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„Ordo Missæ“ - II

Bild: Institut St. Philipp NeriWie sehr der „Ordo Missae“ auch Ordnungsvorstellungen im weiteren Sinne zum Ausdruck bringt, sieht man bereits an seinen ersten Worten. Nach dem Missale von Trient, das – man muß es immer wieder betonen – keine Neuerungen enthielt, sondern in fast allem auf einen ungefähr 500 Jahre älteren Status zurückgriff, lautet die einleitende Rubrik:

Nachdem der Priester zum Aufstieg zum Altar bereit ist und diesem die gebührende Ehre erwiesen hat, bezeichnet er sich mit dem Kreuzzeichen von Gesicht zur Brust und spricht mit deutlicher Stimme: In nomine Patris...

Der Novus Ordo schaltet dem entsprechend seiner Communio-Theologie noch einen Satz vor:

Nachdem sich das Volk versammelt hat, begibt sich der Priester während des Gesanges des Introitus mit den Diensten zum Altar...

Zwei Neuerungen fallen ins Auge: Die „Versammlung des Volkes“ wird nachgerade im Sinne einer Bedingung vorausgesetzt, und vom Eingangsgebet wird zumindest nahegelegt, daß es nicht vom Priester selbst, sondern von anderen gesungen wird. Hier waltet offensichtlich eine andere Vorstellung von der rechten Ordnung.

Dabei müssen sich beide Vorstellungen keineswegs widersprechen oder gar ausschließen – zumindest solange man sie nicht verabsolutiert: Auch nach der dem Trienter Missale zugrunde liegenden „Consuetudo Curiae Romanae“ schreitet der Priester nicht in der leeren Kirche zurm Altar, sondern innerhalb einer (im konkreten Fall der Kurie freilich überwiegend aus Klerikern bestehenden) Versammlung, die zuvor gemeinsam eine Vigil oder eine Hore des Stundengebets „persolviert“ hat. In seinem jeder theologischen Ideologie fernen Realismus verzichtet das Trienter Missale jedoch darauf, diese Versammlung oder den Gesang einer Schola quasi als Bedingung mit aufzuführen: Es weiß, daß es in mancher Dorf- oder Konventskirche bei der allen Priestern nahegelegten täglichen Meßfeier ärmlicher zugeht, und es beschränkt sich auf die Nennung dessen, was die Ordnung der Kirche als Minimum gewährleistet sehen will. Hier geht es weiter Der dahin gehende Vorwurf, das überlieferte Missale beschreibe nur eine Schrumpfform der römischen Liturgie, hat hier seinen sachlichen Ausgangspunkt. Er ist als Vorwurf jedoch unberechtigt, weil das Missale die reichhaltigeren Formen ja in keiner Weise ausschließt, für das Levitenamt sogar ausdrücklich erwähnt. Die vielerorts herrschende Enge der materiellen, aber auch der spirituellen Verhältnisse hat freilich dazu geführt, daß man sich in den Gemeinden auch da oft mit diesem Minimum begnügt hat, wo nach Personal- und Sachmitteln reichere Formen möglich gewesen wären.

Der Communio-Ideologie des Novus Ordo liegt die realistische Selbstbescheidung des Trienter Missales durchaus fern. Sie erfindet eine eigene Kategorie der Gemeindemesse, in der Gemeinde und Schola als Normalfall vorausgesetzt werden, und räumt nur widerwillig die Möglichkeit einer Missa sine populo ein. Diese erscheint unter diesen Umständen tatsächlich als so defektiv, daß ihre Zulässigkeit im Zusammenhang mit der Corona-Krise sogar mehrfach bestritten worden ist. Dafür kann diese Messe „sine populo“ nach der instructio generalis (Abschnitt 211) „aus schwerwiegenden Gründen“ sogar ganz ohne Altardiener gefeiert werden – eine Möglichkeit, die in den Regularien des überlieferten Ritus nicht eingeräumt wird, die aber auch nicht ausdrücklich ausgeschlossen ist.

Doch zurück zum Aufstieg zum Altar. In der überlieferten Liturgie geht diesem Aufstieg ein umfangreicher Akt der Vorbereitung voraus, der historisch teilweise (Psalm Judica) auch bereits in der Sakristei oder während des Weges zum Altar, der vom Gesang des Introitus begleitet wird, stattfand. Kernstück dieser Vorbereitung ist das gegenseitige Sündenbekenntnis von Priester und Altardienern, in dem diese ihre in Sündhaftigkeit begründete Unwürdigkeit einräumen, den allmächtigen Gott und seine Heiligen um ihren Beistand bitten und schließlich füreinander beten, daß ihnen dieser Beistand auch zuteil werde. Der Priester betet für die Ministri und diese ihrerseits für den Priester – in dieser Weise auch ein starkes Zeichen gegen jede Form von Klerikalismus, der nach aktueller Lesart ja die Hauptwurzel aller Mißstände in der Kirche darstellen soll.

Dieser verzögerte Aufstieg zum Altar erscheint unter zeremoniellem Aspekt überaus sinnvoll. Er ruft den Beteiligten – und natürlich auch den Mitfeiernden - ins Bewußtseins, daß sie sich auf große Dinge vorbereiten, Dinge, die viel größer sind als alles, was sie aus eigener Kraft vermöchten. Das Bild der Ordnung, das hier vermittelt wird, ist völlig eindeutig: Wir alle, der Priester, aber auch der Altardienst und die ganze Gemeinde treten klein und undwürdig vor den großen heiligen Gott. Ohne hier irgendeine Form von historischer Kontinuität andeuten zu wollen, tritt hier doch auch das Bild von den Priestern im Tempel von Jerusalem vor Augen, die sich erst nach Tagen der Enthaltsamkeit und aufwendiger ritueller Reinigung dem Dienst am Altar nähern durften. Dort wie am Alter der kleinen Dorfkirche gilt das gleiche: „Terribilis est locus iste: non est hic aliud nisi domus Dei et porta caeli“.(Gen. 28.16).

Die Vorgaben für Gang und Haltung des Priesters auf diesem Weg entsprechen dam ganz und gar. Kein leutseliges Grüßen nach links oder rechts, kein Händeschütteln, sondern Konzentration auf das Bevorstehende, die Augen gerichtet auf einen Punkt jeweils zwei bis drei Meter vor den eigenen Füßen.

Die „reformierte“ Liturgie hat von dieser Ordnung nichts bewahrt. An einigen Orten wird die offizielle Lesart, daß der Priester als „Vorsteher“ der Gemeinde an den Altar tritt, dadurch Illustriert, daß Zelebrant und Dienste zunächst in einer der Kirchenbänke Platz genommen haben und sich dann quasi als Gesandtschaft der Gemeinde zum Altar begeben – leutseliges Winken in den Kreis der Entsendenden nicht ausgeschlossen. Das gegenseitige Sündenbekenntnis mit jeweils der anderen Seite gewidmeter Vergebungsbitte ist aufgegeben – jetzt beten wir alle gemeinsam, quasi unter Brüdern und Schwestern, wie notfalls zu ergänzen ist.. Man kann aber auch die Möglichkeit nutzen, den ganzen sogenannten „Bußakt“ auf die kürzest mögliche „Form C“ zu reduzieren:

Herr Jesus Christus, du bist vom Vater gesandt, zu heilen, was verwundet ist – Herr, erbarme dich.

Du bist gekommen, die Sünder zu berufen – Christus, erbarme dich

Du bist zum Vater heimgekehrt, um für uns einzutreten – Herr, erbarme dich.

Den Abschluß dieses vorbereitenden Teils der Messfeier, den wir uns in Bischofs- und Klosterkirchen des 4. Jahrhunderts als feierlichen Einzug und Prozession von Klerus und Sängerschola zum Altar vorstellen müssen, bildet das Kyrie. Historisch-genetisch gesehen stammt diese Anrufung wohl aus der Zeremonie des Einzuges von Kaiser oder anderen höchsten Würdenträgern zu ihrem Thronsessel oder Gerichtsstuhl; ihre Übertragung auf den Christus repräsentierenden Priester/Bischof lag nahe. Die Neunzahl und die ausdrückliche Nennung Christi gehören wohl schon zu einer späteren Enwicklungsstufe und lassen durchaus passend einen Bezug zur hochheiligen Dreifaltigkeit anklingen.

Es ist annehmen, daß den liturgisch nicht ungebildeten Theologen des Consiliums diese und vielleicht noch mehr Bezüge durchaus bekannt waren – trotzdem haben sie in ihrer Schreibtischliturgie nur wenig davon übrig gelassen. Oder gerade deshalb: Das monarchische Gepränge solcher Einzugsprozessionen, wie man sie bis zur Liturgiereform in Bischofskirchen mehrmals im Jahr erleben konnte, war ihnen zutiefst zuwider. Nicht nur, daß sie die Neun als Zahl der dreimal heiligen Dreifaltigkeit zugunsten eines etwas einfältigen antiphonalen Schemas aufgegeben haben. Sie sind auch hier – wie übrigens schon beim vorhergehenden „Bußakt“ - vom Leitmotiv der von oben vorgegebenen Ordnung zugunsten der optionalen „Gestaltung“ durch Zelebrant und Gemeinde abgerückt und haben es dadurch ermöglicht, daß Bußakt und Kyrie in der zitierten „Form C“ zu einer kaum erkennbaren Angelegenheit von wenigen Sekunden Dauer verschmelzen.

Das alles kann man so machen, ohne die „Gültigkeit“ der hl. Messe zu beeinträchtigen. Beeinträchtigt wird die Fähigkeit gerade der theologisch wenig gebildeten Gottesdienstteilnehmer und insbesondere auch der Kinder, in der Ordnung der Form der Hilfen zum Verständnis des Inhaltes zu finden.

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