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Ordo Missae V: Credo in Unum Deum

Bild: Wikimedia CommonsWie das Gloria ist das Glaubensbekenntnis erst relativ spät in den Ordo der hl. Messe des römischen Ritus aufgenommen worden - wie es heißt auf Drängen von Kaiser Heinrich II., der bei einem Besuch in Rom 1014 das ihm aus fränkischem Brauch vertraute Glaubensbekenntnis in den Messen des Papstes vermißte. Zur Erklärung soll man ihm damals gesagt haben, anders als die Kirchen an den Rändern sei die Kirche Roms niemals von Irrlehren betroffen gewesen, so daß es einen besonderen Glaubensbekenntnisses nicht bedurft habe...

Wahrscheinlicher erscheint uns freilich eine andere Erklärung: Die römische Messliturgie – auch die zuweilen sehr reichhaltige Liturgie des päpstlichen Hofes – ist wie alle Kapitelsliturgien in enger Verbindung mit dem Stundengebet zu sehen. Und im römischen Stundengebet, das mit dem Apostolischen Glaubensbekenntnis beginnt, steht am Morgen jeden Tages seit alters her vor der Prim noch einmal das große Glaubensbekenntnis, das sehr umfangreiche „Quicumque Vult“, das auf den hl. Athanasius zurückgeführt wird. Von daher war es durchaus verständlich, daß das Glaubensbekenntnis in der Messfeier nicht noch ein weiteres Mal wiederholt wurde und sich tatsächlich auch nach der kaiserlichen Intervention nicht auf alle Messen ausbreitete, sondern auf die feierlichen Messen an Sonntagen und hohen Festen beschränkt blieb.

Während im Stundengebet meistens das athanasische Glaubensbekenntnis gebetet wurde, verwandt die Kirche in ihrer Taufliturgie seit frühester Zeit vorzugsweise das ihr mit der östlichen Tradition gemeinsame nikäno-konstantinopolische Bekenntnis, und in dieser Form wurde es wohl auch im 11. Jahrhundert in den Ordo Missae übernommen. Im Novus Ordo kann statt dessen auch das kürzere wohl auf gallo-römische Wurzeln zurückgehende apostolische Glaubensbekenntnis verwandt werden.

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Ordo Missae IV: Gloria in excelsis Deo

Bild: Wikimedia Commons, gemeinfreiDas Gloria und das Credo sind zwar erst nach der Zeit Gregors des Großen in die Messfeier aufgenommen worden, haben die bis dahin bestehende Ordnung jedoch dabei in keiner Weise aufgebrochen, sondern im Gegenteil bereichert und abgerundet. Fast noch mehr als die Evangelien – deren zentrale Aussagen sie in konzentrierter Form darbieten – bilden sie inhaltliche Gravitationszentren des ersten Hauptteils der Messfeier, und es ist überaus bedauerlich, daß die Reformliturgie das Gloria faktisch zur Disposition gestellt und das inhaltsreiche große Glaubensbekenntnis mit dem knapperen apostolischen Glaubensbekenntnis austauschbar gemacht hat.

Das Gloria ist ja mehr als ein feierlicher Gesang, der vom Lied der Engel auf dem Feld bei Bethlehem ausgehend die Erinnerung an die Menschwerdung Christi zurückruft. In seiner wohl erst spätmittelalterlichen Form des antiphonalen Chorals zwischen Schola und Gemeinde bildet es ein wichtiges Element von participatio actuosa, lange bevor dieser Begriff von Papst Pius X. ganz im Sinne der Tradition geprägt und später von den Reformern zum Schlüsselbegriff ihrer Neuerungen gemacht worden ist.

Die Ursprünge des Gloria verlieren sich im Nebel der frühesten Geschichte der Kirche. Der Text beginnt mit dem „Gesang der Engel auf dem Felde“ nach dem Lukasevangelium und erinnert in seiner Form zunächst stark an andere Hymnen des Neuen Testaments wie das Magnificat oder die Lobgesänge Simeons und Zacharias‘, deren Wurzeln ihrerseits in den Psalmen und Liedern des alten Testaments liegen. Er setzt diesen Gesang dann fort mit einem Lobpreis der göttlichen Majestät, des allmächtigen Vater- und Schöpfergottes. Dieses Lob des Vaters geht bruchlos über in die anbetende Verehrung des „Domine Fili unigenite“, die den deutlich größeren Teil des Hymnus einnimmt - 13 Zeilen der heutigen Fassung gegenüber sieben, die sich auf den Vater beziehen. Und diese Zeilen enthalten schwergewichtige Aussagen wie das „tu solus Sanctus, to solus Dominus, tu solus Altissimus, die die erhabene Göttlichkeit des Messias Jesus in einer Weise zum Ausdruck bringen, die die Vermutung aufkommen läßt, diese Anrufungen seien nicht nur als Absage an die nach wie vor in vielen Köpfen lebendigen Götter der Heidenwelt zu verstehen, sondern auch als demonstrativer Widerspruch gegen den Arianismus und die anderen christologischen Irrtümer, die die Kirche seit dem 3. Jahrhundert zerrissen.

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Noch einmal: der Ritus von Lyon

Bild: Ausdem verlinkten Artikel auf New Liturgical MovementAm Fest des hl. Irenaeus, Stadtpatron von Lyon, hat die Niederlassung der Petrusbruderschaft in diesem ältesten Bistum auf französischem Boden am 6. September erneut ein feierliches Hochamt im spätmittelalterlichen Usus Lugdunensis zelebriert. Von früheren Zelebrationen hatten wir bereits im Juli berichtet. Die von der erneuten Zelebratione veröffentlichten Bilder geben noch mehr als die vom Juli einen Eindruck von der Feierlichkeit und auch von der Andersartigkeit dieses Usus. (S. dazu auch unseren Beitrag „Kleine Zeitreise in Lyon“ von 2018) Wobei die „Andersartigkeit“ sich auch in diesem Fall auf Unterschiede in einigen äußeren Abläufen, in der Gewandung der Priester und auch bei Texten einzelner Gebete oder Melodien der gregorianischen Gesänge beschränkt. Der Canon Romanus als das Herzstück der römischen Liturgie bleibt von alledem unberührt.

Nun könnte man einwenden, die Anhänger der überlieferten Liturgie und die Verteidiger der traditionellen Lehre insgesamt hätten in der derzeitigen Kirchenkrise andere Sorgen als die Wiederbelebung einer seit gut 200 Jahren praktisch weitgehend außer Gebrauch gekommenen Form der lateinischen Liturgie. So plausibel das klingt – so zu argumentieren könnte etwas zu kurz greifen.

Ein oft gehörtes Argument gegen die überlieferte Liturgie ist ihre angebliche Strenge und Uniformität. Streng in ihrem Verständnis von Gottesdienst ist sie – uniform ist sie nicht bzw. war sie nie. Der lebendige Blick auf ihre frühere Vielfalt könnte nicht nur helfen, dieses Vorurteil zu zerstreuen. Er könnte auch dazu beitragen, die Spielräume sichtbar zu machen, in denen Abweichungen in der Vergangenheit möglich und Weiterentwicklungen entsprechend konkreten Anforderungen in Zukunft denkbar wären.

Ein zweiter wichtiger Aspekt liegt in der Wiederentdeckung des Gottesdienstes bzw. seiner äußeren Formen als Mittel der Selbstvergewisserung, um nicht zu sagen „Identitätsfindung“ lokaler Gemeinden. Das Bedürfnis nach solcher Selbstvergewisserung scheint, betrachtet man die Formen und Unförmigkeiten der von „Liturgieausschüssen“ von Pfarreien und Vereinen „gestalteten“ Liturgien, enorm zu sein. Auch hier könnte der Rückgriff auf lokale Formen, die ja oft mit bestimmten Wegen und Plätzen zu bestimmten Heiligengedächtnissen verbunden waren, unschädliche Spielräume eröffnen. Auch hier kann nur das helfend und befruchtend wirken, was man kennt.

So bleibt nur zu heffen, daß die Lyoner Bemühungen um den alten Usus auch dann weitergehen werden, wenn der spiritus rector dieser Anstrengungen, P. Brice Messonier FSP, demnächst Lyon verläßt, um seine neue Aufgabe als Pfarrer der römischen Ritusgemeinde Santissima Trinità dei Pellegrini zu übernehmen.

„Ordo Missæ“ - III

Bild: Institut St. Philipp Neri

Nach dem wohlgeordneten Einzug, der historisch-genetisch gesehen mit dem Kyrie endet, beginnt nach Aufstieg des Zelebranten zum Altar die eigentliche Messfeier. Dabei scheint allerdings die Ordnung etwas unsicher zu werden: Introitus und Kyrie werden vom vorkonziliaren Schott bereits der sogenannten „Vormesse“ zugerechnet – sicher unberechtigt. Tatsächlich läßt der ältere Schott die Messfeier sogar schon mit dem ersten „Dominus vobiscum“ vor dem Aufstieg zum Altar beginnen – doch dieser Gruß gilt zweifellos nicht wie dort behauptet den Gläubigen, sondern dem Altardienst, und war in früherer Zeit von einem Austausch des Friedenskusses oder -grußes begleitet.

Wann also beginnt nun die eigentliche Messfeier?

Die historischen Befunde, wie sie Nikolaus Giehr und Andreas Jungmann in ihren immer noch grundlegenden Untersuchungen zur Entstehung des römischen Ritus ausgewertet haben, sind da recht eindeutig: Die Messe als Feier der versammelten Gemeinde beginnt mit dem zweiten Dominus vobiscum, zu dem sich der Priester auch heute noch (anders als beim ersten) zur Gemeinde umwendet und die er anschließend im Gebet der Collecta mit in die nun beginnende Feier hineinnimmt. Diesen Charakter der Sammlung aller Anwesenden hat die Oration des „Kirchengebetes“, wie die Collecta oft bezeichnet wird, stets bewahrt – auch wenn sie in der heutigen Form des Ritus nicht (mehr?) von den Versammelten gemeinsam, sondern stellvertretend vom Zelebranten alleine gebetet wird.

Es folgt der aus Schriftlesungen und Psalmen bestehende „Lehrgottesdienst“, vor dessen Einordnung allerdings die Frage zu klären ist, wo das denn in den meisten Messfeiern gesungene oder zumindest gebetete „Gloria“ denn seinen ordentlichen Platz finden soll.

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„Ordo Missæ“ - II

Bild: Institut St. Philipp NeriWie sehr der „Ordo Missae“ auch Ordnungsvorstellungen im weiteren Sinne zum Ausdruck bringt, sieht man bereits an seinen ersten Worten. Nach dem Missale von Trient, das – man muß es immer wieder betonen – keine Neuerungen enthielt, sondern in fast allem auf einen ungefähr 500 Jahre älteren Status zurückgriff, lautet die einleitende Rubrik:

Nachdem der Priester zum Aufstieg zum Altar bereit ist und diesem die gebührende Ehre erwiesen hat, bezeichnet er sich mit dem Kreuzzeichen von Gesicht zur Brust und spricht mit deutlicher Stimme: In nomine Patris...

Der Novus Ordo schaltet dem entsprechend seiner Communio-Theologie noch einen Satz vor:

Nachdem sich das Volk versammelt hat, begibt sich der Priester während des Gesanges des Introitus mit den Diensten zum Altar...

Zwei Neuerungen fallen ins Auge: Die „Versammlung des Volkes“ wird nachgerade im Sinne einer Bedingung vorausgesetzt, und vom Eingangsgebet wird zumindest nahegelegt, daß es nicht vom Priester selbst, sondern von anderen gesungen wird. Hier waltet offensichtlich eine andere Vorstellung von der rechten Ordnung.

Dabei müssen sich beide Vorstellungen keineswegs widersprechen oder gar ausschließen – zumindest solange man sie nicht verabsolutiert: Auch nach der dem Trienter Missale zugrunde liegenden „Consuetudo Curiae Romanae“ schreitet der Priester nicht in der leeren Kirche zurm Altar, sondern innerhalb einer (im konkreten Fall der Kurie freilich überwiegend aus Klerikern bestehenden) Versammlung, die zuvor gemeinsam eine Vigil oder eine Hore des Stundengebets „persolviert“ hat. In seinem jeder theologischen Ideologie fernen Realismus verzichtet das Trienter Missale jedoch darauf, diese Versammlung oder den Gesang einer Schola quasi als Bedingung mit aufzuführen: Es weiß, daß es in mancher Dorf- oder Konventskirche bei der allen Priestern nahegelegten täglichen Meßfeier ärmlicher zugeht, und es beschränkt sich auf die Nennung dessen, was die Ordnung der Kirche als Minimum gewährleistet sehen will.

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