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Das Ärgernis der unbefleckten Empfängnis

Bild: eigene AufnahmeDas Fest der Verkündigung Mariens ist – ebenso wie das bereits vorgestellte des hl. Joseph – im Pustet-Missale von 1884 mit einer „typologischen“ Illustration hervorgehoben. Das Bild stammt nach der für uns bislang unlesbaren Signatur noch nicht von Max Schmalzl, der erst ab 1883 regelmäßig für Pustet arbeitete. Möglicherweise geht es auf seinen Vorgänger Johannes Evangelista Klein, zurück, der schon seit 1875 die Illustrationen für Pustet betreute und bereits seit diesem Jahr mit einigen eigenen Arbeiten im Missale vertreten war – Bildern, die wahrscheinlich schon in den Vorjahren entstanden waren.

Das Bildprogramm der Umrahmung ist relativ bescheiden: Die beiden Symbole oben enthalten links das Alpha et Omega für Christus und rechts ein etwas ungewöhnliches, aber entzifferbares Marienmonogramm. Unten zwei Anrufungen aus der Lauretanischen Litanei: Rosa Mystica und Foederis Arca. Alle vier Kreisvignetten sind weder besonders einfallsreich konzipiert noch besonders kunstvoll ausgeführt; auch sie gehen vermutlich auf die Zeit vor Max Schmalzl zurück.

Hauptelement der Illustration ist eine durch und durch konventionell aufgebaute Darstellung (s. dazu das Gedicht von Denise Levertov auf The Catholic Thing von heute) der Verkündigungsszene mit dem Engel und der betenden Maria. Alle freien Flächen sind ausgefüllt mit Lilien und Rosen, und auf dem Sims unter dem Fenster in der Mitte steht, selbst in der anklickbaren Vergrößerung kaum zu erkennen, der englische Gruß: „Ave Maria“ – das bedarf keines Kommentars.

Wenden wir uns also den beiden typologischen Elementen zu, die in ihrer Ausführung dem Mittelteil entsprechen und dann wohl ebenfalls von Klein gestaltet worden waren.

Links spricht der Herr aus dem Baum der Erkenntnis (?) heraus der Schlange das Urteil:

Sie (die noch unbenannte Frau, die später mit Maria identifiziert werden sollte) wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihrer Verse nachstellen (Gen 3,15)

Die Stellenangabe ist wie des öfteren ungenau – der Hinweis auf das Kapitel 3, in dem der hier gemeinte Vers 15 steht, ist entfallen. Auffällig an der Darstellung ist, daß der Herr durch Gesicht und vor allem durch den Kreuz-Nimbus als Christus gekennzeichnet wird, während seine Platzierung im Baum eher der klassischen Darstellungsweise der Erscheinung Jahwehs im Dornbusch angenähert ist. Das muß freilich keine künstlerische Unbeholfenheit sein, sondern entspricht der von vielen Exegeten vertretenen Ansicht, daß überall dort, wo im alten Testament der Herr sichtbar und quasi „in der Welt“ mit seinem Volk oder dessen Vertretern agiert, das göttliche Wort, die seit Anbeginn existierende zweite Person des dreifaltigen Gottes, handelt, spricht oder sichtbar wird. Der allmächtige Vater selbst wohnt im unzugänglichen Licht.

Wirklich schwierig wird es bei der Vignette rechts, die in der Aufschrift auf das 6. Kapitel des Buches der Richter verweist.

Hier geht es weiter Dort lesen wir in Vers 36:

Und Gideon sprach zu Gott: Wenn Du Israel durch meine Hand retten willst, wie du gesagt hast, (37) so lege ich dieses Vlies mit der Wolle auf den Dreschplatz. Wenn dann nur auf dem Fell Tau ist, auf dem ganzen übrigen Boden aber Trockenheit, so will ich daran erkennen, daß Du durch meine Hand, wie du gesagt, Israel erretten willst.

Über diese Art von Orakel und über die Historizität Gideons überhaupt sollen sich die Alttestamentler den Kopf zerbrechen – Tatsache ist, daß es so dem Glauben des alten Israel entsprach und Gideon nach dem Bericht der Bibel zu den Großen seines Volkes gehörte. Was das Schafsfell-Orakel mit Mariä Verkündigung zu tun haben soll, erschließt sich nur unter Zuhilfenahme von Psalm 71 in der griechischen Septuaginta bzw deren lateinischer Version, der Vulgata. Dort heißt es in einer großen messianischen Vision in den Versen 4 – 6:

Recht wird er schaffen für die Armen des Volkes und die Kinder der kleinen Leute; er wird bestehen, solange Sonne und Mond währen von Generation zu Generation. Er wird herabkommen, wie der Regen auf das Vlies und Tropfen auf Tropfen zur Erde fallen. (Im Hintergrund hört man das Adventslied Tauet Himmel, den Gerechten, Wolken regnet ihn herab – freilich ohne das Flies)

Damit wird der Zusammenhang sichtbar: Das vom Tau befeuchtete Vlies ist für den Kriegsmann Gideon das Zeichen, daß er durch Gottes Willen zum Retter Israels werden soll. Insoweit ist Gideon hier ein Typus für den wahren Retter und Erlöser Christus. Das vom göttlichen Tau befeuchtete/befruchtete Fell aber, so der hl. Hieronymus in einem Kommentar zu Psalm 71, ist Sinnbild und symbolische Vorgestalt für die jungfräuliche Mutterschaft Marias. Bernhard von Clairvaux hat den Gedanken später in seiner Marien-Mystik aufgegriffen und popularisiert: Bis weit in die Neuzeit hinein war das vom wunderbaren Tau benetzte Vlies des Gideon ein weithin verstandenes Symbol für die unbefleckte Empfängnis Mariens, deren Fest wir heute begehen.

Die hebräische Version von Psalm 71 (dort mit der Nummer 72) weiß in ihrem Vers 6 nichts von einem Flies, sondern spricht vom Tau, der auf das Gras und vom Regen, der auf die Erde fällt. Ob diese Variante Ergebnis eines Schreibfehlers (und wenn ja, in welcher Sprache) ist, ob sie einer frühen (d.h. vorchristlichen) unterschiedlichen Textentwicklung oder einer bewußten späten (d.h. nachchristlich-masoretischen) Textverfälschung entspricht, die der christlichen Lesart eine dagegen gerichtete Version entgegenstellt, können wir nicht beurteilen. Für alle drei Möglichkeiten von Abweichungen zwischen den Versionen gibt es Beispiele, viele sind freilich umstrittene Zweifelsfälle.

Für uns interessant ist hier die Feststellung, daß es ein Unding, neudeutsch gesprochen ein absolutes No-Go ist, daß die deutsche Staatstheologie sich in der Exegese des Alten Testaments fast ausnahmslos auf die (mehrere Jahrhunderte nach Christus fixierte) Masoretenversion als angeblichen „Urtext“ stützt, während sie die von rechtgläubigen Juden im 2. und 3. Jahrhundert vor Christus angefertigte griechische Version fast ausnahmslos unbeachtet läßt und selbst bedeutende Unterschiede wie den hier behandelten nicht des geringsten Kommentars würdigt.

Nicht, daß sie diese Unterschiede nicht kennen würde – über die meisten davon gibt es gleich mehrere Doktorarbeiten. Aber für das dumme Volk – und für die Liturgie, die nach dem Willen von Sacrosanctum Concilium doch die Fülle des Reichtums der Schrift ausbreiten sollte – werden solche Dinge schlichtweg unterschlagen. Wer sich fragt, was Gideon und sein Vlies zu frühen typoi, Vorgestalten, Symbolen Christi und der Gottesmutter macht (und wie sie in das Missale von Pustet geraten sind), wird das mit der offiziellen „Einheitsübersetzung“ jedenfalls kaum nachvollziehen können. Ganz im Sinne dieser Art von ungläubiger Theologie, der die unbefleckte Empfängnis wenig mehr als ein wegzuerklärendes Ärgernis ist.

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Oben hatten wir erwähnt, daß die Historizität Gideons nicht unbestritten ist. Heute lesen wir auf Aleteia, daß nach einem Bericht der israelischen Tageszeitung Haaretz bei Ausgrabungen in Südisrael in einem auf die Zeit vor 3100 Jahren datierten Stratum – das wäre in etwa die Zeit der Richter – eine Tonscherbe mit dem Namen Jerubbaal ans Licht gekommen ist. Jerubbaal (viele Baals) war der Name, der nach Richter 6,32 Gideon verliehen wurde, nachdem er Altäre und Bildsäulen des Baal  niedergerissen hatte, wie später Bonifatius die Donar-Eiche.

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