Summorum Pontificum.de

Dom Guéranger (1805 - 1875) zu früheren Reformen in der Liturgie

17. Juni 2024

1 - Liturgie

Porträt als modernere Umzeichnung einer zeitgenössischen Photographie.

Prosper-Louis-Pascal Guéranger

„Das Kirchenjahr“ (Bd. 11, S. 69 – 71) von Dom Guéranger enthält im Kapitel zum 4. Sonntag nach Pfingsten und damit an einer Stelle, wo wir derlei nicht gesucht hätten, einen bemerkenswerten Rückblick auf ein früheres Stadium liturgischer Reformen. Dabei zeigt sich, daß es in dieser Zeit – konkret geht es im Beispiel um die 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts – offenbar ein höher entwickeltes Verständnis für das Verhältnis von Reform und Kontinuität gab, als es die Brutalreformer der Reformkommission von Paul VI. besaßen.

Zur in der Tat bis heute nicht unproblematischen Gestaltung des rechten Verhältnisses von Sonntagen zu Heiligenfesten schreibt Guéranger hier:

Es begint ein Zitat So wichtig erachtete man die sonntägliche Liturgie, welche bestimmt ist, jede Woche so große Erinnerungen (an die Auferstehung und das Erlösungswerk Christi) wach zu halten, daß die Päpste sich lange sträubten, im Kalender Heiligenfest mit einem höheren Range als semi-duplex zu bekleiden.Das ist nämlich der Rang des Sonntags und dessen unbestreitbare Rechte wurden damit gewahrt.Erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wich man von dieser strengen Regel ab, und das hatte seine guten Gründe. Man war nämlich in die Notwendigkeit versetzt, wirksamer als seither den Angriffen zu begegnen, welche seitens der Protestanten und der ihnen nahestehenden Jansenisten auf die Verehrung der Heiligen gemacht wurden. Da mußte man den Gläubigen vor das Auge führen, daß die den Dienern gezollte Ehre der Herrlichkeit des Herrn nichts benimmt.

Denn die Verehrung der Heiligen, der Glieder Christi, ist nur eine Folge und Weiterentwickelung derjenigen Verehrung, die man Christus ihrem Haupt schuldet. Man betrachte doch die Sache, wie sie ist. Wir verehren die Heiligen, weil sie Freunde und Nachahmer Christi sind; wenn aber schon die Freundschaft und Nachahmung ein Grund so hoher Verehrung ist, so ist doch damit zugleich der höchste Grad der Ehre demjenigen erwiesen, dessen Freund und Nachahmer sie sind. Darum ist jede Verehrung der Heiligen zugleich eine Verehrung Christi und die Kirche, seine Braut, konnte sich nicht schweigend gegenüber den engen Gesichtspunkten der Neuerer verhalten, welche ja schließlich das Dogma der Menschwerdung verstümmelt hätten, indem sie die damit verbundenen Folgerungen wegschnitten.

Man muß aus alledem erkennen, daß nicht ohne besonderen Einfluß des Heiligen Geistes der apostolische Stuhl von dieser Zeit ab einwilligte, verschiedene alte und neue Feste als duplex zu erklären; um die feierliche Verwerfung der neuen Häretiker zu stützen, schien es in der Tat angezeigt, auch an Sonntagen welche ganz besonders für die feierlichen Kundgebungen des katholischen Glaubens und für die großen Versammlungen der christlichen Familie vorbehalten sind, in minder seltenen Fällen die Heiligen und deren Tugenden zu feiern. Die sonntägliche Liturgie wurde übrigens keineswegs an den Tagen, an welchen sie einem Heiligenfeste weichen mußte. Vollständig über Bord gesetzt. Mag auch der Festtag, welcher auf einen Sonntag fällt, noch so hoch sein, die Gebete werden in Form der Commemoration oder Erwähnung beigefügt, und ebenso wird das Sonntagsevangelium gelesen, welches an solchen Sonntagen an die Stelle des Evangeliums aus Johannes, des sog. Letzten Evangeliums, tritt. Wir erinnern noch weiter daran, daß nächst der Beiwohnung der heiligen Messe und der kanonischen Horen, die Betrachtung der in den sonntäglichen Episteln und Evangelien enthaltenen Lehren und berichteten Thatsachen mit zu denjenigen frommen Handlungen gehört, welche uns die Kirche zur Heiligung des Sonntags am dringendsten anempfiehlt.Ende des Zitats

Soweit Guéranger. In den über anderthalb Jahrhunderten, die seit Abfassung seines Werkes vergangen sind, hat sich gezeigt, daß die Rangerhöhung vieler Heiligenfeste nicht ohne unerwünschte Nebenwirkungen geblieben ist. Sie wurde daher in neuen Reformen weitgehend rückgängig gemacht – nicht ohne dabei in Übertreibung in der anderen Richtung zu verfallen. Das seit über tausend Jahren erprobte und zumeist glücklich angewandte Instrument der Kommemoration wurde im Geist der von der Moderne angeblich geforderten Einfachheit und Gradlinigkeit praktisch ganz „abgeschafft“. Auf diese und andere von Guéranger nur am Rande berührte Punkte wird bei Gelegenheit noch näher einzugehen sein.

*