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Die Dreifaltigkeitsikone des hl. Andrej Rubljow kehrt zurück

28. Juni 2024

3 Tradition, Kultur, Kunst

Prozession zur feierlichen Einholung der Ikone im Dreifaltigkeitsklostr von Posad. Das Tragegestell mit der Ikone wird von Weihrauch-fässern schwingenden Mönchen und viel Publikum begleitet.
Prozession zur feierlichen Einholung der Ikone

Am vergangenen Sonntag (23. Juni) war für die orthodoxen Kirchen des Ostens das „Fest der allerheiligsten Dreifaltigkeit“, das eng mit dem eigent­lichen Pfingstfest (50 Tage nach Ostern, also stets am folgenden Montag) verbunden ist. Ein ganz besonde­res Dreifaltigkeitsfest war dieser Sonntag für das Dreifaltigkeitskloster von Posad (70 km nordöstlich von Moskau) in dessen Auftrag der Malermönch Andrej Rubljow im frühen 15. Jahrhundert die berühmte Dreifaltigkeitsikone mit den drei „Engeln“ gemalt (in der Orthodoxie sagt man: „geschrieben“) Dort bildete das theologisch ebenso eingängige wie komplexe Kunstwerk bald den Hauptanziehungs­punkt für Gläubige aus nah und fern und aus allen Ständen des Landes. Bis 1918 die Bolschewiki den Kloster­komplex verstaatlichten, seine Räumlichkeiten einer „vernünftigen“ Nutzung für Wohnungen und Produktionsstätten zuführten und seine Kunstschätze teils in Museen verbrachten und teils verkauften. Die Rubljow-Ikone kam 1927 in die Tretjakov-Galerie in Moskau. Dort blieb sie auch über den Zusammenbruch der Sowjetunion hinaus und tatsächlich bis 2023.

1946 wurde ein Teil der Gebäude der Kirche, die sich im Abwehrkampf gegen die deutschen Invasoren bedeutende Verdienste erworben hatte, zurückgegeben. Gottes­dienst­licher „Betrieb“, wie man damals sagte, war jedoch nur sehr eingeschränkt möglich. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erhielt die Kirche den ganzen Klosterkomplex und auch einen Teil der Kunstschätze zurück – die Rubljow-Ikone blieb allerdings in der Moskauer Tretjakov-Galerie.

Das Photo zeigt links Patriarch Kyrill bei seiner Ansprache, rechts die provisorisch vor der Ikonostase aufgestellte Ikone
Patriarch Kyrill bei der Dankesrede

Gegen den Widerstand der Museumsleute und der internationalen Kulturschickeria unterstützte jedoch Präsident Putin seit Beginn der 2020er-Jahre die Restitutionsforderungen des Dreifaltigkeitsklosters, und vor einem Jahr wurde der Beschluß zur Rückgabe offiziell verkündet. Nachdem die Ikone dann in Moskau noch einmal eingehend restauriert worden und in Posad die Voraussetzungen für eine auch konservatorisch zufriedenstellende Aufstellung geschaffen worden waren, konnte die Ikone am vergangen Sonntag, dem Hochfest der Allerheilgsten Dreifaltigkeit, wieder an den Ort ihrer Entstehung zurückkehren, wo sie von Patriarch Kyrill und den Mönchen des Klosters in feierlicher Prozession empfangen und heimgeführt wurde.

Archimandrit Gabriel Bunge – in Köln als Katholik geboren und später zur Orthodoxie konvertiert – hat eines seiner zahlreichen Bücher ganz der Geschichte, der Theologie und der Ästhetik der Dreifaltigkeitsikone gewidmet. Wir bringen daraus einen Abschnitt, der besonders geeignet erscheint, dem westlichen Leser einen Begriff von der engen Einbindung der Ikonen in Lehre und Theologie der orthodoxen Kirchen zu vermitteln:

Es begint ein Zitat
Das Photo zeigt links Patriarch Kyrill bei seiner Ansprache, rechts die provisorisch vor der Ikonostase aufgestellte Ikone
Der Bucheinband

Die vornehmste Aufgabe des Ikonenmalers besteht nicht darin, originell Neues und nie Gesehenes zu schaffen, das den Beschauer verblüfft und nur zu oft ratlos läßt. Neue ikonographische Typen, „ersterschienene Ikonen“, sind verhältnismäßig selten. Mit der kirchlichen Verkündung allgemein, der er ja auf seine Weise dient, teilt der Ikonenmaler die Aufgabe, das „herrliche anvertraute Gut zu bewahren (2 Tim 1, 14). Je treuer er dies in seiner Zeit und mit den Mitteln seiner Zeit tut, je selbstloser er die empfangene „Überlieferung festhält“ (1. Kor 11,2), je reiner er ihre „Sprache“ spricht, desto eher wird er, wie das Beispiel der großen Kirchenlehrer zeigt, paradoxerweise auch wirklich schöpferisch sein. Er wechselt nicht die „Sprache“, was ihn für seine eigene Zeit und vollends für die Nachwelt unverständlich machen würde, sondern er erschließt ihre noch ungeahnten Tiefen und fasst sie in Worte, um sie so auch anderen zugänglich zu machen.

In exemplarischer Weise läßt sich dies an der Troiza Rubljows, die daher auch im Unterschied zu so vielen künstlerisch erstrangigen Werken religiösen Inhalts, nichts von ihrer religiösen Aussagekraft verloren hat. Im Gegenteil, man hat den Eindruck, dass sie im Laufe der Jahrhunderte immer mehr zu „sagen“ hat. Und doch läßt sich fast jedes Detail auf ältere Vorlagen zurückführen. In diesem Sinn ist Rubljow also keineswegs „originell“.Seine Genialität besteht vielmehr darin, dass er, indem er die alte ikonographische Tradition seiner Kirche aufnimmt, zu einer Tiefe und Eindeutigkeit vordringt, die so bisher noch nie erreicht worden war – und von Späteren, selbst bei genauen „Abschriften“ auch nicht mehr erreicht werden sollte. Dies ist die Stelle, an der auch die Persönlichkeit des Malers selbst bleibend in sein Werk eingegangen ist.

Nicht von ungefähr heben nämlich die alten Quellen an dem Mönch Andrej vor allem seine große Demut hervor, die mehr noch als sein künstlerisches Genie nicht nur zur „Kanonisierung“ seiner Troiza auf dem Konzil von 1551, sondern auch zu seiner offiziellen Heiligsprechung in unseren Tagen geführt hat. Denn ohne eine abgrundtiefe Demut, ein vollständiges Vergehen aller weltlichen Ambitionen vor der Erhabenheit des Mysteriums, dem der Maler zu dienen hat, hätte Rubljow niemals seine Dreifaltigkeit malen können. (S. 132 f.) Ende des Zitats

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