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Überlieferte Liturgie in Rom

Bild: Wikimedia Commons, Mattes, CC BY-SAIn der Kirche Santi Domenico e Sisto zu Rom – das ist die Hauskirche der unmittelbar daneben gelegenen Dominikaner-Universität Angelicum – wird zum heutigen Fest Mariens der Mittlerin aller Gnaden ein feierliches Hochamt im überlieferten Ritus des Dominikanerordens gefeiert. Diese Tatsache alleine wäre kaum einer Meldung wert, hätte sich nicht das Angelicum in den vergangenen Jahren immer stärker zu einem der wenigen Orte entwickelt, an denen die ganze Tradition der Kirche einen Platz in Lehrplänen und Studienordnungen findet. Die Hochschule dokumentiert das auch in ihrer Liturgie dadurch, daß jeden Dienstag in Santi Domenico e Sisto eine heilige Messe im überlieferten römischen Ritus und jeden Donnerstag eine Messe im traditionellen Ritus des Dominikanerordens stattfindet. Dazu kommen wie heute besondere Feiertage.

Das Angelicum – genauer die Päpstliche Universität Heiliger Thomas von Aquin – hat vier Fakultäten. Dort studieren nicht nur Ordensnachwuchs, sondern junge Leute aus zahlreichen Ländern  im Geist des hl. Thomas. In Theologie und Philosophie werden zahlreiche Lehrveranstaltungen in englischer Sprache angeboten. Die Hochschule bietet neben den kirchlichen Abschlüssen auch Examina, die in den Vereinigten Staaten und damit auch in zahlreichen anderen Ländern regulär anerkannt sind.

Die Kirche Santi Domenico e Sisto gehört zu den römischen Titelkirchen, sie wird traditionell einem Kardinal aus dem Dominikanerorden zugewiesen. Seit dem Tod des letzten Dominikaner-Kardinals Georges Marie Cardinal Cottier OP vor drei Jahren ist der Titel vakant.

Der Ritus der Palmweihe

Bild: Screenshot der CD-Ausgabe

Denken Sie – falls sie sich überhaupt noch daran erinnern können – zurück an das gesungene lateinische Amt mit gregorianischem Choral. Vergleichen sie das mit mit der modernen Messe nach dem Konzil. Nicht nur die Worte, sondern auch die Melodien und bestimmte Handlungen sind jetzt anders. Tatsächlich ist es eine andere Messliturgie. Wir müssen es ganz klar sagen: Der römische Ritus, wie wir ihn gekannt haben, existiert nicht mehr. Er ist weg. Einige Mauern des Gebäudes sind gefallen, andere wurden versetzt – wir können das als eine Ruine ansehen, aber auch als Teile des Fundaments für ein neues Gebäude“.

So feierte 1978 der französische Reformer Joseph Gelineau SJ die Resultate der Liturgiereform, die mit der neuen Liturgie für die Karwoche des Jahres 1955 ihren Anfang genommen hatte. Gleich am Palmsonntag sind die Folgen dieser Reform, die in Wirklichkeit eine Revolution, eine Deform und Destruktion war, deutlich sichtbar. Und zwar am krassesten in der heute für die „überlieferte“ Liturgie verbindlichen Form des Missales von 1962 – die Endfassung der Reform von 1969 hat bereits einige der Fehlgriffe von 1955 leicht abgemildert.

Die Liturgie des Palmsonntags besteht seit Alters her aus zwei Teilen: Der Palmweihe mit anschließender Prozession und der heiligen Messe. Die Palmweihe selbst erfolgte in einer überaus feierlichen Form, die gelegentlich als eine „missa sicca“ - eine Messe ohne Verwandlung von Brot und Wein bezeichnet wird. Ähnlich wie bei einer hl. Messe gab es zunächst einen Wortgottesdienst mit Epistel und Evangelium, dem die eigentliche Weihe folgte. Diese Weihe selbst wurde nach römischer Ritus in einer Folge von Gebeten vorgenommen, die durch eine Weihepräfation eingeleitet wurde – die Ähnlichkeit zum Kanon der Messe ist unübersehbar.

Hier der Text der Weihepräfation nach dem Missale von Trient, der sich nur unwesentlich von dem im vorhergehenden Missale der Kurie unterscheidet:

Der Herr sei mit euch – Und mit Deinem Geiste

Empor die Herzen – wir haben sie beim Herrn

Lasset uns danken dem Herrn unseren Gott – das ist würdig und recht.

Es ist in Wahrheit würdig und recht, billig und heilsam, Dir immer und überall dankzusagen, heiliger Herr, allmächtiger Vater, ewiger Gott.Ruhmvoll erstrahlst Du im Rat Deiner Heiligen. Fürwahr, Dir dienen Deine Geschöpfe, weil sie in Dir allein ihren Urheber und Gott erkennen; alles was Du gemacht hast, lobt Dich und es preisen Dich Deine Heiligen, denn mit freimütiger Stimme bekennen sie vor den Königen und Mächten dieser Welt den hohen Namen Deines Eingeboren. Vor ihm stehen die Engel und Erzengel, throne und Herrschaften, und mit der ganzen himmlischen Heerschar stimmen sie den Hochgesang Deiner Herrlichkeit und rufen ohne Unterlaß:

Heilig, heilig, heilig, Herr, Gott der Heerscharen. Himmel und Erde sind erfüllt von Deiner Herrlichkeit Hosanna in der Höhe. Hochgelobt sei der da kommt im Namen des Herrn. Hosanna in der Höhe.

Hier ertönt also das „Benedictus, qui venit...“ quasi an seinem originalen Ort. In den folgenden sechs Orationen wird dann das Geheimnis des „Geschöpfes“ der Ölzweige nach der heiligen Schrift in seiner ganzen Fülle ausgebreitet. Von all dem haben die Reformer von 1955 nichts übrig gelassen außer einer schlichten Segensformel für die Palmzweige. Die im ursprünglichen Ritus vor der Palmweihe vorgetragene Lesung aus Matthäus 21 wurde in wenig einleuchtender Weise an das Ende der Austeilung der Zweige vor den Beginn der Prozession verlegt.

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Stationsmessen in der Fastenzeit

Eine auffällige Besonderheit der römischen Liturgie der Fastenzeit besteht darin, daß sämtlichen Tagen vom Aschermittwoch bis zum Karfreitag eine Stationskirche zugeordnet ist. Diese Zuordnung erschien den jeweils für das Missale zuständigen römischen Ämtern so wichtig, daß sie auch dann noch erhalten blieb, als das Stationswesen in der liturgischen Praxis längst erloschen war. Nur in den zwei oder drei Fällen, in denen Stationskirchen ganz zerstört und nie wieder hergestellt wurden, gab es hier Veränderungen. Im Übrigen sind die Stationes heute noch in den gleichen Kirchen wie in der Zeit vor Gregor d. Großen.

Die Entstehung des Stationskirchenwesens reicht weit in die Zeit vor Papst Gregor († 604) zurück und liegt dem entsprechend einigermaßen im Dunkeln. Auch der Blick auf die dort im Wesentlichen in der Passions- und Karwoche begangenen Stationen von Jerusalem kann dieses Dunkel kaum lichten – die örtlichen und die historischen Voraussetzungen sind einfach zu verschieden. Die Mehrzahl der römischen Stationes steht im Zusammenhang mit Buß- und Bittagen. Prozessionen zu solchen Anlässen haben in Rom eine weit in vorchristliche Zeit zurückreichende Tradition, sie führten zu Heiligtümern der verschiedensten Art, Tempeln, Flüssen oder wundertätigen Quellen. Nun sind zumindest die Gottesdienste der Quatember- und Rogationstage seit alters her mit Prozessionen und Umzügen verbunden, ebenso an zumindest einigen der Fastentage.

Von daher kann man vermuten, daß die zumindest teilweise mit Prozessionen verbundenen Gottesdienste der Fastenzeit und der „kleinen Fastenzeit" im Advent etwas von diesen vorchristlichen Gewohnheiten aufgegriffen haben. Damit handelt es sich bei den Stationskirchen möglicherweise um die älteste in römischem Boden verwurzelte Tradition der Kirche. Älter wären dann nur noch die Psalmen und die Bezüge zum Kult im Tempel von Jerusalem.

Im Jahr 2013 hatte wir die Stationskirchen für jeden Tag der Fastenzeit einzeln vorgestellt. Ein Besuch der Seiten hat auch 2019 nichts an Aktualität verloren.

Der Aschermittwoch

Bild: mike_tn auf flickrAn der Messe des Aschermittwoch kann man besonders gut ablesen, wie die Liturgiereformen des vergangenen Jahrhunderts die ursprüngliche Gestalt und den Gehalt eines Messformulars erst reduziert und dann bis zur Unkenntnlichkeit entstellt haben.

In der überlieferten Liturgie - also bis zu den Reformen von 1955 - gab es zur Aschenweihe drei Orationen, die schrittweise den Gedanken von Buße und Vergebung entfalten: Ausgangspunkt ist die göttliche Barmherzigkeit, dazu kommt die Bereitschaft des Sünders zur Umkehr und die Aussicht auf gnädige Erhörung.

In den Orationen der Messe sowie der Secreta und der Postcommunio setzt sich diese Dreiteiligkeit unter einem anderen Aspekt fort - hier geht es um die nochmalige Vertiefung des Bußgedankens, dann um die Bitte um Fürsprache der Heiligen und schließlich die Fürsprache für die bereits Verstorbenen. Dieser reichhaltige Aufbau wurde bereits durch die Reformen in den Jahren vor 1961 abgeschafft - wahrscheinlich empfand man ihn als zu anspruchsvoll, zu wenig hilfreich für ökumenische Sensibilitäten und sicher auch zu zeitraubend für die „pastorale Lebenswelt“. Praktischwerweise gleich miterledigt wurde damit der in der dritten Sekret angesprochene Bezug auf „das Buch der seligen Auserwählten“ - es soll wohl niemand durch einen wenn auch nur indirekten Bezug auf die schwierige Prädestinationslehre beunruhigt werden.

O Gott, Dir allein ist die Zahl der Auserwählten bekannt, die für die ewige Seligkeit bestimmt sind. Wir bitten Dich: Gib, daß auf die Fürsprache all Deiner Heiligen das Buch der seligen Auserwähltendie Namen aller aufgeschrieben bewahre, die unserem Gebete empfohlen sind, sowie die Namen aller Gläubigen“.

Die Totalreform von 1970 verringerte dann die Zahl der Orationen zur Aschenweihe auf zwei, die bis zur Unkenntlichkeit gekürzt waren. Außerdem waren sie nur noch alternativ zu verwenden - die Aschenweihe war damit ähnlich wie die Weihe der Palmzweige am Palmsonntag in der gottesdienstlichen Praxis meistens vorüber, bis die Gläubigen überhaupt bemerkt hatten, daß sie stattfand.  sie machte sie auch in der Weise fakultativ, daß nur noch eine davon verwendet werden sollte. Die anderen Gebete des Tages enthalten mit Ausnahme der Oratio super Oblata keinen Bezug mehr zur Beginnenden Zeit der Faste und Buße. Die bis dahin noch als Erbe aus frühchristlicher Zeit als feierlicher Fastensegen gesprochene Oratio super populum entfiel ganz. Sie sei daher an dieser Stelle wiedergegeben:

Lasset uns beten - neiget in Demut euer Haupt vor Gott: O Herr, schau gnädig auf diese, die vor deiner Majestät sich neigen, damit sie, gestärkt mit der göttlichen Gabe, immerdar mit himmlischen Gnaden genährt werden“.

In der neuesten Ausgabe des Missales von 2002 (liturgia semper reformanda) ist eine solche übrigens wieder vorgesehen - wieweit das praktisch umgesetzt wird, ist von hier aus schwer zu sehen. Schließlich gehört die Aufmerksamkeit der Pastoral in erster Linie den schweren Gesundheitsrisiken, die der Auftrag von mit Wasser vermischter Asche (angeblich) verursachen kann.

Passierschein für die alte Messe

Bild: aus dem im Text zitierten Artikel auf NLMNew Liturgical Movement hat dieser Tage ein bemerkenswertes Zeitdokument aus dem Jahr 1985 veröffentlicht: einen Passierschein, mit dem das Ordinariat des damaligen Erzbischofs Rembert Weakland von Milwaukee einer Person einmalig erlaubte, eine Kapelle zu betreten, in der erstmalig am 23. Februar 1985 die hl. Messe nach den Büchern von 1962 gefeiert wurde. Der Passierschein war bei dem eigens eingerichteten Wachdienst an der Kapellenpforte vorzuzeigen und war nicht übertragbar; die Mitnahme weiterer Personen war nicht gestattet.

So war das halt – vier Jahre vor dem Fall der Berliner Mauer und 22 Jahre vor Summorum Pontificum. Der absurde Umgang des zu den hervorragenden Vertretern der liturgischen Bewegung (und der liturgischen Reform) in den USA zählenden Erzbischofs zheugt von der Entschlossenheit damaliger kirchlicher Würdenträger, sich vom liturgischen Erbe der Kirche loszusagen. So wie heute viele dieser Vertreter bemüht sind, das dogmatische Erbe ihrer Kirche auf den Altären des Zeitgeistes zu opfern.

Die Frage, die sich an diese Feststellung anschließt, ist, wie lange es wohl dauern wird, bis sie auch hinsichtlich des von Papst Benedikt rehabilitierten liturgischen Erbes wieder zu den Gewohnheiten der 70er und 80er Jahre zurückkehren wollen. Anzeichen in dieser Richtung sind unübersehbar – etwa in den Stimmen bei der letzten Vollversammlung der italienischen Bischofskonferenz, die eine Rücknahme des Motu Proprio von 2007 fordern. Die Praxis der deutschen Bischofskonferenz ist kaum besser, wenn sie die Feier der überlieferten Liturgie womöglich in Friedhofskapellen verbannt oder der Einfachheit halber auf dem Umweg über den von der Piusbruderschaft längst ausgeschlossenen Bischof Williamson in die Nähe faschistischen Ungeistes rückt.

Wir müssen mit allem rechnen. Die Frage ist, ob es auch funktionieren wird. Schon Summorum-Pontificum hat auf schwer widerlegbare Weise klargestellt, daß das Kirchenregiment nicht die Vollmacht hat, eine jahrhundertelang gültig in ihrem Auftrag gefeierte Liturgie zu verbieten. Das gegenwärtige Pontifikat hat es überdeutlich werden lassen, daß ein Papst, der von den Leitlinien der Tradition abrückt, den Anspruch auf Gehorsam nicht mehr durchsetzen kann – weder bei denen, denen seine Einfälle zu weit gehen, noch bei denen, die noch mehr Revolution verlangen. Ein Kirchenregiment, das sich selbst nicht an seine Rechtsordnung hält, verliert Autorität und Vollmacht. Das Schwert der Exkommunikation ist stumpf geworden. Selbst ein Versuch, die erfreuliche Entwicklung der Zahlen bei dern „altrituellen“ Priesterweihen zu bremsen – etwa durch Verweigerung der Zustimmung zur Weihe – würde kaum erfolgreich sein. Es gibt genug Bischöfe, die sich einer dahin gehenden Anmaßung widersetzen würden.

Die Weigerung der meisten deutschen Bischöfe, den Gläubigen und Priester, die an der überlieferten Lehre und Liturgie festhalten, einen Platz innerhalb der Strukturen zuzugestehen, erweist sich inzwischen als großer Vorteil: Es sind, am sichtbarsten in der Piusbruderschagft, der Sache nach aber auch darüber hinausgehend, neue Strukturen entstanden, die finanziell von den Bistümern weitgehend bis vollständig unabhängig sind. Die Ordinariate haben die Fähigkeit, zur Einrichtung von Grenzkontrollstellen und zur Ausgabe von Passierscheinen endgültig verloren.

Was nicht heißt, daß sie es nicht trotzdem einmal versuchen werden.

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