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Miserere mihi, Domine

Barmherzigkeit und Erbarmen sind die Worte der Stunde. Der vereinte Chor von Welt und Kirche ruft uns auf, Barmherzigkeit zu üben - und wer wollte dem guten Gewissens widersprechen. Vergessen wird dabei immer öfter, daß auch Barmherzigkeit kein Gut ist, über das wir frei verfügen können. Wie könnten wir Barmherzigkeit üben, ohne zuvor Erbarmen empfangen zu haben, und wie könnte die Welt Gottes Erbarmen würdig sein, wenn sie sich nicht seiner Gerechtigkeit unterwürfe?

Der 16. Sonntag nach Pfingsten erinnert uns daran, daß wir zunächst des göttlichen Erbarmens Bedürftige sind und ohne seine Gnade nichts ausrichten können:

Introitus: Erbarm Dich meiner, o Herr, ich rufe zu Dir den ganzen Tag; Du bist ja gut und Mild, o Herr, und an Erbarmen reich für alle, die zu Dir rufen. Herr, neige Dein Ohr zu mir, und erhöre mich, denn ich bin hilflos und arm.

Oration: Wir bitten Dich, oh Herr, Deine Gnade möge uns allezeit vorangehen und folgen, und uns unablässig zu guten Werken ermuntern.

Offerorium: Herr, mir zu helfen sei bedacht. Schmach und Beschämung treffe alle, die mir nach dem Leben trachten.

Postcommunio: Wir bitten Dich, o Herr: Läutere in Deiner Güte unseren Geist und erneuere ihn durch das himmlische Sakrament; so haben wir dann auch für den Leib jetzt und später Hilfe.

...dann bleiben ja die Mädchen weg

Bereits im Juli hat Joseph Shaw das Positionspapier 26 der FIUV veröffentlicht, Thema: Die überlieferte Liturgie und die Männer. Rorate Cæli hat den kompletten Text auf Englisch. Shaw publizierte dazu auf seinem Blog eine locker geschriebene Vorstellung, die wir hier übersetzen:

Ich habe auf meinem Blog bereits ziemlich viele Texte zum Thema Liturgie und Männer veröffentlicht. Das ist ein spannendes und soweit ich sehe unterbewertetes Thema. Ich habe den Eindruck, daß viele Inhaber von wichtigen Positionen in der Kirche nichts davon hören wollen; sie sind zu sehr damit beschäftigt, dem Gebot, sich um die Frauen zu kümmern, zu folgen, um zu bemerken, daß die Männer gegenwärtig der Kirche viel mehr entfremdet sind.

Das Thema ist letzten Endes ein Bestandteil der allgemeinen Diskussion über die Rolle von Männern und Frauen in Gesellschaft und Kirche, aber es sollte doch möglich sein, die Messe etwas weniger abweisend gegenüber Männern zu feiern, ohne sich in allzu kontroverse Diskussionen über diese allgemeine Frage zu verstricken. Im Lauf der Jahre sind einige recht einfache Korrelationen ins Auge gefallen, die recht plausibel erscheinen.

  • Männer werden von Spontaneität eher abgestoßen – sie schätzen Rituale.
  • Statt „auf Befehl" Emotionen zu zeigen, sind sie eher bereit, spürbare persönliche Opfer zu bringen – etwa Fasten.
  • Statt sich ausschließlich „horizontal'" (d.h. auf die Gemeinschaft) zu orientieren, schätzen sie den Bezug auf die vertikale, die transzendente Dimension.

Diese Korrelationen sind um so deutlicher, je jünger die Männer sind, mit dem Grad der formalen Bildung werden sie schwächer. Man achte einmal darauf bei einem fortschrittlichen Gottesdienst einer beliebigen Gemeinschaft und vergleiche das mit den Eindrücken von der freundlichen Moschee oder einer orthodoxen Synagoge in der Nachbarschaft – mit großer Wahrscheinlichkeit werden Sie diese Verallgemeinerung bestätigt finden.

Was hält die katholischen Priester und ihre protestantischen Amtskollegen in den westlichen Ländern davon ab, diesen Sachverhalt wahrzunehmen und entsprechend zu handeln?

Das ist eine lange Geschichte mit vielen Untersträngen. Einer ist die romantische Denkart, die uns vorgaukelt, nur das Spontane und Emotionale sei „authentisch“. Ein anderes Problem besteht darin, daß vermutlich auch viele Feminist(in)en mit dem Befund durchaus übereinstimmen – aber gar nicht wollen, daß mehr Männer in die Kirche kommen.

Die feministische Nonne vom Dienst in einer Gemeinde, in der nach großen Anstrengungen – hauptsächlich von Seiten junger Männer – endlich einmal eine Messe in der überlieferten Liturgie gefeiert werden sollte, verhalf mir da zu einem Schlüsselerlebnis. Als sie sah, wie einer der jungen Burschen die Kanontafeln auf den Altar stellte, rief sie aus: Das kann man nicht machen – dann bleiben ja die Mädchen weg.

Was natürlich nicht stimmte: Es nahmen auch viele Frauen und Mädchen teil. Nachdem ich mich viel mit den Zahlen der Teilnehmerschaft bei traditionellen Liturgien befasst habe, schätze ich den Anteil der Frauen auf durchschnittlich 45%. Die überlieferte Liturgie vertreibt nicht die Frauen, sondern sie verzichtet darauf, die Männer zu vertreiben, die in der durchschnittlichen Novus Ordo-Gemeinde bestenfalls 35% der Gläubigen ausmachen. Insoweit hatte diese progressive Nonne also schon recht, als sie von eine Korrelation zwischen der überlieferten Liturgie und den spirituellen Bedürfnissen von Männern ausging. Und das fand sie überhaupt nicht gut.“

Inzwischen ist bereits das 27. Positionspapier der FIUV erschienen, es behandelt das komplexe Verhältnis zwischen Tradition, Restauration und Reform in der Kirche. Hier ebenfalls bei Rorate Cæli.

Der Kampf um die Sakramente

Umschlag der aktuellen AusgabeIm Mittelpunkt der soeben erschienen Ausgabe 2015/2 der Una-Voce Korrespondenz stehen Beiträge von der 17. Kölner Liturgischen Tagung in Herzogenrath vom März dieses Jahres, die sich dem Thema „Liturgie der Sakramente" gewidmet hatte. Die UVK präsentiert jetzt in einer erweiterten Fassung den Vortrag von Heinz-Lothar Barth über den Ritus der Kindertaufe; von Bischof Jean-Pierre Delville zum Ursprung des Fronleichnamsfestes, von Veit Neumann über die „Firmung zwischen Initiation und Jugendweihe", Raymond Kardinal Burke über die Ehe-Liturgie der Kirche und Peter Christoph Düren zur Frage „Unctio extrema oder Krankensalbung"? Weitere Beiträge aus Herzogenrath sollen in der kommenden Ausgabe folgen.

Vor der zweiten Session der Bischofssynode zur Ehepastoral im kommenden Herbst konnte im März und kann auch jetzt noch der Vortrag von S.E. Kardinal Burke auf besonderes Interesse rechnen. Das gilt auch dann, wenn dieser Vortrag der Natur der Sache nach keine Neuigkeiten bieten konnte: Die Ehe kann nach dem geoffenbarten Willen Gottes nur zwischen einem Mann und einer Frau geschlossen, und das Eheband kann nur durch den Tod eines der beiden Partner gelöst werden. Der Ehebruch ist ein schwerwiegender Verstoß gegen Gottes Gebote, wer sich dessen schuldig macht, bleibt zwar weiterhin Glied der Kirche und kann, sofern er das wünscht, auf besondere Begleitung und Fürsorge rechnen – doch die wesentlichen Voraussetzungen zum Empfang des Leibes des Herren erfüllt er oder sie nicht. Soweit nichts Neues.

Was den Vortrag auf Dauer lesenswert macht ist die Klarheit und Entschiedenheit, in der der Kardinal diese überlieferte Auffassung von der Bedeutung des Ehesakramentes und des eucharistischen Sakramentes bekräftigte. Klarheit in der Sache selbst – keine Spur von dem pseudo-pastoralen Doublespeak , mit dem gerade in Deutschland versucht wird, unter dem Mantel der „Barmherzigkeit" ein praktisches Abgehen von der klaren Lehre der Kirche hinsichtlich beider Sakramente als theologisch-theoretisches Festhalten an eben dieser Lehre zu verkleiden: Das geht nicht. Entschiedenheit gegenüber allen Mitbrüdern im Bischofsamt, die sich an diesem unmöglichen Balanceakt beteiligen: „Gemäß einem grundlegenden Gesetz der Logik kann eine Sache nicht gleichzeitig sein und nicht sein". Entschiedenheit aber auch gegenüber den Ansprüchen einer säkularisierten Kultur, die „den Glauben aufgegeben hat und zugleich damit auch die Ehrfurcht gegenüber der objektiven Realität der Ehe". Demgegenüber gilt: „Die Kirche muß die Tatsachen bei ihrem eigenen Namen nennen, um nicht selbst zur Konfusion und zum Irrtum beizutragen. ... Die Aufrichtigen, die in einer derartigen Kultur leben, dürsten nach der Wahrheit und ihrer Verkündigung in der Liebe."

Als zweiter Beitrag der Ausgabe soll hier der vom Autor noch einmal deutlich erweiterte Vortrag von Heinz-Lothar Barth zum überlieferten Ritus der Kindertaufe ausführlicher angeführt werden. Schon Papst Benedikt hatte die säkularistischen Einflüssen geschuldete Unklarheit des modernen Taufritus beklagt, in dem die Eltern, vom taufenden Priester nach ihrem Begehr gefragt, für den Täufling „die Taufe" verlangen, wo im überlieferten Ritus die Paten in dessen Namen um „den Glauben" bitten. Die teilweise darüber noch weit hinausgehenden Veränderungen und Abschwächungen des sakramentalen Aktes, die Barth über 50 Seiten hinweg darstellt, können hier nur in Stichworten angedeutet werden:

  • Die Befreiung von der Erbschuld tritt völlig zurück gegenüber dem Vorgang der Eingliederung in die Kirche;
  • Um den gemeindlichen Charakter der Taufe weiter zu betonen, wird der Tauftermin oft über Monate hinausgezögert, bis genug Täuflinge für eine zünftige Gemeinschaftsfeier zusammen sind
  • Der Charakter der Taufe als Heilsvoraussetzung wird verschwiegen
  • Symbole und Sakramentalien wie der Epphata-Ruf, mehrere Salbungen und die Salzgabe, die bis in apostalische Zeit zurückreichen, wurden „abgeschafft",
  • Der Exorzismus, durch den die bis dahin schutzlose Seele dem Einfluss des Bösen entzogen wird, ist zu Unkenntlichkeit verwässert
  • Die Rollenverteilung zwischen Paten, Eltern und Täufling wird unter dem Einfluss rationalistisch-protestantischer Vorstellungen neu definiert – bis dahin, daß die Kindertaufe selbst in Frage gestellt wird.

All das und vieles andere erfolgte unter dem Vorwand, das Sakrament und seinen Ritus in einer Weise zu gestalten, die dem „Verständnis des modernen Menschen mehr entgegen kommt". Vieles davon erscheint in der Darstellung Barths wie ein Versuch der römischen Oberreformer, im Schnelldurchgang all die Irrtümer und Verfälschungen der kirchlichen Lehre nachzuholen, für deren Entwicklung die Reformatoren in der Tradition Luthers sich mehrere Jahrhunderte Zeit ließen.

Besondere Aufmerksamkeit widmet Barth in diesem Zusammenhang auch dem Umstand, daß diese oft unter dem Banner der Ökumene durchgesetzten Veränderungen noch in der Mitte des 20. Jahrhunderts bestehende theologische Übereinstimmungen mit den Kirchen des Ostens schwer beschädigten.

Neben den Beiträgen aus Herzogenrath thematisiert die aktuelle Ausgabe der UVK in den Miszellen eine Sicht aus dem Ausland, konkret George Weigels aus den USA auf die Krise der katholischen Kirche in Deutschland und behandelt die Degeneration des Toleranzbegriffs im Zeichen gesamtgesellschaftlich akzeptierter Kirchenfeindlichkeit. Ein Beitrag befasst sich mit dem Phänomen einer Papstmesse „für die Gläubigen des armenischen Ritus", die nicht im armenischen Ritus stattfand; Buchbesprechungen stellen unter anderem Bücher von Manfred Hauke über „Papst Benedikt XVI. und die Liturgie" und Michael Fiedrowicz über die "Theologie der Kirchenväter" vor.

Wenn Sie noch kein Abonnent der UVK sind, können Sie einzelne Hefte oder ein Abonnement über den Leserdienst der Una Voce Deutschland E.V. beziehen.

Canon der Bischöfe

Auf dem Umweg über Fr. Zuhlsdorf erfahren wir, daß es schon seit dem vergangenen Sommer bei Nova & Vetera eine Neuauflage des Canon Missæ ad Usum Episcoporum ac Prælatorum gibt - also jener Version des Römischen Messbuchs im überlieferten Ritus, das für jedes Pontifikalamt benötigt wird. Damit ist eines der letzten "Bücher von 1962", dessen Beschaffung in den letzten Jahren zunehmend schwieriger wurde, wieder in einer authentischen und relativ preiswerten (185,- €) Ausgabe zu bekommen.

Der Canon Missæ ad Usum Episcoporum enthält neben den am Thron oder Faldistorium zu verrichtenden Ankleidegebeten des Bischofs auch die besondere Form des Hochgebets, die traditionsgemäß bei der Feier von Pontifikalämtern zu verwenden ist. Es ersetzt in dieser Funktion die Kanontafeln, an deren Stelle es seinen Platz auf der Mitte des Altars findet. In einer zweiten Funktion ist das Buch als Reise-Pontifikale verwendbar. Es enthält daher traditionell neben dem Ritus der Spendung des Firmsakramentes auch die wichtigsten Riten für Weihen und Segnungen, die nach der Tradition in weitaus größerem Umfang als heute dem Bischof vorbehalten waren, darunter:

  • In Consecratione Episcopi,
  • In Consecratione Abbatis,
  • In Consecratione Abbatissae,
  • In Benedictione et Consecratione Virginum,
  • In Benedictione Coemeterii,
  • In Reconciliatione Ecclesiae vel Coemeterii,
  • Ritus Confirmationis,
  • Ordo ad patenam et calicem consecrandam,
  • Benedictio Apostolica cum indulgentia plenaria elargienda,
  • Ritus et Formula Absolutionis et Benedictionis Pontificalis,
  • Ordo ad Benedicendum et Imponendum Primarium Lapidem,
  • Ordo ad Ecclesiam Benedicendam ...

Als einzigen Punkt der Kritik an der ansonsten hochwertigen Ausstattung des Buches merkt Fr. Zuhlsdorf an, daß Format und Druck angesichts der zu erwartenden Verwendung durch ältere Herren in nicht immer optimal ausgeleuchteter Umgebung etwas größer angelegt hätten sein können. Wünschen wir uns also, daß viele jüngere Bischöfe bereit sind, es zu nutzen.

Quatembersamstag in der Fastenzeit

Nach dem traditionellen Kalender fällt die Frühjahrsquatember auf die zweite Hälfte der ersten Fastenwoche. Und ebenso wie bei der Quatember im Advent war der Quatembersammstag einer der bevorzugten Termine zur Erteilung der heiligen Weihen. Dieser Samstag hatte ursprünglich keine eigene Messe. Der Weihgegottesdienst fand nach römischem Brauch während einer Vigil zum zweiten Fastensonntag in der Peterskirche statt. Da diese im wesentlichen Teil bereits auf den Sonntag  fiel, nahm man auch das Evangelium vom Sonntag - das behielt man auch bei, als die Feier vorverlagert wurde und ganz am Samstag, und später vormittags, stattfand. 

Der nächtliche Weihegottesdienst hatte ursprünglich ebenso wie die Ostervigil zwölf Lesungen, er wurde deshalb auch als „Samstag der zwölf Lesungen“ bezeichnet. Sie stellten in Perikopen aus dem alten Testament das Heilshandeln Gottes an seinem Volk und dessen Vermittlung durch seine geweihten Diener vor Augen. Diese Zahl wurde später - örtlich und zeitlich uneinheitlich - verringert und der Zahl der Weihestufen angepasst. In der heute verbindlichen Form der überlieferten Liturgie nach den Büchern von 1962 sind es noch fünf Lesungen aus dem alten Testament und eine Epistel. Nach jeder dieser Lesungen folgt ein - heute nur noch kurzes - Graduale, in desen Kontext die niederen Weihen erteilt werden. Die Weihe der Diakone erfolgt unmittelbar nach der Epistel; die Priesterweihe im Rahmen des nach diesen Weihen folgenden Tractus. Dieser umfangreiche Wort- und Weihegottesdienst findet dann mit der Verlesung des Evangeliums seinen Abschluß - der weitere Ablauf folgt dem üblichen Ordo der Fastenzeit. 

Der Wortlaut der oratio super populum für diesen Tag bringt in charakteristischer römischer Kürze und ohne jedes Risiko eines Mißverständnisses zum Ausdruck, wie die Kirche bis heute das stets aktuelle Problem anging, daß die „Lebenswirklichkeit“ der Gläubigen und die Gebote Gottes nicht spontan und mühelos übereinstimmen:

Oremus. Humilitate capita vestra Deo. Fideles tuos, Deus, benedictio desiderata confirmet: quae eos et a tua voluntate numquam faciat discrepare, et tuis semper indulgeat beneficiis gratulari. - Lasset uns beten; neiget in Demut euer Haupt vor Gott: Gott, der ersehnte Segen stärke Deine Gläubigen; er bewirke, daß sie nie von Deinem Willen abweichen und lasse sie Deiner Wohltaten sich allezeit erfreuen.“

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