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Vom „Transitus Mariæ“ zu Martin von Cochem

Zu Assumptio Mariæ, III

Der „Transitus Mariæ“ ist eine in vielerlei Hinsicht problematische Schrift. Das beginnt mit der Zuweisung der Autorschaft an Melito von Sardes aus dem 2. Jahrhundert, die völlig aus der Luft gegriffen ist. Das geht weiter mit der Überlieferungsgeschichte – die ältesten erhaltenen Versionen sind wohl koptisch, und von den späteren griechischen gibt es ziemlich unterschiedliche Fassungen. Einige davon nennen sogar den Apostel Johannes als Urheber. Tatsächlich ist der Text wohl kaum vor dem 5. Jahrhundert entstanden. Eine 2006 erschienene Arbeit des Alttestamentlers und Alt-Orientalisten Hans Förster sagt dazu: „Die Überlieferungsgeschichte der Transitus-Mariae-Literatur ist sehr komplex, teilweise werden aus theologischen beziehungsweise dogmengeschichtlichen Überlegungen sehr alte Wurzeln dieser Tradition angenommen.“

Damit sind wir bei den inhaltlichen Probleme. Der Text stellt sich in einigen – nicht allen – Versionen anscheinend bewußt gegen die Christologie der Konzile von Ephesus und Chalzedon. Er wurde daher auf dem Konzil von Chalzedon ausdrücklich verurteilt und auch später vielfach nur mit Spitzen Fingern angefasst. Das hat seiner Überlieferungsgeschichte nicht gut getan. Allerdings wurde diese Abneigung nicht von allen geteilt. Nicht nur die im Brevier zitierte Predigt des Johannes von Damaskus greift offensichtlich auf Inhalte des Transitus zurück, und die fast wörtliche Übernahme einer späteren lateinischen und dogmatisch anscheinend bereinigten Fassung durch Jacopo de Voragine in die Legenda Aurea hat diesen Bericht zu einem festen Bestandteil des Glaubensgutes nicht nur der einfachen Leute gemacht. Auf der Grundlage der Fassung der Legenda Aurea ist der Treansitus auch in das „Große Leben Jesu und Mariä“ des Martin von Cochem eingegangen. Dieser erstmals 1689 erschienene Klassiker des Volksglaubens erlebte bis in die zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts zahllose Neuauflagen und Überarbeitungen. Seine Verbreitung hat sicher wesentlich dazu beigetragen, im katholischen Volk jenes Drängen auf die Definition des Dogmas zu bewirken, von dem Papst Pius XII. in seiner Dogmen-Konstitution spricht.

Zurück zur lateinischen Version des Transitus Mariæ des Pseudo-Melito in der Fassung, die wohl allen späteren Aufnahmen im Westen zu Grunde liegt und die in einer englischen Übersetzung in einer Sammlung der Vor-Nikeanischen Kirchenväter“ erschienen ist. Streicht man aus diesem Text alle legendären Ausschmückungen und poetischen Zutaten, so bleiben folgende „Tatsachenaussagen“ über den Glauben der Kirche von Jerusalem im 4. und 5. Jahrhundert übrig: Die Gottesmutter sei im Kreise von Jüngern Jesu tatsächlich gestorben, ihre Seele habe sich von ihrem Körper getrennt und sei sogleich von ihrem Sohn aufgenommen und in den Himmel gebracht worden. Das war keine Selbstverständlichkeit zu einer Zeit, als überwiegend angenommen wurde, die Seelen der Verstorbenen müssten - ähnlich wie die Gerechten des alten Bundes - bis zur Wiederkunft Christi auf ihr Urteil und den davon abhängenden Eintritt in die Gegenwart Gottes warten. Der Körper Mariens aber sei nach den üblichen Gewohnheiten gewaschen und im Tal Josaphat beigesetzt worden.

Danach und darüber hinaus gleitet dieser Text des Transitus bereits in eine in sich selbst widersprüchliche Darstellung der Wieder-Erweckung und Aufnahme in den Himmel ab. Andere Versionen berichten, das Grab sei nach zwei oder drei Tagen noch einmal geöffnet worden, um dem erneut zu spät gekommenen Apostel Thomas den Abschied von der Verstorbenen zu erlauben – doch da seien nur noch Blumen und kein Leichnam mehr vorgefunden worden. Offenbar haben wir es hier also mit einer früheren und einer späteren, bereits legendär ausgeschmückten Version der einen Grundaussage zu tun: Der Tod, den Maria tatsächlich erlitten hatte, und das Grab. In dem sie bestattet wurde, hätten auch den Körper Mariens nicht zu halten vermocht.

Demgegenüber sind die Einzelheiten vom Hinscheiden Maiens und ihrer Heimholung durch Christus, die von Erzähler zu Erzähler reicher und mal mehr, mal weniger kenntnisreich ausgeschmückt worden sind, im Grunde sekundär. Allerdings hat diese bereits früh sichtbar werdende Unklarheit dazu geführt, daß viele frühe Theologen hinsichtlich der Frage nach dem Verbleib des Körpers der Gottesmutter nicht den reich ausgeschmückten Erzählungen über die Wiedervereinigung des Körpers mit der Seele, wie sie auch der hier angeführte Transitus-Text bietet, folgen wollten, sondern bei einem ehrerbietigen „Wir wissen es nicht“ blieben. Die Unklarheiten und Auseinandersetzungen in dieser Sache, die sich über Jahrhunderte hinzogen, können hier unmöglich auch nur angedeutet werden. Es reicht der Hinweis, daß Jakobus von Voragine in seiner Legenda Aurea inmitten eines wahren Florilegiums von Legenden plötzlich in eine durchaus ernsthafte Diskussion des Themas einsteigt, die er mit den Worten einleitet: „Sie ist aufgefahren unversehrt an Leib und Seele. Das glaubt die Kirche, weil viele Heilige es geschrieben und mit vielen Gründen belegt haben.“

Die Legenden selbst, das deutet sich bereits bei Jakobus an, den man mit guten Argumenten als einen frühen Vertreter der kritischen Quellenbetrachtung ansehen kann, dienen auch nur begrenzt der Behauptung von Tatsachen im Sinne eines schlichten „So und nicht anders ist es gewesen“. Sie werden vielmehr auch als Illustrationsmaterial benutzt, das den Glauben leichter verständlich und für das eigene Leben umsetzbar machen soll, ohne damit historische Aussagen treffen zu wollen. Bei Martin von Cochem, dem man nicht vorschnell Naivität unterstellen sollte, wird das leicht erkennbar, wenn er in barocker Fabulierfreude die „Himmelfahrt Mariens“ beschreibt:

Wer kann nun erzählen, was Maria für eine glorreiche Himmelfahrt gehabt habe. Die Himmelfahrt Christi war unaussprechlich glorreich, aber dennoch findet sich einiges, was die Himmelfahrt Mariä noch glorreicher macht. Es waren nämlich bei der Himmelfahrt Mariä mehr Heilige gegenwärtig als bei der Himmelfahrt Christi: Der heilige Jakobus, der heilige Stephanus und die zweihundert heiligen Martyrer, die mit ihm ums Leben kamen, der heilige Nikodemus samt vielen anderen Heiligen, die nach der Himmelfahrt Christi gestorben waren. …

Wer nun einigermaßen sich vorstellen will, wie herrlich diese Himmelfahrt gewesen, der bedenke, mit welch großer Feierlichkeit man eine kaiserliche Braut einzuführen pflegt in die kaiserliche Residenzstadt. Da sieht man solch wunderbare Pracht, Glorie und Herrlichkeit, daß es unmöglich ist, sie zu beschreiben. Wieviel würdiger nun aber die Braut des Heiligen Geistes ist als eine kaiserliche Braut, soviel vortrefflicher war auch die Herlichkeit, mit der sie eingeführt wurde in die göttliche Residenzstadt.

Zu Anfang dieser Prozession gingen die heiligen Engel mit himmlischen Posaunen und anderen kunstvollen Musikgeräten, die so lieblich tönten, daß der ganze Himmel davon erklang. Es folgten einander die neun Chöre der Engel, und ein jeder Chor hatte eine besondere Musik und sang einen besonderen Sang zur Ehre der Jungfrau. Nach den neun Chören der Engel kamen andere himmlische Fürsten, die alle heroischen Taten und Tugendwerke Mariä, durch göttliche Kunst abgemalt, einhertrugen. Nach diesen folgten jene Heiligen, die durch Lehre und Beispiel wie auch durch die Fürbitte Mariä sich zu einem tugendhaften Leben bekehrt und die ewige Seligkeit erlangt hatten. Endlich kam der himmlische Bräutigam selbst mit der alleredelsten himmlischen Braut, sitzend in einem göttlichen Triumphwagen, dessen Kostbarkeit nicht mit Worten beschrieben werden kann...

Und so noch einige Absätze weiter durch den Himmel der Gestirne bis zum Einzug ins Paradies selbst:

Denn als der König der Himmel mit der königlichen Frau Mutter zu den Pforten hineinfuhr, da wurden auf den Wällen die himmlischen Geschütze gelöst, alle Glocken begannen zu läuten, die Trommeln wurden gerührt und die Posaunen geblasen. (…) Dann zog die glorwürdige Prozession in die himmlische Stadt ein und bewegte sich durch die vornehmsten himmlischen Straßen , die zu Ehren dieser göttlichen Braut durch die Allmacht Gottes auf das allerschönste geziert waren (…) So zog die Prozession durch alle Chöre der Engel, die vor Verwunderung über ihre Majestät jauchzend sangen: Wer ist diese, die da heraufsteigt aus der Wüste, von Lust überfließend und auf den Geliebten gelehnt, so schön wie der Mond, auserkoren wie die Sonne (Hohes Lied 6, 9; 8,5)“.

Was man auch immer von dieser Art der Beschreibung der himmlischen Herrlichkeit halten mag: Damals wollten die Leute jedenfalls noch in den Himmel kommen!

Wir beenden die von P. Martin noch weiter ausgedehnte Beschreibung der Ankunft Mariens in der göttlichen Gegenwart mit diesem Zitat und mit der näher besehen an dieser Stelle durchaus unangebrachten Verwunderung der Engel, weil genau diese aus dem Hohen Lied übernommene und den Engeln zugeschriebene Frage  uns an eher unerwarteter Stelle erneut begegnen wird. Dazu in einem späteren Beitrag.

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