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Sprachliche Edelsteine der Liturgie

Am Beispiel der Kollekte des zweiten Sonntags nach Ostern entschlüsselt uns Fr. Hunwicke den Wert dieser (und anderer) Orationen der lateinischen Tradition als Sprachkunstwerk – als solche ebenso prächtig und wertvoll wie in erlesener Goldschmiedearbeit ausgeführte liturgische Gerätschaften oder kunstvoll bestickte Paramente. Und so wie diese von nachkonziliaren Flachköpfen durch „bescheidene“ Töpferware oder Polyester-Umhänge ersetzt wurden, mußten auch die Sprachkunstwerke vielfach (angeblich) verständlicheren Fabrikationen „aus dem Geist des Augenblicks“ weichen. Die (Selbst-)feier der Gemeinde drängt sich mächtig nach vorne – das Verständnis vom „Gottesdienst“ verblaßt. Doch nun zu Fr. Hunwicke:

Ovid als Liturgiker

Ich habe mich schon früher einmal darüber gewundert, daß nicht eine einzige der alten römischen Kollekten für die Sonntage nach Ostern die postkonziliaren „Reformen“ zur Verwendung an einem Sonntag der Osterzeit überlebt hat. Das ist in der Tat bemerkenswert. (Zufällig wurde ein gleiches Schicksal auch den sonntäglichen Kollekten für die Fastenzeit und den Advent zuteil – und zwar allen.) Die Konstitution Sacrosanctum Concilium (Abschnitt 23) des II. Vatikanischen Konzils hatte gefordert, Änderungen nur da vorzunehmen, wo es zum Wohle der Kirche wahrhaft und mit Sicherheit erforderlich ist. Weiterhin ist es recht bemerkenswert, daß die Kollekte für den 2. Sonntag nach Ostern eine moderne Neuschöpfung ist. Was spricht denn gegen eine alte Kollekte für diesen Sonntag? Könnte es wirklich der Fall sein, daß in der ganzen westlichen Christenheit bis 1970 niemand wußte, wie ein Tagesgebet für einen Sonntag in der österlichen Zeit aussehen sollte?

Tatsächlich haben die „Reformer“ das Tagesgebet für den zweiten Sonntag sogar beibehalten – sie haben es nur von der österlichen Zeit auf einen der „grünen“ Sonntage verschoben. Da kann es wohl ja auch ihrer Ansicht nach nicht rettungslos daneben gewesen sein. Ganz beibehalten haben sie es freilich nicht – Sie ahnen schon, was jetzt kommt – sie haben es verändert. Sie haben die Erwähnung des „ewigen Todes“ gestrichen und durch „Sklaverei der Sünde“ ersetzt, und daher mußte auch die Parallelstelle von der „ewigen Freude“ zu „heiliger Freude“ geändert werden. Wie um Himmels willen erfordert das Wohl der Kirche „wahrhaft und mit Sicherheit“ die Auslassung der wunderbaren Wahrheit, daß der himmlische Vater uns vor dem ewigen Tod errettet hat? Oder daß die uns versprochene Freude ewig währen soll?

Hier der Text der Oration in der vorkonziliaren Fassung:

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Deus qui in Filii tui humilitate iacentem mundum erexisti: fidelibus tuis perpetuam concede laetitiam; ut quos perpetuae mortis eripuisti casibus, gaudiis facias perfrui sempiternis.

Gott, der Du in der Niedergestrecktheit Deines Sohnes die gefallene Welt wieder aufgerichtet hast, gewähre Deinen Gläubigen die ewige Freude, daß Du denen, die Du vor dem Absturz in den ewigen Tod errettet hast, die ewige Seligkeit zukommen lassen mögest.

Dieses komplexe Zusammenspiel der Worte in den verschiedenen Satzteilen gefällt mir sehr gut. Humilitas kommt von humus, der Boden, und so ruft es etymologisch (wie auch das griechische ‚tapeinos‘) die Vorstellung von „auf dem Boden liegend“ hervor. Und so erblicken wir hier das formvollendete Paradox, daß die Niedergestrecktheit Christi die Welt, welche darniederlag, wieder aufgerichtet hat. Als unverbesserlicher Liebhaber der klassischen Literatur denke ich dabei an ein ähnliches Wortspiel aus Ovids Metamorphosen (VIII, 526), wo die Einwohner von Kalydon den Tod Meleagers betrauern: Alta jacet Calydon - „Calidon liegt, das hohe, darnieder“ (so die deutsche Übersetzung von Erich Rösch). Wie der verstorbene und von uns sehr vermisste Adrian Hollis vom Keble-Kollege dieser Universität angemerkt hat, wird die Eleganz dieser Verbindung von wörtlicher und metaphorischer Rede noch dadurch erhöht, daß das „hohe“ ein traditionelles Beiwort ist – so etwa in der Ilias XIII, 217 bei „aipeinei Kaludoni“. Hollis beschreibt den Geschmack dieser Szene zu Recht als „spielerisch, nachgerade Kallimachäisch“ - war es doch Kallimachos von Cyrene, der größte unter allen hellenistischen Dichtern, der das Spiel mit Worten zur höchsten Form der Kunst erklärte. Die Vorstellung der „Niedergestrecktheit“ wird in unserer Kollekte dann nerneut aufgenommen, wenn der ewige Tod als Ergebnis von casibus, „Niederfällen“, unbereuten Sünden, dargestellt wird.

Dazu kommen die (begrifflichen) Gegensätze bei (lautlichen) Assonanzen. Sie erheben meinen Geist in der gleichen Weise wie das sprachliche Feuerwerk des großen Geschenks des byzantinischen Christentums an die ganze katholische Welt, der Hymnus Akathistos. Warum müssen diese Miesepeter und schwermütigen Finsterlinge darauf aus sein, die Liturgie der Lateinischen Kirche all ihres Glanzes und ihre Freude zu berauben? Warum dürfen nach dem II. Vatikanischen Konzil nur noch die Byzantiner Freude am Glauben erleben?

Doch hinter der Freude an den klassischen Gebeten des alten Römischen Ritus liegt die rettende und glorreiche Wahrheit, daß der Herr, von Geißelhieben geschwächt und unter dem Kreuz niedergefallen in den Schmutz und Dreck einer gefallenen Welt, diese Welt als einziger wieder erhebt und uns zu ewiger Freude hinführt. Der Lobpreis des Christentums überträgt den erlesenen Geschmack der Klassik in die Dimension der Heilsgeschichte.

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