Vom Leben und Nachleben des hl. Thomas Becket, Erzbischof von Canterbury und Märtyrer
21. Februar 2026
Die Ermordung des hl. Thomas vor dem Altar
Am 21. Februar des Jahres 1173 verkündete Papst Alexander III. die Heiligsprechung des vormaligen englischen Reichskanzlers (seit 1157) und Erzbischofs von Canterbury (seit 1162) Thomas Becket, der gerade einmal zwei Jahre zuvor (am 29. Dezember 1170) von Gefolgsleuten König Heinrichs II. umgebracht worden war. Heinrich und Thomas waren ursprünglich politisch und persönlich eng befreundet – doch nachdem Thomas von Heinrich zum „Reichsbischof“ von Canterbury eingesetzt worden war, widersetzte er sich den Absichten des Königs, die Kirche Englands weitgehend von Rom zu lösen und der englischen Krone zu unterwerfen: Eine Parallele zum gerade beendeten „Investiturstreit“ des deutsch-römischen Kaisers, ein Vorläufer des nach dem österreichisch-deutschen Kaisers Joseph II. benannten und auf die Errichtung eines weitgehend säkularen Staatskirchentums gerichteten „Josephinismus“ im 19 Jahrhundert – und wenn man genau hinschaut, auch Urahn des Synodalen Weges der deutschen Neukatholiken im 21. Jahrhundert.
Der Machtanspruch des englischen Königs über die Kirche scheiterte im 12. Jahrhundert an der Entschiedenheit von Erzbischof Thomas und wurde erst 5 Jahrhunderte später durchgesetzt, als nach dem Zusammenbruch der Revolution Oliver Cromwells das restaurierte Königtum – durchaus auf der Grundlage der von Cromwell ererbten revolutionären Errungenschaften – seine staatskirchliche Ordnung errichtete. Vieles spricht dafür, daß der durch und durch „politische“ Papst Alexander III. die historische Bedeutung des Konfliktes in England sofort erkannte und die ungewöhnlich schnell erfolgende Heiligsprechung auch als Mittel dafür nutzte, die Stellung des englischen Königtums auf Dauer zu schwächen – und die der Kirche ebenso dauerhaft zu stärken. Jedenfalls gilt Thomas Becket seitdem als Symbolfigur des ewigen Machtkampfes zwischen staatlicher/säkularer und kirchlicher/moralischer Autorität. In dieser Funktion gewann Becket um die Mitte des von Faschismus, Krieg und Kriegsfolgen geprägten vergangenen Jahrhundert verstärkte Aktualität, als nicht nur christlich geprägte, sondern auch säkulare Denker und Künstler (am bekanntesten T.S. Eliot und Jean Anouilh) sein Leben und seinen Tod zum Gegenstand ihrer Werke machten.
Das Hymnarium gedenkt heute des Tages der Heiligsprechung Beckets mit einer von René Strasser übersetzten lateinischen Hymne und einer Miszelle über ein dem Leben des Heiligen gewidmetes Fenster in der Kathedrale von Sens. Dem entstammt auch unser oben gezeigtes Bild. Der Hymnus und das Bilderprogramm der im Fenster dargebotenen Becket-Biographie haben gemeinsam, daß der anscheinend für Papst Alexander III und die spätere Geschichtsschreibung so wichtige Gesichtspunkt des Machtkampfes zwischen König und Kirche sich in der Perspektive frommer Mönche und Künstler kaum widerspiegelt. Die Hymne nennt ihn überhaupt nicht oder spielt nur sehr vermittelt darauf an. Sie hebt die Frömmigkeit, und den Mut des Heiligen hervor und betont, daß sein Grab wegen der vielen auf ihn zurückgeführten Wundertaten zu einem Anziehungspunkt für Bedürftige jeder Art geworden ist: „Blinde, Taube, Hinkende, Stumme / eilen froh, die Wohltaten / des Thomas zu erlangen.“.
Das Glasfenster von Sens ist immerhin insoweit nähe an der Biographie, als eines seiner Felder die Mordszene vor dem Altar darstellt – freilich ohne jeden Hinweis auf den politischen Zusammenhang. Im übrigen zeigen die Felder Szenen, die man so oder sehr ähnlich in der Lebensgeschichte jedes heiligen Bischofs der Epoche finden und darstellen könnte: Bei der Einweihung einer Kirche, als reisender Visitator, als Spender der Firmung, als Zelebrant einer Messe, als Prediger… König Heinrich II erscheint nur in einem einzigen Feld, dessen Thema die von Ludwig VI von Frankreich vermittelte zerbrechliche Versöhnung zwischen Bischof und König ist. Das unterscheidet eben die frommen Dichter und Glaskünstler des Mittelalters von den modernen Bearbeitern des Themas in der Gegenwart und vielleicht auch von der Politiker-Perspektive von Papst Alexander III. : Sie sehen die Dinge „sub specie aeternitatis“.
*
Zur Seite mit dem Hymnus auf S. Thomas von Canterbury deutsch und lateinisch.
Zur Bilderseite mit den Photos des Becket-Fensters der Kathedrale von Sens.
*