Sterben die Trappisten aus? Zusammenbruch des kontemplativen Lebens nach „DEM Konzil®“
13. März 2026
Viel Platz für vier alte Männer
Aus Frankreich kommt die bedrückende Nachricht, daß die Zisterzienser von der strengen Observanz (OCSO), gemeinhin nach ihrem Hauptkloster in La Trappe als „Trappisten“ bekannt, ausgerechnet dieses Kloster demnächst aufgeben werden müssen. Als spätesten Termin für ihren Auszug haben die letzten vier dort noch lebenden Mönche, von denen zwei schon über 80 Jahre alt und die beiden anderen wohl nicht wesentlich jünger sind, das Jahresende 2028 ins Auge gefasst.
Daß die Website, von der wir diese Nachricht erhalten, ausgerechnet als „GaudiumPress“ firmiert, macht die Sache nicht besser: Der Orden ist stärker als viele andere von der umfassenden Säkularisierung des katholischen Lebens in den letzten Jahrzehnten betroffen, und das schmerzt. Während er in den 50er Jahren – nach einem starken Aufschwung in der Nachkriegszeit – weltweit an die 10 000 Mitglieder (Drei Viertel Mönche ein Viertel Nonnen) hatte, sind es gegenwärtig kaum mehr als 2500, jeweils zur Hälfte Mönche und Nonnen. Insbesondere in Europa, wo die Trappisten nach wie vor die übergroße Mehrheit ihrer Niederlassungen haben, ist die Nachwuchssituation finsterer als finster: Die meisten Klöster konnten seit ein oder zwei Jahrzehnten keine Postulanten oder Postulantinnen aufnehmen, die Zahl der Professen geht gegen Null, nur ganz wenige Klöster (in Frankreich etwa Septfonts und Notre-Dame d'Igny) können des öfteren Neuzugänge melden.
Nachdem daher bereits in den vergangenen Jahren zahlreiche französische Trappistenklöster aufgegeben werden mußten (Oelenberg, Port du Salut, Bellefontaine), werden die meisten der noch bestehenden etwa zwanzig in den kommenden Jahren diesem Beispiel folgen müssen. Sie haben schon heute oft nur noch weniger als zehn Mitglieder, die im Lebensalter fast ausnahmslos näher an der 80 als an der 60 sind sind.
Im deutschsprachigen Raum, in dem die Trappisten nie besonders stark waren, sind die Trappisten bereits nicht mehr als Gemeinschaft vertreten. Die beiden letzten Männerklöster Mariawald (2018) und das österreichische Engelszell (2024) sind aufgegeben; Josef Vollberg, der letzte Abt von Mariawald, dessen Reformbemühungen wir hier mit großem Interesse verfolgt haben lebt heute in einer Art Einsiedelei beim tschechischen Zisterzienserkloster Vyšší Brod (Hohenfurth).
Die Hauptursache für den allgemeinen Niedergang ist leicht zu erkennen: Der säkularistische Zeitgeist, der die Gesellschaft der Industrienationen seit Mitte des 20. Jahrhunderts zunehmend beherrscht und mit dem zweiten Vatikanum auch in der katholischen Kirche Fuß gefaßt hat, ist mit dem zisterziensischen Ideal des Lebens in Askese und Kontemplation absolut inkompatibel. Und das nicht nur wegen eines Alltags, den sich heute viele Menschen gar nicht mehr vorstellen können – viel harte Arbeit und anstrengendes Gebet, schmale Ernährung (aber immerhin voll vegan!), kein Internet, kein Handy, kein eigenes Auto, kein eigenes Geld…), sondern gerade auch wegen der kontemplativen Spiritualität, die allem entgegensteht, was heute in der Kirche als „Sinn des geistlichen Lebens“ gilt: Sich aktiv einzusetzen für die Verwirklichung mehr oder weniger „christlich“ begründeter Vorstellungen vom Leben der Gesellschaft und dabei dem Geist der Machbarkeit nahezu bedingungslos zu folgen. Aus dieser Perspektive gesehen „machen“ die Trappisten praktisch nichts Nennenswertes: Sie verbringen ihre Tage mit der Bearbeitung ihrer Äcker und leben von deren Ertrag, und den Rest des Tages beten sie für das Heil der Seelen, der eigenen und der ganzen Welt. Die säkulare Welt und der „horizontale“ Gesichtskreis sind auf das unmittelbare Umfeld geschrumpft; die vertikale Dimension beherrscht alles.
Dem untergeordnet ist auch ihr Verständnis von Seelsorge: Sie versuchen nicht (wie z.B. ihre Ordensverwandten von den regulären Zisterziensern OCist), unmittelbar auf eine Welt und deren Menschen einzuwirken, die sich gegenüber der Erlösungsbotschaft Christi zunehmend desinteressiert oder feindlich zeigt. Sie nehmen keine Stellen in der Pfarrseelsorge an und sind auch im Schriften- oder Internetapostolat extrem zurückhaltend. Sie konzentrieren sich im wesentlichen auf die Pflege und Fürsorge der Seelen jener Menschen, die von sich aus und aus welchem Antrieb auch immer in ihr unmittelbares Umfeld treten – als Besucher, als Hörer von Predigten, als Beichtkinder – und vielleicht einige auch als Postulanten und Novizen. Eine geradezu mittelalterlich anmutende Selbstbeschränkung, verschärft noch durch strenge „stabilitas loci“ und das Diktat des unter dem Zeichen von „ora et labora“ gedrittelten Tages: Je acht Stunden für zumeist körperliche Arbeit, individuelles Gebet und gemeinschaftliches Offizium, sowie Schlaf und Erholung.
Doch auch dieser aus der Zeit gefallen erscheinende Lebensentwurf kann offenbar nicht nur individuell tragfähig sein, sondern zieht auch noch im 21. Jahrhundert ausreichend katholische Männer an, um den Fortbestand, das Wachstum und sogar die Neuentstehung von Klöstern der Zisterzienser der strengen Observanz sichern – wenn er denn konsequent und ohne falsche Kompromisse durchgehalten wird. Im realen Leben zu beobachten ist das am gegenwärtigen Mittelpunkt der Gemeinschaft in der Abtei von Septfonts in Zentralfrankreich, deren für eine dreistellige Zahl von Mönchen ausgelegtes Kloster derzeit immerhin von etwa 50 Mönchen in einigermaßen ausgewogener Altersverteilung bewohnt wird. Oder ganz in unserer Nähe am erst 2002 von Septfonts ausgegründeten Kloster von Nový Dvůr nahe der deutschen Grenze im ehemaligen Sudetenland. Dort leben derzeit knapp 30 Mönche in ausgewogener Altersverteilung. Beide Klöster führen das „von der strengen Observanz“ nicht nur im Ordensnamen, sondern realisieren es auch in der denkbar radikalsten Form, die unter der gegenwärtigen Gesetzgebung von Staat und Kirche zulässig ist.
Es entspricht ihrer teils von der staatlichen Rechtsordnung vorgeschriebenen, teils aus religösem Gehorsam gewählten Bindung an geltendes Recht (Sozialversicherung muß sein!), daß die Trappisten (mit einer Ausnahme im tscheschichen Vyšší Brod) die unter Paul VI. reformierten liturgischen Bücher verwenden und die ebenfalls in der Nachkonzilszeit (1969) erheblich revidierte Ordensregel befolgen – beides allerdings in einer so getreu wie möglich an der Tradition orientierten Interpretation.
Dabei ergibt sich in unserer Perspektive die auf den ersten Blick paradoxe Beobachtung, daß die Reformliturgie Bugninis in der Lebenswelt eines kontemplativen Klosters offenbar sehr gut „funktionieren“ kann und anscheinend nicht die verheerenden Konsequenzen nach sich zieht, die im Glaubens- und Gebetsleben durchschnittlicher katholischer Gemeinden und Gemeinschaften zu erkennen sind. Wer acht Stunden am Tag die Psalmen des alten Testaments und die Antiphonen der Kirche betet, die Lesungen aus der Hl. Schrift und von den Kirchenvätern hört und dessen ganzes Leben als „Gottesdienst“ geordnet und verstanden ist – der wird auch durch die extrem horizontale und glaubensflache Ausrichtung des Novus Ordo nicht erkennbar geschädigt. Wer so während vieler Stunden des Tages den Wahrheiten des Glaubens lauscht und über sie nachsinnt – dem kann auch die Lückenhaftigkeit der neuen Leseordnung des Reformmissales nicht verbergen, was die allzu fürsorglichen Reformer dem frohen Sinn ihrer Schäflein nicht zumuten wollen.
Das gilt nicht nur bei den Inhalten, sondern auch bei den Formen. Die Kirchen der Zisterzienser waren schon immer schlicht und weitgehend schmucklos – und die Kirche von Nový Dvůr (Entwurf John Pawson) treibt das in ein ästhetisch hochstehendes Extrem: Nur Weißes und Licht. Mönche, deren Gedankenwelt von den Bildern der Bibel und den Lebensgeschichten der Heiligen erfüllt ist, sind auf die „Übersetzungshilfen“ von Malerei und Plastik weitaus weniger angewiesen als wir Normalverbraucher; in einigem Umfang mag das auch für die Formen der Liturgie gelten: Wer sich ohnehin den ganzen Tag darum bemüht, „Oben“ und „Unten“ ins rechte Lot zu bringen, bedarf vielleicht weniger der rituellen Formen und der Gesten, die der Ritus der Kirche im Lauf der Jahrhunderte zur Vermittlung ihrer Botschaft an uns Bewohner des Alltags ausgebildet hat. Auch der Gemeinschaftsappell der Reformliturgie mag in diesem Umfeld einen positiven Kern enthüllen: Hier sitzen nicht zufällig zusammengewürfelte Gottesdienstbesucher nebeneinander, wie das in städtischen Pfarreien oft genug der Fall ist; hier treffen sich auch nicht durch ein zumeist säkular definiertes Interesse verbundene Vereinsmitglieder. Hier betet und feiert eine Gemeinschaft, deren ganzes Wesen davon geprägt ist, gemeinsam auf dem Weg der Heiligung voranzukommen.
Wo das glaubhaft vorgelebt werden kann, spielt auch die Frage des Ritus keine größere Rolle als die anderer Unterschiede in der Spiritualität auch. Und die Aufgabe zur Gewinnung von Nachwuchs zur Weitergabe des Glaubenslichts, an der so viele Ordensgemeinschaften derzeit scheitern, erweist sich in einem solchen Umfeld ebenfalls als lösbar – wenn auch vielleicht nicht in den zahlenmäßigen Größenordnungen, die wir aus Zeiten mit weniger heftigem säkularistischen Gegenwind kennen. Aber wir sehen es in Septfonds und seinen zahlreichen Ausgründungen, und wir sehen es in Barroux oder in Fontgombault mit ebenfalls mehreren Ausgründungen: Wo monastische Gemeinschaften an der Grundordnung der Regel des hl. Benedikt festhalten, müssen sie nicht befürchten, vom Zeitgeist weggeweht zu werden.
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