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Klarheit für den Glauben

Zu Assumptio Mariæ, II

Am 1. November 1950 verkündete Papst Pius XII. in feierlichster Form den Glaubenssatz von der Aufnahme der heiligen Gottesmutter Maria mit Seele und Leib in den Himmel. Konkreter Anlaß war das Heilige Jahr, das der Papst – wie viele seiner Vorgänger seit dem 13. Jahrhundert dem alttestamentlichen Vorbild der alle 50 Jahre zu begehenden Gnadenjahre folgend – für 1950 ausgerufen hatte. Die Verkündigung des Dogmas bildete den glanzvollen Höhepunkt des dann schon auf sein Ende zugehenden Jubeljahres . Das „Jubel“ von Jubeljahr ist dabei eine Übernahme des hebräischen Wortes „jobel“, welches das Widderhorn bezeichnet, das zum alle 50 Jahren angeordneten allgemeinen Schuldenerlass geblasen wurde.

Als über den konkreten Anlass hinausgehenden Grund für die Verkündigung des Dogmas benannte der Papst in der apostolischen Konstitution Munificentissimus Deus, mit der das Dogma definiert wurde, den Umstand, daß zahlreiche Katholiken aus vielen Ländern sich mit der Bitte an Rom gewandt hatten, die in einem jahrhundertelangen Prozess gereifte Glaubensüberzeugung der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel als gesicherte Wahrheit zu bestätigen. Auf diesen Prozess und seine etwas unübersichtliche Ausgangslage – die heilige Schrift verliert nach Golgotha nur noch wenige Worte über die Mutter des Erlösers – wird in einem weiteren Beitrag einzugehen sein. Hier geht es heute zunächst darum, die Konstitution zur Verkündigung des Dogmas und die Art der päpstlichen Ausübung des Lehramtes etwas näher in den Blick zu nehmen.

Munificentissimus Deus, dessen verbindliche lateinische Fassung hier auf der Website des Vatikans und hier in solider deutscher Übersetzung zeigt, mit welcher Sorgfalt der Papst und die Kurie vorgingen, um den Katholiken Gewissheit über den Glauben und die Lehre der Kirche in dieser Sache zu geben. Die Form der Verkündigung - zu sehen in einem auf Youtube in Ausschnitten präsentierter Filmbericht - unterstreicht, welche Bedeutung die Kirche dem Akt beimaß. 

Zunächst stellt der Papst, der die Konstitution in wesentlichen Teilen selbst verfaßt hat, die Verbindung zwischen der leiblichen Aufnahme Mariens und der bereits von seinem Vorgänger Pius IX. als Glaubenswahrheit verkündeten Freiheit der Gottesmutter von der Erbsünde her. 

Durch seinen Tod hat Christus zwar die Sünde und den Tod überwunden, und wer durch die Taufe zum übernatürlichen Leben wiedergeboren ist, hat durch Christus Sünde und Tod ebenfalls besiegt: aber die volle Auswirkung dieses Sieges will Gott den Gerechten nach einem allgemein geltenden Gesetz erst dann zuteil werden lassen, wenn einmal das Ende der Zeiten gekommen ist. Daher fallen auch die Leiber der Gerechten nach ihrem Tode der Verwesung anheim, und erst am Jüngsten Tage wird der Leib eines jeden mit seiner verherrlichten Seele vereinigt werden.

Von diesem allgemein gültigen Gesetz wollte Gott die Allerseligste Jungfrau Maria ausgenommen wissen. Sie hat ja durch ein besonderes Gnadenprivileg, durch ihre Unbefleckte Empfängnis, die Sünde besiegt, war deshalb dem Gesetz der Verwesung des Grabes nicht unterworfen und brauchte auf die Erlösung ihres Leibes nicht bis zum Ende der Zeiten zu warten.

Dem folgt die bemerkenswerte Aussage an, der Verkündigung des Dogmas von der unbefleckten Empfängnis sei daher

in den Herzen der Gläubigen die zuversichtliche Hoffnung (erwacht), auch die leibliche Aufnahme Marias in den Himmel werde sobald wie möglich vom obersten Lehramt der Kirche als Glaubenssatz verkündigt werden.“

Nicht nur einzelne Gläubige, auch Bischofskonferenzen und ganze Kirchenprovinzen hätten sich mit entsprechenden Bitten nach Rom gewandt, der Papst schreibt von zahllosen Bittschriften, Gebetskreuzzügen und ähnlichen Aktionen. Unabhängig davon, welchen Grad von Repräsentativität derartige Aktionen haben mögen – die heute verbreiteten „zuversichtlichen Hoffnungen“ vor kirchlichen Aktionen oder Beratungen lesen sich anders.

Dem folgt der Hauptteil des Dokuments, der unter der Überschrift „Das Glaubenszeugnis der Kirche“ steht. Das Ganze ist im Volltext durchaus nachlesenswert – hier zur Verdeutlichung der Methode nur die Zwischenüberschriften:

Traditionsbeweis aus der Lehre der Kirche
1 Übereinstimmung der Bischöfe
2 Das Glaubenszeugnis der Kirche
2.1 Glaubenssinn des christlichen Volkes
2.2 Kirchliches Brauchtum und Rosenkranzgeheimnis
2.3 Liturgische Festfeier der Himmelfahrt
2.4 Liturgische Bücher:
2.4.1 des römischen Ritus
2.4.2 der östlichen und westlichen Riten
3 Einsetzung des gebotenen Festtages
4 Zeugnisse der Kirchenväter
5 Neuere kirchliche Schriftsteller
6 Grundlegung in der Heiligen Schrift

Die Positionierung des Punktes zur Heiligen Schrift an letzter Stelle mag etwas provokant erscheinen – ist aber in Anbetracht der Überlieferungslage und der Bedeutung der Tradition als außer der Schrift liegende Glaubensquelle diesem Thema durchaus angemessen. Und der katholische Glaube war schon immer mehr als „sola scriptura“, ist doch die hl. Schrift selbst bzw. ihr Umfang schon Ausfluss kirchlicher Tradition.

Eher könnte da schon der erste Punkt „Übereinstimmung der Bischöfe“ Bedenken wecken, in dessen Rahmen ein ausführlicher Konsultationsprozess dargestellt wird, der – heute – zu demokratistischer Missdeutung einladen könnte. Die nachfolgenden Punkte machen in aller wünschenswerten Deutlichkeit klar, daß es so nicht gemeint ist. Den größten Raum der Argumentationskette nehmen die Abschnitte zu den Zeugnissen der Kirchenväter und der Scholastiker ein - da bleibt wenig Raum für pastorale Beliebigkeiten und zeitgeistige Relativierungen auf Wunsch regionaler Bischofskonferenzen.

Irritierend vielleicht auch aus heutiger Sicht die Tatsache, daß keine Diskussion der im ersten Jahrtausend durchaus deutlich vernehmbaren abweichenden Ansicht stattfindet, die die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel zwar nicht ablehnt, aber doch davon ausgeht, daß die vorhandenen Zeugnisse nicht ausreichten, hier eine Aussage zu treffen. Die Darlegung – es handelt sich also nicht um eine Argumentation im strengen Sinne – beschränkt sich darauf den Stranges von Einsichten nachzuzeichnen, die zur Erkenntnis dessen geführt haben, was die Kirche heute als wahr definiert. Tatsächlich verwirft die Konstitution die Haltung eines „das können wir heute nicht wissen“ für andere Ansichten nicht. Sie macht sie sich insoweit sogar selbst zu eigen, als sie die in Geschichte und Gegenwart von Gelehrten unterschiedlich behandelte Frage, ob Maria wie andere Menschen gestorben oder aus dem Leben heraus zu ihrem Sohne aufgenommen worden sei, weiterhin offen läßt. In einem solchen Dokument einer „Definition“ haben Diskussion oder gar Polemik keinen Platz. Der einzige wenn man so will „polemische“ Satz des Dokuments findet sich im 45. (von 47) Absätzen:

Wenn daher, was Gott verhüte, jemand diese Wahrheit, die von Uns definiert worden ist, zu leugnen oder bewusst in Zweifel zu ziehen wagt, so soll er wissen, dass er vollständig vom göttlichen und katholischen Glauben abgefallen ist.

Der Blick auf dieses Dokument von 1950 aus dem Blickwinkel des Jahres 2016 bietet eine verstörende und eine überaus beruhigende Perspektive. Verstörend ist bei der Betrachtung einiger Erscheinungen, die sich heute als Lehramt oder Ausdeutung der Tradition darstellen wollen, wie weit sie sich von den hohen Maßstäben entfernen, die Dokumente wie Munificentissimus Deus für die Ausübung des Lehramtes aufgestellt haben. Und gerade in der Wahrnehmung diese Differenz liegt das Potential, zu einer gelasseneren Beurteilung gegenwärtiger Entwicklungen zu befähigen. Kurzfristig gesehen mögen sie bedauerliche Störungen und Verwerfungen, vielleicht sogar Spaltungen hervorrufen. Langfristig können sie Wesen und Inhalt dessen, was katholisch ist, nicht beeinflussen.

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