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Messe aller Zeiten

Scan einer Illustration von B. Kühlen, MönchengladbachDas Pontifikat von Papst Benedikt und die Klarstellung der vollen Legitimität der „alten Messe“ haben vielen Katholiken, die an der überlieferten Lehre und Liturgie der Kirche festhalten, große Hoffnung und Freude gegeben. Der bevorstehende 10. Jahrestag des Motu Proprio sieht viele Hoffnungen enttäuscht und die Freude vergangen. Der infolge des unerhörten Aktes des Rücktritts von Benedikt von einer undurchsichtigen Gruppierung ins Amt gehobene Papst Franziskus geht mit Macht daran, alles zu zerstören, was Benedikt XVI. und Johannes Paul II. getan haben, um die Kirche aus den Unruhen der Nachkonzilsjahre herauszuführen. Der Relativismus, der alle Gewissheiten untergräbt und alle Verbindlichkeiten auflöst, dehnt seine Diktatur auch auf die Kirche aus. Das Chaos in der Kirche ist heute schlimmer als jemals zuvor in vielen Jahrhunderten. Seit 500 Jahren war die Gefahr einer offenen Spaltung nicht mehr so groß wie heute. So scheint es zumindest.

Denn auf der anderen Seite spricht vieles dafür, daß die Zeiten offener Spaltung mit einem Papst in Rom und einem Gegenpapst anderswo nicht wieder zurückkehren werden. Dafür gibt es äußere wie innere Gründe. Die Kirchenspaltungen des Mittelalters und der Reformation hatten immer auch eine starke politische Komponente und waren z.B. Ausdruck von Machtkämpfen zwischen König und Kaiser oder verschiedenen Adelshäusern. Ähnliche Entwicklungen sind im Zeitalter des umfassenden Säkularismus kaum vorstellbar. Während eine Kirche des Relativismus buchstäblich der Liebling der ganzen Welt ist, könnte eine Kirche der Tradition nirgendwo auf Unterstützung und in vielen Staaten noch nicht einmal auf Duldung zählen.

Die Entwicklung in der Kirche seit dem letztlich erfolglosen Versuch Papst Pius X., den „Modernismus“ aus der Kirche zu vertreiben, hat gezeigt, daß es für die Apostel des Zeitgeistes keinen Gegenpapst und keine Gegenkurie braucht, um als „Gegenkraft“ wirkmächtig zu sein. Es brauchte nur die Entschlossenheit, an den eigenen Positionen festzuhalten und aussichtslosen Konfrontationen auszuweichen, während man die unter Beifall der Öffentlichkeit erworbene Stellungen entschlossen befestigte und ausbaute. Das brachte letztlich sogar den – nach irdischen Kategorien betrachtet – weitgehenden Sieg. Allerdings ist vom triumphierenden Modernismus nicht zu erwarten, daß er sich gegenüber abweichenden Strömungen ähnlich langmütig-hilflos erweisen wird wie die Tradition ihm gegenüber.

Das Gerede von Barmherzigkeit und Offenheit hat nichts zu bedeuten – siehe Franziskaner der Immakulata, siehe Verweigerung eines Gesprächs mit den kritischen Kardinälen, siehe die Abservierung von Kardinal Müller. Doch hat der Relativismus eine Schwäche, die ihm schon in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder zu schaffen machte: Wer selbst alle Dogmen untergräbt und ablehnt, hat wenig Mittel, um Abweichler „auf Linie“ zu bringen. Eigentlich nur eines: Die unverhüllte Machtausübung entlang der Befehlskette organisatorischer Strukturen, verbunden mit und gestützt auf ökonomischen Zwang.

Die „Befehlskette“ hat zwar gegenüber den Modernisten nicht funktioniert, wie man an der Entwicklung in den Theologischen Fakultäten und bei Bischofsernennungen erkennen kann. Hier gab es – meistens verkörpert in den Medien – eine „Gegenmacht“, die sich oft als stärker erwies als Roms Kraft und Wille zur Durchsetzung der eigenen Grundsätze. Die Traditionalisten sind da skrupulöser – sie lassen sich über die Befehlskette an dieselbe legen, wie Beispielhaft am Fall der Franziskaner der Immakulata zu besichtigen. Doch auch hier ist es den Verfolgern des Ordens nicht gelungen, die Liegenschaften und sonstigen Vermögenswerte der Gemeinschaft an sich zu bringen. Diese sind nämlich in guter franziskanischer Tradition nicht im Besitz des Ordens selbst, sondern von lokalen Gemeinschaften vertrauenswürdiger Laien. Das ist doppelt ärgerlich: Einmal weil die Beutemacher leer ausgehen, und zweitens weil die Infrastruktur erhalten bleibt, auf deren Grundlage auch nach der Enthauptung und Säuberung des Ordens die Seelsorge im Geist der Tradition auf vielfache Weise weitergeführt werden kann und auch tatsächlich weitergeführt wird.

Ein vielleicht noch aufschlußreicheres Beispiel für die Grenzen, die der Macht des Modernismus gesetzt sind, bietet die Piusbruderschaft. Daß diese Gemeinschaft, auch wenn sie sich dem Bischof von Rom nicht voll unterordnet, katholisch ist, wird nur in der Polemik von Hardlinern bestritten, die ihrer eigenen Propaganda zum Opfer gefallen sind. Der Papst selbst erkennt das an, wenn er den Priestern der Gemeinschaft die Erlaubnis zur Spendung von Sakramenten ausspricht – und er würde diese Anerkennung selbst dadurch bekräftigen, sollte er diese Erlaubnis eines Tages mit welcher Begründung auch immer widerrufen wollen. Sie gehören dazu – wenn auch vielleicht als „Dissidenten“.

Wer weiß, vielleicht liegt in der Dissidenz für die nächste Zeit die Zukunft der Kirche unter den Menschen. Eher wohl als im offenen Schisma.

Der Modernismus wollte eine pluralistische „Kirche“, und er scheint sie zu bekommen. Aber das Ergebnis ist nicht ganz das, was er wollte. Der Modernismus an der Macht eröffnet den Weg zu einer bisher undenkbaren freien Konkurrenz der Kräfte innerhalb einer immer konturloser werdenden Kirchenhülle. Daran kann ein auch noch so autoritär auftretender Papst nichts ändern, denn der Modernismus verflüssigt nicht nur jedes Dogma, sondern auch jede Autorität. Wer die vom Säkularismus allseits gepredigte Konturlosigkeit als Wert akzeptiert, wird diese Hülle früher oder später abstreifen oder in einer Gemeinschaft der Gläubigen an „jenes höhere Wesen, das wir verehren“ (Heinrich Bölls Dr. Murke) aufgehen lassen. Der gegenwärtig von „Ökumene der Christlichen Kirchen“ zur „Gemeinsamkeit der abrahamitischen Religionen“ fortschreitende Trend zeigt die Tendenz.

Die als „fundamentalistisch“ verächtlich gemachten und als „fortschrittsfeindlich“ bekämpften „harten Kerne“ werden das überstehen und bleiben. Als Kristallisationskerne, an denen sie sich sammeln können, bieten sich die Orte an, an denen die überlieferte Lehre und Liturgie präsent sind. Das läßt für die Zukunft harte Auseinandersetzungen erwarten. Widerstandsnester haben es überall nicht leicht. Gemeinschaften nach dem Konzept der „Option Benedikt“ werden eine große Rolle dabei spielen, diese Auseinandersetzungen zu bestehen.

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