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Die Werkstatt des Zimmermanns als Werkstatt der Erlösung

12. Januar 2026

Von Chris Jackson

6 - Kirchenkrise

Der Ausschnitt aus dem Bild „Die Werkstatt des Zimmermanns“ von Millais zeigt eine auf den ersten Blick alltägliche Szene aus der Werkstatt de hier im besten Mannesalter dargestellten Joseph und seiner Familie. Eine Ausführliche Beschreibung und Deutung findet sich auf der zitierten Kommentar-Seite

Die Werkstatt des Zimmermanns als Werkstatt der Erlösung

Das hier nur im Ausschnitt gezeigte Bild von Joh Everett Millais aus dem Jahr 1850 eröffnet einen ungewohnt symbolreichen Blick auf die „Werkstatt des Zimmer­manns“ — hier in seiner vollständigen Fassung und mit einer ausführlichen Kommentierung.

Den nachstehenden Text von Chris Jackson zum gestrigen Fest der heiligen Familie haben wir aus seinem Substack „Hiareth in Exile“ übersetzt. Dort hat er die Überschrift: „Die Freude des Gerechten — Das Vaterhaus wiederfinden, auch wenn Rom fremd klingt.“

Der Vater des Gerechten wird jubeln.“ Die Kirche stellt diese Worte wie eine Leuchte an die Schwelle der Messe. Die Heilige Schrift beginnt dort, wo Gott beginnt: mit der Vaterschaft, mit der Ordnung, mit dem empfangenen und weitergegebenen Leben, mit der Freude, die aufsteigt, wenn Heiligkeit in einem Haus aufscheint wie ein neues Feuer im Herzen.

Dann antwortet der Psalm: „Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr der Heerscharen!“ Das Herz sehnt sich nach den Vorhöfen des Herrn. Nicht nach einer Bühne, nicht nach einem Versammlungssaal, nicht nach einem Hörsaal mit Kirchenliedern. Nach den Vor­höfen des Herrn. Nach dem Haus, in dem Gott als Gott geachtet wird, in dem die Seele ihren Platz kennt, in dem der Himmel der Erde nahe ist.

Viele empfinden heute eine seltsame Unzufriedenheit: Katholiken, die nie nach Neuem strebten, nie darum baten, Liturgiekritiker zu werden, nie vorhatten, ihr Leben mit der Analyse bischöflicher Erlasse zu verbringen. Sie wollten die Wohnung des Herrn. Sie wollten die Vorhöfe des Herrn. Sie sehnten sich nach der Atmosphäre der Ehrfurcht, nach der lehrreichen Stille, nach dem Altar, der sich seiner Existenz nicht entschuldigt. Zu oft bekommen sie etwas anderes geboten: eine Religion der Administration, der Insze­nierung, der Sprachregelungen, der ständigen „pastoralen“ Anpassung.

Der Introitus ist ein erster Akt des Widerstands. Kein Protestschild, kein Wutanfall, keine Selbstinszenierung in den sozialen Medien. Eine Sehnsucht nach der Wohnstätte Gottes, die sich nicht beschämen lässt. Eine Sehnsucht, die mit der unbeugsamen Einfachheit der Liebe zum Haus des Vaters zurückkehrt.

Das Tagesgebet

„O Herr Jesus Christus … als Untertan von Maria und Josef, heiligte das Familienleben mit unauslotbaren Tugenden.“ Das Gebet verklärt Nazareth nicht. Es heiligt den Gehor­sam. Der Sohn Gottes, die ungeschaffene Weisheit, die von einer Mutter das Sprechen, vom Zimmermann das Arbeiten, vom Verborgenen zu leben und ohne Minderwertigkeit zu gehorchen lernt.

Dies ist bereits ein Urteil über den Zeitgeist, über den Geist, der in das Heiligtum ein­gedrungen ist. Die moderne Krankheit beginnt mit Ungeduld gegenüber Autorität und endet mit der Erfindung von Scheinautoritäten. Sie verachtet Väter und verehrt dann die Bürokratie. Sie verspottet Gehorsam und fordert dann die Befolgung von Parolen. Sie lehnt Hierarchie ab und krönt dann Manager.

Nazareth stellt sich all dem entgegen. Die Heilige Familie stellt die Grammatik der Wirk­lichkeit wieder her: Gott, dann Vaterschaft und Mutterschaft, dann Kinder, dann die stille Arbeit täglicher Treue. Das Tagesgebet bittet um mehr als nur um Familienwerte. Es bittet um ein von Christus selbst geheiligtes Familienleben, dann um die Gnade, diesem Beispiel zu folgen, und schließlich um die ewige Gemeinschaft mit ihnen.

Die Hoffnung ist hier klar. Gott heilt die Kirche nicht durch Öffentlichkeitsarbeit. Gott heilt die Kirche durch Heilige. Er heilt die Kirche durch Familien, die „in Frieden und Gnade“ gegründet sind, in denen Glaube gelebt wird, in denen Kinder Ehrfurcht lernen, bevor sie Sarkasmus lernen, in denen die Frömmigkeit eines Vaters zum Schutz wird, in denen das Gebet einer Mutter zur Mauer wird.

Die Lesung

Der heilige Paulus ermahnt die Kolosser, Barmherzigkeit, Güte, Demut, Sanftmut und Geduld anzulegen. Das ist keine Nachgiebigkeit. Es ist eine Rüstung. Es ist Kleidung für das Exil.

In einer Zeit, in der Katholiken von Verwirrung geplagt, zur Bitterkeit und zu vernich­ten­dem Misstrauen verleitet werden und in dauerhaftem Ekel versinken wollen, zeigt der Apostel einen Weg auf, rein zu bleiben. Er verlangt keine Naivität. Er gebietet Näch­sten­lie­be. „Vor allem aber habt die Liebe, die das Band der Vollkommenheit ist.“ Nächsten­lie­be verbindet nicht, indem sie das Böse als gut darstellt, nicht, indem sie Gift als „seel­sor­gerische Begleitung“ bezeichnet, nicht, indem sie Schändung billigt. Die Nächstenliebe verbindet, indem sie nicht den Hass die geistige Atmosphäre bestimmen lässt.

Dann fügt Paulus zwei Zeilen hinzu, die wie für unsere Zeit geschrieben scheinen: „Lasst das Wort Christi reichlich in euch wohnen.“ Nicht nur oberflächlich. Nicht in Form von Parolen. Nicht als dekoratives Zitat über der neuesten Initiative im Pfarrblatt. Sondern in Fülle. Und weiter: „Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit … und singt Gott in euren Herzen.“

So übersteht die Kirche den Sturm: Das Wort Christi lebt reich in den Seelen, Gläubige lehren einander in Küche und Wohnzimmer, die katholische Erinnerung wird in Hym­nen und Psalmen bewahrt, Kinder nehmen den Glauben als etwas Bedeutungsvolles und Heilsames auf. Wenn öffentliche Strukturen wanken, wenn Hirten in Rätseln sprechen, wenn offizielle Stimmen allergisch gegen Klarheit werden, bewahrt der Herr sein Volk durch das reichliche Innewohnen seines Wortes.

Graduale und Halleluja

„Eines bitte ich vom Herrn, das suche ich: im Hause des Herrn zu wohnen alle Tage mei­nes Lebens.“ Das ist keine Flucht, sondern eine Priorität.

Dann unterbricht Jesaja mit einem Geheimnis: „Wahrlich, du bist ein verborgener Gott.“ Viele lesen diese Zeile als Erklärung für Gottes Schweigen. Doch sie ist fordernder. Gott ist verborgen, also muss Gott gesucht werden. Gott ist verborgen, also muss Gott ohne ständigen Trost angebetet werden. Gott ist verborgen, also wird der Glaube reiner, weil er sich um seiner selbst willen an ihn klammert.

Einen verborgenen Gott versucht die gegenwärtige Krise immer wieder auszulöschen. Der nachkonziliare Instinkt strebt nach Sichtbarkeit, nach Gerede, nach ständiger Erklä­rung. Er betrachtet Schweigen als Versagen. Er betrachtet Geheimnis als Problem. Er betrachtet Ehrfurcht als „Distanz“. Er behandelt den Altarraum wie einen Arbeitsplatz, der Transparenz braucht wie im Großraumbüro.

Das Halleluja widerspricht diesem Bedürfnis. Der verborgene Gott rettet. Der verborgene Gott heiligt. Der verborgene Gott zieht die Gläubigen in tiefere Liebe, indem er sich nicht berühren lässt.

Hier liegt Hoffnung für jeden Katholiken, der sich im Chaos der Neuerungen verloren fühlt. Gott bleibt Gott. Er bleibt verborgen und doch gegenwärtig. Er bleibt gegenwärtig und doch allmächtig. Er bleibt allmächtig und doch treu.

Das Evangelium

Der Jesusknabe bleibt in Jerusalem. Maria und Josef wissen nichts von ihm. Sie suchen unter Verwandten und Bekannten. Sie können ihn nicht finden. Sie kehren zurück. Sie suchen weiter. Nach drei Tagen finden sie ihn im Tempel, „sitzend inmitten der Schrift­gelehrten“. Dies ist eine der schmerzlichsten Szenen im Evangelium und zugleich eine der tröstlichsten. Der Schmerz ist heilig. Selbst die sündenlose Mutter spürt die Sehnsucht. Selbst der gerechte Josef erträgt die Hilflosigkeit. Der Trost ist umso stärker. Das Kind ist im Haus seines Vaters gefunden. Der Tempel hält ihn weiterhin fest, selbst wenn sich die ihm Nahestehenden verloren fühlen.

Jeder Katholik, der in den letzten Jahrzehnten das Gefühl hatte, die Kirche habe Jesus „verloren“, kennt etwas von dieser Stelle. Der Tabernakel wurde an die Seite gerückt. Die Liturgie wurde zur Bühne missbraucht. Die Predigt entleert sich ihrer Lehre. Der Glaube reduziert sich auf sozialen Aktivismus mit Kerzen. Das Heiligtum wurde zum Gemein­de­raum umfunktioniert. Der Tonfall der Kirche kippt von Anbetung zu Therapie.

Das Evangelium zeigt die Lösung. Kehrt nach Jerusalem zurück. Kehrt zum Tempel zu­rück. Kehrt zum Werk des Vaters zurück. Sucht Christus nicht nur in der Karawane der populären katholischen Kultur, in der Vertrautheit mit „unbedenklichen“ religiösen Reden, im Geschwätz respektabler Kompromisse. Sucht ihn dort, wo er zu sein verheißen hat: im Opfer, in der Lehre, die von ihm kommt, im Haus, das für seine Anbetung erbaut ist.

Dann folgt ein Satz, der jeden modernen Revolutionär, der von „Befreiung“ von der Tra­dition spricht, zum Schweigen bringen sollte: „Er ging mit ihnen hinab … und war ihnen untertan.“ Der Gottmensch unterwirft sich. Der ewige Sohn nimmt den Gehorsam an. Die Kirche kann nicht durch Rebellion gegen das, was Gott geheiligt hat, erneuert wer­den. Erneuerung geschieht durch die Rückkehr zu der Ordnung, die Christus liebte. Maria „bewahre all dies sorgsam in ihrem Herzen“. Sie veröffentlicht kein Manifest. Sie inszeniert keinen Aufschrei. Sie bewahrt das Geheimnis, vertraut dann dem Willen des Vaters und fährt fort. Auch das ist eine Lehre für unsere Zeit: Klarheit ohne Hysterie, Treue ohne die Sucht nach öffentlichem Beifall und Ausdauer ohne Kapitulation.

Offertorium und Sekret

„Die Eltern Jesu brachten ihn nach Jerusalem, um ihn dem Herrn darzubringen.“ Das ist die Haltung des katholischen Lebens: Darbringung, Opfergabe, Hingabe. Eltern bringen ihre Kinder zu Gott. Familien werden unter den Himmel gestellt. Glaube ist kein Hobby. Glaube beansprucht das ganze Haus.

Dann fordert das Geheimnis etwas in seiner Einfachheit fast Schockierendes: „Stärke unsere Familien in deinem Frieden und deiner Gnade.“ Nicht unsere Komitees. Nicht unsere Programme. Nicht unseren Ruf. Stärke unsere Familien.

In einer Zeit, in der die kirchliche Führung oft geschickter im Verfassen von Erklärungen als in der Rettung von Seelen zu sein scheint, lenkt die Messe die Gläubigen zurück zur häuslichen Front. Dein Zuhause kann zu einem kleinen Nazareth werden. Deine Gebete können zu einem stillen Widerstand werden. Deine Ehrfurcht kann ein Same werden. Deine Treue kann zum Rettungsanker für deine Kinder und später für andere werden. Die Gnade ist weiterhin verfügbar. Die Kirche ist nicht verwaist. Die Mutter Gottes tritt weiterhin für uns ein. Der heilige Josef beschützt uns weiterhin. Christus regiert weiterhin. Das Opfer fleht weiterhin zum Herrn.

Communio und Postcommunio

„Jesus … war ihnen untertan.“ In der Kommunion empfangen die Gläubigen den gehor­samen Christus. Er tritt in die Seele ein, nicht als Muttersymbol oder als Beiwerk der eigenen „Spiritualität“. Er tritt ein als Herr, dann als der Sohn, der den Gehorsam gehei­ligt hat.

Die Postcommunio wagt es, mit Gelassenheit vom Tod zu sprechen. „In der Stunde unse­res Todes, wenn uns die glorreiche Jungfrau Maria und der heilige Josef willkommen heißen …“ Die Messe bietet nicht das moderne Versprechen endloser Besserung. Sie bie­tet das christliche Versprechen der Beharrlichkeit, dann eines guten Todes, dann der ewigen Heimat.

Dies ist die letzte Hoffnung für die von der langen Krise erschütterten Katholiken: Das Ende ist nicht Verwirrung oder Kompromiss. Das Ende ist keine Kirche, die zu einer NGO mit P umgestaltet wurde. Das Ende ist die ewige Heimat, wo Maria und Josef die Gläubigen willkommen heißen, wo Christus ohne Rivalen herrscht, wo die Wohnstätte des Herrn nicht länger von Moden bedroht wird.

Fasst also Mut. Sucht das Haus des Vaters. Verkündet das Wort Christi in Fülle. Errichtet ein Nazareth in eurem Haus. Liebt den verborgenen Gott. Haltet an der Messe fest, die Heilige macht. Und wenn die Karawane laut und fremd wird, kehrt nach Jerusalem zurück und sucht erneut. Christus wird im Wirken seines Vaters zu finden sein. Er hat nie aufgehört.

Noch einmal der Link zum Original auf Chris Jacksons Substack.

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