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10 Jahre Summorum-Pontificum

Scan einer Illustration von B. Kühlen, MönchengladbachWo steht die Kirche 10 Jahre, nachdem Papst Benedikt mit Summorum-Pontificum eine der schlimmsten Fehlentwicklungen der Nachkonzilszeit zu korrigieren versuchte: Die aus dem Zentrum der Kirche heraus verbreitete Vorstellung, die überlieferte Liturgie der Kirche sei abgeschafft und verboten, der Papst und seine Räte könnten, um auf der Höhe der Zeit zu bleiben, das, was 2000 Jahre lang das Höchste und Heiligste war, von einem Tag auf den anderen so verändern, umbauen und uminterpretieren, daß es nur mit Mühe – wenn überhaupt – wiederzuerkennen ist.

Der Korrekturversuch ist nur in sehr begrenztem Maße gelungen. Zwar dürfte es nach der theologisch fundierten Erklärung Ratzingers, daß eine ein Jahrtausend hindurch der Kirche heilige Liturgie niemals abgeschafft worden sei und auch nicht abgeschafft werden könne, schwer fallen, genau das ein weiteres Mal zu versuchen. Doch seitens der Kräfte in der Kirche, denen das Zeitgemäße als höchster Wert erscheint, bleibt die Abneigung gegen jeden Kontakt oder gar einen „gegenseitige Befruchtung“ bestehen: Es könnte sich ja jemand am Katholischen des vergangenen Jahrtausends infizieren. Wo das dennoch geschieht wie z.B. bei den Franziskanern der Immakulata, ist mit härtesten Gegenmaßnahmen zu rechnen. Diese Ordensleute haben die Aufforderung Benedikts, die Schätze der Tradition neu zu entdecken, ernst genommen. Nun sind sie zwischen ihrer tief empfunden Gehorsamspflicht gegenüber den Oberen und der Treue zur Kirche, die sich selbst treu bleibt, in einer fast ausweglos erscheinenden Zwangslage gefangen. Ihrer ist heute ganz besonders zu gedenken. 

Anderswo sind die Abwehrmaßnahmen subtiler, aber nicht weniger wirkungsvoll. So hält man z.B. in Deutschland und Italien die überlieferte Liturgie, wenn man sie schon nicht verbieten kann, unter eine Art von „Quarantäne“ gestellt, um zu verhindern, daß sie dem von den Modernisten vorangetriebenen Säkularisierungskurs in die Quere kommt. Seit die jesuitischen Relativisten die Macht im Vatikan übernommen haben, wird nach Möglichkeit überhaupt nichts mehr eindeutig verboten oder erlaubt, sondern alles in eine Wolke von Ambivalenzen und Pastoralgeschwurbel gehüllt, die keine eindeutigen Aussagen mehr zuläßt. Auch das letztlich unvereinbar mit der sprachlichen Präzision der lateinischen Orationen, die zum Teil seit weit über 1500 Jahren die Gestalt der überlieferten Messe prägen und damit den Inhalt des Glaubens zum Ausdruck bringen. Aber es entspricht perfekt einer herrschenden Tendenz der Gegenwart, die alles Feste und Verbindliche ablehnt, alle Grenzen aufheben und alles Denkbare möglich machen will. Häresie der Formlosigkeit, oder: Alles fließt – wir fließen mit.

Nicht in allen Nationalkirchen ist die Haltung gegenüber der Tradition so feindselig. In den USA zum Beispiel gibt es mehrere offen der überlieferten Lehre und Liturgie zuneigende Bischöfe, die in ihren Kathedralkirchen auch selbst einmal ein Hochamt nach der alten Liturgie zelebrieren oder Pfarreien lieber Priestern der Petrusbruderschaft anvertrauen, als sie zu schließen. In Frankreich bleibt der Episkopat zwar fast ausnahmslos auf Modernisierungskurs, aber die Gläubigen haben eine überaus beeindruckende Abstimmung mit den Füßen begonnen: Rechnet man die verschiedenen Gemeinschaft und Einzelgemeinden der Tradition einschließlich der Piusbruderschaft zusammen, werden dort jährlich wohl bald ebenso viele Priester im überlieferten Ritus geweiht wie für den hoffnungslos überalterten Diözesanklerus. Die Zahl der jeden Sonntag an der hl. Messe aller Zeiten teilnehmenden Gläubigen erreicht eine vergleichbare Größenordnung.

Das erklärt vielleicht den alarmierten Ton eines Artikels des Hypermodernisten Massimo Faggioli in La Croix international zum 10. Jahrestag des Motu Proprio. (https://international.la-croix.com/news/ten-years-of-summorum-pontificum-tradition-vs-traditionalism/5420) . Die Liturgie in keiner ihrer Ausprägungen interessiert Faggioli – wie die meisten Modernisten – nicht im geringsten. Ihm geht es um die Deutungsmacht über die Entwicklung nach dem Konzil. Die sieht er durch das Motu Proprio gefährdet, und deshalb überhäuft er Papst Benedikt mit bitteren Vorwürfen, daß er einer so kleinen und unbedeutenden Gruppe, als welche er die liturgischen Traditionalisten sieht, so weit entgegen gekommen sei. Bis vor 10 Jahren habe in der Kirche Konsens darüber bestanden, daß das 2. Vatikanum voll in der Tradition der Kirche stehe, und niemand habe es gewagt, an der Legitimität und den guten Früchten der Liturgiereform zu zweifeln. Diesen Konsens habe Benedikt aufgebrochen, und nun gerate alles ins Rutschen.
Faggioli hat zwei Erscheinungen beobachtet, die er Benedikt ganz besonders zum Vorwurf macht. Sie sind es wert, wörtlich zitiert zu werden.

Zum ersten hat Summorum Pontificum der bereits bestehenden, aber gesellschaftlich unbedeutenden Sphäre des liturgischen Traditionalismus erheblichen Auftrieb gegeben und ihr Eingang in die größere Sphäre der katholischen Kirche verschafft, insbesondere in den Englisch-sprechenden Ländern. Es hat den traditionalistischen Vorstellungen von den Liturgiereformen des 2. Vatikanums theologische Legitimität verliehen. Und es hat die Sichtbarkeit der traditionalistischen Liturgie in den virtuellen Räumen der katholischen Kirche vergrößert.

Im vergangenen Jahrzehnt sind die sozialen Medien zunehmend zu einem Forum geworden, in dem sich das Volk Gottes Gehör verschaffen kann. Wer dort das Leben seiner Ortskirche oder prominenter Kirchenführer verfolgt, bekommt fast täglich Bilder kostbarer Gewänder zu sehen, wie man sie für die Liturgien der Vorkonzilszeit verwandte. Das hat erhebliche Auswirkungen auf bedeutende Teile des gegenwärtigen Katholizismus und seine Zukunft – ganz besonders auf engagierte Jugendliche und neu Konvertierte, ebenso auf Seminaristen und jüngere Priester.

Die zweite Erscheinung besteht darin, daß die Theologie Joseph Ratzingers auf eine traditionalistische Theologie reduziert worden ist. Tatsächlich hat Summorum-Pontificum viel dazu beigetragen, das umfassende theologische Erbe eines der bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts zu entstellen. Während Joseph Ratzingers Schwerpunkt auf der Tradition der Kirche im Sinne von „Kontinuität und Reform“ lag, wurde das Pontifikat Benedikt XVI. vor allem in seinen letzten Jahren auf ein Banner des Traditionalismus reduziert – und zwar im Sinne eines Gegensatzes zu jeder Art von theologischer Entwicklung, die nun als Diskontinuität erscheint.

Dieser liturgische Traditionalismus hat ganz allgemein ein traditionalistisches Verständnis von „katholisch“ befördert, das inzwischen sogar zu einem Problem und einer Herausforderung für Papst Franziskus geworden ist.
(…)
Der liturgische Traditionalismus hat negative Auswirkungen auf die Akzeptanz anderer Dokumente des II. Vatikanums wie der über den Ökumenismus, den interreligiösen Dialog und die Missionstätigkeit der Kirche.

Diese Reihe von Komplimenten nimmt unsereins gerne entgegen. Bleibt nur zu hoffen, daß Faggioli, der das ja in denunziatorischer Absicht schreibt, nicht allzu sehr übertrieben hat und die überlieferte Liturgie wirklich den starken Anker bilden kann, der die Modernisten daran hindert, die Barke Petri ganz offen und ohne die Tarnung der Ambivalenz auf den Kurs des dahinfließenden Zeitgeistes zu bringen.

Vier Jahre Erfahrungen mit dem Bergoglio-Regime lassen es nicht ausgeschlossen erscheinen, daß die Zeitgeister versuchen könnten, sich dieses Ankers durch einen Gewaltstreich zu entledigen. Immer wieder gibt es Vorstöße – zuletzt seitens des amerikanischen Militärerzbischofs (https://onepeterfive.com/military-archdiocese-better-no-priests-traditional-ones/) - das Privileg der Priester von traditionsverbundenen Gemeinschaften zur ausschließlichen Zelebration nach den Büchern von 1962 auszuhöhlen oder ganz aufzuheben und ihre Mitglieder zur Gemeindeseelsorge nach den am Ort jeweils geltenden (Miß-)Bräuchen zu verpflichten. Das müsste den erfreulichen Zustrom zu den Seminaren der Tradition schwer beeinträchtigen.
Immer wieder kursieren in Rom Gerüchte, die Bergoglianer könnten das Motu-Proprio Benedikts dahingehend „den pastoralen Erfordernissen anpassen“, daß man dem Diözesanklerus das Recht nimmt, ohne ausdrückliche Erlaubnis des Bischofs im überlieferten Ritus zu zelebrieren oder Kirchen für diese Zelebration zur Verfügung zu stellen. Faktisch wird das heute schon in mehreren Ländern so gehandhabt. Die „alte Messe“ könnte dann wieder ganz offiziell in die Friedhofskapellen verbannt werden – die „Infektionsgefahr“ würde vermindert. Übrigens: Der hier und da zu beobachtende Versuch, derartigen Maßnahmen durch Agieren mit „niedrigem Profil“ zu entgehen, ist nicht wirklich erfolgversprechend, weil das letzten Endes zum gleichen Ergebnis führt.

Die Schaffung von Pfarrkolchosen aus -zig kleinen Ortschaften mit (zumindest auf dem Papier) Zehntausenden von Gemeindeangehörigen unter verantwortlicher Führung durch Laienräte und die aus Rom berichteten Pläne zur Etablierung einer Konzelebrationspflicht (http://summorum-pontificum.de/themen/novus-ordo/1111-das-kollektiv-staerken.html) deuten darauf hin, daß eines der Hauptziele Papst Benedikts beim Erlass von Summorum-Pontificum in Zukunft immer schwerer zu erreichen sein wird: Der überlieferten Liturgie und damit der Bindung an die katholische Tradition eine selbstverständliche Stellung im Leben von Priestern und Gemeinden zurückzugeben. Und sollte die Befugnis zur Regelung solcher Fragen zukünftig in die Kompetenz regionaler Bischofskonferenz – bei gleichzeitiger Unterordnung der einzelnen Bischöfe unter diese – gegeben werden, könnte manches noch schneller gehen, als selbst Pessimisten heute befürchten.

Dabei ist zum Pessimismus gar kein Anlaß. Summorum Pontificum hat – gerade noch rechtzeitig – die Basis dafür geschaffen, daß die überlieferte Liturgie und damit der katholische Glaube, der den Bruch mit der Vergangenheit und damit das Abgehen von der Wahrheit des Glaubens ablehnt, 10 Jahre lang einen legitimen Platz in der Kirche einnehmen konnte und diesen auch weiterhin beanspruchen kann. Das ist ein Geschenk, für das wir dankbar sein können – auch diejenigen, die im Zeitalter der Formlosigkeit vielleicht noch nicht erkannt haben, welchen Wert liturgische Formen bei der Bewahrung der Inhalte unseres Glaubens haben. Je dreister diese Inhalte in Frage gestellt werden, desto stärker wird sich bei allen, die katholisch bleiben wollen, das Bedürfnis äußern, diese Inhalte auch durch Rückgriff auf die Formen zu sichern, die ihnen über ein Jahrtausend lang Ausdruck und Verbindlichkeit gegeben haben. Beten wir dafür, daß es gelingt, diesen Wert und diese Würde der überlieferten Liturgie immer besser sichtbar zu machen.

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