Was ist eigentlich aus dem Psalmengebet geworden?
18. März 2026
König David als Psalmist
Die Psalmen gehören zum Kernbestand der gottesdienstlichen Tradition der Kirche, die weit in die vorchristliche Zeit zurückreicht. Kernbestand – das heißt, nach wie vor wird im offiziellen Stundengebet der Kleriker das alttestamentarische Buch der Psalmen innerhalb eines Vier-Wochen-Zyklus einmal ganz gebetet oder gesungen – zumindest dem Anspruch nach. Tradition heißt hier, daß die Kirche seit ihren ersten Anfängen her ganz bewußt auf die Überlieferungen des Alten Bundes zurückgriff, obwohl sie stets den epochalen Umbruch vor Augen hatte, der sich mit der Ankunft des Messias und seinem Opfertod am Kreuz in der Heilsgeschichte vollzogen hatte. Aus eben diesem Umbruch und der Spannung zwischen dem Vor- und dem Nachher bezog sie ihre Kraft und das Bewußtsein ihrer Sendung.
Die Liturgiereform Pauls VI. hat zunächst einmal den quantitativen Anspruch, den das Psalmengebet an die zu seiner Persolvierung verpflichteten Kleriker richtete, drastisch reduziert. War bis dahin – zumindest in der Theorie – der ganze Psalter innerhalb einer Woche gebetet worden, wurde er nun auf vier Wochen gestreckt. Damit verbunden war eine inhaltliche „Bereinigung“: Die sogenannten „Fluchpsalmen“ Ps 58, Ps 83 und Ps 109 (alle Zitate nach der gleichzeitig mit der Liturgiereform von der Kirche übernommenen hebräisch/protestantischen Zählung) wurden ganz aus der Reihe der ursprünglich 150 Psalmen gestrichen, aus mindestens 19 weitere fielen mehr oder weniger umfangreiche einzelne Abschnitte der Zensur zum Opfer: Das Welt- und Gottesbild dieser Texte waren dem sensiblen Gemüt der Neokatholiken unerträglich und dem schwachen Intellekt ihres Klerikernachwuchses offenbar auch in einem mehrjährigen Studium der Theologie nicht zu erklären. Die Tiefe des Umbruchs zwischen vor und nach Golgatha, zwischen dem völkisch verstandenen alten Israel und dem allen Menschen zugänglichen neuen Volk Gottes wurde als Skandal empfunden und mehr oder weniger erfolgreich geleugnet. Die Folgen haben sich erst in den seitdem vergangenen Jahrzehnten langsam entfaltet.
Zu diesen Folgen gehörte unter anderem, daß das um die Psalmen zentrierten Stundengebet im Leben vieler Kleriker anscheinend eine immer geringere Rolle spielt. Umfragen oder Studien zum Gegenstand scheint es nicht zu geben, aber aus Einzelbeobachtungen oder Stellungnahmen einzelner Personen läßt sich entnehmen, daß Kleriker, die nicht z.B. als Ordensleute durch das Leben in einer Gemeinschaft gestützt werden, wenn überhaupt oft nur einzelne Tageszeiten in ihren von vielerlei – oft dem geistlichen Beruf fremden Tätigkeiten belasteten - Tagesablauf integrieren können. Ob und in welchem Umfang das Stundengebet heute im Leben des Klerus noch eine Rolle spielt – das gehört zu den bestgehüteten Geheimnissen der deutschen Kirche auf dem Synodalen Weg zur NGO.
Noch viel stärker scheint das Psalmengebet bei den Weltleuten zurückgegangen zu sein – aber auch hier gibt es keine Untersuchungen und erst recht keiner Zahlen. Zwar war es sicher auch in früheren und frömmeren Zeiten nicht so, daß Bauern und Handwerker ihren Tagesablauf mit Psalmengesang begleiteten – dagegen spricht schon die Beliebtheit des vom Kirchturm her angeleiteten Angelus-Gebets zur Gliederung des Tagwerks oder des Rosenkranzes mit seinen in der Vollform 150 Ave.Maria als „Psalter des armen Mannes“. Zumal dieser „arme Mann“ samt Frau und Kindern oft auch kaum des Lesens kundig war und die Psalmen nur aus dem angeleiteten Gebet des Gottesdienstes kannte. Doch genau dort scheint das Psalmengebet eine beträchtliche Rolle gespielt zu haben, das läßt die verbreitete Übernahme von Sprachbildern wie „etwas auf Herz und Nieren prüfen“, „siebenfach geläutert“ oder „das ist mir zu hoch“ in die Alltagssprache vermuten. Dabei dürfte allerdings auch die protestantische Gebets- und Gesangspraxis eine große Rolle gespielt haben.
Wie auch immer das zustande gekommen ist: Viele Elemente des Welt- und Gottesbildes unserer frommen Vorfahren, die uns heute freilich oft als unzulässig schlicht erscheinen, lassen sich direkt auf die Psalmen zurückführen. So etwa die Vorstellung von dem hoch über den Wolken thronenden Gottvater, der von dort aus die Menschen „auf Herz und Nieren“ prüft und beobachtet (etwa Ps. 11, 4), das Vertrauen auf den Herrn, der mein Hirte ist und mir an nichts mangeln lassen wird (Ps. 28, 9; 32, 1), und dann schließlich auch die schlichte Jenseitsvorstellung vom Verstorbenen, der mit der Harfe auf seiner Wolke sitzt und Halleluja singt – bis zur Karikatur getrieben beim „Engel Alois“ von Ludwig Thoma.
Diese Vorstellung geht zweifellos auf eine in den Psalmen öfter vorkommende Dankesformel wie: „Dann werd ich Dich mit Harfenspiel lobpreisen“ (etwa Ps. 71, 22) zurück und beruht auf einem aufschlußreichen Mißverständnis: Die Jenseitsvorstellung des Alten Testaments und damit auch der Psalmen waren sehr wenig ausgeprägt, und nur an wenigen Stellen finden sich Gedanken, die die Visio beatifica der christlichen Theologie vorausahnen (Ps. 16, 11; Ps. 73, 25).Doch auch da bleibt meist unklar, ob vom Weiterleben einer persönlichen Seele nach dem Tod die Rede ist – oder von der überpersonalen Fortexistenz des eigenen Geschlechts in der Folge der Generationen.
Damit ist nur angedeutet, welcher Art die Probleme sind, die das Verständnis der Psalmen und dementsprechend auch ihre weitere Aufnahme im persönlichen Gebetsleben heute belasten. Diese Probleme sind bei weitem nicht neu – schon die Kirchenväter haben viel Gedankenarbeit darauf verwendet, die Aussagen der Psalmentexte aus der doch sehr fremdartigen und im wahrsten Sinne des Wortes „primitiven“ Welt des alten Testaments in eine für den christlichen Beter zugängliche und förderliche Form zu übersetzen – nicht ohne dabei manchmal sehr gewaltsam mit dem Text umzugehen. Die Exegetik hat früh zu dem im Antiken Denken angelegten Mittel gegriffen, einzelne Sätze oder Verse nicht im Zusammenhang ihres Ursprungs zu verstehen, sondern daraus gelöst als Aussagen mit allgemeinem und spirituell erhebendem Inhalt zu lesen: Aus dem „mit meinem Gott überspringe ich Mauern“ (Ps. 18, 30) wird dann ein Ausdruck frommen Gottvertrauens – wobei bereits der unmittelbare Zusammenhang: „Ja, mit Dir überenne ich Scharen, mit meinem Gott überspringe ich Mauern“ deutlich macht, daß hier nicht ein frommer Beter sein allgemeines Gottvertrauen zum Ausdruck bringt, sondern ein Krieger seine Erwartung, in geplanten Feldzügen die Feinde besiegen und ihre Städte erobern zu können.
Dennoch ist dieses Verfahren der Transponierung nicht im Grunde unzulässig, aber dieses Beispiel, dem sich noch zahlreiche andere zur Seite stellen ließen, läßt doch erkennen, daß die Psalmen ihren Ursprung in einer ganz anderen Lebenswelt haben und man bei ihrer Deutung Vorsicht walten lassen sollte.
Genau daran läßt es der Umgang mit den Psalmen in der modernen Kirche jedoch allzu oft fehlen. Die beiden bisherigen Versionen der Einheitsübersetzung (1980 und 2016) bieten philologisch zu rechtfertigende Übersetzungen zumeist ohne jede inhaltliche Verständnishilfe und lassen den Leser (und erst recht den Beter) mit den daraus resultierenden kognitivem Dissonanzen allein. Wie ist das denn mit dem Gottvertrauen bei der Planung von Eroberungskrieges und wie überhaupt kann Gott der Herr (nämlich der durchaus auch irdisch vorgestellten Heerscharen) sein Volk dazu auffordern? Und wie berechtigt ist dann, nachdem man eine Niederlage eingesteckt hat, die Klage: „Gott, hast denn du uns verworfen? / Du ziehst ja nicht aus, o Gott, mit unsern Heeren.“ (Ps. 60, 12).
Das hier nur an einem - und vielleicht noch nicht einmal dem typischsten denkbaren – Beispiel angedeutete Dilemma hat dann schließlich die Liturgiereformer dazu bewogen, die Fluchpsalmen durch Tilgung aus der Welt schaffen zu wollen – ein jämmerlicher Fall intellektuellen und pastoralen Versagens. Kann man so mit dem umgehen, was wir doch als „Wort Gottes“ verstehen sollen? Können wir das, was wir an einer immerhin an die 3000 Jahre alten Überlieferung nicht auf den ersten Blick verstehen, einfach unter den Tisch fallen lassen – ohne die ganze Überlieferung zu beschädigen?
Die vorkonziliare Kirche hat das Problem gesehen und Ausgaben der Psalmen (und anderer zentraler Bücher des Alten Testaments) erarbeitet, die mit umfangreichen Anmerkungen und Erklärungen die Probleme angehen. Vielleicht nicht immer erfolgreich, aber immerhin. Die nachkonziliare Schwundkirche sieht sich dazu nicht mehr in der Lage oder tut so, als sei das Problem nicht vorhanden. Sie konfrontiert Leser und Beter – in der Liturgie mit dem angeblich so viel ausführlicheren Lektionar, im Apostolat mit praktisch unkommentierten Bibelausgaben – mit Textzeugnissen aus einer Welt, die ihm in weiten Teilen unverständlich ist und in der er keine spontane Orientierung hat. Und dann wundert sie sich, wenn diese Welt, und alles was aus ihr überkommen ist, nicht mehr verstanden und letztlich nicht mehr wahrgenommen wird. Aber vielleicht ist ja genau das die Absicht.
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Wer den hier konstatierten Verlust des Psalmengebetes als bedrückenden Mangel empfindet, findet zumindest partielle Hilfe bei einer unmittelbar vor der großen Kulturrevolution erschienenen Veröffentlichung: Das Psalmengebet – übersetzt und erklärt von P. Dr. Peter Morant OFMCap, Herder 1963. Dabei handelt es sich um einer Art Laienbrevier, das in seinem Aufbau und Inhalt in den Grundzügen dem Breviarium Romanum entspricht, alle Texte zweisprachig (latein-deutsch) wiedergibt und sämtlichen Hymnen und Psalmen; auch den „Fluchpsalmen“, ausführliche Erläuterungen zur Seite stellt. Wir halten diese Erklärungen nicht in jedem Fall für optimal und würden uns ein stärkeres Eingehen auf die Unterschiedlichkeit der Welt, in der sie entstanden, und der Welt, in der wir heute leben, wünschen. Aber besser als das Tumbe Schweigen der Einheitsübersetzung sind sie allemal – viel besser.
Zum Abschluß kann ich mir den Hinweis nicht verkneifen, daß meine Rechtschreibkorrektur den Begriff „Psalmengebet“ gerne in „Salpetermenge“ verbessern möchte – so geht Säkularisierung.
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