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Kann der würdige Novus-Ordo die überlieferte Liturgie „ersetzen“?

02. Juli 2024

Kommentar und Kategorisierung

Porträtphoto des Bischofs in seiner Kathedrale

Bischof Knestout von Richmond

Während in Rom noch darüber gestritten wird, mit welchen Maßnahmen die Liturgie des Hl. Gregor (Papst von 590 – 604) am wirkungsvollsten aus dem Leben der Kirche verdrängt und zu welchem Tag ein entspre­chendes Dokument veröffentlicht werden soll, schafft die Administration des liturgischen Abbruchunternehmens „vor Ort“ unbeirrt Fakten. Nun hat auch der gegenüber der überlieferten Liturgie jedenfalls nicht feindlich eingestellte Bischof Knestout von Charlottesville die Feier der alten Messe in der ein­zi­gen ihr in seinem Amtsbereich verbliebenen Kirche des Heiligen Trösters untersagt, weil das von Rom gnädigst auf zwei Jahre verliehene Indult nicht erneuert worden ist und die vom Bischof in Rom erbetene Verlängerung bisher noch nicht gewährt wurde (Quelle). Würde sie es, wäre das eine große Überraschung, denn bisher sind alle derartigen Ansuchen von der Zentrale abschlägig beschieden worden.

Der Bischof hat daher – auch hierbei einer römischen Vorgabe folgend – angeordnet, in der Kirche des heiligen Trösters könne künftig die Messe nach den Büchern Pauls VI. (Papst von 1963 – 1978) „auf Latein und ad Dominum“ zelebriert werden. Einerseits eine überflüssige Anordnung, denn beides ist ohnehin eine zulässige Form des im übrigen reichlich formlosen Novus Ordo; andererseits insoweit sinnvoll, weil es überall und vermutlich auch in Charlottesville Flachköpfe gibt, die in dieser Form der Messfeier einen „Verrat an den Reformen des hochheiligsten Konzils“ und eine „Kampfansage gegen den geliebten Papst Franziskus“ erblicken und den so beschuldigten Priestern und ihren Gemeinden das Leben schwer machen.

Jedenfalls bietet Charlottesville wieder einmal Anlaß, darüber nachzudenken, ob und wie weit „auf Latein und ad Dominum“ einen Ersatz für die verbotene „alte Messe“ bieten kann. Einerseits schon: Natürlich ist eine Novus-Ordo-Zelebration (zumindest soweit sie im Geist des rechten Glaubens zelebriert wird) eine vollgültige hl. Messe, und die Formelemente „auf Latein“ und „ad Dominum“ erleichtern es dem Zelebranten, den Schludrigkeiten und offenkundige Mißbräuche zu vermeiden, die bei so vielen Novus-Ordo-Feiern die Frage provozieren, ob man hier wirklich einem gültigen Messopfer beiwohnt. Und es hat schon seinen Grund, daß die beiden nicht ans Wesen der Sache rührenden Formelemente im allgemeinen Bewußtsein von Kirchenvolk und Kirchenredakteuren geradezu die Kernelemente der neuen Liturgie darstellen.

Diese Ansicht kann aber nicht dazu verführen, die tiefgehenden inneren Unterschiede zwischen beiden Riten zu übersehen. Zwar hat sich Paul VI. seinerzeit noch die größte Mühe gegeben, das Vorhandensein solcher Unterschiede zu leugnen, und auch seine Nachfolger haben mit der These von der Hermeneutik der Kontinuität die realen Unterschiede klein zu reden gesucht Von daher kann man Franziskus geradezu dankbar sein, daß er klipp und klar erklärt hat, der „Novus Ordo“ sei die einzige korrekte Form des Gottesdienstes in der nachkonziliaren Kirche, und der veraltete und überholte „Vetus Ordo“ habe darin keinen Platz mehr.

Worin liegen aber nun die „tiefgehenden inneren Unterschiede“? Am deutlichsten zeigen sie sich – und dabei spielen Form und Inhalt perfekt zusammen – darin, daß die neue Messe nicht mehr erkennbar macht, daß hier ein geweihter Priester „in persona Christi“ das Erlösungsopfer von Golgatha gegenwärtig macht, sondern daß sie so tut, als habe sich die Gemeinde versammelt, um aus eigenem Tun und aus eigener Kraft heraus einen „Gottesdienst“ zu vollziehen, in den sich im Prinzip jeder Mensch guten Willens „ein­brin­gen“ könnte. Wir glauben doch alle an ein höheres Wesen, heiße es nun Allah oder Vishnu oder im Zeichen der Gleichberechtigung auch Pachamama. Unterscheidung trennt, aber wir sind alle eins.

Nun gut, der offene Pantheismus ist auch in „der Gegenwart gegenüber sehr aufge­schlossenen Gemeinden“ eher selten anzutreffen. Aber was das Spezifikum des christlichen Gottesdienstes ist oder in der Theorie sein sollte, bleibt dank zahlreicher glättender Eingriffe und Auslassungen in den Gebetstexten schwer erkennbar. Zumin­dest für den, der nicht sein von der Mitfeier der überlieferten Liturgie geformtes traditionelles Verständnis bereits quasi „von außen her“ mitbringt. Die oft nur noch einer geschäftigen Kulturveranstaltung ähnelnde „neue Messe“ hat sich dazu während der 60 Jahre ihres Bestehens immer weniger im Stande erwiesen, und damit ist immer mehr vom Kernbestand der in der Offenbarung empfangenen Christlichen Lehre aus dem Blick kommen oder ganz in Vergessenheit geraten. Sündenfall und Erlösung, Mensch­wer­dung und Kreuzesopfer, von Eucharistie ganz zu schweigen - alles Konzepte von gestern, die dem Menschen von heute nichts mehr sagen?

Nicht die Teilnehmer an der überlieferten Liturgie bedürfen der von Traditionis Custodes angemahnten intensiven Katechese, um sie auf den Stand der Verheutigung zu bringen – sondern die Nachkömmlinge des II. Vatikanums bedürfen der Neumissio­nie­rung, um sie wieder mit dem vertraut zu machen, was immer Substanz des Gottesdienstes der Kirche Christi war. In einer Kirche und unter einem Lehramt, das von dieser Substanz, von deren Tradition und zeitlos gültiger Vergangenheit geprägt ist, mag auch die Liturgie des Novus Ordo für die, die sich von seiner „zeitgenössischen“ Spiritualität angezogen fühlen, fruchtbar sein. Denen, die in der Theologie und Frömmigkeit der Tradition verwurzelt sind, bietet sie bestenfalls Magerkost. Zwangsweise verordnet von denen, die sich ganz von den Ankern der Vergangenheit befreien wollen, um ihren Weg in die glänzende menschengemachte und menschengerecht Zukunft zu gehen.

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