnissen verleitet, die dem klaren Verstand widersprechen sollten. Sie überlegen, daß es doch sehr schade ist, wenn ein so liebenswürdiger und einflußreicher Mann so unzufrieden mit der Kirche ist, und Sie gehen mit der ungefähren Vorstellung nach Hause, daß man etwas tun müsse, um diesen Leuten entgegen zu kommen. Ist es das, was Sie unter dem feierlichen Auftrag eines „Führers und Lehrers in Israel“ verstehen – oder wollen sie sich nur dem Trend anschließen?

Es ist schwer zu übersehen, wie sehr die katholische Kirche des beginnenden 21. Jahrhunderts in vielem der verweltlichten und korrumpierten englischen Staatskirche des 19. Jahrhunderts gleicht – von der John Newman sich in den 30er Jahren dieses Jahrhunderts abzuwenden begann.

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Den vollständigen Text des Tractat No 3 (sowie der anderen Traktate auch) fanden wir bei newmanreader.org. Das Bild mit dem Photo des 88-jährigen Kardinals ein Jahr vor seinem Tod am 11. August 1890 entnehmen wir einem Gedenkartikel zur Heiligsprechung auf der (anglikanischen) Church Times.

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