Ohne gute Kenntnis von Liturgie und Ritus schlechte Berufsaussichten
11. März 2026
Titelillustration einer englischen Ausgabe
Wir leben in apokalyptischen Zeiten, darüber sind sich fast alle einig, und Bücher oder Filme zum Thema haben große Konjunktur. An der Spitze der einschlägigen Bestsellerliste steht wohl nach wie vor „The Lord of the World“ – im Deutschen in zum Teil gekürzten Übersetzungen als „Der Herr der Welt“ erschienen – von Robert Hugh Benson (1871 – 1914). Benson war der Sohn des anglikanischen Priesters und späteren Erzbischofs von Canterbury, Edward White Benson, der ihn 1895 nach Abschluß seiner Studien (Theologie und Altphilologie) selbst die (anglikanische) Priesterweihe erteilte. Nach einer längeren Zeit der Annäherung konvertierte Robert H. Benson 1903 zur katholischen Kirche. Er absolvierte ein kurzes Aufbaustudium und empfing dann im folgenden Jahr in Rom die katholische Priesterweihe, die Ex-Anglikanern damals noch nicht „sub conditione“ sondern als die einzige wahre und wirkliche Priesterweihe erteilt wurde. Als ehemaliger Anglikaner wurde er nicht in der regulären Pfarrseelsorge eingesetzt, sondern übernahm außerordentliche Aufgaben im Bereich der Volksmission und der Erwachsenenbildung. In diesen Jahren nach der Priesterweihe entstand auch ein umfangreiches literarisches Werk, von dem neben dem „Herrn der Welt“ (1907) heute noch vor allem die „Bekenntnisse eines Konvertiten“ (1913) bekannt sind.
Titelfigur von Herr der Welt ist der amerikanische Politiker Julian Felsenburgh, der aus obskuren Anfängen dank seines Charismas, seiner Redekunst und seiner faszinierenden Persönlichkeit in wenigen Jahren zum Präsidenten der USA aufsteigt; in dieser Eigenschaft die seit Jahrzehnten globalen Weltkriege beendet und schließlich als Weltpräsident ein neues Zeitalter der allumfassenden Mitmenschlichkeit und Brüderlichkeit einleitet. Wegen dieses schnellen Aufstiegs aus der Bedeutungslosigkeit und seiner von vielen als geradezu hypnotisch empfundenen Persönlichkeit wurde seinerzeit Barack Hussein Obama des öfteren mit der Romanfigur verglichen. Neuerdings teilt diese zweifelhafte Ehre auch sein Nachfolger Donald Trump, dieser freilich nicht wegen seines einnehmenden Wesens, sondern vor allem deshalb, weil er wie die Romanfigur Felsenburgh die Finger schneller am Abzug hat, als man dem Gebieter über die stärkste Atommacht der Erde zugestehen möchte. Felsenburgh jedenfalls, um soviel vom Ende des Romans vorwegzunehmen, befiehlt, nachdem seine gewaltige Luftflotte die spärlichen Reste der Christenheit in Megiddo bei Jerusalem aufgespürt hat, von Bord seines Kommando-Flugschiffes aus den Abwurf der alles im weiten Umkreis vernichtenden Superbombe – „und dann verging die Welt und all ihre Herrlichkeit.“
Faszinierend am Buch Bensons ist unter anderem die Vorausschau des Autors auf viele gesellschaftliche und wissenschaftliche „Errungenschaften“, die seinerzeit kaum zu ahnen, inzwischen jedoch beklemmende Realität geworden sind. Der Propaganda-Apparat der Felsenburgh-Partei nimmt vieles von dem vorweg, was später Bolschewiki und Faschisten in die Praxis umsetzten. Vor allem darin übertrifft er die „Kurze Geschichte vom Antichrist“ (1900) des russischen Autors Wladimir Solowjow, der Benson wesentliche Themen und Handlungsmotive seine Romans zu verdanken hat. Neben der „Atombombe“ gehören zu den literarischen Erfindungen Bensons unter anderem ein Luftverkehrssystem, dessen Umfang und Intensität durchaus dem der Gegenwart entsprechen, und ein Notfall-Rettungsdienst, dessen Einsatzwagen bei Verkehrsunfällen in Minutenschnelle zur Stelle sind, um die Schwerverletzten mit ihren Geräten „anzublitzen“ und so durch einen gnädigen Tod von ihren Leiden zu erlösen – und das Gesundheitssystem von unproduktiven Ausgaben zu entlasten.
Eine der Erwartungen Bensons hat sich allerdings ganz und gar nicht bewahrheitet – und genau dieser schriftstellerische Einfall gibt Begründung und Rechtfertigung dafür, dem „Herrn der Welt“ an dieser Stelle so viel Raum zu geben. Zum Propaganda-Apparat des Felsenburgh-Regimes gehörten Massenversammlungen, die oft in ehemaligen Kathedralen stattfanden, die das Regime von den in den Untergrund gedrängten oder freiwillig kapitulierenden Kirchen übernommen hatten. Diese Massenveranstaltungen folgten – die Rot-Banner-Aufmärsche Stalins und die Reichsparteitage Hitlers lagen noch in der Zukunft – einer ausgefeilten Dramaturgie und Choreographie, und um diesen Ablauf – ehrfurchtgebietend, erhebend und motivierend zugleich – wirkungsvoll zu gestalten, griff das Regime auf Leute zurück, die sich darauf verstanden. Während Priester, die dem Glauben treu bleiben wollten, erbarmungslos verfolgt wurden, konnten die dialogbereiten, – nachdem sie ihre ihre Ergebenheit zum neuen Weltfriedensstaat durch eine Art republikanischen Eid nach Vorbild der französischen Revolution bekräftigt hatten – als Experten in den Dienst des Fortschritts treten. Mit ihren umfassenden Kenntnissen von Liturgie und Rubrizistik boten sie Gewähr für einen fehlerlosen und würdevollen Ablauf der Hochämter für die Felsenburgh-Gläubigen – gelernt ist gelernt.
Zumindest diese Versuchung würde den heutigen Liturgie-Studenten und ausgeweihten Priestern also erspart bleiben – da gibt es keinen Grund zu Befürchtungen.
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