Pius Parsch zum Beginn der Fastenzeit
18. Februar 2026 - Aschermittwoch
Auflegung der Asche am Aschermittwoch
Es ist ein vielgeübter Grundsatz in der Liturgie, den Festgedanken allmählich zu steigern. Wir sahen dies so klar im Advent,; die Kirche zeigte uns den kommenden Herrn immer deutlicher, bis er im königlichen Glanze vor uns stand.Etwas ähnliches ist auch in der Vorbereitungszeit auf Ostern zu sehen; sie steigt in drei Stufen empor, von denen jede wieder innerlich fortschreitet.
1. Stufe: Die Vorfasten, eine Einladungszeit. Die Kirche will uns einladen, die große Zeit der Umkehr gut zu benützen. … Äußerlich ist es eine Zeit „das Jahr hindurch“ (tempus per annum), doch es fehlt das Alleluja.
2. Stufe: Die Quadragesima, die Fastenzeit, diese beginnt im Meßbuch mit dem Aschermittwoch, im Stundengebet mit dem ersten Fastensonntag (von da setzt erst das Ordinarium der Fastenzeit ein) und schließt mit dem Samstag nach dem vierten Fastensonntag. Wir können sie kurz charakterisieren mit den Worten der Präfation: „Durch das Leibesfasten drückst Du die Sünden nieder, erhebst den Geist, gibst Tugend und Lohn.“ Also eine Zeit der Seelenerneuerung. Der tiefere liturgische Gehalt der Zeit aber ist der Geisterkampf, Kampf zwischen Licht und Finsternis. In diesem Kampf unterscheiden wir zwei Phasen, eine Defensive und eine Offensive; in den ersten zwei Wochen sehen wir Christus und die Kirche mehr in der Verteidigung, in den folgenden zwei Wochen gehen sie zum Angriff vor. Für diese zwei Phasen sind typisch die Evangelien des ersten und des dritten Fastensonntags: am ersten wird Christus vom Teufel angegriffen, der Herr schlägt ihn ab (Versuchung), am dritten ist Christus der Angreifer; er, der Stärkere, besiegt den Starken. Auch auf dem Felde unserer Seele muß es aus der Verteidigung zum Angriff auf den Feind kommen.
3. Stufe; die Passionszeit. Diese ist ausschließlich dem Leidengedächtnis Christi geweiht. Schon mit dem Montag nach dem vierten Fastensonntag beginnt die Liturgie vom Leiden des Herrn zu singen und zu sagen. Nun wird Johannes unser Führer im Evangelium, er erzählt uns täglich eine Phase aus der seelischen Leidensgeschichte des Herrn. In den Gesängen hören wir Klagen aus dem Munde Christi.Doch mit dem Passionssonntag tritt die Liturgie aus ihrer Zurückhaltung heraus; nun spricht sie offen vom Leiden des Herrn.
Nun gilt es, in den Geist der Fastenzeit einzudringen. Durch die dreiteilige Vorhalle der Vorfasten hindurch treten wir in das Heiligtum der Quadragese; was will sie? Was will sie uns geben? Göttliches Leben, das ist ja Kern und Stern der christlichen Frömmigkeit. Göttliches Leben, wie es von Christus im harten Kampfe mit der Finsternis(in seinem Leiden) der Welt erworben wurde, wie es in der Taufe mitgeteilt wird, und wie es in der zweiten Taufe(der Buße) wieder erneuert wird. Damit haben wir kurz den Hauptinhalt der Fastenzeit ausgesprochen: Leiden Christi – Taufe – Buße.
Schon nach Weihnachten und in den Sonntagen nach Erscheinung hat die Kirche das Leidensmotiv anklingen lassen; in der Vorfastenzeit schwillt es an, und nun wird es das herrschende. Christus, der göttliche Held, tritt in den Kampf mit dem Fürsten der Finsternis. In der ersten Hälfte der Fastenzeit steht das Leidensmotiv im Vordergrund, und in der Karwoche erreicht es den Höhepunkt. Doch beachten wir wohl, ebenso wie im Weihnachtskreis sind wir nicht bloß teilnehmende Zuschauer des gewaltigen Ringens zwischen Licht und Finsternis; der Kampf spielt sich im Herzen eines jeden von uns ab: in der Seele ringt Christus mit dem Teufel, oder besser als Glieder des mystischen Christus nehmen wir an diesem Kampfe teil. Wir müssen an Ostern mit unserem Haupte als Sieger das Alleluja singen dürfe; doch der Sieg ist nicht anders als durch Sterben und Gekreuzigtwerden des natürlichen Menschen zu erringen.So leben wir denn in der Fastenzeit die Passion des Herrn mit; mit Christus sterben wir als Täuflinge, mit Christus sterben wir als Büßer, mit Christus sterben wir als seine Jünger, um mit Christus an Ostern als neue Menschen aufzuerstehen.Das Leiden Christi ist also nicht bloß höchstes Motiv der Lebenserneuerung, es wird vielmehr ganz im paulinischen Sinne in unser Leben aufgenommen, das Teilnahme an seinem Sterben werden muß.
Die Fastenzeit ist der Frühling des Kirchenjahres; aus dem sterbenden göttlichen Weizenkorn soll eine köstliche neue Saat hervorgehen, das sind die Täuflinge. Die Quadragese ist die Vorbereitungszeit auf die Taufe. In der alten Kirche wurde die Taufe den Erwachsenen gespendet; nach einer oft jahrelangen entfernteren Vorbereitung wurden die Katechumenen zu Beginn der Fastenzeit in die Zahl der Taufbewerber (Kompetenten) aufgenommen und in dem fast täglichen Gottesdienst (in der Vormesse) unterrichtet, außerdem wurden an ihnen Beschwörungen (Exorzismen) und andere Bußübungen vorgenommen; die älteren Messen der Fastenzeit stammen aus jener Zeit und haben vielfach die Taufbewerber vor Augen. Daraus erklärt sich der zuversichtliche, oft freudige Ton der Messen; das Taufmotiv erhebt sich vielfach zum jubelnden Ostermotiv. Die Taufvorbereitung hat gewiß auch ernste Seiten: das Sterben des alten Menschen; doch ebenso freudige: den Mutterstolz der Kirche, die Verklärung, den kommenden Osterjubel. Dies ist zum Verständnis der Liturgie dieser Zeit von großer Wichtigkeit; nicht der ernste Bußgedanke, sondern der freudige Taufgedanke ist die älter Schicht der Texte.
Pius Parsch, Das Jahr des Heils, Klosterneuburg 1934, Bd II, S. 62 – 64. (wird fortgesetzt)
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Pius Parsch trifft in einigen Bereichen der Tradition auf Vorbehalte: In seinen Werken finden sich immer wieder Motive, die später von den Verderbern der liturgischen Bewegung und von den Radikalreformen der Nachkonzilszeit aufgenommen und mißbraucht worden sind. Bei Parsch selbst stehen sie, soweit wir das sehen, immer in einem orthodoxen Kontext und bleiben diesem Kontext treu. Ein gutes Beispiel bieten in dem hier wiedergegebenen Abschnitt die Ausführungen zur Teilnahme der Gläubigen an dem in der Liturgie widergespiegelten Leiden des Herrn in der Heilsgeschichte – das ist meilenweit entfernt von der späteren Entstellung des Teilnahme-Motivs in der „participatio actuosa“ der Liturgiereformer.
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